Um die Welt? Nicht um jeden Preis
Um die Welt? Nicht um jeden Preis

Um die Welt? Nicht um jeden Preis

Ein Artikel von: Redaktion

Trockenheit, Waldschäden und Waldbrände, dann wieder Platzregen mit Hagel und Sturmböen – auch die Coronakrise kann nicht verdecken, dass sich unser Klima immer schneller verändert. Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, müsste die Einsparung an CO2-Emissionen jedes Jahr so groß sein wie durch den Shutdown, sagt der Diplom-Meteorologe Sven Plöger. Dazu müssen wir die Gier, die im jetzigen System steckt, in den Umbau der Wirtschaft lenken. In seinem aktuellen Buch „Zieht euch warm an, es wird heiß!“ nennt Plöger zahlreiche Maßnahmen, die von Seiten der Politik ergriffen werden sollten – unter anderem im Bereich Mobilität. Ein Auszug.

Fragt man sich, was wir von der Politik fordern müssten, um eine klimaverträgliche, bezahlbare und zuverlässige Mobilität für alle zu entwickeln, weiß man fast nicht, wo man anfangen soll – es hängt so vieles schief: Subventionen für Diesel und Kerosin, die Pendlerpauschale, ein nicht spürbarer CO2-Preis oder das völlige Fehlen einer übergeordneten Strategie jenseits der »innovativen Idee«, Straßen und Flughäfen immer weiter auszubauen.

Im Einzelnen: Wir brauchen eine progressiv anziehende Bepreisung klimaschädlicher Mobilität. Die zusätzlichen Einnahmen müssen zu einem Teil direkt an klimafreundliche Nutzer zurückgegeben werden, etwa in Form eines persönlichen Klimabonus nach Schweizer Modell. Für eine Radverkehrsoffensive müssen wir die Hemmnisse aus der Straßenverkehrsordnung tilgen, um einen gleichberechtigten Verkehrsmix aller Fortbewegungsmittel zu erzielen. Rund 69 Prozent der Teilnehmer einer Befragung in den Jahren 2018 und 2019 befürworteten mehr gesonderte Fahrstreifen für Busse und Bahnen, und die Hälfte ist dafür, Fahrradwege zulasten von Parkplätzen auszubauen.

Gehen wir auf die Autobahn: Verlangen Sie, wie übrigens die Mehrheit der Deutschen, ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde – sogar, wenn Sie es selbst etwas einschränken sollte. Sehen Sie es wie der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte, der sogar Tempo 100 durchsetzte und es in seiner typisch kernigen Art auf den Punkt brachte: »Es ist zwar eine beschissene Maßnahme, aber sie ist unumgänglich.« Man kann das Richtige tun, auch wenn es einem emotional nicht behagt.

Ob Benzin oder Strom – die Physik lässt sich nicht betrügen. Also brauchen wir auch für E-Autos Gewichtsbeschränkungen, damit kostbarer grüner Strom nicht sinnlos in Protzmobilen verheizt wird. Die Förderung für die ohnehin kaum klimawirksamen E-Mobile muss nach Verbrauch gestaffelt werden: Schwere SUVs mit riesigen Batterien genauso zu fördern wie effiziente Kleinwagen, ist einfach Unsinn. Ebenso wie die Prämie für Plug-in-Hybride, welche die Autoindustrie durchsetzen konnte: Mobilitätsexperte Axel Friedrich nennt sie »zwei Fehler in einem Auto«, da sie mit ihrem doppelt angelegten Antriebssystem plus Batterie schwerer werden, was den Spritverbrauch nach oben treibt. Mehr große E-Mobile sollten wir an anderer Stelle verlangen, nämlich bei den Stadtbussen. Hier ergibt die Kombination aus Reichweite und Platzzahl optimal Sinn. Und damit E-Mobilität überhaupt gelingen kann, brauchen wir den steilen Ausbau der erneuerbaren Energien. Für welche Technologie Sie sich bei Ihrem Fahrzeug auch entscheiden mögen: Verlangen Sie ehrliche Verbrauchsangaben. Das Auslesen des Bord-Computers kann dafür nicht reichen, Wert haben nur Messungen unter realistischen Bedingungen.

An Ihrer Arbeitsstelle könnten Sie die Möglichkeit ansprechen, häufiger aus dem Homeoffice zu arbeiten, wenn das möglich ist – Corona hat gezeigt, dass es geht! Nur ein Tag in der Woche reduziert die Pendler-Emissionen um 20 Prozent.

Ware muss wieder zurück auf die Schiene. Dafür brauchen wir progressiv gestaffelte Lkw-Mautsätze: Bei Fahrten über mehr als 300 Kilometer würden sie verdoppelt, ab 600 Kilometer verdreifacht werden. Warum sollte der Platz auf der Straße, für die alle zahlen, billiger sein als in einer privaten Lagerhalle?

Gehen wir in die Luft: Fordern Sie eine entschlossenere Haltung der Politik gegen überflüssigen Flugverkehr. Damit sind Sie nicht allein: Eine Umfrage der Europäischen Investitionsbank vom Herbst 2019 ergab, dass sich 67 Prozent der Deutschen für ein Verbot von Kurzstreckenflügen aussprechen. Das sind 5 Prozentpunkte über dem EU-Schnitt. Eine CO2-Steuer auf Flüge befürworteten sogar 71 Prozent. Spitze ist China mit 93 Prozent, und selbst in den USA sind es immerhin 60. Im Klartext: Überall finden sich Mehrheiten gegen die Bevorzugung der überproportional schädlichen und leicht zu vermeidenden Kurzstreckenfliegerei. Da Dienstreisen einen Großteil inländischer Flüge ausmachen, können Sie in Ihrem Unternehmen einen Vorrang von Zugverbindungen vor Flügen anregen. Allerdings bräuchten wir eine Änderung des Reisekostenrechts, das derzeit die günstigste Verbindung verlangt. Das ist nämlich dank wettbewerbsverzerrender Subventionen häufig der Flug. Insofern wäre es Zeit, dass sich die Bundesregierung gemeinsam mit unseren Nachbarländern für eine Kerosinbesteuerung einsetzt. Und die Bahn könnte sich attraktiver aufstellen, hätte sie wieder Nachtzüge im Fahrplan. Fragen Sie am Schalter nach, wann sie wiederkommen. Derzeit stammen alle Angebote von der Österreichischen Bundesbahn ÖBB, die in diesem Segment 2019 die Fahrgastzahlen immerhin um 10 Prozent steigern und sogar ein leichtes Plus erwirtschaften konnte. Ihre Nachtzüge sind eine erholsame Alternative zu innereuropäischen Flugverbindungen.

Unsere Mobilität fußt auf einer klimazerstörenden Selbstverständlichkeit im Umgang mit Ressourcen. Es gibt Möglichkeiten, sie durch alternative Antriebsarten, erneuerbare Energien, synthetische Kraftstoffe oder Filteranlagen schonender zu gestalten. Deshalb sind »ehrliche Preise« ein wichtiger Teil der Lösung. Wir müssen bereit sein, die Kosten dafür zu tragen und brauchen politische Regeln, um die Kosten klimaschädigenden Verhaltens spürbar zu erhöhen. Wenn wir ganz ehrlich sind, müssten wir dabei festschreiben, dass der Preis nicht wieder zu beschaffender Güter wie einer intakten Atmosphäre nur unendlich sein kann.

Titelbild: Sepp photography/shutterstock.com

Buchtipp: Sven Plöger: „Zieht euch warm an, es wird heiß! Den Klimawandel verstehen und aus der Krise für die Welt von morgen lernen“, 320 Seiten, Westend Verlag, 8.6.2020

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