Was war am Samstag los in Berlin? Wenn man sich auf Berichte und Kommentare unserer Hauptmedien und der Politiker verlässt, bekommt man ein falsches Bild
Was war am Samstag los in Berlin? Wenn man sich auf Berichte und Kommentare unserer Hauptmedien und der Politiker verlässt, bekommt man ein falsches Bild

Was war am Samstag los in Berlin? Wenn man sich auf Berichte und Kommentare unserer Hauptmedien und der Politiker verlässt, bekommt man ein falsches Bild

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Die Medien und die Zeitungen sind voll von Berichten über den „Sturm“ von Rechtsradikalen auf die Treppe des Reichstags. Bis hinauf zum Bundespräsidenten äußern sich die verantwortlichen Politiker dazu empört. Das bestimmt das Bild und dieses Bild bildet die Vorgänge um die Demonstration der Querdenker weder fair noch korrekt ab. Deshalb müssen die NachDenkSeiten ein paar Gegengewichte setzen. Wir verlinken deshalb symbolhaft und beispielhaft auf eine der Reden bei der Hauptkundgebung, auf die Rede des Ex-Fußballnationalspielers Thomas Berthold und auf ein Video von RT Deutsch mit Stimmen zum Geschehen. Wenn Sie diese beiden Videos anschauen, haben Sie einen korrekteren Eindruck als beim Konsum deutscher Medien. Was diese so geschrieben haben, berichten wir im Teil A. In Teil B sind die Äußerungen maßgeblicher Politikerinnen und Politiker zusammengestellt, in Teil C verlinken wir auf ein Interview mit Sucharit Bhakdi und Karina Reiß in der Fuldaer Zeitung. Albrecht Müller.

Dass ich mal nach Fulda pilgern muss, um etwas Pluralität in der deutschen Medienlandschaft einzufangen, hätte ich mir in schlimmsten Träumen nicht vorstellen können. Das ist ebenso erstaunlich wie die Tatsache, dass wir inzwischen auf russische Medien wie RT Deutsch angewiesen sind, um einigermaßen korrekte Berichte zum Zeitgeschehen zu erhalten. Auch hätte ich nicht geglaubt, dass ich das Wort Gleichschaltung unserer Medien vom Spiegel bis zum Neuen Deutschland einmal ohne Gänsefüßchen gebrauchen muss.

Im verlinkten Video von RT Deutsch kommt ab Minute 4:30 eine junge Frau zu Wort. Sie beklagt, es gebe in Deutschland keine Opposition mehr und die 4. Gewalt, also kritische Medien, gebe es auch nicht mehr. Das sind leider ziemlich richtige Feststellungen. Die Opposition in der Politik wie auch in den Medien fällt immer mehr aus – auf nahezu allen Feldern der Politik: im Umgang mit der Corona-Politik, in der Kriegs- und Friedenspolitik, in der Beantwortung der Frage, ob hierzulande alles in Ordnung ist oder eher gen Himmel schreit.

Noch eine Vorbemerkung: In Reden auf der Hauptveranstaltung in Berlin tauchte auch die Forderung nach einer neuen Verfassung auf, einer Verfassung, die vom Volke ausgehen solle. Das ist ja schön und gut, aber sich darauf zu kaprizieren, ist schon ziemlich fragwürdig. Denn damit wird – vermutlich ohne bösen Willen – davon abgelenkt, sich konkreten großen Problemen zuzuwenden – zum Beispiel der galoppierenden wachsenden Ungleichheit, zum Beispiel der Militarisierung der Politik, zum Beispiel der gefährlichen Abhängigkeit von den USA, zum Beispiel der sozialen und finanziellen Unsicherheit sehr vieler Menschen.

  1. Beispiele für Berichterstattung und Kommentierung deutscher Medien:

    Ein Leser der NachDenkSeiten hat freundlicherweise eine Reihe von Links zu einschlägigen Medienberichten und Kommentaren zusammengestellt. Das Ergebnis seiner am vergangenen Samstag begonnenen und gestern fortgesetzten Arbeit geben wir hier wieder, einschließlich seiner Einführung in die Dokumentation:

    wie weit sich die Mainstreampresse von der Realität entfernt hat, kann man auch als Nichtteilnehmer der Demo dank Liveübertragung seitens RT Deutsch erkennen.

    Anstatt mit den Inhalten der Veranstalter/Teilnehmer sachlich auseinanderzusetzen, berichtet man hauptsächlich über Reichsbürger & Co., die sich vor der russischen Botschaft platziert hatten und verbindet all das mit den friedfertigen Teilnehmern der Demo, die wegen den Corona-Maßnahmen der Regierung gekommen sind – das allein durch die verwendeten Überschriften.

    Wie kann man hauptsächlich über so etwas berichten und damit die Veranstaltung diskreditieren, die an der Siegessäule und auf der Straße des 17. Juni stattfand? Neutrale Berichte sucht man in den Leitmedien vergebens bzw. es ist schwer, etwas zu finden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Frank N.

    Nun ein paar Beispiele aus der Presselandschaft:

    1. Beispiel:

    Corona-Protest in Berlin: Sie fordern Freiheit – und bejubeln Putin

    “Putin, Putin, Putin”, skandiert die Masse vor der Russischen Botschaft in der Straße Unter den Linden in Berlin.
    So viel Liebe für den Autokraten gibt es selbst in Russland selten in der Öffentlichkeit. “Freiheit statt Willkür”
    steht auf einem Plakat, das eine Frau in die Höhe hält. Manche Fans des russischen Präsidenten tragen die Flagge
    des Deutschen Reiches, andere die der USA oder die von Russland und fordern einen Friedensvertrag, den es
    angeblich nicht gibt.

    Quelle: t-online.de
    (dazu passend im Livevideo ab 8:01:30)

    2. Beispiel:

    Großdemo gegen Corona-Schutz: Ach so, ja, Nazis sind auch da

    Mehrere Zehntausend Menschen demonstrieren in Berlin gegen Corona-Schutz, Maskenpflicht und die Regierung.
    Die Allianz aus Unbedarftheit, Esoterik und organisiertem Rechtsextremismus festigt sich.

    Quelle: spiegel.de

    3. Beispiel:

    Rechtsradikale Proteste: Demonstranten stürmen durch Absperrung auf Reichstags-Treppe

    Knapp 40.000 Menschen haben am Samstag in Berlin gegen die Corona-Politik der Bundesregierung demonstriert – in den allermeisten Fällen friedlich. Vor dem Reichstag kam es am Abend zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, als Dutzende Menschen die Treppe des Gebäudes stürmten. Zuvor hatte es vor dem Gebäude eine Kundgebung gegeben.

    Quelle: spiegel.de

    4. Beispiel:

    Proteste gegen Corona-Politik: Zehntausende Menschen bei Kundgebung an Siegessäule

    Auch nachdem die Polizei eine Demonstration in Mitte aufgelöst hatte, waren zahlreiche Corona-Gegner in Berlin unterwegs. Der rechtsradikale Koch Attila Hildmann wurde festgenommen.

    Quelle: spiegel.de

    5. Beispiel:

    Demonstrationen gegen Corona-Politik: Kein Mindestabstand zu Neonazis

    Zehntausende demonstrieren in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen. Dabei laufen sie zum Teil Seite an Seite mit Rechtsextremen. Doch davon wollen sie nichts wissen.

    Quelle: zeit.de

    6. Beispiel:

    Corona-Demonstration in Berlin: Horst Seehofer bestürzt über Reichsflaggen am Bundestag

    Bei der Demo gegen die Corona-Maßnahmen versuchten Dutzende Protestierende, ins Reichstagsgebäude einzudringen. Der Innenminister forderte ein hartes Durchgreifen.

    Quelle: zeit.de

    7. Beispiel:

    Vorfall bei Berliner Demo: Corona-Gegner stürmen durch Absperrung auf Treppe des Reichstags

    Vornehmlich Rechtsextreme und Reichsbürger haben am Samstag versucht, das Berliner Reichstagsgebäude zu stürmen und sind dabei bis vor den Eingang und auf die Treppen gelangt. Außenminister Maas, Innenminister Seehofer und
    SPD-Kanzlerkandidat Scholz reagieren bestürzt.

    Quelle: faz.net

    8. Beispiel:

    Anti-Corona-Demo in Berlin: Der Hass auf die Maske

    Bei den Anti-Corona-Demonstrationen in Berlin tun sich die unterschiedlichsten Gruppen zusammen. Reichsflaggen wehen direkt neben der Regenbogenfahne. Geeint sind die Demonstranten in ihrem Widerstand gegen die Maskenpflicht.

    Quelle: faz.net

    9. Beispiel:

    Protest gegen Corona-Politik: Entsetzen über Eskalation am Reichstag

    Rund 38.000 Menschen demonstrierten in Berlin gegen die Corona-Politik – und sie duldeten auch Rechtsextreme in ihren Reihen. Mehrere von ihnen versuchten, den Reichstag zu stürmen. “Beschämend” und “ekelhaft” nannten Politiker den Angriff.

    Quelle: tagesschau.de

    10. Beispiel:

    Festnahmen in Berlin: Proteste gegen Corona-Politik eskalieren

    Mehr als 30.000 Menschen haben in Berlin gegen die Corona-Politik der Bundesregierung demonstriert. Teilweise gab es Ausschreitungen: Die Polizei nahm insgesamt 300 Menschen fest – darunter auch einen bekannten Verschwörungstheoretiker.

    Quelle: tagesschau.de

    Fortsetzung:
    Sehr geehrtes Team der NachDenkSeiten,

    heute, am 30. August, wird weiter über die Corona-Maßnahmendemo einseitig in den Leitmedien berichtet, um diese vollkommen zu diskreditieren:

    11. Beispiel:

    Corona-Proteste in Berlin: Wieder Fake News zu Demonstrationen

    “SENSATION: Verfassungsgericht in Karlsruhe erklärt Auflösung der Querdenker-Demo für rechtswidrig” – diese Meldung hat sich am Samstagnachmittag rasend schnell in Messenger-Diensten und im Netz verbreitet.
    Urheber war das rechtsradikale “Compact-Magazin”, dessen Facebook-Präsenz gerade erst gesperrt worden war – wegen Verstößen gegen die Regeln des Netzwerks.

    Quelle: tagesschau.de

    Bemerkung: Was hat die Corona-Maßnahmendemo des Veranstalter mit Compact zu tun?

    12. Beispiel:

    Stargast der Corona-Demo: Wie kam Impf-Gegner Robert F. Kennedy nach Deutschland?

    In Deutschland ist die Einreise aus den USA wegen Corona nur in Ausnahmen erlaubt.
    Verschwörungs-Ideologe Robert F. Kennedy kam trotzdem direkt aus den USA zur Demo – und fand zahlreiche Unterstützer.

    Quelle: t-online.de
    Übrigens, hier der Link zur Rede von Kennedy: Robert F. Kennedys komplette Rede in Berlin

    13. Beispiel:

    watson-Reporter berichtet von Corona-Demo: “Und plötzlich erwischte mich eine Ohrfeige”

    Unser Reporter Tim Kröplin berichtete live von der Corona-Demonstration am Samstag in Berlin, als ihn plötzlich und ohne Vorwarnung jemand körperlich angriff. Hier schildert er, was passierte.

    Quelle t-online.de / watson.de

    14. Beispiel:

    SWR3-Radio am 30.8.2020 um ca. 12:15

    In einem Interview wurde pauschal erwähnt, dass “Querdenken 711” sich mit Rechtsextremen und Pegida zusammengeschlossen haben. Die Aufnahme (OGG-Format) habe ich der Email beigefügt.
    Ich finde es beunruhigend, da SWR3 an jüngeres Publikum gerichtet ist und derartig undifferenziert berichtet wird.

    15. Beispiel:

    Mit Gewalt gegen die Maskenpflicht

    Mit Rechtsextremen haben viele Kritiker der Corona-Maßnahmen kein Problem. Worin das mündet, zeigt die Demonstration in Berlin: Der Protest artete in Gewalt aus.

    Was in Gewalt mündete, begann mit sonderbaren Szenen: Für die große Versammlung auf der Friedrichstraße ordnete die Polizei Maskenpflicht an. Die Demonstrantinnen und Demonstranten stimmten per Handzeichen ab, ob sie der Anordnung Folge leisten wollten – fast alle stimmten dafür. Doch praktisch niemand zog anschließend den Mund-Nasen-Schutz auf. Auch den Mindestabstand ignorierten die Teilnehmer hartnäckig. In der Folge beendete die Polizei die Kundgebung.

    blog.zeit.de

    Kommentar JK: Klare Verdrehung der Realität. Die Polizei hat die Demonstranten in der Friedrichstraße quasi eingekesselt und am loslaufen gehindert. Dass dann bei der Masse an Menschen die “Mindestabstände” nicht mehr einzuhalten waren, liegt in der Natur der Sache. Die durch die Polizei provozierte Situation wird dann als Grund zur Auflösung herangezogen.

  2. Ein paar typische Reaktionen von Politikerinnen und Politikern und das eigenartige Ereignis der Reichstagserstürmung.

    Steinmeier zu Krawallen vor dem Reichstag
    “Unerträglicher Angriff auf das Herz unserer Demokratie”
    Bundespräsident Steinmeier hat die Ausschreitungen vor dem Reichstag verurteilt. Auch Bundestagspräsident Schäuble appellierte an die Teilnehmer von Corona-Demos, sich nicht von Extremisten einspannen zu lassen.
    spiegel.de/politik/deutschland/corona-demo-berlin-frank-walter-steinmeier-ueber-zu-krawalle-vor-dem-reichstag-a-81822d41-b31c-4291-b49b-5a6fa715b9c6

    Bundestagspräsident Schäuble
    Ich finde es verabscheuungswürdig”
    tagesschau.de/inland/coronademo-berlin-schaeuble-101.html

    Corona-Demo:
    Olaf Scholz verurteilt Angriff auf den Reichstag
    zeit.de/video/2020-08/6186016594001/corona-demo-olaf-scholz-verurteilt-angriff-auf-den-reichstag

    SPD-Chefin Esken warnt vor „Querfront“
    SPD-Chefin Saskia Esken hat der Polizei für ihren Einsatz gedankt und vor den Gefahren der demonstrierenden „Querfront“ gewarnt. „Unser Dank gilt den Polizistinnen und Polizisten, die für unsere Demokratie den Kopf hinhalten und so das Schlimmste verhindern“, sagte Esken der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.
    welt.de/politik/deutschland/live214599560/Corona-Demo-Berlin-Versammlung-verlagert-sich-zum-Brandenburger-Tor.html

    Saskia Esken per Twitter

    Zehntausende Rechtsradikale, Reichsbürger, QAnon-Anhänger, Holocaust-Leugner, antisemitische Verschwörungsideologen und Esoteriker, die Vertreter von Medien, Wissenschaft & Politik „schuldig“ sprechen und offen zum Sturm auf den Reichstag und zum Umsturz aufrufen. Das ist #B2908.

    Quelle: twitter.com

    Das war nur eine kleine Auswahl. Weiter geäußert haben sich der Regierende Bürgermeister, SPD-Generalsekretär Klingbeil, der Innensenator Berlins Geisel und viele mehr.
    Interessant ist, dass sie sich nicht mit der eigentlichen Demonstration beschäftigen, sondern mit dem Angriff einiger Rechtsradikaler auf den Reichstag.
    Interessant ist weiter, dass man nach Auskunft des Regierenden Bürgermeisters vorher von diesen Angriffsabsichten wusste, dort aber nur 3 Polizisten eingesetzt waren.
    Es ist nicht auszuschließen, dass man dieses Schmierenstück hat absichtlich geschehen lassen oder sogar inszeniert hat. Anders ist nicht zu verstehen, dass sich die große Zahl der etablierten Medien wie der Politiker auf diesen Vorgang konzentriert und die gesamte Kommentierung des Demonstration-Samstags daran aufgehängt wird.

  3. INTERVIEW DER FULDAER ZEITUNG
    Streitbarer Corona-Professor Sucharit Bhakdi und Ehefrau Karina Reiß: „Maskenpflicht ist eine Idiotie“
    Von Thomas Schafranek
    Professor Karina Reiß und Professor Sucharit Bhakdi verteidigen ihre umstrittenen Corona-Thesen. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt das Forscher-Ehepaar aus Kiel, warum das Coronavirus aus ihrer Sicht nicht gefährlicher ist als das Grippevirus. Sie fordern: „Sämtliche Maßnahmen sollten sofort aufgehoben werden.“

    fuldaerzeitung.de/fulda/coronavirus-debatte-corona-mundschutz-maskenpflicht-thesen-professor-sucharit-bhakdi-karina-reiss-90028917.html

Titelbild: André Stiebitz

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