Eine Erzählung über die DDR – ohne Beschönigung und Verdammung

Ulrich Heyden
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Ein ostdeutscher Filmregisseur hat einen Wunsch: Der Enge seines Landes zu entfliehen. Doch als die Grenzen offen sind, beginnt er die Erinnerungen an die Heimat zu sammeln, wie wertvolle Edelsteine. Von Ulrich Heyden, Moskau.

In seinem Buch „Werners wundersame Reise durch die DDR“ beschreibt der Filmregisseur Wilhelm Domke-Schulz das Leben von Werner, einem DDR-Werbefilmer. Werner, des Autors Alter Ego, erzählt in einer Art Selbstgespräch in kurzen, manchmal auch halben Sätzen, was ihm alles so durch den Kopf geht, wenn er an sein Leben in der DDR denkt.

Werner ist ein nachdenklicher Intellektueller und kein Herden-Tier. Nein, die „Revolution“ in der DDR, die hätte er niemals angezettelt. Er ist zurückhaltend und kein Anführer. Aber als er in Leipzig 1989 sieht, wie Stasi-Leute plötzlich auf der Straße Bürger mitnehmen, da forscht er, was los ist.

Zuerst kann er sich keinen Reim machen. Nach einigem Suchen stößt er schließlich auf Demonstranten vor der Nikolaikirche. Dort sagt einer, „wir brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“

Schon lange nagt etwas an seiner Seele

Werner fühlt sich instinktiv am richtigen Platz. Er weiß, dass sich in seinem Land irgendwas ändern muss, damit nicht alles den Bach runtergeht. Vor der Nikolai-Kirche wird über etwas gesprochen, was schon lange an seiner Seele nagt. Doch ihn plagen auch Angst-Attacken. In seinem Kopf tauchen Bilder auf, wie er von NVA-Kampfgruppen erschossen und auf dem Nikolaikirchhof plattgetrampelt wird.

Nach anfänglicher Begeisterung schwindet Werners Sympathie mit der Protestbewegung. Im Dezember 1989 sieht er auf dem Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) eine Menge mit nagelneuen Deutschlandfahnen. Die Legefalten der dreifarbigen Tücher sind noch zu sehen. „Woher kommen die so schnell?“, fragt sich Werner und ahnt, dass sie wohl nicht aus der DDR kommen.

Die Menge ist jetzt ganz anders drauf als zu Beginn der Proteste. Die Menschen rufen in breitem Sächsisch „Doidschlond, Doidschlond“. Auf Transparenten liest Werner „Höchststrafen für alle Staatsverbrecher!“ und „Rote Raus aus der Demo!“. Welche Roten sollen raus, etwa die, welche am 9. Oktober ihr Leben riskiert haben, weil sie für einen menschlichen Sozialismus auf die Straße gegangen sind?, fragt sich der Werner.

Die Enttäuschung über die vielgelobte Arbeiterklasse

Über die Arbeiterklasse der DDR spricht Werner mit Süffisanz. Staatliche Propaganda und die reale Arbeiterklasse, das sind zwei ganz verschiedene Sachen, merkt er schon als Jugendlicher, als er zu einem Betriebspraktikum im VEB Kühlautomaten arbeitet. Die Arbeiter singen in den Pausen keine Kampflieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg und ähneln auch sonst nicht den Revolutionären aus den Filmen, die Werner als Jugendlicher gesehen hat.

In der Fabrikhalle hängt zwar ein großes Transparent, „Dein Arbeitsplatz, ein Kampfplatz für den Frieden“, aber der Arbeiter, der Werner einarbeitet, schimpft auf die Kühltruhen und sagt, so ein „Scheißzeug“ würde er sich selbst niemals kaufen.

Die Skepsis gegenüber der historischen Mission der Arbeiterklasse zieht sich durch das ganze Buch. Zum Jahr 1989 meint Werner: Die „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten“ seien nur an der D-Mark interessiert. Die Arbeiter der DDR wollten nur möglichst schnell eine Gesellschaft ohne Versorgungsdefizite. Dafür wählt man auch schon mal die CDU, obwohl man diese West-Partei eigentlich gar nicht kennt.

Sehnsucht nach Westdeutschland

Berührend ist Werners Sehnsucht nach Westdeutschland. Die Westdeutschen, das sind für ihn Menschen wie von einem anderen Stern. Und er will so gern wissen, wie sie leben. Manchmal beobachtet er westdeutsche Touristen in der Hauptstadt der DDR und er träumt, er könne mit irgendeinem Ausweis für einen Tag Westberlin besuchen.

Um dem Geheimnis der Westdeutschen auf die Spur zu kommen, schleicht er sich im Sommer in ein FDJ-Lager, wo Gruppen aus Westberlin zu Gast sind. Sein Zelt hat Werner auf einem benachbarten Zeltplatz aufgeschlagen, um sich dann über einen Trampelpfad ins Lager der Blauhemden zu schleichen.

Dort sitzt Werner ratlos auf einer Treppe und schaut diskutierenden Jugendlichen aus Westberlin zu. Bis er plötzlich von einem dieser Jugendlichen, einem Westberliner, angesprochen wird. Es entsteht eine jahrelange Freundschaft.

Etwas enttäuscht ist Werner, als er nach der Maueröffnung den Freund in Westberlin aufsucht und mit ihm die Stadt erkunden will. Der Freund hat jedoch zu tun. Werner muss warten. Das kann er nicht verstehen. Er ist ja nicht für Begrüßungsgeld und Bananen nach Westberlin gekommen, sondern für den lange ersehnten Stadtbummel mit dem Freund.

Kaltgestellte Regisseure

Werner studiert an der Filmhochschule Babelsberg und das mit Begeisterung. Doch in diese Begeisterung mischen sich Zweifel. Er bekommt mit, wie angesehene Regisseure wegen kritischer Filme keine Aufträge bekommen und sich als Hochschullehrer verdingen müssen.

Fast wie in einem Krimi wirkt die Schilderung, als Werner einer Filmvorführung im DDR-Fernsehfunk beiwohnt. Vertreter der Parteileitung sind zugegen. Ein junger Regisseur, den alle für besonders begabt halten, zeigt seinen neuen Film. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen einer Angehörigen der privilegierten sozialistischen Oberschicht und einem „negativen Helden, Hilfskellner, Aufschneider, Schlitzohr.“ Eben „mehrfach gescheiterte Arbeiterklasse“, meint der Autor mit einem Augenzwinkern.

Während der Film-Vorführung rutscht Werner dann mehrmals das Herz in die Hose, denn der Film ist ziemlich kritisch. Der Vertreter der Parteileitung wird den Film sicher „zerreißen“, schwant es Werner. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Vertreter der Parteileitung lobt den Film. Er entspreche den „sozialistischen Prinzipien“.

Die unterschwellige Kritik des Regisseurs hat der Partei-Funktionär nicht verstanden. Werner denkt sich, der hat nur Marx, Engels und Lenin gelesen, aber nie die Werke von berühmten Regisseuren und Film-Experten wie Sergej Eisenstein, Siegfried Kracauer und James Monaco. Für Werner steht nun fest, er wird weder für den DDR-Film noch für das DDR-Fernsehen arbeiten. Er wird sich der politischen Zensur nicht unterwerfen. Er wird Werbefilmer.

Begehrte DDR-Produkte

Werner hat sich immer danach gesehnt, die Bundesrepublik zu besuchen. Doch als die Grenze offen ist, da ist er wie hin- und hergerissen. Er spürt instinktiv, dass er seine Heimat, so wie er sie kennt, verliert. Er will all das, was ihn im Leben begleitet, was ihm Spaß und Kopfzerbrechen bereitet hat oder einfach nur nützlich war, bewahren.

Der Autor hat seine Erinnerungen in allen Einzelheiten festgehalten. Man geht nicht nur durch eine Stadt, sondern durch namentlich genannte Straßen, die alle eine Geschichte haben. Immer wieder werden Namen von DDR-Produkten eingestreut, die Namen von schicken Autos aus den 1950er Jahren, P70 und F9, und die Namen von Filmkameras, Werkzeugen, Auto-Anhängern und genormten Tischplatten. Diese Industrieprodukte gehören zur gesamtdeutschen Geschichte. Bloß in Westdeutschland kennt sie keiner.

Werner ist ein Technik-Freak. Zu vielen Produkten der Mangelwirtschaft hat er ein geradezu inniges Verhältnis. Bei einem Gang durch die Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain entdeckt er in dem Schaufenster eines Werkzeugladens eine DDR-Bohrmaschine vom Typ Multimax. Die ist im Handel äußerst schwer zu kriegen. Und da liegt sie nun. Da ist doch was faul, denkt sich Werner und geht mehrmals am Schaufenster vorbei. Dabei tut er so, als ob er nicht ins Schaufenster guckt. Er will auf keinen Fall durch auffälliges Gucken einen Auflauf Neugieriger erzeugen. Nachts träumt er davon, was er mit der Maschine alles bearbeiten wird.

Am nächsten Tag ist Werner der Erste in der Reihe, die sich am Morgen vor der Geschäfts-Öffnung vor der Ladentür gebildet hat. Ruhig marschiert Werner zum Tresen und fragt nach der Bohrmaschine. Und es geschieht ein Wunder: Werner bekommt die Maschine aus dem Schaufenster, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Das Buch mit seinen 510 Seiten ist amüsant und spannend zu lesen. Der Autor hat die Geschichte von dem Intellektuellen Werner mit der gesamtdeutschen Geschichte über mehrere Generationen verwebt. Entstanden ist ein Bild, das die DDR von innen zeigt, ohne Beschönigung und ohne Verdammung.

Der Autor des Buches, Wilhelm Domke-Schulz, hat nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zahlreiche Film-Reportagen und Dokumentationen für den MDR und andere öffentlich-rechtliche Anstalten gemacht. Seine letzten Filme handeln von einer Friedensfahrt Deutscher nach Russland und vom Brandangriff auf das Gewerkschaftshaus in Odessa im Jahre 2014.

Das Buch: Wilhelm Domke-Schulz: Werners wundersame Reise durch die DDR, Berlin 2019, Verlag am Park, weitere Infos unter diesem Link.