Die Sklavenwirtschaft. Der Rassismus. Die USA.
Die Sklavenwirtschaft. Der Rassismus. Die USA.

Die Sklavenwirtschaft. Der Rassismus. Die USA.

Winfried Wolf
Ein Artikel von Winfried Wolf | Verantwortlicher: Redaktion

„Black Lives Matter – Das Leben von Schwarzen zählt“. Diese Forderung ist nicht neu, sondern wird in den USA seit 500 Jahren vorgetragen. Die Geschichte der USA ist auch eine Geschichte der Sklavenwirtschaft und des Rassismus. Winfried Wolf hat für die NachDenkSeiten einen ausführlichen Blick auf diesen Teil der US-Geschichte geworfen, der in der aktuellen Debatte gerne vergessen und verdrängt wird.

Am 11. Juni 2020 gab US-Präsident Donald Trump dem Sender Fox News ein bemerkenswertes Interview. Trump argumentierte, er habe mehr für die Schwarzen in den USA geleistet „als jeder andere Präsident vor mir“. Ausdrücklich verwies er dann auf Abraham Lincoln, von dem es heißt, er habe die Sklaverei in den USA abgeschafft. Trump sagte: „Lincoln did good for the black community but the end is questionable“. Abraham Lincoln, 1861 als 16. Präsident der USA gewählt und 1865 noch während seiner Amtszeit ermordet, habe Gutes für die Schwarzen getan, doch das Ende sei fragwürdig. Die Interviewerin, Harris Faulkner, selbst Schwarze, unterbrach den weißen Herrenmenschen mit den Worten: „Well, we are free, Mr. President, so I think he did pretty well – Nun, wir sind frei, Mr. President. Daher glaube ich schon, dass er das ganz gut gemacht hat.“ Trump blieb stur und äußerte: „Yes, we are free.“ Für ihn ging es um die Freiheit der USA. Um die Freiheit von Seinesgleichen. Um Kapitalfreiheit. Um die Freiheit, maximale Gewinne zu machen. Die Interviewerin vertrat die Auffassung, es sei um die Freiheit der Schwarzen gegangen.[1]

Tatsächlich sagte Lincoln 1862: „Was ich bezüglich der Sklaverei und der farbigen Rasse unternehme, tue ich, weil es hilft, die Union zu retten; und was ich unterlasse, unterlasse ich, weil ich nicht glaube, dass es helfen würde, die Union zu retten.“[2] Entsprechend sah das Ergebnis des Bürgerkriegs aus, in dem es dem Norden angeblich um eine Aufhebung der Sklaverei, in Wirklichkeit aber um Expansion des produktiven Kapitals im Norden auch verstärkt nach Süden und nach außen und vor allem um die Verteidigung des riesigen Marktes und der gewaltigen Rohstoffe auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten ging.

Nach dem Sieg der Bundestruppen des Nordens über die Konföderierten der Südstaaten verweigerten 19 der 24 Nordstaaten den Schwarzen weiterhin das Wahlrecht. Und alle Südstaaten legten in ihren neuen Verfassungen den Entzug des Wahlrechts für Schwarze fest. Dies hatte Gültigkeit bis 1900. Hinzu kamen die „black codes“, Gesetze, die eine Trennung von Weißen und Schwarzen im gesamten öffentlichen und in großen Teilen des Arbeitslebens etablierten – und die dann in wichtigen Bestandteilen ein Jahrhundert lang, bis in die 1960er Jahre hinein, Gültigkeit hatten.

In der Gesamtbilanz liegt der aktuelle Präsident der USA mit seiner Einschätzung der Politik Lincolns so falsch nicht. Das Ergebnis der Lincoln’schen Politik, dann vor allem umgesetzt unter seinen Nachfolgern im Amt Andrew Johnson (1865-1969) und Ulysses S. Grant (1869-1877), muss man tatsächlich als „fragwürdig“ bezeichnen. Der Milliardär und Immobilien-Spekulant Donald Trump bringt mit seiner Interpretation des US-amerikanischen Bürgerkriegs einen Klasseninstinkt zum Ausdruck, der sich mit demjenigen Abraham Lincolns deckt. Beider Präsidenten Position könnte auf die Formel gebracht werden: „Make America great“. Darauf wird zurückzukommen sein.

500 Jahre Weltmarkt

„Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der einheimischen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktion. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.“ Mit diesem Satz beschrieb Karl Marx die Grundlagen der industriellen Revolution in Europa; er spannte dabei einen Bogen von der Zeit Ende des 15. Jahrhunderts bis weit ins 18. Jahrhundert.[3] Unter der ursprünglichen Akkumulation verstand Marx eine erste Anhäufung von Kapital in Form infrastruktureller Einrichtungen, Verkehrswegen, Kanälen, Eisenbahnen, Gebäuden und Maschinerie, die die Grundlage für eine Industrialisierung schufen. Diese Basis wurde zu einem Teil durch innere Prozesse in Europa geschaffen (Modernisierung der Landwirtschaft, Agrarimporte, Verdrängung der Bauern vom Land und Schaffung eines Proletariats, extreme Ausbeutung desselben einschließlich durch Frauen- und Kinderarbeit). Der entscheidende Teil dieses ersten Kapitalstocks wurde jedoch von außen geleistet: in Form kolonialer Beute vor allem von Edelmetallen und durch gewaltige Gewinne aus dem Sklavenhandel.

Im Grunde ging es um die erste kapitalistische Globalisierung. Diese war eher intensiver als die Globalisierung, die wir in den letzten Dekaden erlebten. Der Anteil des Außenhandels an der Gesamtwirtschaft – die heute als Bruttoinlandsprodukt bezeichnet wird – der Sklavenhandels- und Kolonialländer Spanien, Portugal, Niederlande, Großbritannien und Frankreich dürfte erheblich größer gewesen sein als im Fall des Anteils der Exporte und Importe an den Bruttoinlandsprodukten der heutigen Weltmarktführer USA, China, Japan und Deutschland.

Es ging um eine erste weltumspannende Expansion des Kapitals. Diese war von vornherein mit Vertreibung und Rassismus und Antisemitismus verbunden. 1492 war nicht nur das Jahr der Entdeckung Amerikas. Es war auch das Jahr der Reconquista; in diesem Jahr fiel mit Granada das letzte Bollwerk der Araber in Spanien. Gleichzeitig wurden 150.000 sich als solche bekennende Jüdinnen und Juden des Landes vertrieben. Bereits drei Jahre später stand Christoph Kolumbus an der Spitze eines Feldzugs gegen die Eingeborenen von Santo Domingo. Er kehrte mit reicher Beute – darunter mehr als 500 gefangene Indianer – zurück, die in Sevilla als Sklaven verkauft wurden. Die Feldzüge waren von Anfang an vor allem Business; sie wurden meist von Privatleuten finanziert. Die Gewinnmargen lagen deutlich im zweistelligen Bereich. Während bei der aktuellen Form der Globalisierung die damit verbundene Brutalität – Kinderarbeit im Kobaltabbau im Kongo, Billigstarbeit von Frauen in Bangladeschs Textilschuppen oder Recycling von hochgiftigem Müll aus Europa in Form von Familienarbeit auf den Müllkippen der Elfenbeinküste – oft verdeckt stattfindet, wurde sie damals meist offen zur Schau gestellt. In seinem Buch „Afrika. Geschichte einer Unterentwicklung“ schreibt Walter Rodney: „John Hawkins unternahm um 1560 drei Reisen nach Westafrika und verschleppte Afrikaner nach Amerika, wo er sie verkaufte. Bei seiner Rückkehr nach der ersten Reise war sein Gewinn so ansehnlich, dass Königin Elizabeth I. sich für eine Beteiligung […] interessierte. Zu diesem Zweck stellte sie ein Schiff namens ´Jesus´ zur Verfügung. Hawkings machte sich mit ´Jesus´ auf den Weg, um noch mehr Afrikaner zu entführen und kehrte mit so hohem Gewinn nach England zurück, dass Königin Elizabeth ihn zum Ritter schlug. Als Wappen wählte Hawkins die Darstellung eines Afrikaners in Ketten.“[4]

Entwickelter Sklavenhandel

Der Sklavenhandel war von Anbeginn ein anerkannter Geschäftszweig. Es war die Reaktion auf die Expansion des Kapitals, die mit der Entdeckung – und der durch Zwang erfolgten Entvölkerung – vor allem der Gebiete in Süd- und Nordamerika verbunden war. Dass es die Afrikaner traf, war nicht von vornherein ausgemacht. Als die Siedler in den Kolonien Amerikas Bedarf an Arbeitskräften anmeldeten, testeten sie zunächst die Versklavung der einheimischen Bevölkerung. Diese erwies sich in nur sehr beschränktem Umfang als einsatzfähig; vor allem wurden diese Menschen schnell durch Krankheiten hinweggerafft. Als die Siedler nun von ihren Heimatländern Nachschub von Billigarbeitskräften anforderten, wurde man dort auf spezifische Weise tätig: Nunmehr wurden weiße „Dienstverpflichtete“ angeheuert und vor allem durch die Klassenjustiz geschaffen. Gustavus Myers beschreibt dies in seinem ernüchternden Standardwerk über den US-Geldadel wie folgt: „Arme Teufel ohne Heller und Pfennig, die man wegen irgendeines der zahlreichen Vergehen, die damals schwer bestraft wurden, verhaftet und verurteilt hatte, wurden als Verbrecher in die Kolonien transportiert und als Sklaven für einen Zeitraum von Jahren verkauft. Die englischen Gerichtshöfe waren eifrig dabei, Menschenmaterial für die Pflanzungen in Virginia zu mahlen.“[5]

Das Ergebnis dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen war jedoch unbefriedigend. Es kam zu juristischen Auseinandersetzungen wegen „illegaler Freiheitsberaubung“, zu Aufsässigkeit – und vor allem dazu, dass viele der Angeheuerten sich in Amerika nach kurzer Zeit auf und davon machten, um sich, ein paar hundert Meilen weiter westwärts, selbst als Siedler zu betätigen. Die Unterscheidung, welcher Weiße ein Herr und welcher Weiße ein Knecht oder Sklave sei, war nicht immer einfach zu treffen. Anders im Fall der Sklavenimporte aus Afrika. Aufgrund ihrer Hauptfarbe konnten entlaufene afrikanische Sklaven leicht eingefangen werden. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass diese auch wesentlich leistungsfähiger waren als indianische oder weiße Sklaven. Wobei das Mittel des Zwangs, vor allem Auspeitschungen, gegenüber Afrikanern besonders oft und mit großer Brutalität eingesetzt wurde, was eindeutig rassistisch motiviert war.

Auch hier ist interessant, wie konkret ausgeprägt der Sklavenhandel als globalisierte kapitalistische Branche organisiert war. Es gab Konzessionen, Monopole und Oligopole; es gab große Gesellschaften, die sich auf den Einkauf von Afrikanern – also auf Menschenjagd – und deren Verschiffung spezialisiert hatten (z.B. die niederländische Westindische Kompanie oder die britische Royal African Company). Es gab Fachpersonal – Ärzte, die die potentiellen Sklaven (die bei der Begutachtung oft in Palmöl getränkt vorgeführt wurden, um die Feststellung von Alter und körperlicher Verfassung zu erschweren) zu taxieren hatten. Infrage kamen nur junge, kräftige Menschen; meist zu zwei Dritteln Männer und zu einem Drittel Frauen. Die Verlustrate auf der Seereise durch Krankheit und durch – sehr viele! – Selbstmorde wurde mit 15 bis 25 Prozent fest einkalkuliert. Führend in der Sklavenhandel-Branche war – über den gesamten Zeitraum hinweg betrachtet – Großbritannien, gefolgt von den Niederlanden, Spanien, Portugal, Frankreich und Kurbrandenburg. Große Firmen mit stolzen Namen sind auf den Sklavenhandel zurückzuführen – so die Barclay Bank oder der Versicherer Lloyds. Rodney argumentiert, dass es Verästelungen bis in Details der modernen Industrie gibt und schreibt über ein frühes Garagen-Start-up: „Auch James Watt blieb den westindischen Sklavenhaltern zeitlebens verbunden, weil sie seine berühmte Dampfmaschine finanziert und vom Zeichentisch in die Fabrik gebracht hatten.“[6] Blühende Hafenstädte und Handelszentren wie Liverpool, Genua, Nantes, Lissabon, Sevilla, Amsterdam – und in den USA New York, Boston und Portland – verdanken ihre Existenz eben dieser blühenden, globalisierten Branche.

Die Zahl derjenigen, die in dreieinhalb Jahrhunderten, im Zeitraum 1520 bis 1867, lebend, als einsatzfähige Sklavinnen und Sklaven in Nord- und Südamerika und der Karibik ankamen, wird auf mindestens elf Millionen geschätzt. Robert René Kuczynski wollte es besonders genau wissen und kam auf 14.650.000. Und es gibt auch wesentlich höhere Schätzungen.[7]

Dramatische Rückwirkungen auf Afrika

Die afrikanischen Sklaven kamen aus unterschiedlichen Regionen; aus naheliegenden Gründen oft aus den Küstengebieten bzw. aus einem rund 200 Meilen breiten Küstenstreifen. Den größten Aderlass zu beklagen hatten Westzentralafrika, Benin, Biafra und die Goldküste.[8] Bereits rein quantitativ war der Verlust an Menschen für den afrikanischen Kontinent natürlich enorm. Einige spezifische Faktoren sind zu bedenken, die das Drama ergänzen: Die genannten Zahlen bezogen sich auf diejenigen, die in Amerika lebend ankamen. Es gab nicht nur die angeführten hohen Verluste beim Transport, wo diese Opfer auf engstem Raum, aneinander gekettet, zusammengepfercht wurden. Es gab bereits viele Tote bei der eigentlichen Menschenjagd in Afrika. Dabei bedienten sich die Sklavenhändler in der Regel afrikanischer, lokaler Vermittler, die wiederum in organisierten Feldzügen auf Menschenjagd gingen.

Es gelangten, wie erwähnt, immer nur die kräftigsten, jungen Menschen – möglichst körperlich groß Gewachsene – in die Maschinerie des Sklavenhandels. Im Unterschied zu vielen rassistischen Vorurteilen achteten die Einkäufer auch darauf, dass sie Menschen mit hoher Kultur in den Handel bringen konnten. Damit wurden höhere Marktpreise erzielt. Auch wurde Wert darauf gelegt, möglichst Menschen einzufangen, die bereits die Pocken gehabt hatten und daher immun gegen diese Krankheit, die damals zahlreiche Todesopfer forderte, waren.

Dieses System wiederum hatte eine zersetzende Wirkung auf die gesellschaftlichen Strukturen in Afrika selbst. Die Ökonomie des gesamten Kontinents war zunehmend und mehr als drei Jahrhunderte lang von der Jagd auf Sklaven und vom Sklavenhandel bestimmt. Der Verlust von Millionen Menschen, vor allem der jüngeren Generation, führte dazu, dass Afrika als einzige Weltregion im Zeitraum 1650 bis 1900 nur ein Bevölkerungswachstum von rund 20 Prozent erlebte. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich die Bevölkerung Asiens; die Einwohnerzahl Europas vervierfachte sich.

Ganz offensichtlich prägte die Sklavenwirtschaft, die die Europäer dem afrikanischen Kontinent aufgezwungen hatten, Afrika massiv und dies ausschließlich negativ. Das Kolonialsystem, das sich im Schlepptau des Sklavenhandels herausbildete und das im 17. und 18. Jahrhundert zu einer völlig neuen Einteilung Afrikas und zur fast kompletten Aufteilung des Kontinents unter die großen Kolonialmächte führte, tat ein Übriges. Schließlich wurden einige südafrikanische Völker von den – aus Europa eingewanderten – Buren versklavt, was dann in das Apartheid-System mündete, das es dort bis Ende der 1980er Jahre gab. Übrigens immer erheblich unterstützt durch US-amerikanische Firmen (aber auch durch deutsche Unternehmen wie VW und Siemens).

Europas Kapitalstock

Umgekehrt wirkte das globale System von kolonialer Beute und Sklavenhandel belebend auf Nordamerika und auf Europa. Das gilt sehr direkt für den Import der geraubten Edelmetalle. So gelangten allein im Zeitraum 1503 bis 1660 185.000 Kilogramm Gold und 16 Millionen Kilogramm Silber aus den Kolonien in den spanischen Hafen von San Lúcar de Barrrameda in Andalusien. Eduardo Galeano bewertete dies in seinem grandiosen Opus „Die offenen Adern Lateinamerikas“ wie folgt: „Das in etwas mehr als anderthalb Jahrhunderten nach Spanien gebrachte Silber übertraf drei Mal die gesamten Reserven Europas […] Die den neuen Kolonialgebieten entrissenen Metalle förderten die wirtschaftliche Entwicklung Europas, und man kann sogar sagen, dass sie sie erst ermöglicht haben. Nicht einmal der umwälzende Einfluss der Eroberung der persischen Schätze, die Alexander der Große über die hellenische Welt ergoss, könnte im Umfang mit diesem gewaltigen Beitrag Amerikas zum fremden Fortschritt verglichen werden.“[9] Auf diese Weise wurde gewissermaßen pünktlich am Vorabend der industriellen Revolution die expansive Geldwirtschaft Westeuropas befördert; der Münzbedarf konnte mit den Edelmetallen aus den Amerikas und auch aus Afrika – hier vor allem aus Guinea – gedeckt werden. Die Encyclopaedia Britannica erläutert, dass „die Guinea“ eine „Goldmünze war, die im Vereinigten Königreich in den Umlauf kam. 1663 wurde sie zum ersten Mal geprägt, während der Regierungszeit Charles II., aus Gold, das von der Guinea-Küste Westafrikas durch eine Gesellschaft importiert wurde, die mit Genehmigung der britischen Krone dort Handel trieb – daher der Name.“[10]

Es gibt auch Versuche der Berechnung aller kolonialen Profite, die in Europa in den gesamten Kapitalstock am Beginn der industriellen Revolution flossen. Es geht dabei um die erwähnten Gewinne aus dem Raub und Import der Edelmetalle, um die Gewinne aus dem Sklavenhandel, um die Gewinne, die die Niederländer aus Indonesien herausholten und um den Gewinn, den England aus der Ausplünderung Indiens bezog. Dies summierend schreibt Ernest Mandel: „Wenn wir diese Summen addieren, erhalten wir mehr als eine Milliarde Goldpfund, das heißt, mehr als den Wert des gesamten Anlagekapitals in allen europäischen Industrienationen um das Jahr 1800. Das Hineinfließen dieser riesigen Kapitalmassen in die Handelsnationen Europas zwischen dem 16. und dem Ende des 18. Jahrhunderts schuf nicht nur eine günstige Atmosphäre für Kapitalinvestitionen und ´Unternehmergeist´, es finanzierte in vielen nachweisbaren Fällen direkt große Manufaktur und Fabrikgründungen, die mit den Anstoß zur industriellen Revolution gaben.“[11]

Sklavenwirtschaft in den USA

Für eine Sklavenwirtschaft gab es in Europa in jüngerer Zeit nie eine profitable Zukunft. Zwar wurden auch afrikanische Sklaven nach Europa verfrachtet. Doch das erfolgte eher in homöopathischer Dosierung – für einzelne Tätigkeiten in Bankhäusern, Werften, Hotels, Handelshäusern, für den Einsatz als Dienstpersonal in den Häusern der Neureichen und in den Herrensitzen des alten Adels. Grundsätzlich gab es in Europa in diesen Jahrhunderten immer ausreichend Arbeitskräfte auch für schlecht bezahlte Tätigkeiten. Vor allem aber eigneten sich die aufstrebende Manufaktur und die ersten Fabriken nicht für Sklavenarbeit. In Amerika jedoch mit seinen unermesslichen Naturschätzen, mit den für die Besiedelung der Weißen unerschlossenen – durch die Vertreibung und Liquidierung der einheimischen, indianischen Bevölkerung freigeräumten – Gebieten konnten Sklaverei und Sklavenhandel profitabel betrieben werden. Das galt solange und dort, wo eine extensive Plantagenwirtschaft – mit dem Anbau von Tabak, Reis, Zuckerrohr, Baumwolle – vorherrschte. Die Sklaverei, die auf Gewalt und nacktem Zwang basiert, erwies sich als zu starr für die industrielle Entwicklung. Sklaven müssen grobe, unzerbrechliche Werkzeuge haben, was die kapitalistische Entwicklung der Industrie und auch diejenige einer hoch entwickelten Landwirtschaft behindert. Ein Einsatz von Sklaven und Zwangsarbeit in einer entwickelten Industrie erweist sich darüber hinaus als anfällig für Sabotage.

Entsprechend gab es bereits sehr früh einen erheblichen Unterschied zwischen den Nordstaaten und dem Süden der USA hinsichtlich des Einsatzes von Sklavinnen und Sklaven. 1680 wurden in allen Nordstaaten zusammen 1805 Sklaven gezählt. In den Südstaaten waren es damals mit 5076 nicht so viel mehr; knapp das Dreifache. Neunzig Jahre später, 1770, waren es in den Nordstaaten 47.735; in den Südstaaten gab es nunmehr ein Heer von 422.141 versklavten Menschen, was fast dem Neunfachen entsprach. 1860, beim Auftakt des Bürgerkriegs, gab es im Norden faktisch keine Sklaven mehr (64 nennt die Statistik); in den Südstaaten wurden nunmehr exakt 3.953.696 Sklavinnen und Sklaven in der Statistik aufgeführt.[12] Dabei ist der Eindruck, im Süden hätte die gesamte Bevölkerung von der Sklavenwirtschaft profitiert, falsch. 1860 konzentrierten sich die angeführten knapp 4 Millionen Sklaven auf 385.000 Sklavenhalter. Die gesamte weiße Bevölkerung zählte acht Millionen Menschen. Der Anteil der Sklaven an der gesamten Bevölkerung betrug knapp ein Drittel (wobei die Sklavenbevölkerung explizit nicht als Menschen und nicht als Teil der Bevölkerung gezählt, sondern als Sachen und Werte verbucht wurde).

Auch hier ist diese Behandlung der Sklaven als Sache und als Kapital erhellend. Es gab genaue Angaben, welchen Wert ein Sklave spezifischer Qualifikation zu welchem Zeitpunkt und in welchem Bundesstaat hatte. Und es gab eine Art zyklische Bewegung der Sklavenpreise: Zwischen 1800 und 1837 kletterte der Preis für „einen durchschnittlichen, erstklassigen Feldarbeiter (jungen Sklaven in guter Verfassung, aber ungelernt)“ von 500 auf 1300 Dollar, um dann in den Jahren 1843 bis 1848 auf 800 und 900 Dollar abzustürzen – und bis 1860 wieder auf den Rekordwert von 1800 Dollar zu klettern.[13]

Der Charakter der Sklaven als Eigentum schlug sich bereits in den Gründungsdokumenten der Vereinigten Staaten nieder. Im Entwurf der Unabhängigkeitserklärung (Declaration of Independence), verfasst vom späteren Präsidenten Thomas Jefferson und Grundlage der Trennung von der britischen Krone, hieß es noch: „Er (der brit. König; W.W.] hat einen grausamen Krieg gegen die menschliche Natur geführt, indem er die heiligsten Rechte des Lebens und der Freiheit bei den Angehörigen eines fernen Volkes dadurch verletzte, dass er diese Menschen […] gefangen nahm und sie zur Sklaverei auf einen anderen Kontinent verbrachte. […] Diese Piratenkriegführung […] ist der Krieg des christlichen Königs von Großbritannien…“[14] Diese Passage musste gestrichen werden; sie war für die Vertreter der Südstaaten unannehmbar. In der 1787 beschlossenen Verfassung bezog sich dann der vielfach zitierte Verfassungsgrundsatz, wonach „alle Menschen von Natur aus frei und gleich geschaffen“ sind, nicht auf die Sklaven. Dort heißt es, dass der Staat sich „auf die Herrschaft des Eigentums stützen soll“. Für den Süden hieß das: das Eigentum an Sklaven. Für den Norden bedeutete es Eigentum im Gewerbe und im Finanzsektor. Mit dem Schutz des Eigentums hatte die Verfassung auch die Institution der Sklaverei anerkannt; nur der Import von Sklaven sollte verboten werden können – allerdings erst nach Ablauf einer 20-Jahres-Frist, also im Jahr 1808. John Hope Franklin und Alfred A. Moss (Jr.) bilanzieren in der hier des Öfteren zitierten, enorm faktenreichen „Geschichte der Schwarzen in den USA“: „Es sollte dann 75 Jahre [bis zum Ende des Bürgerkriegs; W.W.] dauern, das rückgängig zu machen, was in Philadelphia beschlossen worden war. […] Mit dem Ende der britischen Herrschaft […] konnten die Amerikaner die Verantwortung für die Sklaverei nicht länger dem Mutterland anlasten. […] Ironischerweise war es gerade Amerikas Freiheit, die der Sklaverei im eigenen Land ein längeres Überleben sichern sollte als im britischen Empire.“[15]

Bürgerkrieg und Ende der Sklaverei

Der amerikanische Bürgerkrieg war vor allem Ausdruck der Tatsache, dass die dynamische Entwicklung der Produktivkräfte im Norden zunehmend eingeengt wurde durch die weitgehend statische Situation im Süden mit ihrer Plantagenwirtschaft, basierend auf Sklavenarbeit. Der 1861 neu gewählte US-Präsident Abraham Lincoln hätte jedoch keinen Krieg zur Abschaffung der Sklaverei geführt. Das hatte Lincoln mehrfach erklärt und sich dabei durchaus als jemand geoutet, dem Rassismus nicht fremd ist. In einer Rede während seines Präsidentschaftswahlkampfs sprach er in Charleston im südlichen Illinois, also vor einem Südstaaten-Publikum, wie folgt Klartext: „Ich sage also, dass ich weder jetzt noch irgendwann dafür war, in irgendeiner Weise die soziale und politische Gleichberechtigung der schwarzen und der weißen Rasse herbeizuführen (Applaus); dass ich weder jetzt noch irgendwann dafür war, aus Negern Wähler oder Geschworene zu machen oder ihnen zuzugestehen […] sich mit Weißen zu verheiraten. […]Es muss, wenn sie weiter zusammenbleiben, weiterhin minderwertige und höherwertige Positionen geben, und ich bin wie jeder andere dafür, der weißen Rasse die höherwertigen Positionen zuzusprechen.“[16]

Es waren die herrschenden Kreise im Süden, die faktisch den Krieg begannen, indem sie sich kurz nach der Wahl von Lincoln zum US-Präsidenten unabhängig vom Norden erklärten. Bei dieser Entscheidung spielte eine erhebliche Rolle die seit Jahrzehnten zu beobachtende Zersetzung der Sklaverei im Süden durch massenhafte und organisierte Flucht in den Norden („Underground Railroad“) und durch verbreitete Arbeitsverweigerung. Diese Zersetzung steigerte sich noch dadurch, dass im Verlauf des Bürgerkriegs Hunderttausende Sklaven ihren Herren immer dann den Rücken kehrten, wenn die Bundestruppen vorrückten und sich ihrer Farm, ihrer Plantage näherten. Insgesamt hat während des Bürgerkriegs im Süden eine halbe Million Schwarzer ihre Herren verlassen und ist in den Norden gewechselt oder hat sich bis zum Ende des Kriegs versteckt gehalten.

Als ausgesprochen widersprüchlich erwies sich das Verhalten der Führung des Nordens in der Frage, ob Schwarze in der Armee würden dienen dürfen. Der Nordstaaten-General Henry Halleck hatte bereits bei Kriegsbeginn aus höchst pragmatischen Gründen dafür plädiert. Vor allem flüchtige Schwarze aus dem Süden waren in Scharen bereit, ihre Farmen zu verlassen und sich den Nordstaaten-Truppen anzuschließen. Dagegen hatte Lincoln als US-Präsident seinen Widerspruch eingelegt. Somit blieb es den Schwarzen während des Bürgerkriegs lange Zeit versagt, gemeinsam mit den weißen Nordstaatlern für die Befreiung ihrer Brüder und Schwestern mit der Waffe in den Händen zu kämpfen. Mehr noch: 1861 übermittelte der Nordstaaten-General Winfield Scott im Namen von Präsident Lincoln die Aufforderung an Brigadegeneral McDowell, Besitzern von geflohenen Sklaven in Virginia zu erlauben, den Potomac zu überqueren und flüchtige Sklaven wieder in Besitz zu nehmen, die hinter den Linien der Union Zuflucht gesucht hatten.[17]

Der Norden änderte in dieser Frage seine Haltung im Verlauf des Bürgerkriegs allerdings um 180 Grad. Dafür gab es zwei Gründe: Zum einen begannen die Südstaaten, Schwarze zur Konföderierten-Armee einzuberufen und ihnen die Freiheit zu versprechen, wenn sie bis zum Kriegsende loyal dienen würden. Zum anderen wogen die rein militärischen Aspekte immer stärker, Schwarze in die Nordstaaten-Armee aufzunehmen (zunächst übrigens mit einem Sold, der der Hälfte des Solds der Weißen entsprach!). Das Ergebnis war dann erstaunlich: Insgesamt ließen sich bis zum Ende des Kriegs 180.000 schwarze Männer für die Unionstruppen anwerben; davon waren 93.000 aus den abtrünnigen Staaten des Südens in den Norden gekommen. Die Schwarzen kämpften besonders tapfer – und bezahlten weit überproportional mit Tod und Verletzungen. Insgesamt ließen 38.000 schwarze Soldaten im Bürgerkrieg ihr Leben; die Todesrate lag um 40 Prozent höher als bei den weißen Truppen.

Das Ergebnis des Bürgerkriegs schien zunächst die Gleichberechtigung für die Schwarzen zu bringen. Die Sklaverei wurde formell mit dem dreizehnten Amendement zur Verfassung aufgehoben: „Weder Sklaverei noch unfreiwillige Dienerschaft sollen in den Vereinigten Staaten […] existieren, außer als Strafe für ein Verbrechen, für das der Betroffene ordnungsgemäß verurteilt wurde.“ Ein weiterer Verfassungszusatz – das fünfzehnte Amendement – besagte: „Das Wahlrecht der Bürger darf von den Vereinigten Staaten oder einem Bundesstaat (!) aufgrund von Rasse, Hautfarbe oder einem früheren Zustand der Leibeigenschaft weder verweigert noch eingeschränkt werden.“ 1875 verbot ein Bundesgesetz (Civil Rights Act) sogar den Ausschluss von Schwarzen aus Hotels, Theatern, Eisenbahnen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Apartheid nach US-Art

Dennoch kam es zu einem umfassenden Rollback. Dieser erfolgte natürlich vor allem auf Druck der alten Südstaaten-Eliten. Er wurde jedoch auch ermöglicht durch eine mal passive, mal aktive Unterstützung vor allem seitens des Lincoln-Nachfolgers im Präsidentenamt, Andrew Johnson. Die alten Südstaaten führten die Black Codes ein, Bestimmungen, welche die freigelassenen Leibeigenen gleichmachten, die nach wie vor auf den Plantagen arbeiteten – nun auf Basis von Verträgen, die sie nur auf Kosten einer Gefängnisstrafe brechen konnten. Ab 1870 verabschiedeten einzelne Bundesstaaten im Süden – zunächst Tennessee und dann alle anderen Südstaaten – Gesetze gegen Mischehen beider Rassen. Fünf Jahre später kam das sogenannte „Jim-Crow-Gesetz“ (erneut zuerst in Tennessee und dann in allen Südstaaten): Schwarze und Weiße wurden in Zügen, auf Bahnhöfen, in Toiletten, an den Hafenkais getrennt. Das Oberste Bundesgericht setzte 1883 die Bürgerrechtsgesetze (Civil Rights Act) außer Kraft. Nunmehr durften Schwarze alle Hotels, Friseurläden, Restaurants, Theater und Kinos, in denen Weiße verkehrten, nicht mehr besuchen. Es wurden ein getrenntes Schulsystem und „Rassentrennung“ an den Universitäten etabliert. Mit der Annahme der neuen Verfassungen in den einzelnen Südstaaten wurde die „color line“, die Barriere zwischen Schwarz und Weiß, fest verankert. 1886 bestätigte das Oberste Bundesgericht die „Rassentrennung“ in einer „separate-but-equal“-Doktrin.

Ein sehr großer Teil dieser rassistischen Gesetzgebungen sollte nun ein weiteres Dreivierteljahrhundert Bestand haben. Die „racial segregation“ überlebte auch die zwei Weltkriege, in denen Afroamerikaner einen großen Teil zum Sieg der US-Truppen beitrugen. Bis zu einer neuen massiven Auseinandersetzung, die erneut fast bürgerkriegsähnliche Ausmaße annehmen sollte: der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre.

Der beschriebene Rollback war, wie fast immer in der Geschichte, keiner, der sich allein auf der Ebene von Regierungen, Parlamenten und Gerichten abgespielt hätte. Vielmehr wurde er durch offene Gewalt durchgesetzt. Die weiße Elite in den Südstaaten setzte ihre ökonomische Macht dazu ein, terroristische Organisationen, allen voran den Ku Klux Klan, zu bilden. Der Klan – 1865 gegründet, 1871 vom Kongress verboten, danach lokal weiter aktiv; 1915 neu gegründet, 1944 formell aufgelöst, aber faktisch bis heute fortbestehend – zählte bereits wenige Jahre nach seiner Erstgründung eine halbe Million Mitglieder. Er übte einen flächendeckenden Terror aus, dem Hunderte Menschen schwarzer Hautfarbe zum Opfer fielen. Insbesondere in den späten 1860er und frühen 1870er Jahren, dann wieder verstärkt im Zeitraum 1889 bis 1913, gab es Tausende lokale Terrorakte mit Gewaltexzessen und Lynchings. Letztere wurden oft öffentlich veranstaltet; an ihnen nahmen bis zu 15.000 Menschen teil.[8] Howard Zinn: „Zwischen 1889 und 1903 wurden durchschnittlich zwei Schwarze pro Woche von Mobs gelyncht – erhängt, verbrannt, verstümmelt.“[19]

Klassenkampf und Rassismus

Rassismus ist immer ein Mittel zur Spaltung der Gesellschaft quer durch die sozialen Klassen. Mit Rassismus soll von der entscheidenden Spaltung, der sozialen, abgelenkt und einer Organisierung der armen und unteren Schichten im Klassenkampf entgegengewirkt werden. Die weiße Arbeiterklasse – vor allem diejenige im Norden – befürchtete vielfach die Konkurrenz von schwarzen Billigarbeitskräften. Die lange Zeit von den Weißen beherrschte Gewerkschaft American Federation of Labour (AFL) unterstützte diese Haltung vielfach und lehnte es bis nach dem Ersten Weltkrieg ab, Schwarze in ihre Reihen aufzunehmen. Schwarze wiederum ließen sich als Streikbrecher mobilisieren. So geschehen 1863 beim Hafenarbeiterstreik, wo das Dilemma und die üble Politik der weißen herrschenden Klasse besonders offenkundig hervortrat: Es „traten 3000 [weiße; W.W.] Hafenarbeiter in den Lohnstreik. Schwarze nahmen unter Polizeischutz ihre Plätze ein. Als die Regierung nun damit begann, arbeitslose Weiße einzuberufen“ – all das geschah inmitten des Bürgerkriegs! – „empfanden diese das als blanken Hohn, der das Unrecht der Entlassung verdoppelte: Man hatte auf ihre Arbeitsplätze Schwarze gesetzt und schickte sie jetzt in einen Krieg, der noch mehr Schwarze befreien sollte.“[20]

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in großem Umfang zu rassistischen Auseinandersetzungen innerhalb der arbeitenden Klasse. So vereinbarten 1927 die Vereinigten Bahnhofsgesellschaften von Atlanta in einem Abkommen, weißen Heizern bei Einstellungen Vorrang vor schwarzen Heizern zu geben. 1932 wurden zehn schwarze Eisenbahnarbeiter von weißen Bahnbeschäftigten der Illinois Central Railroad bei rassistischen Angriffen getötet. Einen Durchbruch an dieser fatalen Front brachte die Gründung der Brotherhood of Sleeping Car Porters and Maids (der Bruderschaft des Schlafwagenpersonals) 1925 bei der Pullman Company, die im Zeittraum 1926 bis 1937 beispielhaft für die erfolgreiche Organisierung von schwarzen und weißen Bahnbeschäftigten war.[21] Vergleichbare Fortschritte gab es in der Folge in den Schlachthöfen, in der fleischverarbeitenden und in der Bekleidungsindustrie. Die Gründung der Gewerkschaft Committee for Industrial Organisation (CIO), die von vornherein eine Organisierung „unabhängig von ihrer Rasse“ betrieb, bedeutete einen gewaltigen Fortschritt zur Reduzierung der gefährlichen Spaltung unter den Lohnabhängigen.

Während des Zweiten Weltkriegs – und im Vorfeld des Eintritts der USA in den Krieg – kam es erneut zu Frontstellungen entlang der Hautfarbe. Die Industrie stellte in großem Umfang auf Rüstungsproduktion um. Bislang war die Industrie fast vollkommen von weißen Arbeitskräften bestimmt. Die bereits erwähnte Brotherhood of Sleeping Car Porters and Maids begann im Januar 1941, einen Marsch auf Washington zu organisieren, um in der gesamten Industrie die Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß herzustellen. US-Präsident Roosevelt fürchtete die Reaktionen der rassistischen NSDAP, die die rassistische US-Politik bloßstellen könnte – und erließ am 25. Juni 1941 die „Executive Order 8802“, in der er erklärte, dass „es bei der Beschäftigung von Arbeitern in der Rüstungsindustrie oder im Öffentlichen Dienst keine Diskriminierung geben darf aufgrund von Rasse, Glauben, Hautfarbe oder nationaler Herkunft und es Pflicht von Unternehmern und Gewerkschaften ist, […] für die volle und gleichberechtigte Beteiligung aller Arbeiter in Betrieben der Rüstungsindustrie […] zu sorgen.“[22]

Dennoch blieb es im Grundsatz in den USA bei dieser Spaltung der Gesellschaft entlang der Hautfarbe der Menschen. Die Mittel zur Spaltung, der Rassismus und die diesen begründenden und verstärkenden Gesetze und Maßnahmen, sind bis heute wirksam. Dass die Geschichte auch völlig anders hätte verlaufen können, zeigen die Länder Uruguay und Argentinien. In diesen gab es – gemessen an der Bevölkerung – im 16. bis 18. Jahrhundert vergleichbar viele Menschen aus Afrika, die als Sklaven dort landeten und strandeten. Doch in diesen beiden Ländern hat sich die Bevölkerung völlig vermischt. Während es in Uruguay zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts noch einige Verbände gab, die sich dem kulturellen Erbe Afrikas verbunden fühlten, gibt es solche heute nicht mehr – vor allem als Resultat dieser Vermischung. Es gibt in diesen Ländern auch keinen Rassismus, der mit demjenigen in den USA vergleichbar wäre. Dafür fehlt eine Basis.

Weitermarschieren auf der endlos langen Straße

„Black Lives Matter“ – Diese Losung steht im Grunde für den jahrhundertelangen Kampf der Emanzipation der Afroamerikaner. Das Leben der Afrikaner in den beiden Amerikas zählte jahrhundertelang nichts – in den Augen der Herrschenden und Kolonialisten waren es – bereits rein formal – keine Menschen, sondern Sachen; Buchwerte und Unwerte. Und als die formelle Sklaverei aufgehoben wurde, waren die Afroamerikaner in den Augen der Rassisten Untermenschen; sie kommen, wie der Rassist Trump zu sagen pflegt, aus „Shithole Countries – aus Drecksloch-Staaten“. Und da viele von ihnen getötet wurden, sind es – so ebenfalls der amtierende Präsident – „alles nur Verlierer“, die es ist nicht wert sind, ihrer zu gedenken.[23]

Die 2013 entstandene Black-Lives-Matter-Bewegung steht in der langen Tradition eines engagierten, kreativen und vielfältigen Widerstands, den diese Jahrhunderte lang Versklavten, Verschleppten und bis heute systematisch Diskriminierten leisten. Wer weiß heute noch, dass es im Nordosten Brasiliens, in Alagoas, in den Jahren 1630 bis 1697 die Republik Palmares gab, ein Staat der Afrikaner: Zehntausende entlaufene Sklaven hatten sich dort niedergelassen. Sie trotzten jahrzehntelang mehreren Belagerungen durch Portugiesen und Holländer. Erst 1697 konnte eine überlegene Militärmacht die Befestigungen überwinden und die Stadt einnehmen. Die Anführer der auch „Maronen“ genannten Aufständischen stürzten sich von einem Felsvorsprung in den sicheren Tod. Wer wusste bis vor kurzem etwas von der „Underground Railroad“ mit ihren Tausenden Organisatoren und Quartiermeistern – unter ihnen einige hundert Weiße? Wer kennt heute noch die großartigen Analysen und Schriften von W.E.B. Du Bois und das vor 115 Jahren, 1905, erstmals gegründete Niagara Movement, was sich später zu der jahrzehntelang bedeutenden und oft erfolgreichen Massenorganisation National Association for the Advancement of Coloured People – NAACO – entwickeln sollte? Von der Bürgerrechtsbewegung, die Mitte der 1950er Jahre begann und ihren Höhepunkt Anfang der 1960er Jahre erlebte, sind zwar noch die Namen Martin Luther King und Malcolm X präsent. Vielleicht auch noch die Sätze aus der berühmten, letzten großen King-Rede „I have a dream“. Kaum bekannt sein dürfte, als wie bedrohlich die herrschende Klasse in den USA die damaligen Massenmobilisierungen empfand, welche gewaltigen finanziellen, geheimdienstlichen und Polizeigewalt-Mittel sie einsetzten, um die führenden Köpfe dieser Bewegung einzukaufen, zu zerstören und diese sogar – so im Fall der Black-Panther-Aktivisten – zu ermorden. Die Erfolge, die die Massenbewegungen der 1960er Jahre mit sich brachten, sind bis heute von Bedeutung: Große Teile des beschriebenen Rollbacks, das auf den Bürgerkrieg gefolgt war, mussten zurückgenommen werden. Dies dürfte auch damit zu tun haben, dass diese Bewegung parallel zum Vietnamkrieg verlief – und dass der US-Imperialismus in diesem Krieg zum ersten Mal eine schwere, militärische Niederlage hinnehmen musste. Die Schwächung außen war zugleich eine Schwächung im Inneren – und verschaffte der Emanzipationsbewegung Spielräume.

Ganz offensichtlich ist die von Rassisten vielfach vorgetragene Behauptung, Schwarze erduldeten ihr Schicksal oder würden bestenfalls unkontrolliert rebellieren, falsch. Es gibt ein breites Spektrum gut organisierter Bewegungen für die Emanzipation der Afroamerikaner, mit Verästelungen in die Bereiche Kultur, Kunst, Musik und Sport. Die antirassistischen Statements der US-Basketball-Profis in den Jahren 2018 bis 2020, allen voran die Aussage von Colin Kaepernick „Believe in something. Even if it means sacrificing everything. – Glaube an eine Sache. Auch wenn das bedeutet, alles zu opfern“, steht in der Tradition des Protestes vom 16. Oktober 1968, als bei den Olympischen Spielen in Mexiko die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung die Fäuste in die Höhe streckten – bekleidet von schwarzen Handschuhen. Das inzwischen ikonische Foto wird noch übertrumpft von dem ikonischen Satz, den der berühmteste Boxer aller Zeiten, Muhamed Ali, sagte, als er im Juni 1967 den Wehrdienst – und damit den Militärdienst in Vietnam – verweigerte: „I ain´t got no quarrel with them Vietcong – Ich hab doch mit diesem Vietcong keinen Streit“.

Rassismus wird von den Herrschenden immer wieder aufs Neue – in mal feiner und in mal weniger feiner Dosierung – als Spaltmittel eingesetzt. Armin Laschet weiß, dass Bulgaren das Virus nach Rheda-Wiedenbrück brachten. Trump weiß, dass Corona „ein chinesisches Virus“ ist. Und das Rote Kreuz in den USA wusste noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, dass das Blut von Schwarzen und Weißen in den Blutbanken, die zur Rettung Verwundeter eingerichtet sind, getrennt gehalten und verwendet werden muss. Die banale Erkenntnis, dass die entscheidende Trennlinie diejenige ist, die entlang der sozialen Klassen verläuft, kann vor dem Hintergrund dieser rassistischen Pandemie leicht vergessen werden. Und dabei auch, dass der Rassismus erst von der modernen Gesellschaft – und das ist die kapitalistische – erfunden wurde, eben allein zum Zweck der Spaltung. W.E.B. Du Bois: „Die Entdeckung der Weißheit einer Person ist unter den Völkern der Erde eine sehr moderne Sache – erst eine Sache des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Antike hätte über eine derartige Entscheidung nur gelacht. Das Mittelalter betrachtete die Hautfarbe mit gelinder Neugier, und selbst im 18. Jahrhundert hämmerten wir solange und mit vollem Eifer an unserem nationalen Männeken, bis daraus der große universale Mensch geworden war, und ignorierten Hautfarbe und Rasse noch mehr als die Geburt. Heute haben wir all das geändert, und die Welt hat in einer plötzlichen, emotionalen Wallung entdeckt, dass sie weiß ist und nur deshalb wundervoll.“[24]

Winfried Wolf ist Chefredakteur von Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie. Am 22. September erscheint Heft 22 von LP21; Teil des 68-seitigen Magazins ist ein 30-Seiten-LP21-Spezial zu den Wahlen in den USA. Siehe: lunapark21.net

Titelbild: Everett Collection/shutterstock.com


[«1] Es lohnt, sich das Interview anzusehen – hier: youtube.com/watch?v=7UoO6e8WWxk

[«2] Lincoln in einem Briefwechsel mit dem Herausgeber der New Yorker Tribune im Jahr 1863, hier wiedergegeben in: Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Berlin 2007, S. 186. In den USA erstmals 1980 erschienen als „A Peoples History of the United States“.

[«3] Karl Marx, Das Kapital, MEW 25, Seite 779.

[«4] Walter Rodney, Afrika, Geschichte einer Unterentwicklung, englisch 1972, deutsch Berlin 1975, S.71.

[«5] Gustavus Myers, Money, Wem die Rockefellers, Astors, Vanderbilts, Pullmanns, Carnegies, Morgans etc. das Geld abnahmen, Frankfurt/M. 1979, S.4.

[«6] Rodney, a.a.O., S. 73.

[«7] John Hope Franklin und Alfred A. Moss (Jr.), Von der Sklaverei zur Freiheit. Die Geschichte der Schwarzen in den USA, verschiedene US-Ausgaben im Zeitraum 1947 bis 1994; deutsch: Berlin, 1999, Seite 69. Der Enkel des zu diesen Zahlen Zitierten schreibt in jeder LP21 den Beitrag im Ressort „Geschichte und Ökonomie“.

[«8] Bernd Stöver, Geschichte der USA. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart, München 2019, S.70.

[«9] Eduardo Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas. Die Geschichte eines Kontinents, Uruguay 1971, deutsche Ausgabe: Wuppertal 1986, S. 33.

[«10] Zitiert bei Rodney, a.a.O., S. 71.

[«11] Ernest Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt/M. 1970, S.454ff.

[«12] Nach: Stöver, a.a.O., S. 204.

[«13] Franklin/Moss, a.a.O., S. 173.

[«14] Franklin/Moss, a.a.O., S. 111.

[«15] Ebenda, S. 128.

[«16] Zitiert bei Howard Zinn, a.a.O., S.185. Es gibt auch beeindruckende Reden Lincolns, wonach „alle Menschen gleich geschaffen sind“ und man „Streitereien über diese und jene Rasse über Bord werfen“ möge. Diese wurden dann vor Nordstaaten-Publikum gesprochen. Die Behauptung, Lincoln sei diesbezüglich schwankend oder schillernd gewesen, muss angezweifelt werden. In seiner praktischen Politik überwogen durchaus rassistische Elemente – so wenn er massiv dafür eintrat, dass die in den USA lebenden Schwarzen wieder nach Afrika zurückgehen und dort neu angesiedelt werden sollten.

[«17] Nach Franklin/Moss, a.a.O., S.287.

[«18] Im Juni 1916 nahmen im texanischen Waco an der öffentlichen Erhängung des geistig zurückgebliebenen 17-jährigen Jesse Washington 15.000 Menschen teil. Es wurden Ansichtskarten in Verkehr gebracht mit dem Foto des Erhängten. Siehe Stöver, Geschichte der USA, a.a.O., S.225.

[«19] Zinn, a.a.O., S.306.

[«20] Franklin/Moss, a.a.O., S.295.

[«21] Bei der Pullman-Eisenbahngesellschaft – überwiegend Schlafwagen-Züge – waren Mitte der 1920er Jahre bis zu 40.000 Schaffner und „Diener“ beschäftigt.

[«22] Zitiert bei Franklin/Moss, a.a.O., S.612.

[«23] Shithole Countries: Siehe Die Zeit vom 18. Januar 2018. Trump nannte die im Zweiten Weltkrieg gefallenen US-Soldaten “Verlierer”, weswegen er einen 2018 geplanten Besuch auf dem US-Soldatenfriedhof Aisne-Marne bei Paris abgesagt hatte. Nach: Stern vom 4. September 2020.

[«24] W.E.B. Du Bois, Darkwater, Voices from Within the Veil, New York 1920, S. 30f.

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