Medien und Corona – Taktgeber mit ersten Selbstzweifeln?
Medien und Corona – Taktgeber mit ersten Selbstzweifeln?

Medien und Corona – Taktgeber mit ersten Selbstzweifeln?

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Das Thema Corona dominiert auch im Spätsommer die mediale Berichterstattung. Trotz der mittlerweile deutlich entspannten Lage ist die Berichterstattung nach wie vor vor allem von Alarmismus geprägt. Langsam muss man gar die Frage stellen, ob die vielfach von Kritikern zu recht gescholtene Politik hier noch der Treiber oder längst der Getriebene ist. Es gibt jedoch auch eine zarte Hoffnung am Horizont. Mit Stefan Aust, Stephan Hebel und Jakob Augstein haben sich in den letzten Wochen bereits drei namhafte Journalisten zu ihren Selbstzweifeln bekannt. Doch auch drei Schwalben machen noch keinen Sommer und von einem branchenweiten Umdenken kann leider überhaupt nicht die Rede sein. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

In der letzten Woche meldete sich der WELT-Herausgeber Stefan Aust mit einer sehr lesenswerten Generalabrechnung an die Politik zu Wort – selbstkritische Worte zur Rolle der Medien und des eigenen Blattes sucht man dabei jedoch vergebens. Wenn Aust von der Politik fordert, „vom Panik-Modus zurück in den Normalitäts-Modus“ zu schalten, so ist dies erfreulich. Noch erfreulicher wäre es jedoch, wenn er diese Forderung auch deutlich an seine Kollegen adressiert hätte. Es wirkt schon ein wenig befremdlich, wenn der Herausgeber einer der größten deutschen Zeitungen der Politik generös zugesteht, dass „nach den Bildern aus China und aus Norditalien rigide Maßnahmen notwendig“ waren, dabei aber nicht erwähnt, wer diese Bilder publiziert hat, ohne sie einzuordnen. Auch die WELT hat damals mit Bildern von Särgen und Horrorszenarien das Umfeld geschaffen, in dem die Politik ihre „rigiden Maßnahmen“ durchsetzen konnte. Auf die Einordnung dieser Bilder und Meldungen mussten Leser der WELT mehr als ein halbes Jahr warten. Läge es da nicht nahe, von der WELT eine selbstkritische Aufarbeitung zu fordern? Die wäre dringend nötig, gehörte doch die WELT immer wieder zu den Negativbeispielen, die von den NachDenkSeiten für ihren Alarmismus kritisiert wurden.

Selbstkritischer geht da der Frankfurter-Rundschau-Redakteur Stephan Hebel mit der Branche und auch mit seinem Blatt ins Gericht. Hebel forderte am Wochenende seine Leser zu einem Dialog auf. Dies sei, so Hebel, als „selbstkritisches Angebot“ zu verstehen, mit der Zeitung über deren Berichterstattung zu sprechen. Dabei thematisiert er auch die Unzufriedenheit der Leser und den Vertrauensverlust des Blattes in Folge dessen Corona-Berichterstattung. Das ist vorbildlich und in seinem durchaus lesenswerten Artikel gibt sich Hebel in der Tat selbstkritisch und stellt wichtige und richtige Fragen. Wie ernst dieses „selbstkritische Angebot“ gemeint ist, ist jedoch nur schwer zu bewerten, zumal die Selbstkritik in sich inkonsistent ist. So gesteht Hebel beispielsweise ein, dass die von Lesern vorgebrachte Kritik, auch die FR hätte sich bei ihrer Berichterstattung über die Berliner Corona-Demonstrationen zu einer Fokussierung auf „rechtsradikale Minderheiten“ verleiten lassen, legitim sei, nur um dann lang und breit auf eben jene Minderheiten einzugehen. Es wäre jedoch unfair, dies nun ausgerechnet gegen Stephan Hebel zu verwenden; immerhin traut er sich, seine Position offen zu begründen und gegen Kritik zu verteidigen, was in der Branche ja leider nur selten vorkommt. Ob der angestrebte Dialog so aber die enttäuschten Leser zufriedenstellt, steht auf einem anderen Blatt.

Auch andere namhafte Personen der Branche sind mittlerweile auf Distanz zur Berichterstattung gegangen und äußern sich kritisch und selbstkritisch. So stellte der Publizist Jakob Augstein via Twitter fest, dass die Fehleinschätzungen von Politik und Medien vielen Menschen Schaden zugefügt hätten.

In diesem Punkt muss man Augstein sicher recht geben und es ist äußerst erfreulich, dass Personen, die im Rampenlicht stehen, sich mit solchen kritischen Anmerkungen aus den Schützengräben wagen – es ist schon fast überflüssig zu erwähnen, dass Augstein für dieses Bekenntnis auf Twitter einen Shitstorm erntete, der sich gewaschen hat.

All diese erfreulichen Äußerungen einiger weniger Journalisten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Medienmaschinerie nach wie vor ohne nennenswerte Selbstzweifel den Takt angibt und ein Umschwenken selbst mit viel Phantasie nicht zu erkennen ist. Erst heute haben wir in den Hinweisen zwei Beispiele (Deutsche Welle und Redaktionsnetzwerk Deutschland) aufgeführt, die hart an der Grenze zu Fake News Zahlen aus dem Zusammenhang reißen und dabei jegliche journalistische Sorgfalt vermissen lassen. Einflussreiche und reichweitenstarke Medien wie die Nachrichtenformate von ARD und ZDF oder der SPIEGEL „glänzen“ sogar durch eine besonders kompromisslose alarmistische Linie und abseits von Corona sieht es ja keinesfalls besser aus, wie beispielsweise die durch und durch einschlägige Russland-Berichterstattung jeden Tag aufs Neue zeigt.

Die NachDenkSeiten dokumentieren und kritisieren diese Entwicklung schon seit ihrem Bestehen und es ist überhaupt nicht zu erkennen, dass sich hier etwas zum Besseren entwickeln könnte. Im Gegenteil. Noch nie war das beinahe kollektive Versagen der Medien so offensichtlich wie heute. Dialogangebote und vereinzelte Spuren von Selbstkritik reichen da nicht mehr aus. Wer verlorenes Vertrauen zurückgewinnen will – so dies überhaupt noch möglich ist – müsste Taten statt Worte sprechen lassen.

Titelbild: FGC/shutterstock.com

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