Corona-Bürgertalk löst Shitstorm aus
Corona-Bürgertalk löst Shitstorm aus

Corona-Bürgertalk löst Shitstorm aus

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Wie stromlinienförmig und uniform die allermeisten Sendungen in den Öffentlich-Rechtlichen zur großen „Corona-Thematik“ doch sind, merkt man besonders, wenn es mal einen Ausreißer gibt. Einen solchen gab es am Montag letzter Woche in einem ARD-extra, das jedoch leider bei den anderen ARD-Formaten ohne Konsequenzen blieb. Einen weiteren Ausreißer „leistete“ sich der WDR, der im Format „Ihre Meinung“ am letzten Donnerstag das Publikum zu Wort kommen ließ und das war in der Mehrheit so gar nicht auf offizieller Linie. Es kam, wie es kommen musste. Der Shitstorm der „Lockdown-Fraktion“ ließ sich nicht lange auf sich warten. Man ist zwar für Meinungsfreiheit, aber nur für die „richtigen“ Meinungen. Und was „richtig“ ist, bestimmen offenbar die Bundesregierung und die Medien. Wie traurig. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Umfragen suggerieren eine große Zustimmung der Bevölkerung zu den Corona-Maßnahmen. Diese „simulierte Übereinstimmung“ ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Tobias Riegel hatte gestern dazu etwas auf den NachDenkSeiten geschrieben. Subjektiv kommen einem da zumindest Zweifel. Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass eine übergroße Mehrheit hinter den Maßnahmen steht, so erwecken bei mir die – natürlich nicht repräsentativen – Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis ein wesentlich differenziertes Bild. Zwar gibt es dort in der Tat nur wenig „Fundamentalkritik“, einzelne Maßnahmen wie die Maskenpflicht in Schulen oder die oft rational nicht nachvollziehbaren Auflagen für Kultur und Gastronomie finden jedoch selbst bei den wenigen CDU-Wählern in meinem Umfeld kaum Unterstützung. Hier scheint es doch einen deutlichen Dissens zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung zu geben.

Wie groß dieser Dissens in diesem und in anderen Punkten sein könnte, zeigte die WDR-Sendung „Ihre Meinung“ mit Bettina Böttinger. In diesem Format kommen die Zuschauer zu Wort und das bei der Live-Sendung in der Gemeinde Lindlar anwesende Publikum war mehrheitlich so gar nicht auf Linie der „Lockdown-Fraktion“. Ein Meinungsbild, das vor allem diejenigen überraschen dürfte, die sich dieser Fraktion zugehörig fühlen. Dabei war der Großteil der Zuschauer-Äußerungen in seiner Kritik durchaus differenziert. Insgesamt kam so ein vielleicht überraschendes Meinungsbild, das so gar nicht mit den „O-Tönen“ übereinstimmt, die ansonsten gefiltert über den Äther gehen. Aber schauen Sie sich – sofern noch nicht geschehen – die Sendung doch selbst an. Es lohnt sich.

Dass derlei ungefilterte „Volksmeinungen“ natürlich auf Seiten derer, denen die Maßnahmen gar nicht hart genug sein können, schwere kognitive Dissonanzen hervorrufen, war zu erwarten. So hat es auch nicht lange gedauert, bis auf dem Medienblog „Übermedien“ ein junger Fernsehjournalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seine erboste und undifferenzierte Meinung zur Sendung kundtat. Frei nach Peter Handke handelte es sich dabei um eine Publikumsbeschimpfung der besonderen Art. „Pippi Langstrumpf und die Maskengegner“ hätten den „WDR-Bürgertalk gekapert“. Denn was nicht sein darf, kann auch nicht sein – gefangen in der eigenen Filterblase wird jeder, der Kritik an den Maßnahmen der Regierungen äußert, zum „Verharmloser“ und wenn man sich selbst als Medienprofi zu fein für härtere Ausdrücke ist, bindet man halt den vorprogrammierten Shitstorm auf Twitter ein und lässt ihn für sich sprechen.

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Und der Shitstorm ließ natürlich nicht lange auf sich warten, da auch die Echokammer auf Twitter mit Aussagen, die der eigenen Meinung zuwiderlaufen, so gar nichts anfangen kann. So wurden aus den Gästen des Bürgertalks gleich „Aluhüte“, „Irre“, „Verwirrte“, „Corona-Leugner“ oder – zumindest gendergerecht formuliert – „Verschwörungsschwurbler*innen“.

Und diese Aussagen sind keine handverlesenen Ausnahmen, sondern spiegeln exakt das Meinungsbild der „Community“, die jedoch glücklicherweise ebenfalls alles andere als repräsentativ ist. Wer sich jedoch innerhalb dieser „Community“ befindet und über dieses „soziale Netzwerk“ seine Meinung bildet – darunter übrigens erstaunlich viele Journalisten – läuft nicht nur Gefahr, die Mehrheitsmeinung einer kleiner Gruppe mit der Mehrheitsmeinung der Gesellschaft zu verwechseln, sondern neigt oft dazu, aus dem Reigen an Argumenten und Positionen nur diejenigen zuzulassen, die zur Gruppenmeinung passen (man spricht hier von „Confirmation Bias“) und gegenläufige Argumente als „falsch“ einzuordnen. Die WDR-Sendung war somit der ultimative Test für diese Szene, an dem sie erwartungsgemäß gescheitert ist.

Dieses Fallbeispiel zeigt einmal mehr die von den NachDenkSeiten schon lange kritisierte Polarisierung und das zunehmende Auseinanderdriften der Fraktionen bei der „Corona-Thematik“. Es ist bei allem Optimismus nicht davon auszugehen, dass sich das Publikum des WDR-Bürgertalks und die aufgebrachte Twitter-Meute jemals an einen Tisch setzen und konstruktiv debattieren können. Diese Spaltung ist eine Folge des gleichförmigen politischen Diskurses, der kaum Argumente jenseits der Regierungslinie zulässt, und mehr noch der gleichförmigen Berichterstattung der Medien, die jegliche Kritik gerne mit eben jenen Begriffen abtun, die jetzt auf Twitter in einen Shitstorm gepackt werden. Ob diese Polarisierung wieder einzufangen ist, ist fraglich.

Titelbild: Screenshot WDR

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