Verschwörungstheorien aus dem Netz – eine irreführende Kampagne zur Verteidigung der Deutungshoheit
Verschwörungstheorien aus dem Netz – eine irreführende Kampagne zur Verteidigung der Deutungshoheit

Verschwörungstheorien aus dem Netz – eine irreführende Kampagne zur Verteidigung der Deutungshoheit

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Es werden immer mehr Verschwörungstheorien verbreitet und die kommen aus dem Netz. Diese beiden Thesen werden in letzter Zeit in einem aufgeregten Stakkato sowohl von klassischen Printmedien wie dem SPIEGEL als auch vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet – erst am Wochenende hatten wir auf die ZDF-Sendung „Ein Fall für Lesch & Steffens – Die Wahrheit über die Lüge“ aufmerksam gemacht, die diese beiden Thesen wiedergibt. Haltbar sind diese Thesen jedoch nicht. Warum also diese Kampagne? Es handelt sich hierbei um ein Paradebeispiel einer Methode, die Albrecht Müller in seinem Buch „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ als Wippschaukeleffekt“ bezeichnet – je düsterer Internetmedien dargestellt werden, desto heller strahlen die klassischen Medien. Es geht um die Verteidigung der Deutungshoheit und gezielt wird dabei auch auf uns. Von Jens Berger.

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Bevor wir uns die Thesen näher anschauen, sollten zunächst einmal ein paar Fragen zur Definition beantwortet werden. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist an sich ja ein neutraler Begriff. Er bezeichnet eine Arbeitshypothese, mit der man die Möglichkeit überprüft, dass sich mehrere Personen oder Institutionen im Geheimen verabredet, also verschworen, haben, eine Tat zu begehen. Jedem Kriminalbeamten, aber auch jedem Journalisten sollte dieser Ansatz bekannt vorkommen. Diese Definition soll hier jedoch erst einmal keine Rolle spielen, da der Begriff in der öffentlichen Debatte ganz anders verwendet wird.

Wenn in den klassischen Medien von Verschwörungstheorien die Rede ist, geht es vielmehr meist um wilde Spekulationen, die ein wenig „spinnert“ klingen und es ja meist auch sind. Dies ist durchaus im Sinn derer, die den Begriff für Kampagnen nutzen, da sich gerade diese „spinnerten“ Geschichten gut zur Meinungsmache eignen. Wer würde schon ernsthaft ein Medium verteidigen, das die These vertritt, dass die Mächtigen dieser Welt in Wahrheit außerirdische Echsenwesen sind, die die Menschheit versklaven wollen? Diese These stammt übrigens aus einem Buch des Verschwörungstheoretikers David Icke aus dem Jahr 1999 – einer Zeit, in der das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und noch niemand sich über grassierende Verschwörungstheorien beklagte. Warum eigentlich?

These 1: Es werden immer mehr Verschwörungstheorien verbreitet

An dieser Stelle eine auch nur halbwegs umfassende Übersicht zur Geschichte der Verschwörungstheorien darzustellen, würde den Rahmen sprengen. Wer sich tiefer mit der Thematik beschäftigen will, dem sei das „Lexikon der Verschwörungstheorien“ von Robert Anton Wilson empfohlen. Bestimmend in der öffentlichen Debatte waren klassische Verschwörungstheorien erstmals in den 1950er und 1960er Jahren, als in den USA hinter allem und jedem, was dem damals vorherrschenden reaktionären Weltbild widersprach, eine internationale kommunistische Weltverschwörung gesehen wurde – getragen von Freimaurern, Illuminaten und Juden. In der „McCarthy-Ära“ führten diese Verschwörungstheorien zu Schwarzen Listen und Berufsverboten. Später wurden diese Verschwörungstheorien von ultrarechten Think Tanks wie der John Birch Society am Leben gehalten und immer wieder in Büchern weitergesponnen, wie in dem 1991 erschienenen Buch „The World Order“ des TV-Predigers und Radiomoderators Pat Robertson.

Die modernen Verschwörungstheorien, über die derzeit so aufgeregt berichtet wird, wie Pizza-Gate oder QAnon, bauen letztendlich nur auf diesen weitaus älteren Geschichten auf und sind im Kern weder neu noch – in welcher Form auch immer – erfolgreicher als diese. Es ist auch nicht richtig, dass immer mehr Menschen an derartige Verschwörungstheorien glauben oder sie häufiger verbreiten würden. Während des Kalten Krieges gehörte es in den erzkonservativen Kreisen dies- und jenseits des Atlantiks durchaus zum guten Ton, an eine kommunistische Weltverschwörung zu glauben und in den dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte war der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung ja ebenfalls nicht gerade selten. Wer heute von einem Boom der Verschwörungstheorien spricht, scheint dies zu vergessen oder zu verdrängen.

These 2: Verschwörungstheorien kommen aus dem Netz

Es wäre wohl sinnlos, eine Affinität „des Internets“ zu Verschwörungstheorien zu leugnen. Schon lange bevor es das bunte World Wide Web gab, gehörten Verschwörungstheorien in den Usenet-Foren zu den beliebtesten Themen und wurden eine Art „Internetfolklore“, die sich selbst nicht immer so fürchterlich ernst nahm – so gehörte die 1994 ausgedachte „Bielefeld-Verschwörung“, die die Existenz der Stadt Bielefeld abstreitet, lange Zeit zu den beliebtesten Themen im deutschsprachigen Usenet. Später waren es in Deutschland vor allem die Foren des Heise-Verlags, die eine magische Anziehung auf Verschwörungstheoretiker – und Trolle – ausübten. In den USA machte hier vor allem das Imageboard 4chan von sich Reden. Wer nun aber denkt, diese Internetmedien hätten die Verschwörungstheorien „erfunden“, irrt.

Mit Ausnahme skurriler Einzelfälle, wie der „Bielefeld-Verschwörung“, wurden und werden in diesen Internetmedien meist nur Verschwörungstheorien aufgegriffen und diskutiert, die von anderen, traditionellen Medien in die Welt gesetzt wurden. Dazu gehören ganz klassische Bücher (s.o.), aber vor allem in den USA auch die berühmt-berüchtigten „Radio-Talks“. Berühmtberüchtigte Verschwörungstheoretiker wie Pat Robertson oder Alex Jones waren bzw. sind allen voran Radiomoderatoren, die ihre Thesen mit großer Reichweite über ihre eigenen Radiosender verbreiteten, bevor sie im Internet zweitverwertet wurden.

Richtig ist jedoch, dass Verschwörungstheorien vor allem im Internet diskutiert werden. Aber wo sollen sie denn auch sonst diskutiert werden? Wer nicht das Privileg einer eigenen Zeitungskolumne, Radio- oder Fernsehsendung hat, dem bleibt ja auch kaum etwas anderes übrig, als derartige Themen online zu diskutieren – was traditionell unter vier oder mehr Augen am Stammtisch diskutiert wird, ist ja für Außenstehende nicht wahrnehmbar. Die Vorstellung, dass Verschwörungstheorien eine „Erfindung“ des Netzes seien, ist jedoch nicht haltbar.

Verschwörungstheorien und die klassischen Medien

Bis hierhin wurde der Begriff „Verschwörungstheorie“ genau in jenem pejorativen Sinn gebraucht, der in der medialen Berichterstattung vorherrscht. Das ist nötig, um die Debatte zu erweitern und die neue Lust klassischer Medien an diesem Themenkomplex zu verstehen. Nicht umsonst behandelten beispielsweise Harald Lesch und Dirk Steffens in ihrer TV-Sendung „Die Wahrheit über die Lüge“ eben jene skurrilen Beispiele für Verschwörungstheorien, mit denen man vortrefflich Stimmung machen kann. Ähnlich verhält es sich mit den Printmedien und ihrem Spleen für QAnon oder das Treiben von Personen wie Atilla Hildmann. Drehen wir die Definition doch einfach einmal um. Welche Verschwörungstheorien wurden in den klassischen Medien verbreitet?

1990 meldeten beispielsweise fast alle Zeitungen und Fernsehsender, dass irakische Soldaten im besetzten Kuwait Säuglinge aus Brutkästen rissen und auf dem kalten Boden elendig verrecken ließen. Die Nachricht schlug ein, die „Weltgemeinschaft“ war empört und George Bush konnte seine lang geplante Invasion des Irak starten. Was folgte, war der erste Irakkrieg, Sanktionen und rund 1.500.000 Tote. Später kam heraus, dass die Story eine astreine PR-Lüge der Agentur Hill & Knowlton im Auftrag der kuwaitischen Exil-Regierung war. Die „Brutkastenlüge“ war somit eine klare Verschwörungstheorie, die von den klassischen Medien willfährig weiterverbreitet wurde.

Fast zehn Jahre später, im April 1999, zeigten auch deutsche Medien, wie man erfolgreich Verschwörungen unters Volk bringt. Im Kosovo verfolgten die Serben einen „Hufeisenplan“; Kosovaren würden in Katakomben zusammengetrieben, nun müsse die Menschheit ein „zweites Auschwitz“ verhindern. Auch in der Tagesschau liefen diese Meldungen, so wie im SPIEGEL und allen anderen so „seriösen“ Qualitätsmedien. Die Deutschen glaubten die Meldungen, waren empört und die rot-grüne Regierung konnte das Volk auf den ersten deutschen Angriffskrieg seit 1945 einstimmen. Der Wahrheitsgehalt dieser Meldungen? Es waren Lügen – eine Verschwörung, die rund 13.000 Opfer forderte. Wer damals die Erklärungen der Bundesregierung und der NATO hinterfragt hatte, war nach gängiger Lesart ein Verschwörungstheoretiker.

Dass Verschwörungstheorien auch von allerhöchster Stelle kommen können, bewies US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat. Faktenreich – heute würde man wohl eher „postfaktisch“ sagen – legte er dort Beweise vor, aus denen klipp und klar hervorgehen sollte, dass Irak Massenvernichtungswaffen besitze. Und da die Quelle ja über jeden Zweifel erhaben war, zeigten die Medien weltweit Powells PowerPoint-Folien und lieferten Bush jr., Blair und ihrer „Koalition der Willigen“ damit die Rückendeckung für den Zweiten Irakkrieg. Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden, Powells „Beweise“ waren Fälschungen, die ganze Kriegsbegründung eine Verschwörung, die später 500.000 Menschenleben auslöschen sollte.

In allen drei Fällen haben die klassischen Medien ein blamables Bild abgegeben und sich auf Knopfdruck entweder selbst zum Verschwörungstheoretiker oder zum Mitverschwörer gemacht. Wären dies keine guten Stories für eine Sendung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Lüge“? Inhaltlich ja, methodisch wohl nicht, da sie das Schlaglicht auf die klassischen Medien und deren Journalisten, aber nicht auf das „böse Netz“ und seine Bewohner richten.

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„Das Internet“ gibt es nicht

Wer ist überhaupt „das Netz“? In einschlägigen Berichten ist immer wieder entweder vom „Netz“ oder von den „sozialen Medien“ die Rede. Die Schlagrichtung ist klar – das (von echten Fernseh- oder Radiosendern) gesprochene oder (von echten Zeitungen auf Papier) geschriebene Wort ist glaubwürdiger als alle Informationen, die man „im Netz“ so findet. Das ist ein Generalangriff, der sich auch auf redaktionelle Medien wie Telepolis oder die NachDenkSeiten richtet, die online erscheinen. Doch diese Unterscheidung ist unsinnig, handelt es sich beispielsweise bei den NachDenkSeiten doch um ein redaktionelles Medium, das sich rein strukturell überhaupt nicht von einem klassischen Medium, wie beispielsweise der FAZ, unterscheidet. Hier und da gibt es Redaktionen, die eigene Artikel und Gastartikel schreiben, prüfen, redigieren und veröffentlichen. Technisch macht es dabei kaum einen Unterschied, ob der Artikel danach online geht oder in hunderttausendfacher Auflage auf Papier gedruckt wird. Insofern ist es höchst problematisch, wenn alternative Medien wie die NachDenkSeiten, die online in Form eines Weblogs oder kürzer Blogs erscheinen, nun als „soziale Medien“ bezeichnet werden.

Polemisch könnte man ja mal fragen: Was ist so „sozial“ an den NachDenkSeiten? Wir sind kein soziales, sondern ein redaktionelles Medium. Soziale Medien im herkömmlichen Sinne sind ja eben keine redaktionellen Medien, sondern Softwareplattformen, auf denen jedermann ohne jegliche redaktionelle Kontrolle Inhalte verbreiten kann. Dazu gehören beispielsweise Facebook und Twitter, aber auch die Videoplattform YouTube. Dass es dort, wo jedermann nahezu unkontrolliert „frei nach Schnauze“ schreiben oder reden darf, auch falsche und qualitativ minderwertige Äußerungen gibt, versteht sich von selbst. Aber ist das eine Nachricht?

Dass es auch bei redaktionellen Medien falsche und qualitativ minderwertige Äußerungen gibt, ist ebenso Fakt. Aber auch das ist keine Frage der Erscheinungsform und noch nicht einmal eine Frage der Größe. Wer käme auf die Idee, die FAZ mit der Bäckerblume gleichzusetzen, nur weil beide redaktionelle Medien sind, die auf Papier gedruckt werden? Deutschlands massivste Fake-News-Schleuder ist bekanntlich die BILD, ein Papiermedium mit klassischer Redaktion. Kämen Harald Lesch und Dirk Steffens auf die Idee, sich die größten Lügen der BILD vorzunehmen und dies mit der pauschalen Aussage zu verbinden, gedruckte Zeitungen würden Lügen verbreiten? So richtig eine solche Aussage im Einzelfall – sowohl für Internet- als auch für Papier-Medien – sein mag, so falsch wäre es, dies zu pauschalisieren. Lesch, Steffens und ihre Kollegen von den klassischen Medien machen jedoch genau dies, wenn sie immer wieder – direkt oder zwischen den Zeilen – von „dem Internet“, „Internetmedien“ oder „sozialen Medien“ sprechen und diese als Verschwörungstheoretiker diffamieren.

Der Wippschaukeleffekt und die Deutungshoheit

Was ist der Zweck dieser Kampagne? Und von einer Kampagne muss man leider alleine schon aufgrund der Häufung ja ausgehen. Sehen wir es doch einmal so: Je negativer, unglaubwürdiger und skurriler man „das Internet“ darstellt, desto glaubwürdiger wirken im Umkehrschluss die klassischen Medien. „Das Internet“ spinnt Verschwörungstheorien, die Faktenchecker der klassischen Medien klären auf und am Ende ordnen die Redaktionen der klassischen Medien die Versatzstücke dann auch noch portionsgerecht für den Leser ein. Je düsterer „das Netz“, desto strahlender die vermeintlich seriöse redaktionelle Arbeit der klassischen Medien. Deren Ruf ist zwar angeschlagen, aber solange man dem Publikum belegen kann, dass diejenigen, die den Ruf infrage stellen, ja Teil eines diffusen Sumpfes seien, wird die Kritik als solche diskreditiert. Wir haben es also mit einer PR-Kampagne zu tun; eine PR-Kampagne, die mit unlauteren Mitteln vorgeht.

Dass diese Kampagne zum Teil leider sogar erfolgreich ist, hatte Albrecht Müller bereits im Juni in seinem Artikel „Der Kampfbegriff einer super großen Koalition: Verschwörungstheoretiker!“ thematisiert und analysiert. Noch heute heißt es beispielsweise in der Wikipedia, die NachDenkSeiten „sähen sich in den letzten Jahren jedoch vermehrt dem Vorwurf ausgesetzt, Verschwörungstheorien zu verbreiten.“ Kein Einzelfall. Im Eintrag zu den Kollegen von „Telepolis“ ist zu lesen, sie „bedienten Verschwörungstheorien wie die von der Lügenpresse und verkauften diese als seriöse Nachrichten“.

Das ist interessant. Wer wirft den NachDenkSeiten denn vor, konkret an welcher Stelle Verschwörungstheorien zu verbreiten? Wenn man den Begriff – so ist es dann ja auch wohl gemeint – im pejorativen Sinne verwendet, ist der Vorwurf abstrus. Leser der NachDenkSeiten wissen das auch. Wer die NachDenkSeiten jedoch (noch) nicht kennt und auch nicht weiß, dass die Wikipedia weder seriös noch neutral ist, kommt bei diesem Satz natürlich schnell ins Schlingern – auch und gerade, wenn er noch die einschlägigen Berichte von Lesch und Co. im Hinterkopf hat. So schließt sich der Kreis und Kritiker werden diskreditiert. Oder ist das jetzt auch eine Verschwörungstheorie?

Titelbild: Media Whalestock/shutterstock.com