Medien und Medienkritik sind ein unzertrennliches Paar, beides ist wichtig für eine Demokratie
Medien und Medienkritik sind ein unzertrennliches Paar, beides ist wichtig für eine Demokratie

Medien und Medienkritik sind ein unzertrennliches Paar, beides ist wichtig für eine Demokratie

Ein Artikel von: Redaktion

Medienkritik und Medienanalyse kommt in unserer Zeit eine wichtige Bedeutung zu. Wer seine Informationen aus Medien erhält, sollte um die vielen Schieflagen in der Berichterstattung Bescheid wissen und Methoden an der Hand haben, um die präsentierten Informationen kritisch zu hinterfragen. Das gilt für den Umgang mit so genannten „Leitmedien“, aber auch bei Nutzung „alternativer“ Medien. An dieser Stelle setzt Sabine Schiffer vom Berliner „Institut für Medienverantwortung“ an. Im NachDenkSeiten-Interview gibt die Sprachwissenschaftlerin einen Einblick in Ihre Arbeit und beschreibt, was im Hinblick auf eine kritische Medienanalyse zu beachten ist. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Frau Schiffer, wie charakterisieren Sie den Zustand unseres Mediensystems?

Eine „Perle mit Defekten“. Das gilt allgemein für unser Mediensystem im internationalen Vergleich und das gilt auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesem System, was die Rundfunkstaatsverträge und die Finanzausstattung anbelangt – und somit das Potential zur Erfüllung der Aufgabe als Vierte Gewalt. Die immer noch guten Bedingungen bedeuten aber nicht, dass unsere Medien ihr Potential wirklich ausschöpfen; da gibt es noch sehr viel kritische Luft nach oben.

Eine „Perle mit Defekten“? Können wir nicht seit vielen Jahren ein Mediensystem beobachten, das gerade dann, wenn es darauf ankommt, eher an einen Totalausfall erinnert als an eine „Perle mit Defekten“? Also zumindest im Hinblick auf einen kritischen politischen Journalismus.

Tatsächlich wird auch unter Journalisten kritisch diskutiert, dass sich das Selbstverständnis des Berufes anscheinend gewandelt habe und man heute weniger machtkritisch als staatstragend unterwegs sei. Man darf dabei noch einen Schritt weiter gehen und sich fragen, inwiefern man noch als Vierte Gewalt agiert. Solche Debatten sind zu unterstützen, denn es sind bisher Randphänomene, was man an der Engführung so mancher Thematik oder dem unhinterfragten Bedienen von Freund- und Feindbildern immer wieder sehen kann. Das kritische Hinterfragen der eigenen Rolle zur Beförderung des Kosovo-Krieges nach demselben würde man sich als Dauerinstitution wünschen – stattdessen haben wir oft genug NATO-freundliche Perspektivübernahmen; um nur ein Beispiel zu nennen. Dennoch bleibt, dass wir kein Murdoch-Mediensystem haben. Es gibt also etwas, um das es zu kämpfen lohnt.

Lesen Sie dazu auch: „Medienzar Murdoch entschied gleich mehrmals, wer in GB regiert, außerdem gegen den Euro, für den Brexit u.a.m. – das nennt man Demokratie“ und „Verschriftung bzw. schriftliche Berichte zu drei Arte-Videos zu Murdoch“.

Medienkritik ist so alt wie die Medien. Die NachDenkSeiten betrachten schon seit Ihrer Gründung Medien immer wieder genauer. Neu ist die Kritik an den Medienprodukten also nicht, hat aber gerade in den vergangenen Jahren immer mehr an Fahrt gewonnen. Wie wichtig ist heutzutage Medienkritik?

Medien und Medienkritik sind ein unzertrennliches Paar, beides ist wichtig für eine Demokratie. Qualitätskontrolle und Qualitätsverbesserung sind ja in jedem Bereich von Bedeutung, aber hier besonders, weil es auch um die Organisation öffentlicher Diskurse geht, politische Meinungsbildung. Es gibt nirgendwo Grund, sich auf Lorbeeren auszuruhen – das gilt natürlich nicht nur für Medien, sondern ebenso für die Medienkritik, die teilweise in ein bedenkliches Fahrwasser zu geraten droht.

Die NachDenkSeiten sind ja der beste Beweis für die Notwendigkeit sachlicher Medienkritik. Einmal als medienkritisches Portal vor allem mit Blick auf die Wirtschaftsberichterstattung im Kontext der neokonservativen Wende von Rot-Grün mitsamt dem Abbau von Sozialstandards in der Agenda2010 entstanden, hat nicht zuletzt die Finanzkrise den Gründern Albrecht Müller und Wolfgang Lieb Recht gegeben. Gerade im Bereich der Wirtschaftsberichterstattung gilt immer noch, dass bestimmte Dogmen nicht hinterfragt werden – von Ausnahme-Journalisten wie Harald Schumann, Ulrike Herrmann oder Norbert Häring einmal abgesehen.

Sie haben nun ein Buch veröffentlicht, in dem nicht so sehr Medienkritik, sondern eher „Medienanalyse“ im Vordergrund steht. Was ist der Unterschied?

Es geht um die Stärkung von Medienkompetenz, damit Medienprodukte und auch der eigene Anteil an der Interpretation der dargebotenen Informationsfetzen beurteilt werden können. Man kann sich gerne und schnell über etwas aufregen, das einem nicht passt oder über das man vielleicht tatsächlich besser Bescheid weiß. Aber es sollte nicht um Geschmacksfragen, sondern um sachliches Prüfen gehen. Und da haben wir zunächst einmal nur die mediale Oberfläche. Über diese nähern wir uns dem Gegenstand. Ich möchte aufzeigen, dass jedes Medienprodukt ein Konstrukt ist, das bei gleicher Faktenlage anders aussehen und damit auch andere Wirkmöglichkeiten haben könnte. An den sprachlichen und bildlichen Zeichen, deren Anordnung und Einfärbung – also den Konstruktionsprinzipien einer jeden Darstellung – lässt sich viel ablesen. Im englischsprachigen Raum spricht man von Media Literacy. Im Deutschen bleibt die Kunst des „Zwischen-den-Zeilen-Lesens“ zu vage, es geht um präzise Instrumente und Methoden.

Ihnen geht es also darum, den Mediennutzern ein Instrumentarium an die Hand zu geben, um die Berichterstattung, einzelne Beiträge und Artikel besser verstehen zu können? Und: Warum ist das so wichtig?

Ja, es geht darum, jedem Beurteilungskriterien an die Hand zu geben, um nicht Glaubens-, sondern Wissensräume zu schaffen. Es geht darum, dass alle Interessierten diese Kriterien bei der täglichen Mediennutzung anwenden können. Diese Inhalte gehören auch unbedingt in ein Schulfach, damit Medienbildung nicht bei der naiven Gegenüberstellung von BILD vs. Süddeutscher Zeitung oder Nachrichtensendungen vs. Internet stehenbleibt, sondern in einer nachhaltigen Systematik unterrichtet werden kann. Damit soll auch ein Beitrag gegen das grassierende Doppelmaß geleistet werden, denn es kann doch in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht darum gehen, dass man mir sagt, wem ich glauben und wem ich misstrauen soll. Das ist unwürdig und funktioniert auch nicht mehr, weil die Menschen schon anderes erfahren haben; denn Fake-News sind ja wahrlich kein Spezifikum nur bestimmter Medien oder allein des Internets.

Wie sieht es mit Manipulation, mit Meinungsmache, mit Propaganda in den so genannten seriösen Medien aus?

Alle Menschen haben ihre eigenen Frames und Erwartungshaltungen, das gilt auch und nicht zuletzt für in den Medien Tätige. Das bedeutet, jede(r) sieht und wiederholt gerne das, was man schon glaubt. Es gibt natürlich auch klar auszumachende böse Absichten und Manipulateure, aber das alltägliche An-den-relevanten-Fakten-vorbei-Berichten können wir damit noch nicht genau fassen. Viele in den Redaktionen glauben, dass sie „abbilden“ können, was wirklich ist.

Mit diesem „Glauben“ sind wir im Fokus des Problems, oder? Vielen Medien und Journalisten fehlt die Distanz zu ihren eigenen Wirklichkeitsbildern.

Exakt. Wir alle leiden unter dem sogenannten Confirmation Bias, nehmen gerne das Erwartete wahr, übersehen das Unerwartete und bestätigen uns dann das eigene Bild. Das selbstkritische Hinterfragen, die Prüfung der Gegenthese und dergleichen mehr; das sollte in der journalistischen Aus- und Fortbildung mehr gefördert werden. Aber auch das bessere Erkennen gezielter Einflussnahmen.

Im Buch gibt es ein extra Kapitel zur Einflussnahme auf öffentliche Diskurse durch PR-Strategien. Dieser Teil richtet sich ganz besonders auch an die Medienmachenden, um mehr Bewusstsein dafür zu entwickeln, auf welche Tricks besonders zu achten ist. Dann kann man sich besser überlegen, ob und welche Rolle man in dem ganzen Spiel einnehmen möchte – denn zumeist sind angesehene Medien als Vehikel zur Vervielfältigung manipulativer Botschaften eingeplant.

Nochmal zur Medienanalyse. Was ist ein guter Ansatz, wenn man als Mediennutzer Medien kritisch betrachten möchte? Was gilt es sich vor Augen zu halten?

Allem voran steht die Erkenntnis, dass Sprache und Bilder aufmerksamkeitssteuernde Zeichen sind und niemals neutral sein können. Wer die Konstruiertheit einer jeden Darstellung erkennt und sich daran machen kann, diese zu dekonstruieren, leistet einen wichtigen Beitrag zur kritischen Reflexion von Meinungsbildungsprozessen. Dazu gehört die Bildanalyse ebenso, wie die von Wordings und Framings oder Anordnungsprinzipien in Sätzen, Texten oder Bildreportagen. Dabei kann man erkennen, wie handelnde Subjekte ausgeblendet werden oder Verantwortlichkeiten falsch zugewiesen werden, wie suggestiv auch mittels Verneinungen (falsche) Schlüsse nahegelegt werden. Man kann förmlich lesen, ob Autoren eines Beitrags bestimmte Positionen übernehmen oder ablehnen – auch ohne, dass sie dieses begründen; allein durch die Wahl von Modus oder Passivkonstruktion. Erst, wenn man an der Oberfläche auffällige Merkmale einer Art Nahelegung bzw. Suggestion erkennt, kann man mit alternativen oder tieferen Recherchen beginnen – und hier gilt es dann, die gleichen Kriterien der Sachlichkeitsprüfung anzuwenden.

Lassen Sie uns bitte etwas näher auf die Berichterstattung als ein Realitätskonstrukt eingehen.
Was sollte ein Mediennutzer beachten?

Es geht darum, alle interessierten Bürger zu befähigen, einen Medienbeitrag „zu lesen“ – also mit allen Inhalten, aber auch Meta-Botschaften. So berichtete anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar die ARD-Tagesschau davon, dass „nur wenige Überlebende in Auschwitz befreit wurden“. Diese Passivkonstruktion und der gesamte Bericht blendete die handelnden Subjekte, die Soldaten der Roten Armee, einfach aus. Während man sich gleichzeitig viele Gedanken darüber macht, wie man jungen Leuten dieses Gedenken vermitteln kann, wird hier ganz klar mit den Fakten gespielt und das betrieben, was man „Agent-Deletion“ nennt.

Worauf sollten Mediennutzer achten, wenn sie Zeitung lesen? Sprechen wir über „Wording“ und „Frames“. Was ist das? Würden Sie das bitte an einem Beispiel verdeutlichen?

Über Wortwahl (Wording) wird vergleichsweise viel unter Journalisten diskutiert, etwa kürzlich auf Twitter, ob man die Einsatzkräfte in Belarus nicht eventuell „Schlägertrupps“ nennen sollte. Oder dann, wenn es um rassismuskritischen Sprachgebrauch geht, ob und wie man das N-Wort vermeiden könne. Wenn dann die Begriffe ausgetauscht werden, aber die Kontexte stereotyp bleiben und über People of Color weiterhin vor allem in Problem-, Negativ- und Defizitkontexten berichtet wird, wird dann schon weit weniger konstruktiv gestritten. Leider bleiben auch viele Kritiker an der Wortkritik kleben.

Eine komplexere Kategorie scheint das Framing zu sein, das man ebenso mit Sprache und Bildern bedient – ob man will oder nicht, denn man kann nun einmal nicht nicht framen. Nehmen wir noch einmal die „Schlägertrupps“, der Deutungsrahmen (Frame) hier ist ein anderer, als wenn man von „Polizeikräften“ spricht. Vergleichbares gilt für „Demonstranten“, „Randalierer“, „Freiheitskämpfer“ oder „Mob“… Der Tausch, die Gegenprobe, entlarvt nicht selten die Schlagseite. Oftmals ist es nämlich nicht der Sachverhalt, der Wording und Framing bestimmt, sondern die Haltung, die in Nachrichtenagenturen oder Redaktionen gegenüber den Akteuren vor Ort eingenommen wird.

Die Gegenprobe zur Ermittlung von Doppelmaß und Bias kann man auch auf den Austausch von Pressefotos anwenden – je nachdem, welche Gruppe Menschen im Bild aktualisiert wird, dürfte das in der Berichterstattung Beschriebene auf diese Personengruppe projiziert werden.

Wie gehen Sie denn in Ihrer Medienanalyse vor? Worauf achten Sie?

Ich nenne hier einmal einige Stichworte, die sich an der Reihenfolge der Wahrnehmung orientieren und den Analyseweg aufzeigen: Bild oder Bildausschnitt, Perspektive, Farbgestaltung, Montage und Schnitt-Techniken – also Sinn-Induktionsangebote in Print, Audio und Video. Zur Sprach- und Inhaltsanalyse gehört die Analyse rhetorischer Mittel, eine systematische Prämissenanalyse, Attribute als Marker, Merkmale zur Distanzierung oder Faktizierung von Aussagen, Meinungs- und Faktentausch, Agent-Deletion-Techniken und Techniken zur impliziten Unterstellung von Kausalität. Auf den NachDenkSeiten befinden sich zwei meiner Videos , die einige Analysetechniken vorstellen.

Lassen Sie uns noch auf den Konflikt zwischen den so genannten etablierten, oder Leitmedien, und alternativen Medien eingehen. In der öffentlichen Diskussion werden Leitmedien gerne als „seriös“, Internetmedien als „unseriös“ dargestellt. So einfach ist es aber nicht, oder?

Genau. Fehler machen alle und Manipulationen finden sich auch überall. Ohne qualitative Unterschiede – gerade mit Blick auf Themenvielfalt – leugnen zu wollen, gilt es ganz klar, die gleichen Maßstäbe überall anzuwenden. Erinnert sei an den vermeintlichen BAMF-Skandal in Bremen oder die Hetze gegen Christian Wulff. Das haben die etablierten Medien ganz ohne Internetblogs hingekriegt. Im Gegenteil, teilweise gab es im Netz kritischere Stimmen.

Mediennutzern ist also zu empfehlen, kritisch in alle Richtungen zu sein – unabhängig von dem Medium als solches?

Ja, das ist eine der wichtigsten Botschaften meines Buches und meiner Arbeit insgesamt. Es gibt ja in keinem Medium durchgängig nur gute oder nur schlechte Beiträge. Darum braucht es klare und wiederum überprüfbare Kriterien, um jeden einzelnen Beitrag in seinen Stärken und Schwächen beurteilen zu können.

Titelbild: © Institut für Medienverantwortung

Lesetipp: Schiffer, Sabine: Medienanalyse – Ein kritisches Lehrbuch. Westend. 300 S. Feb. 2021. 20 Euro.

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