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Medienkritik ist nichts Neues. Ich erinnere an frühere Vorgänge, weil man daraus für heute lernen kann.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Medien und Medienanalyse, Medienkritik

Wenn man manche Internetseite liest oder so manchen Buchdeckel sieht, dann muss man den Eindruck gewinnen, die Medienkritik sei gerade erfunden worden, jedenfalls neu in Mode gekommen. Dass es gekaufte Journalisten gibt, dass Kampagnen in den Medien gefahren werden, dass gelogen wird und Lücken gelassen werden – das ist wahrlich nichts Neues. Hiermit soll auf einige interessante Vorgänge in der Vergangenheit aufmerksam gemacht werden, ohne den Anspruch der Vollständigkeit. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ich zähle einfach hintereinander die Vorgänge auf und setze, soweit es möglich ist, Links zur vertiefenden Information:

Paul Sehte, einer der Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat 1965 in einem Leserbrief an den Spiegel einen klassischen und die Situation bezeichnenden Ausspruch getan:

„Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Und weiter „Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.“ 

Näheres zum Thema und auch zur weiteren Entwicklung und der Konzentration in den Medien siehe hier auf den NachDenkSeiten.

Mein Buch „Meinungsmache“, erschienen 2009, enthält übrigens ein 62 Seiten langes Kapitel zum Thema unter der Überschrift: „Das Verschwinden der Medien als kritische Instanz“

Die Auseinandersetzung der 68er mit der Bild-Zeitung und dem Springer-Verlag

Die Springerblätter, insbesondere die Bild-Zeitung, haben gegen die 68er und übrigens auch gegen Arbeitnehmer agitiert. Die jungen Demonstrierenden haben damals an mehreren Stellen versucht, die Auslieferung von Springer-Zeitungen zu blockieren: in Berlin, in Hamburg, in Esslingen, in München zum Beispiel.

Hier ist eine Nachbetrachtung von Hans-Peter Schwarz aus dem Jahr 2008, mit Fotos:

POLITIK
1968
Als der Hass auf Axel Springer eskalierte
Von Hans-Peter Schwarz | Veröffentlicht am 23.02.2008 

 

Und hier noch ein Bericht des Spiegel von später

68er-Aufstand
Sturm auf Springer
Barrikaden, Pflastersteine, ausgebrannte Fahrzeuge: Aufgehetzt von der “Bild”-Zeitung schoss der Hilfsarbeiter Josef Bachmann am 11. April 1968 den Studentenführer Rudi Dutschke nieder. Das Attentat löste die “Osterunruhen” aus – die größten Straßenschlachten, die die BRD bis dahin gesehen hatte.

Arbeiter der Offenbacher Verkehrsbetriebe räumen Verkaufskästen der Bild-Zeitung ab. Dazu hier ein Bericht aus dem Spiegel vom 05.10.1970:

BILD-ZEITUNG
Recht der Arbeiter
Vierzig Arbeiter der Offenbacher Stadtwerke zerrten wütend am Verkaufskasten der “Bild”-Zeitung. “Das ist eine bodenlose Sauerei”, brüllten sie; “Giftköche! “Bild’-Scheißer! Kloppt das Ding zusammen! Holt Benzin!”
In handgreifliche Wut gerieten die Offenbacher Arbeiter über den groß aufgemachten “Bild”-Kommentar am Donnerstag vorletzter Woche gegen Finanzminister Alex Möller. In dem von “Bild”-Chefredakteur Peter Boenisch verfaßten Streifen hieß es: “Seit den Tagen des Joseph Goebbels hat es so etwas in unserem Land nicht mehr gegeben.”
Die hessischen Stadtwerker fühlten sich von Axel Springers Volksblatt wieder einmal provoziert. “Egal was die Gewerkschaften sagen”, so Erich Strüb, Personalratsvorsitzender der Stadtwerke, “oder was die Regierung, die vornehmlich von uns gewählt wurde, sagt — “Bild’ hetzt und hetzt und hetzt.”
Nur mit Mühe gelang es den Personalräten, den schlagenden Protest ihrer Kollegen zu bremsen. Die Unternehmensleitung willigte allerdings sofort ein, sämtliche Verkaufskästen des Blattes auf dem Werksgelände abmontieren zu lassen.

Es gab in jener Zeit mehrere Versuche, auf das Unwesen der Bild-Zeitung aufmerksam zu machen, auch durch grafische Umgestaltung des Logos. Aus BILD wurde BLÖD, oder WILD.

Keine Interviews für die Bild-Zeitung

Auf Betreiben des Bundesgeschäftsführers der SPD, Holger Börner, wurde im Präsidium der SPD verabredet, dass Spitzenpolitiker der SPD der Bild-Zeitung keine Interviews mehr geben sollten. Daran haben sich über eine gewisse Zeit hinweg sogar die Vertreter des rechten Flügels der SPD und die Seeheimer gehalten.

Selbst der nicht gerade linke sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt hat an der Minderung der Glaubwürdigkeit der Springer-Presse und insbesondere der Bild-Zeitung mitgewirkt. Ein Standardspruch bei seinen öffentlichen Reden vor Arbeitern und Gewerkschaftern lief etwa so: „Eines könnt Ihr in der Bild-Zeitung glauben: die Bundesligatabelle. Sonst nichts.“

Nach meiner Erinnerung hielt der Boykott gegenüber der Bild-Zeitung über einige Jahre. Dann wurde er durchbrochen und aufgelöst.

Heute genießen die Springerblätter auch wegen des Wegfalls des Widerstandes und der Aufklärung über ihren Charakter einen guten Ruf. Grotesk.

Zur Einschätzung der Hauptstadt-Journalisten – dazu ein paar Angaben aus meiner Erfahrung und Erinnerung:

  • Es war in der Bonner Zeit sonnenklar, dass Springers Welt einen Journalisten beschäftigte, der direkt mit der NATO verbandelt war. Wir kannten ihn alle. Das wäre die Parallele zu der heute aktuellen Beschreibung der engen Verbindungen von Top-Journalisten aus mehreren Medien mit atlantischen Einrichtungen. Siehe dazu Die Anstalt und Uwe Krüger.
  • Es war bekannt, dass es einen kleinen Kreis von herausragenden Wirtschaftsjournalisten gab, die eng mit dem BDI, also dem Bundesverband der Deutschen Industrie, verbunden waren und von diesem in besonderer Weise gepflegt wurden. (Ich hatte das Glück, mit einem dieser Journalisten befreundet gewesen zu sein und deshalb Zugang zu internen Informationen.)
  • Es ist bekannt, dass es schon 1969 sechsstellige PR-Gelder für Journalisten gab.
  • Es war kein Geheimnis, dass insbesondere Wirtschaftsjournalisten von großen Verbänden und Firmen darüber eingekauft waren, dass sie hochdotierte Sonderleistungen wie Geschäftsberichte und Broschüren schrieben oder redigierten.
  • Ähnliche Verbindungen und Aufträge gab es vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Das wusste man und das wurde auch kritisiert.

Das ZDF stand schon in den sechziger Jahren heftig in der Kritik wegen des ZDF-Magazins von Gerhard Löwenthal.

Dieser Aufkleber stammt vom Heidelberger Grafiker Klaus Staeck. Er hat die Geschichte dieses Aufklebers und die damit verbundene Aktion hier beschrieben.

Dieter Hildebrandt hat Gerhard Löwenthal nachgemacht, ein wunderbares Stück Zeitgeschichte:

Gönnen Sie sich das Vergnügen, dies anzuschauen.

Auch innerhalb des ZDF gab es Kritik am Moderator Löwenthal:

21.06.1971

ZDF-MAGAZIN

Im Mahlwerk

Journalisten üben Solidarität. Neun von 13 Redakteuren des „ZDF Magazins“ sind sich im Protest gegen den autoritären Führungsstil ihres Chefs Gerhard Löwenthal einig. Sie baten um Versetzung in ein anderes Ressort.

Das waren nur einige Beispiele für Medienkritik in den letzten 60 Jahren. Aus meiner eigenen Erfahrung und Tätigkeit könnte ich vieles ergänzen, zum Beispiel:

  • Die früheren Wahlkämpfe der SPD waren voll von kritischen Anmerkungen zu den Medien. Es war eine strategische Notwendigkeit, die Glaubwürdigkeit von Medien in Zweifel zu ziehen. Der 1972 im Wahlkampf eingeführte Begriff „Gegenöffentlichkeit“ und „Aufbau einer Gegenöffentlichkeit“ sind beredtes Zeichen dessen.
  • „Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie“ war der Titel einer Studie, die ich im Auftrag der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen am Beispiel des Bundestagswahlkampfes 1998 durchführte. Sie erschien 1999.
  • Die Weigerung des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, öffentliche Mittel zur Fernsehprogrammvermehrung und Kommerzialisierung bereitzustellen und sein Artikel in der „Zeit“ vom Mai 1978 mit dem Titel „Plädoyer für einen fernsehfreien Tag“ war gespeist von einer kritischen Einstellung zum Wirken kommerzieller Medien.

Die Beispiele zeigen, dass die Kritik an Medien und ihrer Arbeit in früheren Zeiten verbreitet war und sich auch etablierte Medien in die Diskussion einbrachten, statt wie heute sofort die Krallen auszufahren und jeden der Produktion von Unwahrheiten und von Fakes zu verdächtigen, der es wagt, Medien zu kritisieren.

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