Was soll Satire?
Was soll Satire?

Was soll Satire?

Jörg Phil Friedrich
Ein Artikel von Jörg Phil Friedrich | Verantwortlicher: Redaktion

Ein Mann, der die 50 überschritten hat, sollte sich einen Schminkspiegel anschaffen. Das sind diese runden Spiegel, heute meist mit einem Lichtkranz umgeben, in denen man das eigene Gesicht deutlich vergrößert sehen kann, viel detaillierter, als es der normale Spiegel im Bad oder im Flur kann. In diesem Spiegel entdeckt man diese fiesen Härchen, die in diesem Alter anfangen, aus Nase und Ohren zu wachsen, lange, bevor die Ehefrau oder gar andere Menschen sie entdecken können, und man kann sie herausreißen, lange bevor man sie auf den Fotos entdeckt, die Kinder und Enkel beim Familientreffen machen. Ein solcher Spiegel ist die Satire, oder sie könnte es sein, wenn man ihre Funktion nicht verkennen würde. So, wie viele meinen, diese runden Spiegel seien nur für eitle Menschen da, die sich unbedeutende Unreinheiten aus dem Gesicht entfernen wollen, so glauben viele auch, Satire sei nur ein Spiegel, der den eitlen Mächtigen vorgehalten werden müsse, damit die sich vor sich selbst erschrecken. Von Jörg Phil Friedrich.

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Manche meinen gar, Satire sei gar kein Spiegel, Satire sei nur eine Art Lupe, mit der man auf andere schauen könnte, damit man deren Schwächen und Fehler besser erkennen könnte. Vielleicht, so meint man, würde Satire sogar nur zur Unterhaltung und damit zur Beruhigung des Volkes da sein. In dieser Vorstellung soll der Satiriker sich über die Mächtigen lustig machen, damit das gebeutelte Volk auch mal was zu lachen hat. In der modernen Demokratie, in der es, wie man hört, gar keine Mächtigen mehr gibt und schon gar kein gebeuteltes Volk, wäre die Satire dann fast so etwas wie die eigentliche Machtdemonstration, die denen, die regieren, zeigen soll, dass sie ständig dem Spott und dem Hohn der Regierten ausgesetzt sind. Aber all die wohlfeilen Merkel-und-Söder-Parodien, mit denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk uns am Sonntagmorgen unterhält, sind eigentlich keine Satire, sie simulieren eher Meinungsfreiheit, als dass sie sie wirklich demonstrieren, denn sie spielen ja nur vor, dass wir alles sagen können, was wir wollen, denn unter dem Schutz des Nicht-Ernst-Meinens sagen sie eben gerade keine Meinung, schon gar nicht stellen sie Fragen, auf die jemand antworten müsste. Das Zerrbild, das sie produzieren, ist kein Spiegelbild, sondern eine Fälschung, über die sich die Betroffenen vielleicht ärgern, die sie aber auch gelassen ignorieren und heimlich sogar schätzen können, denn simulierte Meinungsäußerung erzeugt vielleicht das Gefühl, dass tatsächliche Meinungsäußerung nicht nötig wäre.

Das ist keine Satire. Satire hält jemandem einen Spiegel vor, der etwas groß und deutlich zeigt, was man an sich selbst eigentlich nicht sehen will. Dass jemand anders, der dem zuschaut, sich darüber amüsiert, ist erfreulich, denn Lachen tut gut in ernsten Zeiten, aber es ist nicht der Sinn der Satire. Sie tut weh, spätestens in dem Moment, in dem man bemerkt, dass man selbst es ist, der da im Spiegel zu sehen ist, und dass das Bild vielleicht etwas verzerrt ist, aber doch etwas zeigt, was man an sich noch nicht bemerkt hatte. Die Haare, die aus der Nase wachsen, oder den Verlust kritischer Skepsis gegenüber Regeln, Behauptungen, Vorschriften, Berichten – um schon einmal vorsichtig auf das zu sprechen zu kommen, worum es hier eigentlich geht.

Allerdings ist Satire kein objektiver Spiegel, sie genügt keinen natürlichen Gesetzen der Physik, über die man staunt oder verblüfft ist, die aber nunmal sind, wie sie sind. Das Spiegelbild der Satire wird gezeichnet, es ist das Bild, das jemand anders, der Satiriker, hat und zeichnet. Und der kann natürlich daneben liegen. Es ist wie mit diesen Zeichnern, die einem in Urlaubsorten anbieten, Portraits zu zeichnen – wenn man da das Ergebnis sieht, sagt man sich oft: der kann entweder nicht gucken, oder nicht zeichnen. Mit mir hat das jedenfalls nichts zu tun.

Wenn der allerdings Haare an der Nase und an den Ohren gezeichnet hat, sollte man mal nachschauen, ob die vielleicht wirklich da sind, es wäre ja möglich, dass man sie bisher übersehen hatte.

Und damit endlich zu den Videos der Schauspieler, die vergangene Woche unter dem Hashtag #allesdichtmachen im Internet auftauchten. Manche meinten, die sollten so etwas sein, wie diese Merkel-Söder-Sketche in irgendeinem Dritten Programm – und fanden sie misslungen. Aber die Videos waren sicher nicht als Unterhaltung zur Freude des gebeutelten Volks gedacht, das dann noch ein bisschen länger fragwürdige Verordnungen auf Basis von falschen Vorhersagen zu ertragen bereit ist. Die kurzen Filme sollten Spiegel sein, Karikaturen, die den Karikierten unter die Augen gehalten wurden mit der Aufforderung: Seht hin, das seid ihr! Natürlich richtete sich diese Aufforderung auch an die Regierenden, denen sie sagten: so sehen wir, als Betroffene, das, was ihr da beschließt und verlangt.

Der Spiegel wurde auch auf die Medien gerichtet, vor allem aber auf diejenigen, die die Schauspieler da gespielt haben. Es ist noch nicht genug darüber gesprochen worden, dass die Filme fast alle mit den Worten begannen „Mein Name ist …, ich bin Schauspieler“. Das war ja eine Ansage, dass das, was jetzt kommt, ein Schauspiel ist, allerdings eines, bei dem sich der Akteur womöglich selbst, auch stellvertretend für andere, nämlich für seine Zuschauer, spielt. Aber natürlich haben die meisten gespürt, dass es nicht mal in erster Linie um Regierungsverordnungen oder Berichterstattung ging, sondern dass der Bildschirm, auf dem das Video lief, eben ein Spiegel ist, in dem sich jeder, der sich das ansah, selbst gespiegelt sehen sollte, oder konnte, wenn er wollte.

Wie beim Karikaturisten auf dem Wochenmarkt im Urlaubsort kann man das Ergebnis natürlich zurückweisen, kann sagen, dass man so doch gar nicht aussieht, dass der wohl jemand anders oder immer dasselbe zeichnet, aber niemals mich, der ich doch nicht so ein spitzes Kinn habe, nicht so große Augen, nicht so eine hohe Stirn – und schon gar nicht so hässliche Haare in den Nasenlöchern und den Ohren.

Das kann man machen, man kann das Bild wütend zerreißen – oder sich fragen, ob die Karikatur vielleicht was entdeckt hat, was noch kaum sichtbar ist, was vielleicht meine liebe Familie, die mich täglich sieht, noch übersehen hat und was mir, der ich mich täglich gar nicht so genau im Spiegel ansehe, erst recht noch nicht aufgefallen ist. So eine satirische Karikatur ist ein Anlass, genauer hinzusehen, und zwar nicht so sehr auf die anderen, sondern auf mich selbst, wenn mir doch eigentlich klar ist, dass ich es bin, der da gezeichnet wird. Das ist der Sinn der Satire, und das könnte auch der Nutzen der Satire sein. Der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich die Fratze sehe, die Karikatur, die mich darstellen soll, dieser Schmerz kommt natürlich daher, dass etwas verletzt wurde – mein Selbstbild. Nach dem Augenschließen und dem Zurückschrecken kann ich aber noch mal vorsichtig, in einem unbeobachteten Moment, draufschauen und mich fragen, ob ich irgendwas entdecke, was da verborgen gewachsen ist, was mich aber stört, was nicht weiterwachsen sollte und was also ausgerissen werden muss, vielleicht sogar immer wieder, wie die Haare, die aus den Ohren und aus der Nase sprießen.

Titelbild: Niels Hariot/shutterstock.com

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