Was Kinder, Jugendliche und ihre Familien jetzt und im Herbst brauchen – und was nicht
Was Kinder, Jugendliche und ihre Familien jetzt und im Herbst brauchen – und was nicht

Was Kinder, Jugendliche und ihre Familien jetzt und im Herbst brauchen – und was nicht

Ein Artikel von Sandra Reuse & Ralf Lankau | Verantwortlicher: Redaktion

Deutschland macht sich locker. Wie im vergangenen Jahr wurden Biergärten früher wieder aufgemacht als soziale Orte für Kinder und Jugendliche. Die lange Vereinzelung und die übermäßige Digitalisierung haben teilweise schlimme Spuren bei den Jüngsten hinterlassen. Das konzeptlose Gestolpere bei der Bildungs- und Betreuungspolitik muss ein Ende haben. Hier finden Sie ein Diskussionspapier des Forums „Schule – wie weiter?“ zur Rückkehr an die Schulen und zum Beginn des nächsten Schuljahrs. Von Sandra Reuse und Ralf Lankau.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Diskussionspapier des Forums „Schule – wie weiter?“ zur Rückkehr an die Schulen und zum Beginn des nächsten Schuljahrs

Im Forum „Schule – wie weiter?“ haben Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Erzieher und Eltern, Schulsozialarbeiter und andere Praktiker über ihre Erfahrungen mit dem Schul- und Freizeitlockdown für Kinder und Jugendliche berichtet. Nach mehr als einem Jahr Corona-Maßnahmen mit rigiden Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln, geschlossenen Schulen, Fern- und Digitalunterricht sowie dem Wegfall nahezu sämtlicher Sport- und Freizeitangebote zeigen sich besorgniserregende Folgen bei den Jüngsten. Die Bildungspolitik tut jedoch weiterhin so, als sei das Schuljahr 2020/21 ein ganz normales Schuljahr, das mit Zeugnisnoten und Versetzungen beendet werden kann. Außerhalb der Bildungspolitik fühlt sich offenbar niemand in Deutschland für die Belange von Kindern und Familien zuständig.

Dass nicht nur der Unterricht, sondern auch die Ganztagsbetreuung nach Hause verlagert worden ist, dass vielfach die Notbetreuung ebenfalls nicht so war, dass Kinder dort gut aufgehoben waren, dass es für ab 12-Jährige nicht einmal Notbetreuungsangebote gab, dass gerade die Altersgruppe der 12- bis 16-Jährigen monatelang alleine zu Hause saß, dass Eltern und vor allem Alleinerziehende, oft eher die Mütter, um all das auszugleichen, ihre Erwerbstätigkeit stark zurückgefahren haben, wird bis heute nicht einmal als relevantes Problem diskutiert.

Es ist wichtig, nun überall da, wo noch nicht erfolgt, zum Präsenzunterricht zurückzukehren. Mit der nötigen Sensibilität für die Belange der Jüngeren und mit innovativen Ansätzen für Bildung und Betreuung wären gemeinsame Lern- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche den ganzen Winter über möglich gewesen.

Die Schulen hatten und haben offenbar viel zu geringe und unklare Handlungsspielräume und teilweise überhaupt nicht den Auftrag, um für folgende Probleme humane und altersgerechte Lösungen oder wenigstens verlässliche Perspektiven bereitzustellen:

  • Lernrückstände: Bei bis zu einem Drittel der Schülerinnen und Schüler werden z.T. erhebliche Lernrückstände vermutet, es können deutlich mehr sein. Valide, aktuelle Zahlen gibt es noch nicht. Trotzdem werden derzeit Zeugnisnoten ermittelt, als sei das Corona-Jahr ein ganz normales Schuljahr gewesen. Es ist unklar, über wie vielen Schülerinnen und Schülern das Damoklesschwert des Sitzenbleibens schwebt oder auf welcher Basis Vorentscheidungen über weiterführende Schulen gefällt werden. (Dazu Wolfgang Streeck in der FAZ)
  • Überforderung und Demotivierung: Statt den Kindern und Jugendlichen nach dem zweiten Lockdown an den Schulen ein freundliches Willkommen zu bereiten und sie erst einmal menschlich anzusprechen, wurden sie mit Corona-Tests und Klassenarbeiten empfangen. Wohl nicht in allen Bundesländern und auch nicht an allen Schulformen, offenbar aber an vielen Gymnasien, wird weiter strikt der Lehrplan durchgezogen. Die Schülerinnen und Schüler sollen funktionieren, für ihre sozialen Bedürfnisse halten die Schulen keine Antworten bereit.
  • Besorgniserregende Zunahme psychischer Beeinträchtigungen: Als Folge von Vernachlässigung, einem Mangel an Sozialkontakten, Bewegung und einem überdimensionierten Medienkonsum haben psychische Symptome wie Angststörungen, Depressionen, Schlaf- und Essstörungen stark zugenommen. Schon im ersten Lockdown wiesen über 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen (laut COPSY-I-Studie UKE, Hamburg-Eppendorf) psychische Auffälligkeiten auf. Im zweiten Lockdown hat sich die Lebensqualität der 7- bis 17-Jährigen noch einmal deutlich verschlechtert. Viele Kinder und Jugendliche fühlten sich deutlich weniger fit und berichteten von ungesunder Ernährung, zwei Drittel von Schwierigkeiten beim Distanzunterricht. Bei fast jedem dritten Kind gab es bereits zu Beginn des zweiten Lockdowns Hinweise auf psychische Belastungen, jüngere Kinder waren stärker belastet als ältere.
  • Unzureichende Infrastruktur für problembelastete Jugendliche: Die Schulsozialarbeit ist angebotsorientiert und konnte im Lockdown nur für die wenigen Schülerinnen und Schüler funktionieren, die vor Ort an den Schulen waren. Alles andere basierte – wie so vieles in der Kinder- und Jugendarbeit – auf freiwilligem Engagement, das zudem durch die Abstandsgebote und Kontaktbeschränkungen in eine rechtliche Grauzone gerückt wurde (wie etwa Hausflurgespräche oder anderweitige Treffen). Auch gab es keine systematische Zusammenarbeit der Jugendämter mit den Schulen. Probleme wie häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und Drogenkonsum blieben häufiger unbemerkt. Der Kinderarzt Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), benutzte im Gespräch mit der Rheinischen Post den Begriff “Triage”, um das Leid der Jüngsten in der Pandemie auszudrücken: “Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt. Wer nicht suizidgefährdet ist und ‘nur’ eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen.”
  • Leiden unter fehlenden Sozialkontakten: Als größte Einschränkung und Belastung empfanden Schüler, Eltern sowie Pädagogen und Erzieher, die an das Forum „Schule – wie weiter?“ geschrieben haben, die Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote. Viele Zuschriften und Berichte bestätigen, dass es einem relevanten Teil der Kinder und Jugendlichen durch die erzwungene Isolation psychisch schlecht ging. Manche haben ihre besten Freunde über Monate nicht gesehen, weil diese einer anderen Lerngruppe zugeteilt waren. Durch die Verbote, sich zu treffen, und die teilweise irrational geschürte Angst, jemanden durch ein Treffen zu gefährden, wurden bestehende Freundschaften teilweise stark belastet.
  • Besorgte, überforderte und erschöpfte Eltern: Sie spielen seit einem Jahr Hilfslehrer, PC-Administrator, Sporttrainer; sie versuchen, den Kumpel, die beste Freundin oder die Clique zu ersetzen, was sie natürlich nicht können. Eltern zerreißt es, mitanzusehen, dass ihre Kinder im zweiten Lockdown immer unmotivierter, hoffnungsloser, kränker wurden. Berufstätige Eltern mussten ihre Kinder teilweise monatelang sich selbst überlassen. Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern, Familien in beengten Wohnverhältnissen, bildungsferne Familien, sozial benachteiligte Familien, aber auch Vollzeitberufstätige, die nicht reduzieren konnten – sie alle hatten das Nachsehen. Hinzu kommen diejenigen Eltern, die infolge der Corona-Maßnahmen vor Existenzschwierigkeiten standen und stehen, keine Kraft und Kapazitäten hatten, ihren Kindern beim Unterricht zu helfen.
  • Immer stärkere Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Elternhaus: Die Logik des Distanzunterrichts erfordert vielerorts die umfassende Unterstützung durch die Elternhilfslehrer. Die Bildung der Kinder hängt somit, so stark wie selten zuvor, vom Elternhaus ab und setzte geradezu das alte westdeutsche Familienideal um, in dem ein Elternteil (zumeist die Mutter) beruflich vollständig zurücktreten muss.

Daher darf und kann es bei den nun avisierten Lockerungen nicht nur darum gehen, Unterricht nachzuholen und/oder Lerndefizite zu kompensieren, sondern es gilt vor allem, die Schule wieder als Sozialraum und Ort der Begegnung zu gestalten.

Das Wichtigste ist jetzt, den Kindern ihr Leben zurückzugeben, einen lebenswerten und anregenden Alltag, ihre sozialen Beziehungen, ihre Freunde, ihre Freizeitbeschäftigungen, und den Familien eine Perspektive auf einen entspannten Sommer und einen planbaren Herbst mit Präsenzunterricht und einer Rückkehr zu Ganztagsbetreuungsangeboten, die diese Bezeichnung verdienen. Hierbei sind auch die über 12-Jährigen in den Blick zu nehmen, deren Belange und Bedarfe in den zurückliegenden Monaten vollkommen vergessen worden sind (Schüler der Mittelstufe waren bis zu fünf Monate im Lockdown).

Konkrete Forderungen

  • Sofortige komplette Öffnung aller Kitas, Schulen, Sportstätten, Musikschulen und Chöre. Sofortige Rückkehr zu Präsenzunterricht in voller Klassenstärke, möglichst viel gemeinsam und draußen unternehmen (Ausflüge etc.).
  • Besinnung auf Bildungseinrichtungen als Orte der Persönlichkeitsentwicklung und Lernen in Gemeinschaft (statt Schulen zu Vermessungsanstalten von Lernleistungen zu degradieren).
  • Besinnung auf die Funktion von Schule und Unterricht als Lern- und Sozialraum, in dem das demokratische und rücksichtsvolle Miteinander gelernt und praktiziert wird.
  • Mehr Entscheidungskompetenzen bei den Schulen vor Ort. Schulleitungen und Kollegien, aber auch Träger von Freizeit- und Betreuungsangeboten müssen mehr Mitspracherechte, Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für „ihre“ Schulen und die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen bekommen.
  • Förderung und Finanzierung von Sommercamps und Ferienfreizeiten, auch für die Herbstferien, mit Schwerpunkt auf sozialen Aktivitäten und Bewegung an der frischen Luft, auch Kurse für Musik, Kunst und/oder Theater. Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und Sozialgefüges durch Gemeinschaftsprojekte und digitalfreie Zeiten.
  • Förderung und Finanzierung von Schwimmunterricht für alle Kinder ab 5 Jahren / Grundschüler (alleine in Berlin gibt es aktuell 100.000 Kinder, die nicht schwimmen können).
  • Keine Alimentation kommerzieller Nachhilfeanbieter, die die Kinder wieder nur frontal am Bildschirm per Video beschulen.
  • Verlängerung der Schulzeit um mindestens ein halbes Jahr (bei Studierenden werden zwei Semester wg. Covid-19 nicht als Fachsemester gezählt), entsprechende Verschiebung von Abschlussprüfungen im kommenden Schuljahr. Bei einer frühzeitigen, beherzten Entscheidung haben alle Akteure (auch die ausbildenden Betriebe und die Hochschulen) die notwendige Planungsperspektive.
  • Rückkehr zu G9 und gemeinsamer Schulstart im bisherigen Klassenverband (ohne Sitzenbleiben, aber mit Lernstanderhebung zu Beginn des neuen Schuljahrs)
  • Eine systematische Evaluation der Erfahrungen, die mit digitalen Unterrichtsformen und der versuchten Digitalisierung von Lehr-/Lernprozessen gemacht wurden, bevor entsprechende Experimente weitergeführt werden.

Ansprechparter: Ralf Lankau und Sandra Reuse

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Titelbild: shutterstock / WiP-Studio

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