Krank fürs Geschäft: „Die Patientenfänger“ von Michelle Hildebrandt und der Schutz vor falschen Diagnosen
Krank fürs Geschäft: „Die Patientenfänger“ von Michelle Hildebrandt und der Schutz vor falschen Diagnosen

Krank fürs Geschäft: „Die Patientenfänger“ von Michelle Hildebrandt und der Schutz vor falschen Diagnosen

Ein Artikel von Ralf Wurzbacher | Verantwortlicher: Redaktion

Obwohl Corona darin kein Thema ist, kommt das neueste Buch von Michelle Hildebrandt zur rechten Zeit. Die Psychiaterin beleuchtet ein System unterschiedlicher Akteure des Gesundheitsmarkts, die ein übergreifendes Interesse eint: der stete Nachschub an Patienten. Dafür werden Grenzwerte für Bluthochdruck oder Cholesterin gedrückt, Allerweltsleiden zur Krankheit deklariert und impulsive Kinder zur Abnormität. Profit ist dabei der bestimmende Faktor und Pharmakonzerne, Kliniken und die Nahrungsmittelindustrie sind die größten Profiteure. Aber auch kleine Fische aus der Ecke der Alternativmedizin beanspruchen mit bisweilen zweifelhaften Methoden ein Stückchen vom großen Kuchen. Das alles hat ein widerliches Geschmäckle, findet Ralf Wurzbacher.

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Die vielleicht wichtigsten Sätze in Michelle Hildebrandts Buch „Die Patientenfänger“ tauchen ganz hinten auf, im Epilog. Unter der Überschrift „Jenseits der Krankheit“ schreibt die promovierte Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Medizingutachterin: „Im ständigen Vergleich mit anderen Menschen können wir nur verlieren. Es gibt immer jemanden, der schöner, größer, klüger oder erfolgreicher ist als wir selbst. Und dennoch ist jeder Mensch auf seine ganz eigene Art besonders“. Dem Verfasser dieser Rezension hat das Mut gemacht, ein Gefühl von Vertrauen gegeben, mit den an sich selbst empfundenen Unzulänglichkeiten leben zu können und leben zu wollen. Denn oft seien es gerade diese kleinen Makel, so Hildebrandt weiter, „die wir an anderen Menschen so lieben“. Dagegen rufe „alles, was perfekt ist“, Ängste wach, „weil es uns mit unseren eigenen vermeintlichen Mängeln konfrontiert“.

In unserer modernen, von omnipräsenten Medien durchdrungenen Lebenswelt, die uns immer wieder neue Ideale von Schönheit, Fitness, Perfektion vorspiegeln, ist die Wertschätzung der eigenen Einzigartigkeit täglich neuen Attacken ausgesetzt. Gestern noch voll „up to date“, kann ein Haarschnitt morgen schon so was von „old school“ sein. In Anlehnung an Hildebrandts Verdikt wollen uns Marketingexperten, PR-Industrielle und Spindoktoren in einer Angstspirale gefangenhalten, aus der es kein Entrinnen geben soll. Ein kurzes Durchatmen verspricht allein der Erwerb dieses oder jenes Produkts, die Zurschaustellung dieser oder jener Mode, bis im nächsten Moment schon der nächste neue Schrei stilbildend ist und unter Zugzwang setzt, bloß nichts davon zu verpassen. Es sollte außer Frage stehen: Diese Hatz nach dem Trend ist nicht gesund – weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft, so wenig wie für den Planeten.

Eingeredete Krankheiten

Dass dies nicht minder für den Gesundheitsmarkt gilt, ist dann auch nur scheinbar ein Paradox. Wenn heute mithin das kleinste Zipperlein zur Volkskrankheit aufgeblasen wird, gerät das, was wirklich Gesundheit ist und ausmacht, leicht ins Hintertreffen. Zum Beispiel sei Glutenunverträglichkeit bis vor wenigen Jahren eine „Rarität“ gewesen, stellt die Autorin fest. Heute finde sich in jedem Supermarkt ein Regal mit entsprechenden Lebensmitteln. Eine posttraumatische Belastungsstörung habe man früher nur bei Kriegsversehrten gekannt, „doch mittlerweile kann sie auch durch eine komplizierte Scheidung ausgelöst werden“. Intoleranzen gegen Lactose, Probleme mit Cholesterin, Reizdarmsyndrom – Hildebrandt bestreitet nicht, dass es solche Leiden gibt und diese durch den gesteigerten Konsum von Convenience-Food, Zucker und Fett größere Verbreitung finden. Sie meldet allerdings starke Zweifel an, ob wirklich alle, die glauben, an einer oder einem der heute höchst geläufigen Störungen, Allergien, Syndrome oder Gebrechen zu laborieren, tatsächlich auch davon betroffen sind.

Hildebrandt spricht von „Modekrankheiten“, die man „uns einredet“ und hinter denen vielfach wirtschaftliche oder politische Interessen stehen. Ihre Kritik richtet sich gegen Pharmalobbyisten, die für jedes Wehwehchen ein Präparat auf den Markt werfen, gegen Klinikkonzerne, die als Hochburgen der Apparatemedizin massenhaft sinnfreie Operationen durchführen, gegen die Nahrungsmittelindustrie, die sich an ständig wechselnden Gesundheitskults satt verdient, aber auch eine Politik, „die sich am vermeintlichen Wählerwillen orientiert und einerseits wirkungslose Globuli als Kassenleistung zulässt, andererseits vor allem Ärzte belohnt, die eine teure Überdiagnostik betreiben“. Heilpraktiker und Psychotherapeuten bekommen ebenso ihr Fett weg und natürlich Schönheitschirurgen, die das Absaugen desselben zu ihrer Hauptprofitquelle auserkoren haben. Und nicht zuletzt knüpft sie sich die allgegenwärtigen Medien vor, die „besonders gerne Minderheiten hypen, die eine sensationelle Story versprechen“.

Spiel mit den Grenzwerten

Eine Stärke des Buches liegt darin, dass die Autorin als gelernte Psychologin weiß, wie die Psyche eines Menschen auf dessen körperliches Befinden Einfluss nehmen kann – und umgekehrt. Molières „eingebildeter Kranker“ ist in der heutigen Zeit eben längst kein Ausnahmephänomen mehr. In einem Umfeld, das laut Hildebrandt für jede Normabweichung neue Diagnosen schaffe, „für die rasch eine passende Therapie zur Verfügung steht“, wird mitunter jedem noch so Kerngesunden eine Unpässlichkeit oder Unvollkommenheit eingeflüstert, um daran irgendwie Geld zu verdienen. Das Buch macht dies an etlichen Beispielen fest, wovon das einer deutlichen Zunahme von Patienten mit Bluthochdruck die Mechanismen wohl am augenfälligsten demonstriert. Denn nicht unbedingt leiden heute mehr Menschen an dieser „Abnormität“. Nein: Das schrittweise Absenken der Grenzwerte, ab welchen es eine Hypertonie zu bescheinigen und als behandlungsbedürftig gilt, hat den Kreis der „Opfer“ immer größer werden lassen. Vor den 1990er-Jahren lag die Grenze bei 160/100 mmHg, wurde dann auf 140/90mmHg herabgesetzt, inzwischen werden selbst Werte von 130/80 mmHg empfohlen.

Wozu das führen kann, skizziert die Autorin am Fall ihrer Großmutter, die zeitlebens unter erhöhtem Blutdruck gelitten habe. Auf die Bemühungen ihres Arztes, ihre Werte zu drücken, reagierte diese wiederholt mit einer Ohnmacht, also nicht im Sinne des Erfinders. Der liebe Gott kennt halt seine Pappenheimer: „Um die Durchblutung aller Organe einschließlich des Gehirns zu gewährleisten“, sei bei ihrer Oma „ein sogenannter Erfordernishochdruck notwendig“, erläutert Hildebrandt. Also achtete die betagte Frau fürderhin darauf, den systolischen Wert niemals mehr unter 140 mmHg sacken zu lassen – und „konnte sich noch jahrelang darüber freuen, ihren Hausarzt überlebt zu haben“.

Pillen gegen Pillen

Nicht immer gehen Fehldiagnosen so glimpflich aus. Nirgendwo sonst in der Welt werden so viele Knieoperationen vorgenommen wie in Deutschland. Die Schätzungen, wie viele der Eingriffe unnötig und bisweilen kontraproduktiv sind, reichen von 30 bis zu 75 Prozent. Besser schlagen häufig Maßnahmen zur Mobilisierung des Kniegelenks durch gezielten Muskelaufbau an. Das allerdings erfordert Willenskraft und Ausdauer, was nicht jedermanns Sache ist. So kann schon ein Hang zur Faulheit dafür sorgen, sich unters Messer zu legen und dafür mit einem endlosen Martyrium zu bezahlen. Auch weiß jeder Mediziner, dass sich den gängigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen am wirkungsvollsten mit Bewegung und gesunder Ernährung vorbeugen und begegnen lässt. Trotzdem werden zur Behandlung zumeist Pillen verordnet und deren Nebenwirkungen mit noch mehr Pillen kompensiert.

Gleichwohl soll man nicht denken, Hildebrandt schlüge in einem Rundumschlag auf die Schulmedizin ein. Sie beklagt deren Auswüchse genauso wie die derjenigen Disziplinen, die sich mit wachsendem Zuspruch als vermeintlich sanfte oder spirituelle Alternative dazu in Position gebracht haben: Heilpraktiker, Homöopathen, Logopäden, Physio-, Psycho- und Ergotherapeuten. Auch sie steckt sie nicht einfach in eine Schublade, sondern schreibt allen eine Existenzberechtigung zu, solange den Patienten ein echter Nutzen durch die Behandlung entsteht. Von Handauflegen hält sie indes nichts, so wie sie davor warnt, „Gesunde zu Patienten“ und Menschen mit Leiden, die sie gar nicht haben, erst richtig zum Leiden zu bringen. Den größten Schaden würden am Ende die davontragen, die tatsächlich Hilfe nötig haben. Denn: „Wird eine seltene Erkrankung zur Modekrankheit und damit geradezu zur Normalität, werden die wirklich Betroffenen nicht mehr ernstgenommen und häufig mit ihrem Leiden alleingelassen“, befindet sie. „Im schlimmsten Fall wird eine Erkrankung erst erkannt, wenn schon Folgeschäden eingetreten sind.“ Folgenschwer in noch größerem Maßstab ist überdies die Verlagerung von Ressourcen auf bloß noch die Erkrankungen, deren Behandlung die größten Gewinne verspricht.

ADHS für alle

Vielleicht lässt ihr Werk trotzdem ein paar Enttäuschte zurück. Anders als der Titel suggeriert, jagt die Autorin nicht pausenlos irgendwelchen habgierigen „Patientenfängern“ hinterher. Hildebrandt wandelt lieber auf leisen Sohlen, unaufgeregt und seriös versammelt sie auf knapp 220 Seiten breite und fundierte Kenntnisse, die das Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure im Gesundheitsbereich – Politik, Pharma- und Lebensmittelindustrie, Mediziner, Krankenhäuser, Patienten, Konsumenten – aufzeigen und mit allerhand Fallbeispielen aus ihrer beruflichen Praxis veranschaulichen. Von Depressionen, über Kiss-Syndrom, Elektrohypersensibilität, Lipödeme, Intimchirurgie bis zur Zöliakie bietet die Lektüre lehrreiche Einblicke in eine Vielzahl echter Erkrankungen und dazu, wie diese Gesunden oder anderweitig Erkrankten, ob aus aus Unkenntnis oder Geschäftssinn, aufgedrückt werden. Über allem steht der Anspruch, durch eine differenzierte Betrachtung zu einer aufgeklärten Urteilsfähigkeit der Leserinnen und Leser beizutragen, auf dass diese womöglich selbst – im Zweifel „krank oder nicht“ – ihre Souveränität gegenüber falschen Ratgebern behaupten können, um so nicht selbst zum „Malade imaginaire“ zu werden.

Beispielhaft dafür: Hildebrandt stellt nicht in Abrede, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beziehungsweise das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) Krankheiten sind – wie dies andere tun. Auf zehn Seiten stellt sie die Phänomene, ihre Erscheinungsformen und die Möglichkeiten zur Behandlung detailreich dar. Mit Skepsis begegnet sie jedoch der heute fast inflationären Diagnose bei Heranwachsenden. Der Grat zwischen einer wahrhaftigen ADHS und Impulsivität sei manchmal extrem schmal, meint sie, und „viel zu oft“ würden „verhaltensauffällige Kinder, auch auf Druck von überforderten Lehrern und Eltern, mit Stimulanzien wie Ritalin behandelt“. Zudem wirft sie die Frage auf, ob man Menschen mit der Zuschreibung einer Abnormität schon im Kinderalter nicht einen so schweren Rucksack an Selbstzweifeln und Unterlegenheitsgefühlen mit auf den Lebensweg gibt, dass der langfristige Schaden mögliche kurzfristige Behandlungserfolge in den Schatten stellt.

Wie umfassend der „Siegeszug“ von ADS und ADHS inzwischen ist und wie eine „Krankheit“ förmlich aus dem Nichts erwachsen kann, sobald nur genug Interessen davon profitieren, lässt sich auch daran ersehen, dass sie immer häufiger auch bei Erwachsenen diagnostiziert wird. Dazu passt der Spruch, der den Rückdeckel des Buches ziert: „Wer gesund ist, wurde nur nicht richtig untersucht.“ Dagegen wirkt Hildebrandts „Patientenfänger“ im besten Sinne heilsam.

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