Wer jetzt nur vom Klimawandel spricht, lenkt von den Fehlern der Politik ab
Wer jetzt nur vom Klimawandel spricht, lenkt von den Fehlern der Politik ab

Wer jetzt nur vom Klimawandel spricht, lenkt von den Fehlern der Politik ab

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Wieder einmal hat es ein Jahrhunderthochwasser gegeben. Betroffen waren diesmal vor allem Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Schnell setzte sich die dominierende Deutung durch, dies sei vor allem eine Folge des Klimawandels. Es mag sein, dass der Klimawandel dazu führt, dass derartige Wetterereignisse häufiger auftreten werden. Mit dieser Erkenntnis lassen sich künftige Hochwasserereignisse jedoch auf absehbare Zeit nicht verhindern. Je mehr nun wieder einmal „nur“ über Klimapolitik gesprochen wird, desto mehr geraten leider auch Themen in den Hintergrund, die im konkreten Kontext viel wichtiger wären. Wie schützen wir uns vor Hochwasser und extremen Wetterereignissen? Und hier hat Deutschland großen Aufholbedarf. Ein wenig zugespitzt: Die Toten hätten sich durch eine CO2-Steuer und Teslas nicht verhindern lassen, durch Deichbau, Überflutungsflächen und Dämme vielleicht schon. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Bereits am vorletzten Sonntag warnte der private Wetterdienst Kachelmannwetter vor einem kommenden Starkregen im Rheinland und der Eifel. Einen Tag später präzisierten sich die Warnmeldungen und deuteten an, dass es vor allem in der Eifel wohl zu extremen Starkregen-Ereignissen kommen wird. Zeitgleich gab das Europäische Flut-Warnsystem EFAS eine Warnmeldung heraus, die vor einer „extremen Flut“ für die drei Tage später betroffenen Gebiete warnte. Am Dienstag schickte dann auch noch der Deutsche Wetterdienst DWD eine „amtliche Gefahrenmeldung“ heraus, die ziemlich präzise genau die Gebiete umfasste, in denen es zwei Tage später zur Hochwasserkatastrophe kommen sollte. Geschehen ist nichts.

Politik und Medien zeigten sich stattdessen „überrascht“. Noch am Abend vor der Katastrophe, als es schon kräftige Niederschläge gab, sprach man im Wetterteil des Heute-Journals nach der lächelnden Abmoderation von Claus Kleber verniedlichend von in der Nacht zu erwartenden „ergiebigen Regenfällen“ – kein Wort von der von nahezu allen Diensten vorhergesagten Katastrophe. Die für das EFAS-System mitverantwortliche Hydrologin Hannah Cloke fand klare Worte und sprach von einem „monumentalen Versagen“ der deutschen Behörden. Wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn man die klaren Warnungen ernstgenommen und die gefährdeten Gebiete evakuiert hätte? Wie viele Menschen würden heute noch leben, wenn man auch „nur“ frühzeitig eine klare Warnmeldung herausgegeben hätte?

Doch auch dies ist nur die konkrete Ebene. Es hätte gar nicht zu einer derart verheerenden Hochwasserkatastrophe kommen müssen. In Sachen Katastrophen- und insbesondere Hochwasserschutz ist Deutschland jedoch ein Entwicklungsland, wie es der Chef des Wissenschafts-Ressorts der WELT, Axel Bojanowski, sehr treffend formuliert. Seiner Meinung nach wurde die Katastrophe erst durch eine „unfassbare Ignoranz“ ermöglicht und es fällt schwer, ihm da zu widersprechen. Es hat einige „Jahrhundertfluten“ gebraucht, um in Deutschland zumindest an den großen Flüssen kleinere Hochwasserschutzmaßnahmen zu verwirklichen. An den von Sturzfluten noch viel stärker gefährdeten kleineren Flüssen und erst recht den Bächen ist so gut wie nichts passiert.

Im Gegenteil. Flussläufe wurden begradigt, natürliche Überflutungsflächen wurden durch Versiegelung, Bebauung und landwirtschaftliche Nutzung abgeschafft. Über 80 Prozent der als natürliche Retentionsflächen geltenden Auen sind vor allem durch die Landwirtschaft plattgemacht worden. Es gibt keine leistungsfähigen Drainagesysteme, die Abwasserentsorgung wurde durch regional vollkommen unsinnige Wassersparmaßnahmen unterdimensioniert und die vorhandenen Talsperren werden im Sommer im „Dürremodus“ gefahren, waren daher in den betroffenen Gebieten schon vor dem Starkregen nahezu randvoll und konnten so natürlich auch keinen Hochwasserschutz mehr gewährleisten. Und es sage niemand, dass man die Katastrophe nicht hätte kommen sehen. Alleine die Akte „Bewertung des Hochwasserrisikos in Rheinland-Pfalz“ weist hunderte bedrohte Städte aus, darunter auch genau die Gebiete, die nun besonders vom Hochwasser getroffen wurden.

Es ist auch nicht korrekt, wenn man nun behauptet, dass die überfluteten Städte und Dörfer in der Zeit vor dem Klimawandel keine Hochwasserprobleme gehabt hätten. Das nun überflutete Bad Neuenahr an der Ahr wurde beispielsweise bereits 1804 und 1910 verheerend überflutet und jeweils gab es ebenfalls dutzende Menschenleben und massive Zerstörungen zu betrauern. Das betroffene Bad Münstereifel wurde 1416 durch eine Überflutung nahezu komplett zerstört. Und damals sprach man wohl eher von einer Strafe Gottes als vom Klimawandel.

Wenn man denn zu dem Schluss gekommen ist, dass der Klimawandel derartige Wetterextreme häufiger auftreten lässt, dann sollte doch gerade ein vergleichsweise modernes Land wie Deutschland die nötigen Vorkehrungen treffen, dass unsere Städte besser mit diesen Extremen zurechtkommen als im Mittelalter oder in vorindustriellen Zeiten. Doch so einfach ist das offenbar nicht. Hochwasserschutz kostet Geld, der nötige Rückbau von versiegelten Flächen ist bei Wirtschaft und vielen Wählern unbeliebt. Da ist es natürlich leichter, nun mit dem Klimawandel hausieren zu gehen und die Flut wie einst im Mittelalter als Strafe für unser sündiges Leben zu sehen.

Gefährlich wird dieses Framing dann, wenn die Fokussierung auf den Klimawandel dazu führt, den Schutz der Menschen vor künftigen Hochwasserereignissen zu verdrängen. Und dafür ist es einerlei, ob man nun ein Freund oder Gegner der Energiewende, neuer Ernährungsformen oder des Abschieds von Verbrennungsmotoren ist. Selbst wenn man in Deutschland dem „Klimaschutz“ absoluten Vorrang einräumt, wären die Auswirkungen auf den Klimawandel und die damit verbundenen Wetterextreme eher gering. Die Flutkatastrophe in Westdeutschland wäre auch passiert, wenn jeder Deutsche seinen Strom aus regenerativen Energien bezieht, einen Tesla besitzt und sich vegan ernährt. Die Folgen des Hochwassers wären jedoch viel geringer ausgefallen, wenn man den Hochwasserschutz ernstgenommen hätte.

Nun könnte man als Freund des Klimaschutzes ja sagen, man könne ja beides tun und eine progressive Klimapolitik stünde einem ernsthaften Hochwasserschutz nicht im Wege. Doch so einfach ist es nicht. Weder im Bund noch in den Ländern genießt der Hochwasserschutz Priorität. Während beispielsweise eine CO2-Steuer Geld in die Kassen bringt, kosten Hochwasser- und Katastrophenschutz Geld, und da sie auch beim Wähler nicht gerade oben auf der Wunschliste stehen, bringen sie noch nicht einmal Stimmen. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn man nun – wie im Mittelalter – die Folgen solcher Wetterextreme allenthalben als eine Strafe für unseren Lebenswandel sieht und implizit durch einen klimafreundlichen Umbau der Gesellschaft Buße tun will.

Titelbild: Screenshot bild.de

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