«Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt» – Eine Verfallsgeschichte deutscher Kanzlerschaften
«Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt» – Eine Verfallsgeschichte deutscher Kanzlerschaften

«Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt» – Eine Verfallsgeschichte deutscher Kanzlerschaften

Ein Artikel von Eugen Zentner | Verantwortlicher: Redaktion

Bis zur Bundestagswahl ist es nicht mehr weit. Die Ära Merkel neigt sich dem Ende zu. Es waren lange 16 Jahre, in denen die Kanzlerin so manch eine Krise bewältigen musste. Doch mit ihrer Politik hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Der Rückhalt in der Bevölkerung bröckelt schon lange, der in den eigenen Reihen ebenfalls. Der Vertrauensverlust wurde immer größer und erreichte in der Corona-Krise seinen Zenit. „Es wird wohl kein triumphaler Abgang werden“, stellt Peter Zudeick fest, der in seinem neuen Buch daran erinnert, dass in Deutschland selbst die erfolgreichsten Kanzlerschaften irgendwie immer mit einem schalen Beigeschmack enden. Der kreative Titel «Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt» bringt es schön auf den Punkt. Von Eugen Zentner.

Zudeicks Werk ist eine Art Verfallgeschichte deutscher Kanzlerschaften. In jedem seiner Kapitel nimmt sich der Publizist den jeweiligen Kanzler vor und skizziert markante Ereignisse, die das Fass nach und nach zum Überlaufen brachten. Es ist ein interessanter Ansatz, der sich von den bisherigen Geschichtsbüchern deutlich unterscheidet. Wer sich die deutsche Nachkriegspolitik im Schnelldurchlauf vergegenwärtigen möchte, wird an dem Buch große Freude haben. Es ist hochinformativ, aber auch sehr unterhaltsam. Zudeicks Prosa kommt leichtfüßig daher, enthält pointierte Formulierungen und Wendungen, die nicht selten ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern. Hier und da finden sich aber auch überraschende Thesen. Sie verweisen auf Details, die kaum Beachtung finden, aber durchaus von Bedeutung sind. Das gilt beispielsweise für die Anfänge der Kanzlerschaften, die gewissermaßen auch etwas mit dem Ende der vorherigen Amtsträger zu tun haben.

Bis Gerhard Schröder, heißt es etwa, sind die deutschen Kanzler nicht wirklich aus Wahlen hervorgegangen. Sie wurden entweder von den eigenen Leuten eingesetzt oder nach oben geputscht, wie Zudeick am Übergang von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl zeigt. Für das Ende der Kanzlerschaften bedeutet das wiederum, dass die jeweiligen Kandidaten „aus dem Amt getrickst, geschubst, gequält“ wurden – auch Konrad Adenauer. Doch das lag vor allem an dessen Unwillen, den Platz zu räumen, weil er „jeden möglichen Nachfolger für unfähig hielt“. Auch Ludwig Erhard scheiterte an der eigenen Partei, wohl auch deswegen, weil er von vornherein als «Übergangskanzler» gehandelt wurde. Gleiches gilt für seinen Nachfolger Kurt Georg Kiesinger, während Willy Brandt den „Intrigen und Hinterhalten seiner eigenen Leute“ zum Opfer fiel. Helmut Schmidt verlor sein Amt durch ein Misstrauensvotum, bei dem sein Koalitionspartner eine klägliche Rolle spielte.

Vom Volk eindeutig abgewählt wurden lediglich die zwei darauffolgenden Kanzler, so Zudeicks These. Ihr Abgang fiel dennoch alles andere als ruhmreich aus. Während Helmut Kohl am Ende seiner Amtszeit in Skandalen versank, kegelte sich Gerhard Schröder selbst aus dem Spiel. Dass dieser aber bis zum Ende bockig blieb, ist nur eine Anekdote am Rande, die der Autor mit viel Witz erzählt. Es geht um die „denkwürdigste «Elefantenrunde» in der Geschichte des deutschen Fernsehens“, in der sich Schröder als Sieger ausgab, weil Angela Merkel zwar ein knappes Pünktchen vorne lag, aber Schwarz-Gelb nicht möglich war. Der Noch-Kanzler „scheint an diesem Abend die Verfassung neu erfunden zu haben“, schreibt Zudeick süffisant. „Das Ereignis zeige eindeutig, «dass niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen, niemand außer mir», zitiert er Schröder. „Niemand außer ihm sah das so.“

Solche Passagen machen das Buch aus. Anders als in den meisten Publikationen über vergangene Politiker wird nicht deren Schokoladenseite präsentiert, sondern deren Entgleisungen und Verfehlungen, aber so, dass der ironisch-kritische Unterton charmant klingt. Die Leser erfahren viel über die „Hinterzimmerpolitik“ der letzten knapp 70 Jahre, ohne dass der Autor sie durch ein unübersichtliches Labyrinth von Verstrickungen führen muss. Einige wenige Ausführungen reichen aus, um die Politik als schmutziges Geschäft zu entlarven. Korruption und Machtkampf gehören seit jeher dazu. Auch das wird überaus deutlich. Im Grunde greifen die Akteure zu den immer gleichen Strategien und Tricks. Was sie voneinander unterscheidet, ist der jeweilige Charakter. Ihn in seinem Wesensgehalt genau darzustellen, gelingt Zudeick volltrefflich.

Harsch fällt die Charakterisierung bei der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel aus. Doch sie ist zutreffend, wenn der Autor schreibt, sie sei nie als Strategin, politische Denkerin oder gar Vordenkerin aufgefallen. Schon in ihrer Anfangszeit als Spitzenpolitikerin habe niemand erkennen können, wofür sie steht: „Soziale Marktwirtschaft, ja sicher, christliches Menschenbild, klar“. Und so wurden Positionen, die einmal als selbstverständlich galten, im Laufe der Merkel-Jahre mehr oder weniger mühelos geräumt. Schon als „CDU-Chefin räumt sie Positionen und wechselt Überzeugungen wie andere die Socken“, heißt es an einer Stelle.

Politik sei für Angelika Merkel in erster Linie Machtpolitik und weniger inhaltliche Orientierung: „Mach andere von dir abhängig, verteile Posten und Einflussbereiche“, schreibt Zudeick, „halte die Regionalfürsten klein, vertraue nur allerengsten Vertrauten – und vor allem halte dich aus großen Debatten heraus. Familienpolitik, Sozialpolitik, innere Sicherheit, Bundeswehr – immer schön die anderen machen lassen. Wenn’s funktioniert, gehört der Applaus der Chefin, wenn nicht, kriegen die anderen die faulen Tomaten ab. Eine perfekte Arbeitsteilung. Sie hat ihre Kontrahenten – ob mit Pakt oder ohne – ausgesessen, weggelobt, ausgetrickst, weggebissen.“

Das Kapitel zu Merkel ist das umfangreichste von allen, was nicht nur an der langen Amtszeit liegt, sondern auch an den fünf internationalen Krisen. Für den Autor seien sie entscheidend, um die Politik der Kanzlerin insgesamt beurteilen zu können. Das Urteil fällt jedoch negativ aus. In der Finanzkrise habe sie nicht dazu beigetragen, die Weltfinanzindustrie neu zu ordnen oder zu regeln. Noch schlechter schneidet sie bei der Betrachtung der Eurokrise ab. Merkel habe auf ein Programm gedrungen, mit dem wie in Griechenland hauptsächlich die Bankschulden beglichen wurden. „Keine Rede von Aufbau, Wachstum, Hilfe zur Selbsthilfe“, so Zudeick. Die Fukushima-Katastrophe nutzte Merkel hingegen für eine spektakuläre Kursänderung. Zwischen der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken und der Ausstiegsankündigung lagen gerade mal sieben Monate. Allerdings sei nicht Fukushima Anlass zum Handeln gewesen, kreidet der Autor an, sondern das schlechte Abschneiden der CDU gegenüber den Grünen bei den Wahlen in Baden-Württemberg und Bremen.

In der Flüchtlingskrise wird ihr Planlosigkeit vorgeworfen, die viele Menschen zweifeln und verzweifeln ließ: „Und ein entscheidender Fehler war, die europäischen Partner nicht rechtzeitig einzubinden. Viele hatten den Eindruck, dass Madame Merkel die Richtlinien der europäischen Flüchtlingspolitik bestimmen wollte und alle anderen hinterherdackeln müssten.“ Etwas enttäuschend fällt die Bewertung von Merkels Handeln in der Corona-Krise aus. Dafür, dass sie maßgeblich dazu beigetragen hat, die Grundrechte extrem einzuschränken, die Gesellschaft zu spalten und einen indirekten Impfzwang einzuführen, kommt sie bei Zudeick glimpflich davon. „Die vielen Pannen und Fehlentwicklungen hat sie am allerwenigsten zu verantworten“, heißt es bloß.

Am Gesamteindruck dürfte das nichts ändern. Zudeick sieht es genauso: „So trug die Pandemie mit dazu bei, den Machtverfall Merkels zu illustrieren, ein Verfall, der schon lange vorher eingesetzt hatte.“ Bleibt die Frage, wie sie in Erinnerung bleiben wird. Sie „hätte die Chance gehabt, ihre Kanzlerschaft nach 16 Jahren geordnet und in Würde zu beenden, auch sie hat es nicht geschafft“, schreibt der Autor. Für die Zeit nach der Politik-Karriere muss das nicht viel bedeuten. Während Kurt Georg Kiesinger nach seiner Amtszeit noch weniger Sympathien genoss, rangiert Helmut Schmidt in den Umfragen noch immer ganz vorne. Anders als beim Abgang decken die deutschen Kanzler beim Nachruhm ein breites Spektrum ab.

Peter Zudeick: Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt – Vom Ende deutscher Kanzlerschaften, Westend Verlag, 200 Seiten, Softcover, 18 Euro

Titelbild: Billion Photos/shutterstock.com

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