Wer die Methoden der Manipulation nicht präsent hat, wird zum Opfer
Wer die Methoden der Manipulation nicht präsent hat, wird zum Opfer

Wer die Methoden der Manipulation nicht präsent hat, wird zum Opfer

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Es gibt Zeitgenossen, die sich darüber wundern und kritisieren, dass Putin der telefonischen Bitte von Angela Merkel, auf den weißrussischen Präsidenten wegen der Flüchtlingsnot an der Grenze zu Polen einzuwirken, nicht Folge leistet. Es gibt Zeitgenossen, die Putins Absage richtig finden. Und einiges dazwischen. Sie alle sind Opfer der Manipulationsmethode „B zu sagen und A zu meinen“. Der eigentliche Grund von Angela Merkels Anruf bei Putin war ja nicht, Putin zur Intervention in Minsk zu veranlassen. Da ist unsere Noch-Bundeskanzlerin realistisch genug zu erwarten, dass Putin sich auf eine solche Bitte nicht einlässt – auch deshalb, weil er die eigentliche Absicht der deutschen Bundeskanzlerin durchschaut. Sie will vor allem die im Westen ausgedachte Botschaft untermauern, Russland stecke hinter der „Schleusertätigkeit“ des weißrussischen „Machthabers“, wie man hierzulande sagt. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Seit Beginn der Berichterstattung über die Flüchtlinge an der weißrussisch-polnischen Grenze wird von deutschen Medien immer wieder eingeflochten, vermutlich stecke hinter dem Flüchtlingsstrom nicht nur Lukaschenko, sondern auch Moskau alias Putin. Auch unsere öffentlich-rechtlichen Medien haben diese Botschaft immer wieder transportiert, ohne sie zu belegen. Sie haben dafür Interviews mit ihren Korrespondenten zum Beispiel in Moskau geführt und nie einen Beleg geliefert.

So richtig glaubhaft war die Schuldzuweisung an Moskau vermutlich nicht. Deshalb wurde die „große alte Dame“ Deutschlands und Europas, Angela Merkel, in diese für den Westen offensichtlich wichtige Manipulation eingeschaltet. Sie rief Putin an, obwohl sie wissen musste, dass er auf das Begehren zur Intervention bei Lukaschenko nicht positiv reagieren kann. (Pressemitteilung Bundesregierung siehe hier) Aber das war ihr vermutlich auch völlig egal. Wichtig aus ihrer Sicht und aus Sicht der westlichen Propaganda ist, dass ihre Aktion ein wichtiger Schritt zum angeblichen weiteren Beleg der Behauptung ist, auch Moskau bzw. Putin stecke hinter den Machenschaften von Lukaschenko.

Übrigens: So berichtete die Bild-Zeitung über den Telefonanruf:

KRISEN-TELEFONAT MIT DEM KREML

Dramatischer Merkel-Appell an Putin!

Merkel-Sprecher Steffen Seibert teilte mit: „Bundeskanzlerin Angela Merkel hat heute mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert. In dem Telefonat ging es um die gegenwärtige Situation an der belarussisch-polnischen Grenze.“

Was Merkel Putin mitteilte: „Die Bundeskanzlerin unterstrich, dass die Instrumentalisierung von Migranten gegen die Europäische Union durch das belarussische Regime unmenschlich und vollkommen inakzeptabel sei.“ Und weiter: „(Sie) bat den russischen Präsidenten, auf das Regime in Minsk einzuwirken.“

Merkel hat mit ihrem Anruf noch eine andere Botschaft transportiert, eine Botschaft A.2: Dass Lukaschenko schuld sei an dem Flüchtlingsdrama an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen – und eben nicht die westliche Führungsmacht USA und ihre Verbündeten, die mit ihren Kriegen in vielen Staaten des Nahen Ostens, des Mittleren Ostens und Afrikas verheerende Verhältnisse hinterlassen haben und damit Tausende von Menschen veranlassen, ihr Heil in der Flucht aus ihrem Heimatland zu suchen.

Zu Ihrer Information ist im Folgenden der gesamte Text zur Beschreibung der Manipulationsmethode „B sagen und A meinen“ wiedergegeben.

Außerdem ist noch die gesamte Liste der beschriebenen Methoden der Manipulation angehängt – zum Ausdrucken und zur Erinnerung.

Auszug aus „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“. Kapitel III.11. auf Seite 48 folgende:

11. B sagen und A meinen

Das eine sagen, aber das andere meinen. Diese Methode wird unentwegt angewendet. So ist der Niedergang der SPD des Öfteren mit der Behauptung begleitet worden, die SPD verkaufe sich schlecht (= B). Damit transportiert wurde die Botschaft, ihre Politik sei eigentlich gut gewesen (= A). Auf allen Ebenen der SPD spukt derweil dieses Gespenst herum: Wir sind ja gut, aber wir verkaufen uns schlecht.

Auch die Agenda 2010 wurde und wird uns immer wieder auf diese Weise nahegebracht: Bundeskanzler Schröder habe sich, seine Kanzlerschaft und seine Partei geopfert, um das Land voranzubringen (= B). Damit wird die Botschaft A transportiert, die Agenda 2010 sei notwendig gewesen und nützlich.

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat Angela Merkel 2012 ermahnt, ihre Politik in der Euro-Krise besser zu erklären. Der Spiegel hat ihn wegen dieser Ermahnung kritisiert: »Mahnende Worte an die Kanzlerin. Gauck trifft Merkels schwächsten Punkt«.20 Beides, die Ermahnung durch den Bundespräsidenten wie die Kritik des Spiegel an ihm ­waren Teil der Botschaft B, mit der vermittelt werden sollte, wie grandios die Politik der Bundeskanzlerin Merkel ist (= A).

Die Methode B sagen und A meinen wurde in Kombination mit der Methode Übertreiben von der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes 1975/1976 angewandt. Wir stellten damals mithilfe von Umfragen fest, dass Bundeskanzler Schmidt nicht als besonders leistungsfähig galt. Im Herbst 1975 haben wir dann zusammen mit Kollegen aus der SPD-Zentrale nach einer Möglichkeit gesucht, diese Einschätzung zu verbessern. Das Ergebnis des Nachdenkens: Der Bundeskanzler und andere Spitzenpolitiker sollten künftig bei der Darstellung unseres Landes und ihrer Politik vom »Modell Deutschland« sprechen und zugleich den eigentlich arrogant klingenden Begriff fortschrittlich füllen: gute Nachbarschaft mit allen Völkern, ein eng geknüpftes und festes soziales Netz, ferner viele und gute Arbeitsplätze, Reformen wie das gleiche Kindergeld für alle statt der ungerechten Kindersteuerfreibeträge, ganz geringe Arbeitslosigkeit und so weiter. Das sollte das »Modell Deutschland« charakterisieren, und das tat es damals auch.

Helmut Schmidt hat diese Idee positiv aufgenommen und seine öffentlichen Äußerungen darauf abgestellt. »Modell Deutschland« war die Klammer vieler Äußerungen von Schmidt selbst und der Bundesregierung.

Es gab offensichtlich einen Disput wegen des Eindrucks »nationalistischer Überheblichkeit«, wie Helmut Schmidt notierte. Aber es sollte mit den Begriffen Versöhnung und Nachbarschaften gefüllt werden.

Das war im Vorfeld der Bundestagswahl 1976 und hat vermutlich einiges dazu beigetragen, bei knapp gewordenem Abstand zu Helmut Kohls CDU/CSU die Wahl noch einmal zu gewinnen.

In Kenntnis dieser Methode und der Erfahrung, dass sie sehr oft angewandt wird, kann man lernen, nicht auf den ersten Teil einer Aussage hereinzufallen und stattdessen besser noch einmal zu hinterfragen, was dahintersteckt.

Liste der Manipulationsmethoden

Bitte beachten: Am Ende der Liste stehen vier Manipulationsmethoden, die im 2019 erschienenen Buch noch nicht analysiert worden sind.

III. Methoden der Manipulation 21
1. Sprachregelung 22
2. Manipulation mithilfe von ständig gebrauchten und mit einer Bewertung versehenen Begriffen 24
3. Geschichten verkürzt erzählen 25
4. Verschweigen 29
5. Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein 34
6. Übertreiben – Es wird schon etwas hängen bleiben 36
7. Die gleiche Botschaft aus verschiedenen Ecken aussenden 38
8. Alle in der Runde sind der gleichen Meinung. Dann muss es ja richtig sein. 40
9. Der Wippschaukeleffekt 42
10. Umfragen nutzen, um Meinung zu machen 46
11. B sagen und A meinen 48
12. NGOs gründen oder benutzen 50
13. Ein Sammelsurium von Andeutungen macht in der Summe die Halbwahrheiten zur Wahrheit 51
14. Experten helfen – zu manipulieren 53
15. Namen verknüpfen und damit Einzelne bewerten 55
16. Gezielter Einsatz von Emotionen 59
17. Konflikte nutzen und inszenieren, um Meinung zu machen 61
18. Visualisieren
19. Ablenken
20. Das Denkschema „Wir sind die Guten“ anwenden
21. Angriff ist die beste Verteidigung

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