Mehr Bratwürste für Schriftsteller!
Mehr Bratwürste für Schriftsteller!

Mehr Bratwürste für Schriftsteller!

Ein Artikel von Katharina Körting

PEN-Desaster: Wie fehlender Mannschaftsgeist sich mit verletzter Würde tarnt. Neulich habe ich mal wieder ein Handballspiel geschaut – toll! Aber nix für schwache Nerven: spannend, kraftvoll und gefährlich. Mit viel Körperkontakt, Risikobereitschaft, Freude am Spiel, Mannschaftsgeist. Also so ähnlich wie eine PEN-Versammlung – nur ohne den Mannschaftsgeist. Mir wurde ein wenig melancholisch zumute, denn als Autorin fehlt es oft: dieses Gefühl, gemeinsam für etwas (und gegen etwas) zu kämpfen. Von Katharina Körting.

In aller Fairness, vielleicht mit ein paar taktischen Fouls, für deren Gewitztheit es Applaus von der Tribüne gibt. Als Autorin sitzt man ganz für sich am Schreibtisch und denkt darüber nach, wie man die Welt (oder zumindest den Text) ein bisschen bessermachen kann. (Dass Welt und Text zusammenhängen, setzt man irgendwie voraus.) Meistens scheitert man – so wie jetzt der Nicht-mehr-PEN-Präsident Deniz Yücel. Nachdem der Abwahlantrag seiner Gegner auf der Versammlung in Gotha knapp erfolglos war, verkündete der frisch bestätigte Chef: „Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein.“ Und trat aus.

Er wäre nicht der Einzige, der das mit der Mannschaft (und im Übrigen auch das mit der Demokratie) ein bisschen missversteht. Nicht nur an der Bratwurstbude fände er eine Menge Unterstützer für die Idee, dass der eigene Wille und die eigene Vorstellung relevanter seien als die aller anderen. Und dass, wer das nicht so sieht, der eigenen Unterstützung unwürdig sei. Als die PEN-Mitglieder Yücels Mitstreiter Joachim Helfer nicht in den Vorstand wählten und den ihm nicht genehmen Generalsekretär Heinrich Peuckmann mit großer Mehrheit im Amt bestätigten, schien deshalb klar: „Dieser real existierende Verein“ ist der Geschichte des PEN nicht mehr würdig!

Die Würde des PEN findet man in seiner Charta. Der PEN „steht auf dem Standpunkt, dass der notwendige Fortschritt in der Welt hin zu einer höher organisierten politischen und wirtschaftlichen Ordnung eine freie Kritik (…) zwingend erforderlich macht. Und da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschließt, verpflichten sich die Mitglieder, (…) vorsätzlichen Fälschungen und Entstellungen von Tatsachen für politische und persönliche Ziele entgegenzuarbeiten.“ Freiwillig geübte Zurückhaltung, hm… Dinge nicht falsch darstellen, soso… Da könnte man glatt auf die Idee kommen, dass Deniz Yücel mindestens so sehr die Würde des PEN verletzt wie diejenigen, die er als Bratwurstesser diffamiert. Denn es gab ja gar keine Bratwurst!

Außerdem: Was soll an Bratwürsten unwürdig sein, solange sie bio und ohne Tierqual hergestellt wurden? Sind Bratwürste etwa unter der Würde von Poets (Dichtern), Essayists und Novellists (Romanautoren)? Oder sind die – Skandal! – auch nur Menschen, die sich streiten? Wieso sollte ein Schriftsteller weit über jedem Bratwurstbudenkonsumenten stehen – weil er erst auf Vorschlag von zwei Kollegen PEN-Mitglied wird? Okay, das ist schon ein Unterschied zur Bratwurstbude: Anders kommt man in den Verein nämlich nicht rein. Sonst könnte ja jeder kommen mit seinem Füller, wo man doch sogar in der Kleingartenkolonie jahrelang auf der Warteliste steht, bevor man im eigenen Gärtchen seine Bratwurst grillen kann. Aber im PEN kommt eben erst die Moral, dann das Fressen!

Wer so viel auf sich hält, sollte zumindest höflich bleiben, oder? Auch wenn er sauer ist. Die Form wahren, die doch gerade für Texte elementar ist. Schon aus Gründen der Selbstachtung. Wer austeilt, muss auch einstecken können, klar – aber bitte gepflegt, so wie beim Handballspiel. Da geht es auch hart zur Sache, aber ohne PEN-artige Rüpelhaftigkeit. Da landet zwar schon mal ein Ellbogen im Eifer des Gefechts auf der Nase oder ein Spieler auf dem Boden. Aber hey: Ehrensache, dass man dem Gegenmann die Hand zum Aufstehen reicht. Und nach dem Spiel gern auch eine Bratwurst.

Titelbild: New Africa/shutterstock.com

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