Über die wirkliche Lage der Menschen im Ahrtal ein Jahr danach
Über die wirkliche Lage der Menschen im Ahrtal ein Jahr danach

Über die wirkliche Lage der Menschen im Ahrtal ein Jahr danach

Ein Artikel von: Redaktion

Die Redaktion der NachDenkSeiten erreichte gestern die E-Mail eines Lesers mit angehängtem Bericht seines Freundes aus dem Ahrtal. Das klingt anders als bei den gestrigen Gedenkfeiern. Ein Kernsatz: „Die Menschen brechen unter der gewaltigen Last aus Existenzängsten, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie Einbußen in der Lebensqualität schier zusammen.“ Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Hier zunächst die Mail unseres Lesers:

„Hallo zusammen, ich möchte euch unten die Email eines Freundes aus dem Ahrtal weiterleiten, der ungenannt sein möchte. Er beschreibt die Situation zum Jahrestag der Flutkatastrophe.

Er hatte vor einem Jahr im Freundeskreis um Unterstützung gebeten, um einigen wenigen Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft sofort helfen zu können.

Bitte lesen Sie diesen Text, der mich fassungslos macht und entscheiden Sie, ob sie ihn auf Ihrer Webseite veröffentlichen wollen oder nicht.

Gruß
Günter Selas

Und hier der Bericht des Betroffenen im Ahrtal:

Liebe Unterstützer*innen!

Hier im Ahrtal wirkt es noch immer surreal, dass es heute schon exakt ein Jahr her ist, als die Flut unser Leben so massiv verändert hat. Was aber noch immer sehr präsent ist, ist die reale Hilfe, die uns unmittelbar nach dieser Katastrophe aus der gesamten Republik gewährt worden ist. Daher möchte ich die Gelegenheit anlässlich dieses so zwiegespaltenen Jahrestages nutzen, mich im Namen aller Begünstigten nochmals sehr herzlich für Eure großzügige monetäre, materielle und moralische Unterstützung aller Art zu bedanken: Euer Beitrag wirkt nach und hat Bestand!

Wunderbar wäre es, wenn ich darüber hinaus berichten könnte, dass in diesem einen Jahr so viel voran gegangen ist, dass die Menschen im Ahrtal positiv gestimmt sind und frohen Mutes in eine prosperierende Zukunft blicken. Leider ist dies reines Wunschdenken. Die zahlreichen, sicher in bester Absicht gestellten Nachfragen „Und? Alles wieder gut?“ oder „Nun müsste doch langsam wieder alles in Ordnung sein!? müssen leider mit „ganz und gar nicht“ beantwortet werden. Und das auf nahezu allen Ebenen. Positiv sind – auch in unserer Familie – aktuell leider nur die Corona-Testergebnisse. Und das in exponentiell wachsender Zahl. Ansonsten…

…möchte ich niemandem zumuten, eine einzige (An-) Klageschrift aus dem Ahrtal zu lesen. Der furchtbare Ukrainekrieg und dessen Folgen drücken schon hinreichend aufs Gemüt. Und hier mag sich niemand ausmalen, wie ein zweiter Winter ohne stabile Heiz- und Energieversorgung wohl aussehen wird. Doch auch wenn die Medienkarawane längst weitergezogen ist und leider keinerlei Schwierigkeiten hat, die nächste Katastrophe zu betexten und bebildern, so möchte ich doch kurz skizzieren, wie sich hier die aktuelle Lage darstellt. Viele meiner Textbausteine dürften für aufmerksame Leser*innen wie eine copy-paste-Schilderung wirken. Ich wünschte, es wäre anders.

Von unseren Freunden mit ihren Familien und zahlreichen Kindern, die dank Eurer großzügigen Spenden und Erste-Hilfe-Maßnahmen über die existentiell bedrohliche Anfangszeit gehievt werden konnten, sind zwei Paare inzwischen getrennt, ein Haus im entkernten Zustand verkauft und nahezu sämtliche Betroffene, Erwachsene wie Kinder und Jugendliche, in Therapie – bzw. auf der Suche nach einem Therapieplatz. Wartezeit: ein Jahr. Der Hausverkauf war nötig, da eine Rückkehr ins Flutgebiet für diese Freunde nicht mehr möglich erschien. Dass der Verkauf mit einer Halbierung des Werts am Tag vor der Flut einherging und somit die komplette Altersvorsorge dieser Freiberufler perdu war, soll das Schicksal hinter dem Schicksal verdeutlichen. Nach den Starkregenereignissen vor einigen Wochen haben viele andere inzwischen schmerzlich begreifen müssen, dass sie einer so sehr ersehnten baldigen Rückkehr ins Eigenheim überhaupt nicht gewachsen sind.

Kommen wir zu den beiden Tabubegriffen und regionalen Unwörtern des abgelaufenen Jahres: „schnell“ und „unbürokratisch“. Heute schweben hier zum symbolischen Staatsakt und Zeichen der Solidarität wieder Bundespräsident, Bundeskanzler und die Ministerpräsidentin unseres Bundeslandes Rheinland-Pfalz ein. Es erinnert an ähnliche Auftritte vor ziemlich exakt einem Jahr, als beispielsweise der Hubschrauber mit der Kanzlerin auf unserem Sportplatz in 150m Luftlinie unseres Wohnhauses einschwebte und die so notwendigen, akuten Hilfsaktivitäten erst einmal für Stunden zum erliegen gebracht hatte. Das Ahrtal hatte damals das große Pech, dass sich die Politiker*innen im Wahlkampf befunden haben und sich diese beiden Begriff „schnell“ und „unbürokratisch“ bestens eigneten, die durch Öl, Fäkalien und andere Giftstoffe benebelten Sinne der flutdurchtränkten Bevölkerung mit Hoffnung zu betäuben.

Inzwischen ist auch den letzten Betroffenen klar geworden, dass die Zahlungen aus Wiederaufbaufonds und prall gefüllten Spendentöpfen von Organisationen und Institutionen überall gelandet sein mögen. Nur nicht bei ihnen. Oder noch in irgendwelchen Amtsstuben verschimmeln. Die bürokratischen Hürden der Anträge sind für viele noch immer unüberwindbar. Oder sie bekommen auf Nachfrage nach 6 Monaten die Mitteilung, dass an einer Stelle des 30-seitigen Antrags ein Haken zu setzen vergessen wurde. Die Menschen brechen unter der gewaltigen Last aus Existenzängsten, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie Einbußen in der Lebensqualität schier zusammen. Dies gilt sowohl für Privat- als auch Geschäftsleute. Die Geschäftswelt liegt auch nach einem Jahr noch weitestgehend brach, Tausende haben das Tal dauerhaft verlassen, und die meisten Menschen konnten noch immer nicht wieder in ihre Häuser zurückkehren.

In der Häuserreihe unterhalb von uns, deren Gärten unmittelbar an unseren stoßen, ist noch niemand wieder eingezogen – und 3 Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft mussten abgerissen werden. Mur durch eine geographische Gnade, da unser Grundstück in ausreichendem Maße ansteigend ist, hatten wir das Wasser immerhin nicht IM Haus stehen. Unsere Nachbarn haben gestern (!) ihre neuen Fenster eingesetzt bekommen und hoffen, Weihnachten (!) wieder im Haus sein zu können. Das wären dann knapp 18 Monate nach der Flut. Und wo Not ist, sind die Profiteure nicht weit. Ich kenne gut ein Dutzend Betroffene, die nun sowohl den frischen Estrich als auch neu eingezogene Wände samt frischem Putz wieder rausreißen dürfen, weil irgendwelche von den Versicherungen geschickten Sub-Sub-Sub-Unternehmer gepfuscht haben. Kolonnen von ungelernten Männchen in weißen Schutzanzügen haben für einen Lohn von 5 € pro Stunde ihr Unwesen getrieben. Und der Großunternehmer hat sich am Schreibtisch mit abgerechneten 60 € plus die Hände gerieben. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man laut lachend an Mario Adorfs Figur Heinrich Haffenloher in Kir Royal („…und dann jehörste mir!“) denken. Doch das Lachen bleibt einem angesichts des realen Dramas im Halse stecken.

Sprechen wir kurz über die „Lebensqualität“ der nachwachsenden Generation im Ahrtal: Kinder und Jugendliche. Therapiebedarf und Suizidversuche schnellen in die Höhe. Kein Wunder: die Nacht der Flut und deren Auswirkungen haben den Auswirkungen der höchst herausfordernden Corona-Zeit mit einer explosiven Familien-Melange aus home schooling und home office die Krone aufgesetzt. Bekannte aus dem Bereich der polizeilichen Spezialeinheiten berichten, sie würden weniger wegen Kriminalität zum Einsatz gerufen, dafür umso mehr wegen häuslicher Gewalt. Es gibt quasi keine Schwimmbäder, Sportanlagen und Spielplätze mehr im Ahrtal. Alles fortgespült. Wiederherstellung: Achselzucken. Der Aufwand, seine Kinder zum körperlichen Ausgleich und Sozialleben zu bringen, ist gewaltig. Hier wird gerade eine Generation von Nicht-Schwimmern und Bewegungseingeschränkten heranwachsen, das auch gesamtgesellschaftlich zum Problem wird. Es erfordert schon gewaltigen Optimismus, den zarten Lichtstrahl am Ende des Tunnels zu erahnen.

Was die Flut – flankiert von den Bildern aus Ost-Europa – für die ältere Generation bedeutet, können wir jeden Tag am Beispiel meiner 96-jährigen Mutter erleben, die wir im Jahr vor der Flut bei uns aufgenommen haben. Beinahe täglich kommen uns zudem bei den Hunderunden – die unweigerlich durchs „Kriegsgebiet“ führen, wie es hier genannt wird – ältere Menschen entgegen, die unvermittelt in Tränen ausbrechen oder mit feuchten Augen noch immer fassungslos auf die einst idyllischen Orte blicken. Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes vor den Trümmern ihres Lebens. Der Anblick ist manchmal schwer auszuhalten. Wer hat die Kraft und wer hätte sich das vorgestellt, mit 70+ noch einmal komplett von vorne anfangen zu müssen? Sie wollten doch nur in Ruhe ihren Lebensabend genießen. Und von der Generation zwischen Jugend und Alter und deren Einschränkungen der Lebensqualität möchte ich gar nicht erst beginnen.

Bei Hochwasserkonzepten, Präventionsmaßnahmen oder Infrastruktur wie Straßen, Schienen und Brücken ist der Frust ganz besonders groß. Zentrale Brücken, wie eine Fußgängerbrücke, die zuvor in erster Linie und notwendigerweise von Schulkindern genutzt worden ist, sind erst für 2027 im Wiederaufbauplan vorgesehen. Wohl wissend, wie planungssicher solche Maßnahmen sind, kann man erahnen, über welche Zeithorizonte wir hier philosophieren. Es fehlen Konzepte, Gremien müssen sich erst noch finden, im ersten Aktionismus ist bereits sehr viel – vor allem im Hinblick auf nachhaltige Maßnahmen unter Berücksichtigung der Natur – versemmelt worden und man gewinnt den Eindruck, dass in Anlehnung an Liedermacher Reinhard May hier noch sehr viele Anträge zur Erstellung eines Antragsformulars von Schreibtisch zu Schreibtisch im Bürokratiedschungel gewandert sein müssen, bis es zu einer Umsetzung kommen kann.

Natürlich bricht sich die Frage nach Schuld und Verantwortung zunehmend Bahn. Gerade am vergangenen Freitag hat der zum Zeitpunkt der Flut oberste Katastrophenschützer des Kreises – „der dessen Name nicht genannt werden darf“: der Landrat – nebst Gattin im Mainzer Untersuchungsausschuss die Aussage verweigert. Sein gutes Recht, denn es läuft ja zugleich ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn. Aber auch ohne sein Zutun haben die Ermittler herausgefunden, dass er in jenen kritischen Stunden zwar nicht für seine technische Einsatzleitung erreichbar war – nur für ein Foto mit dem Innenminister RLP, der sich von der „ruhigen“ und „konzentrierten“ Arbeit des Krisenstabs überzeugt hat, bevor drei Stunden später für 69 Menschen im Stadtgebiet jede Hilfe zu spät kam -, jedoch mit einer „guten Bekannten“ (knick-knack) mit dem Synonym „Nring“ (wo mag sie wohl wohnen? Hilfestellung: die Rennstrecke Nürburgring liegt knapp 30km entfernt…) in jenen Stunden 13 Mal „gechattet“ hat. Wörtlich: „Ich bin am Ende.“ Zudem hat er seine unmittelbaren privaten Nachbarn gewarnt – und anschließend seinen Porsche in Sicherheit gefahren. Hier ist man sich sicher, der nun krank geschriebene Mann erhält ohne Kürzungen seine Beamtenpension. Und dennoch: den mangelnden Katastrophenschutz und nicht erfolgten Warnungen der Bevölkerung an jenem verhängnisvollen Tag an einer Person alleine festzumachen, würde zwar kurzfristig die Sehnsucht nach einem Schuldigen befriedigen, doch zugleich von unverzeihlichen Systemfehlern ablenken. Es hat sich gezeigt, und das ist hier zum geflügelten Wort geworden, „dass Burkina Faso auf eine solche Katastrophe besser vorbereitet gewesen wäre“. Dabei haben wir doch die Katastrophenschutzschule des Bundes nur 500m bergaufwärts sitzen – und uns auf unsere Organisationskunst, auch international, immer so viel eingebildet. In dieser Illusion sind hier viele Menschen ertränkt worden.

Die Menschen im Ahrtal tun nach meiner Beobachtung ihr Bestes, um diese unheimlich kräftezehrende Phase ihres Lebens zu bewältigen – physisch wie psychisch. Aber die Dimension, das Ausmaß und die Folgen der Zerstörung sind noch immer dermaßen gigantisch, dass es den kühnsten Optimisten schwer fällt, positiv zu bleiben. Und was es wirklich schwer macht: wenn man beim Hundespaziergang Bekannte trifft und fragt: „Wie geht es Dir?“, dann triggert man in vielen Fällen eine Antwort gespickt mit persönlichen Erlebnissen, so dass man leicht eine halbe Stunde nur mit Zuhören verbringt. Es ist hier eine ständige, offene Therapiestunde und man möchte wirklich hoffen, dass die Selbstheilungskräfte der Menschen so stark sind, dass der Mangel an tausenden Psychologen vor Ort – bei allen Anstrengungen – zunehmend weniger stark in Erscheinung tritt.

Alle bangen dem Jahrestag entgegen. Viele Gedenkfeiern sind geplant, doch mein Eindruck ist, dass viele am liebsten Weglaufen würden vor den Erinnerungen. Wir hatten für den morgigen Tag unsere engsten, am stärksten betroffenen Freunde in unseren längst wieder hergestellten Garten eingeladen zu Bratwurst, Brötchen und Bier – natürlich auch alles vegan, glutenfrei, alkoholfrei , um die traumatischen Erlebnisse der Flutkatastrophe durch eine gesellige Runde zu überlagern. Doch nun sind von den 20 Personen rund 2/3 COVID-infiziert. Es wäre ja auch zu einfach gewesen.

Ihr lest: das Trauma, der Frust und die Enttäuschung stecken noch sehr tief. Dünnhäutigkeit, strapazierte Nerven und leider auch ein zunehmender Mangel an Solidarität sind zu beobachten. Gerne hätte ich Positiveres berichtet nach einem Jahr. Aber es bleibt die Hoffnung, dass die Zeit auch Wunden heilen hilft. So platt der Spruch auch ist. Zugleich steigt das Risiko der „Hochwasser-Demenz“, die schon in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass man die Folgen vergangener Hochwasser leicht vergisst. Und hier hat man weder den Warnschuss des „Jahrhundert-Hochwassers“ in 2016, noch den aus 1804 bzw. 1910 hinreichend deutlich wahrgenommen. Bleibt nur zu hoffen, dass ein Jahrhundert nicht wieder nur wenige Jahre dauert, sondern auch mal doppelt so lange. Doch die Experten sind sich einig: es wird wieder kommen. Wie heftig dann das Ausmaß sein wird, wird vornehmlich an den Warnungen und veränderten Brückenbauweisen liegen, die sich vor einem Jahr so fatal zugesetzt hatten und nach deren „Explosion“ eine Art Tsunami die Orte vernichtet hat.

Nur noch einmal zur Verdeutlichung: hier im Ahrtal sind 134 Menschen in jener Nacht gestorben, noch immer sind zwei Personen vermisst. Inzwischen mehren sich die Zahlen, dass es viele Menschen gibt, die kurz nach dem Überleben gestorben sind, vor allem Ältere. So pathetisch es klingt: an gebrochenem Herzen. Zudem hat es zahlreiche Suizide gegeben. Und dahinter stecken Hunderte von trauernden Angehörigen. Von den Hunderten, zum Teil Schwerverletzten ist zwar schon lange keine Rede mehr, aber die Auswirkungen auf deren Leben kann man sich nur vage vorstellen. Und die übrigen Zehntausende Überlebenden und Betroffenen auf einer Strecke von 40km werden ebenfalls lebenslang an die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 denken.

Was bleibt: die Erinnerung an all die wunderbaren Zeichen der Mitmenschlichkeit, Unterstützung und Hilfsleistungen, die hier vor einem Jahr ins Ahrtal geströmt sind und den Menschen vor Ort gezeigt haben, was unser Zusammenleben aus- und so wertvoll macht. Für Eure SolidAHRität nochmals unser herzlichstes „DANKE“!

Titelbild: Gedenken im Ahrtal 14.7.2022

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