Strompreise – wenn die EU die Preismechanismen nicht ändert, könnten die Folgen katastrophal sein
Strompreise – wenn die EU die Preismechanismen nicht ändert, könnten die Folgen katastrophal sein

Strompreise – wenn die EU die Preismechanismen nicht ändert, könnten die Folgen katastrophal sein

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Im Windschatten der Gaspreisexplosion haben sich die Großhandelspreise für Strom in den letzten Monaten mehr als verzehnfacht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dies mit voller Wucht auch die Stromrechnungen der Haushalte trifft. Die Gründe dafür sind vielfältig und gehen weit über den Krieg in der Ukraine hinaus. Vor allem die Folgen des Klimawandels machen sich hier bemerkbar und paradoxerweise sorgt nun ein Preismechanismus, der eigentlich die erneuerbaren Energien stärken und den Verbraucher vor hohen Strompreisen schützen sollte, dafür, dass die Preise nun durch die Decke gehen. Es ist an der Zeit umzudenken. Die Förderung regenerativer Energien ist wichtig und richtig; Preismechanismen, die bei externen Schocks zum volkswirtschaftlichen Selbstmord führen, sind jedoch falsch. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Quelle: EMBER

Die Entwicklung des Großhandelspreises für Strom ist mehr als besorgniserregend. In den meisten europäischen Ländern hat sich der durchschnittliche Großhandelspreis gegenüber dem Vorjahr fast verzehnfacht. In Deutschland wird Strom momentan für rund 30 Cent/kWh gehandelt – und das ist wohlgemerkt der Großhandelspreis ohne Abgaben, Steuern, Netzentgelte und ohne die Kosten und Renditen der Endversorger. Bliebe der Preis auf diesem Niveau, müssten sich bald auch die Endkundenpreise mindestens verdoppeln. Und das ist vielleicht noch optimistisch, da die Preise im Großhandel in den letzten Wochen nur eine Richtung kannten – steil nach oben.

Wie kann das sein? Sicher: Der Gaspreis ist durch die Verknappung der Lieferungen aus Russland und Markteffekte ordentlich gestiegen. Aber Gas macht nur rund fünf Prozent des deutschen Strommix aus. Der meiste Strom kam in diesem Jahr aus Wind, Braunkohle und Solar, also aus Energiequellen, die sich, wenn überhaupt, nur marginal verteuert haben. Wie kann es also sein, dass eine kleine Stellschraube, wie der Gaspreis, so massive Auswirkungen auf den Strompreis hat?

Quelle: Strom-Report

Um zu verstehen, warum der Strompreis zurzeit durch die Decke geht, muss man zunächst einmal wissen, wie dieser Preis überhaupt entsteht. Früher war dies relativ einfach. Versorger wie die Stadtwerke produzierten den Strom in eigenen Kraftwerken selbst und kauften sich die nötigen zusätzlichen Mengen von großen Stromkonzernen, die beispielsweise Kohle- und Kernkraftwerke betrieben. Angebot und Nachfrage regelten hier den Preis. Der Ausbau der regenerativen Energien war in diesem Preismodell jedoch problematisch. Sonne und Wind haben den Vorteil, dass sie nahezu keine nennenswerten Grenzkosten haben; ob der Wind weht oder die Sonne scheint, spielt für die Kostenseite der Stromerzeuger keine große Rolle. Wer diese Energien ausbauen will, muss also dafür sorgen, dass sie privilegiert ins Netz eingespeist werden und am Markt fair bezahlt werden.

Dazu hat man die sogenannte Merit Order als Regelwerk an den Strombörsen eingeführt. Was komplex klingt, ist eigentlich ganz einfach. Der Strom wird in der Reihenfolge der Grenzkosten der Kraftwerksbetreiber ins Netz eingespeist – so lange, bis der momentane Bedarf gedeckt ist. Zuerst sind dies Wind- und Solar-Kraft, dann kommen Kernenergie und Braunkohle und als Letztes kommt (nicht erst seit der Preisexplosion, sondern schon immer) Gas, da hier die Grenzkosten am höchsten sind. Der besondere Clou bei der Merit Order ist, dass sich der Preis für den gesamten Strom stets nach dem Kraftwerk richtet, das als letztes zugeschaltet wurde; also dem Kraftwerk, das die höchsten Grenzkosten hat. Und dies sind aktuell – warum, dazu kommen wir gleich – nun einmal so gut wie immer Gaskraftwerke. Der gesamte Strom wird also zum Grenzkostenpreis der Gaskraftwerke verkauft – auch der eigentlich viel preiswertere Strom aus regenerativen Energien und die großen Grundlastmengen, die aus Braunkohle und Kernenergie erzeugt werden. Steigt also der Preis für das „typische“ Grenzkraftwerk, steigt auch immer automatisch der Preis für alle Kraftwerke. So sinnvoll die Merit-Order-Regelung in normalen Zeiten sein mag – mögliche Knappheiten bei einem wichtigen Energieträger, der die Spitzenlast abdeckt, sind ihre Achillesferse.

Doch es ist ja nicht „nur“ die Knappheit von Erdgas. Das europäische Stromversorgungsnetz ist so konstruiert, dass zeitweilige Lücken in einzelnen Regionen durch erhöhte Stromproduktion in anderen Regionen ausgeglichen werden. Es macht also hier nur wenig Sinn, die Situation nur auf nationaler Ebene zu betrachten. Zurzeit kommen europaweit verschiedene Einzeleffekte zusammen, die in Kombination einen „perfekten Sturm“ bilden:

  • In den Alpenländern und Norwegen hat die anhaltende Dürre dafür gesorgt, das deutlich weniger Strom aus Wasserkraft produziert wird.
  • In Frankreich mussten aufgrund der niedrigen Pegelstände zahlreiche Kernkraftwerke vom Netz genommen werden. Weitere französische Kernkraftwerke sind marode und fallen derzeit wegen Reparatur- und Wartungspausen aus.
  • Der niedrige Pegel des Rheins verknappt den Kohletransport aus Rotterdam rheinaufwärts.
  • Länder wie Italien haben massiv auf Strom aus Erdgas gesetzt, der anstatt der Kohle oder der Kernkraft die regenerativen Energien ergänzen soll.
  • Die Preise im Emissionshandel sind durch den – dürrebedingten – stärkeren Einsatz von Kohlekraftwerken ebenfalls gestiegen und verschärfen die Preisentwicklung abermals.

All diese Faktoren führen in Summe dazu, dass sich der europäische Binnenmarkt für Strom in diesem Jahr verschoben hat. Frankreich war beispielsweise in den letzten Jahren einer der größten Stromlieferanten Deutschlands und ist in diesem Jahr erstmals ein Netto-Importeur. Puffer, um diese Lücken zu füllen, fielen in diesem Jahr durch die Dürre aus. In Summe führten all diese Effekte dazu, dass trotz Gasmangels noch nie so viel Strom aus Gas erzeugt wurde wie in diesem Jahr – und dies nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Und da die Merit Order in der gesamten EU gilt, ist Gas europaweit heute meist der Grenzkostenenergieträger, der den Preis bestimmt.

Noch stärker als hierzulande sind daher die Preise in Frankreich und Italien gestiegen – Frankreich muss durch den Einbruch des Grundlastträgers Kernenergie Unmengen an Strom zu „Marktpreisen“ aus dem Ausland beziehen und in Italien mit seinem hohen Gasanteil im Strommix schlägt die Preissteigerung für Erdgas voll auf den Strompreis durch. Es gibt jedoch auch Ausreißer nach unten. In Schweden ist die Dürre beispielsweise nicht so dramatisch und das Land kann seinen Strommix aus Kernenergie, Wasserkraft und Wind beibehalten, ohne Gaskraftwerke zuzuschalten. Jedoch hat auch hier der Export – vor allem nach Deutschland – eine preistreibende Wirkung. Einen Sonderfall nimmt auch Spanien ein. Hier hat die Regierung den Gaspreis zur Stromversorgung nach oben gedeckelt. Das ist zwar kostspielig, sorgt jedoch durch den Merit-Order-Effekt dafür, dass sich der Preis für alle Arten von Strom nach unten verschoben hat.

Quelle: EMBER

Dramatische Folgen wird der Anstieg des Strompreises vor allem für Länder haben, in denen die Einkommen gering und moderne und damit teure Energiespartechnologien nicht weit verbreitet sind. In Bulgarien, Rumänien, Serbien, Litauen, der Slowakei und Kroatien sind die Preise im Großhandel beispielsweise ebenfalls auf deutschem Niveau oder sogar darüber. Die Ursachen sind dabei kaum andere als hierzulande und allen voran die Merit Order sorgt dafür, dass der Gaspreis auf alle Strompreise durchschlägt. Bulgarien hat beispielsweise nur einen Erdgasanteil von 6,6 Prozent im Strommix. Doch diese 6,6 Prozent bestimmen den Preis der übrigen 93,4 Prozent. Auch Länder wie Österreich, die als Vorreiter bei den regenerativen Energien gelten und derzeit mehr als drei Viertel ihres Energiemixes aus erneuerbaren Energien beisteuern, sind derzeit gezwungen, diesen eigentlich sehr preiswerten Strom zum Grenzkostenpreis der Gaskraftwerke zu bepreisen, die „nur“ rund 15 Prozent zum gesamten österreichischen Energiemix beisteuern.

Mittelfristig wird sich die Situation auf den Märkten sicher entspannen, da jede Dürre ein Ende hat und die Wasserkraft schon bald wieder voll liefern wird. Beim Gas ist es jedoch nicht so einfach. Da sich die EU-Länder noch immer nicht durchringen konnten, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren und damit die Gasimporte zu stabilisieren, dürfte hier die Hochpreisphase sehr lange andauern und besonders mit Blick auf Länder mit hohem Gasanteil im Strommix wird einem auch bei der Stabilität der Netze angst und bange.

Es ist volkswirtschaftlich verheerend, in einer solchen Situation an der Merit Order festzuhalten. Es gibt keinen Grund, warum die Produzenten von Strom aus regenerativen Energiequellen und die Kohle- und Kernkraftwerksbetreiber direkt derart massiv von den Problemen bei der Gasversorgung profitieren sollten. Nun kann man diskutieren, ob diese klaren „Übergewinne“ stärker besteuert werden. Davon hat der Stromkunde jedoch erst einmal nichts. Er zahlt die hohen Preise und wenn sie über die Übergewinnsteuer in das Staatssäckel gehen, ist das für ihn nichts Weiteres als eine absurd hohe „Steuer“ auf den Strom.

Daher sollte es nun die oberste Priorität sein, die Merit Order entweder übergangsweise zu streichen oder so anzupassen, dass sie sich mit der neuen Realität verträgt. Würde man beispielsweise Gaskraftwerke schlicht aus der Merit Order herausnehmen und ihre „Mehrkosten“ über eine Umlage finanzieren, würde dies den gesamten Strompreis derart massiv senken, dass diese Umlage ohne Probleme refinanziert werden könnte und der Endkundenpreis dabei deutlich sinkt. Handelt man nicht, droht uns in diesem Jahr nicht nur ein kalter, sondern auch ein dunkler Winter.

Titelbild: biDaala studio/shutterstock.com

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!