Es wird höchste Zeit, über das wahre Gesicht des SPIEGEL aufzuklären.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Franziska Augstein, die Tochter von Rudolf Augstein, hat am vergangenen Donnerstag in einem Vortrag in Berlin die Linie des „Spiegel“ und insbesondere den Chefredakteur Stefan Aust hart kritisiert. Das Blatt habe seine Stellung als Leitmedium des deutschen Journalismus verloren, wichtige journalistische Standards aufgegeben, es sei ein geschwätziges Blatt unter vielen.

Leider konnten wir den Wortlaut dieser Rede bisher nirgendwo beschaffen. Elemente davon finden sich in der FR oder im Handelsblatt.

Die Ressortleiter des SPIEGEL haben auf Franziska Augstein geantwortet. Sie wollen die von Stefan Aust und von ihnen betriebene Veränderung der Linie des „Spiegel“ nicht wahrhaben. Sie schielen nur noch auf die Gewinne und vor allem die Auflage. Die Käufer und die Abonnenten, die wie Franziska Augstein mit der Qualität des „Spiegel“ unzufrieden sind, könnten die Ressortleiter des Blattes an ihrer empfindlichsten Stelle treffen, wenn sie mit ihrem Portemonnaie abstimmen.

Ein NachDenkSeiten-Leser kommentiert die Reaktion der Ressortleiter treffend:

Zum einen wird auf eine Rede von Franziska Augstein Bezug genommen, die weder verlinkt, noch ausführlicher zitiert wird und dem Leser somit keine Abwägung erlaubt. Zum anderen aber wird die Kritik Frau Augsteins am SPIEGEL als reiner Angriff auf den materiellen Wohlstand der Redakteure – als Anteilseigner – gewertet. Eigentum an einem Verlag verpflichtet demnach nicht gegenüber der Öffentlichkeit, sondern gegenüber den Eigentümern. Schön, das in dieser Klarheit von der SPIEGEL-Redaktion zu hören.

Ich zitiere:

Dass Franziska Augstein diese Enttäuschung nun zu einem Rundumschlag gegen diejenigen treibt, die seit Jahrzehnten durch ihre Qualitätsarbeit den SPIEGEL zu dem gemacht haben, was er ist, und so allen Gesellschaftern kontinuierlich üppige Millionengewinne sichern, lässt uns an ihrer Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern dieses Hauses zweifeln. Eigentum – auch wenn man es geerbt hat – verpflichtet.

weiter:

Der SPIEGEL steht dank der Arbeit der Chefredaktion, aller Redakteure und aller Beschäftigten glänzend da, seine Auflage liegt konstant bei 1,09 Millionen Exemplaren. Die Leser sind von der Qualität des Magazins überzeugt, selbst eine kürzliche Preiserhöhung von 40 Cent hat nicht zum Rückgang der Auflage geführt. Der SPIEGEL genießt im In- und Ausland hohes Ansehen, er ist das meistzitierte Medium der Republik, viele Preise für SPIEGEL-Kollegen belegen den hohen Standard seiner Berichterstattung.

Man kann es kaum glauben, dass auf die inhaltliche Kritik der Augsteintochter die Ressortleiter, die ja nicht die Buchhalter des Blattes sein sollten, sondern für die Inhalte des „Spiegel“ verantwortlich sind, nahezu ausschließlich mit betriebswirtschaftlichen Zahlen argumentieren. Offenbar hat Rudolf Augstein nur versehentlich Qualitätsjournalismus geliefert, in krasser Fehleinschätzung der Tatsache, dass er mit einem Mainstream-Blättchen mehr hätte verdienen können.

Mein Fazit: Da der „Spiegel“ von vielen Zeitgenossen immer noch als linksliberales, kritisches Medium betrachtet wird und damit seine Hinwendung zum neoliberalen Zentralorgan von vielen nicht wahrgenommen wird, sollten Sie bitte die Gelegenheit der öffentlichen Äußerungen von Franziska Augstein nutzen, um über den wahren Charakter dieses Magazins, das nach wie vor eine Leitfunktion für die anderen Medien hat, aufzuklären.

Ich habe letzthin in einem Gespräch mit einem Arbeitsrichter, also einem Menschen, der die soziale Wirklichkeit unseres Landes berufsmäßig mitbekommt, gemerkt, dass er und damit offenbar auch intelligente Menschen die große Veränderung beim „Spiegel“ noch gar nicht wahrgenommen haben und dieses Magazin wirklich noch von seinem links-liberalen Image lebt. Es ist mir gelungen, meinen Gesprächspartner davon zu überzeugen, dass er mit seinem Abonnement des „Spiegel“ eine Linie des Blattes unterstützt, mit der er überhaupt nicht einverstanden ist.

Reden Sie mit Ihren Bekannten, Freunden und Kollegen. Die Ressortleiter, die sich auf die Auflage als Qualitätskriterium berufen, sollten merken, dass Sie, wie Franziska Augstein, etwas gemerkt haben.

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