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Beschäftigungs-„Boom“ vor allem bei atypischen Beschäftigungsverhältnissen und bei der Leiharbeit

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Bundesagentur für Arbeit, Hartz Gesetze

In der deutschen Arbeitsmarktpolitik zählt ausschließlich quantitatives „Job-Wachstum“, qualitatives Beschäftigungswachstum spielt keine Rolle. Es gilt das Leitbild der Hartz-Reformen: Jede Arbeit ist zumutbar, egal zu welchem Preis. Der „Boom“ auf dem Arbeitsmarkt ist zu drei Vierteln als atypische Beschäftigung angekommen. Dieser Zuwachs an atypischer Beschäftigung ist wiederum zu mehr als der Hälfte (57 %) auf die Zunahme der Leiharbeit zurückzuführen. Die Zahl der Männer in Normalbeschäftigung ging sogar um 44.000 zurück. Das belegen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Von Wolfgang Lieb

An jedem Monatsende, wenn die Bundesagentur für Arbeit ihre geschönten Statistiken über den Arbeitsmarkt veröffentlicht, folgte in letzter Zeit prompt ein Chor der Selbstbelobigung der Bundesregierung. Die Kanzlerin und der ehemalige Wirtschaftsminister Brüderle fabulieren bei immerhin noch knapp drei Millionen statistisch erfassten Arbeitslosen und (ohne die „stille Reserve) 4 Millionen Unterbeschäftigten von „Vollbeschäftigung“. „Der Arbeitsmarkt in Deutschland entwickelt sich weiter stabil positiv“ jubelte Arbeitsministerin von der Leyen über die Zahlen vom Juni aus Nürnberg. Und die Medien stimmen zum allergrößten Teil in den Jubelchor ein.

Es herrscht ein Zahlenfetischismus der nur auf die Quantität des „Job-Wachstums“ fixiert ist, qualitatives Beschäftigungswachstum spielt keine Rolle. Es gilt die Devise „sozial ist was Arbeit schafft“, unterschlagen wird der Zusatz egal zu welchen Bedingungen und zu welchem Preis.

Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes über den Beschäftigungszuwachs 2010 mischen schrille Missklänge in den Jubelchor, der das hohe Lied über die Arbeitsmarktsituation singt.

Von den knapp 31 Millionen abhängig Beschäftigten sind nur etwa 23 Millionen oder nur knapp drei Viertel sog. Normalerwerbstätige. Über 25 Prozent oder knapp 8 Millionen sind atypisch Beschäftigte. Darunter über fünfeinhalb Millionen Frauen und rund 2,3 Millionen Männer.

Knapp 5 Millionen dieser atypisch Beschäftigten sind Teilzeitzeitbeschäftigte (bis zu 20 Wochenstunden) und zweieinhalb Millionen sind geringfügig Beschäftigte.

Besonders stark zugenommen hat die Zahl der Zeitarbeitnehmer/innen (also der Leiharbeiter/innnen), nämlich um 32,5 % von 2009 auf 2010 und um insgesamt 21,2% von 2008 auf das Jahr 2010, auf nunmehr knapp eine drei Viertel Million Leiharbeitnehmer/innen oder fast zweieinhalb Prozent aller abhängig Beschäftigten. (Auf einer inzwischen nicht mehr zugänglichen Seite des Bundesarbeitsministeriums aus dem Jahr 2011 ist sogar von 870.000 Leiharbeitnehmer/innen die Rede.)

Allein gegenüber 2009 hat die Zahl der atypisch Beschäftigten um eine viertel Million, um 243.000 Personen zugenommen. Da die Zahl der abhängig Beschäftigten insgesamt dagegen nur um 322.000 Personen zugenommen hat, erweist sich der vielgerühmte Beschäftigungszuwachs zu gut 75% als Zuwachs von atypischer Beschäftigung. Und dieser Zuwachs ist wiederum zu mehr als der Hälfte (57 %) auf die Zunahme der Leiharbeit zurückzuführen. Die Leiharbeit ist inzwischen in vielen Großunternehmen zur gängigen Praxis geworden [PDF – 110 KB] und sie betrifft überwiegend jüngere Arbeitnehmer. (Siehe dazu auch Leiharbeit kompakt). Fast 40 Prozent der Leiharbeiter sind unter 30 Jahre.

Der Anteil von zweieinhalb Prozent der Leiharbeiter/innen an der Gesamtzahl der abhängig beschäftigten, wird meist heruntergespielt. In vielen Wirtschaftsbereichen (z.B. Gastronomie) bedient man sich ohnehin lieber geringfügig Beschäftigter. Im verarbeitenden Gewerbe liegt der Anteil der Leiharbeiter schon bei 4,5% aller Beschäftigten, in der Metall- und Elektroindustrie sogar bei 6%. Nach Auswertung des WSI Betriebspanels setzten im letzten Jahr 68 % der Betriebe im produzierenden Gewerbe Zeitarbeit ein.
Die Zeitarbeitnehmer/innen verdienen nicht nur bis zur Hälfte weniger als Stammkräfte, mehr als ein Viertel von ihnen (27%) sind zugleich nur befristet beschäftigt.

Zu weiteren 38% am Gesamtanstieg aller abhängig Beschäftigten von 2009 auf 2010 trugen befristete Beschäftigungsverhältnisse mit einem Anstieg von 121.000 Personen bei.

Der Beschäftigungszuwachs ist also zum großen Teil Zuwachs von Zeitarbeit. Die Zahl der Normalarbeitnehmer/innen hat zwischen 2008 und 2010 nur um 0,6%, die der atypisch Beschäftigten um 1,5% also mehr als doppelt zugenommen. Man kann also sagen, dass der „Boom“ auf dem Arbeitsmarkt vor allem als atypische Beschäftigung angekommen ist. Die Zahl der Männer in Normalbeschäftigung ging sogar um 44.000 zurück. Vor allem Männer sind in der Zeitarbeit gelandet.

Nun sind vor allem die atypisch Beschäftigten die sog. Geringverdiener und gerade diese Arbeitnehmer mussten nach einer aktuellen DIW-Studie in den letzten zehn Jahren Lohneinbußen bis zu 22 Prozent hinnehmen:

„Der DIW-Untersuchung zufolge hatte ein Geringverdiener, der zur Jahrtausendwende 270 Euro pro Monat verdiente, im vergangenen Jahr 59 Euro weniger in der Tasche. Wer vor zehn Jahren noch 520 Euro monatlich auf dem Konto hatte, musste zuletzt mit 85 Euro weniger auskommen; Geringverdiener mit ehedem 835 Euro verfügten nur noch über 705 Euro. Seit dem Jahr 2000 betrugen die Lohneinbußen zwischen 15,6 und 21,9 Prozent. Die Nettoeinkommen aller Beschäftigten gingen hingegen nur um 2,5 Prozent zurück.“

Aber nicht nur die einzelnen Arbeitnehmer sind vom Abrutschen in die Prekarität betroffen, auch die Allgemeinheit wird belastet. Im Jahr 2009 mussten die Steuerzahler rund 11 Milliarden Euro aufwenden um Erwerbstätige mit geringem Einkommen zu unterstützen. Was umgekehrt betrachtet nichts anderes ist als eine Milliardensubvention für die Arbeitgeber.

Eine weitere Studie des DIW [PDF – 430 KB] hat sogar errechnet, dass ein Anstieg der Leiharbeit sogar die Lohnstückkosten – also den entscheidenden Wettbewerbsvorteil der deutschen Wirtschaft – erhöht. Auch der oft gerühmte „Klebeeffekt“ der Leiharbeit ist eine Schimäre. Gerade 7 Prozent der vormals Arbeitslosen schaffen es in einem Zeitraum von zwei Jahren überwiegend beschäftigt zu bleiben [PDF – 485 KB]. D.h. auch arbeitsmarktpolitisch ist die Leiharbeit eher ein schmales und wackeliges Brückchen in ein ständiges Arbeitsverhältnis (welcher Qualität auch immer).

Fazit: Die Hartz-Reformen und das sog. Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zur Erleichterung der Leiharbeit haben den „Erfolg“, dass immer mehr Menschen in atypische Beschäftigung und Leiharbeit abrutschen, dass sie Hebel für das Lohndumping sind und dass gleichzeitig die hohen Einkommen steigen und vor allem die Gewinne explodieren. Und das Ganze noch finanziert durch die Steuerzahler, die die Hungerlöhne mit Milliarden aufstocken müssen, damit die betroffenen Menschen noch existieren und die Unternehmen auf Minilöhnen ihre Geschäftsmodelle aufbauen können.
Und ein wichtiges Instrument die Löhne wenigstens vor einem weiteren Absacken absichern zu können, nämlich der gesetzliche Mindestlohn, bleibt für diese Bundesregierung ein Tabu.

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