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19. Dezember 2014
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Buchtipp: Heinz-Josef Bontrup stellt dem Primat der Wirtschaft eine demokratische Alternative entgegen

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Zur Befriedigung seiner Gewinnansprüche drängt das Kapital auf eine immer ungleichere Verteilung des Sozialprodukts. Gewinn ist aber kein Selbstzweck, und die Wirtschaft ist für die Menschen da, nicht umgekehrt. Dies ignoriert auch die Politik. Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung zurück und überlässt die wirtschaftliche Entwicklung den »Selbstheilungskräften des Marktes«. Hinzu kommt noch eine krisenverschärfende Wirtschaftspolitik. Nach einer einzel- wie gesamtwirtschaftlichen Kritik rückt Heinz J. Bontrup, Professor für Wirtschaftswissenschaft in Gelsenkirchen, die Alternativen in den Mittelpunkt. Es geht ihm um eine demokratische Wirtschaft, die den allgemeinen Wohlstand erhöht und nicht nur den Reichtum einer kleinen Schicht.
Eine Buchbesprechung von Peter Pulte, Professor für Arbeits- und Sozialrecht.

Das von Bontrup vorgelegte Buch behandelt einen interessanten „Dreiklang“ von Arbeit, Kapital und Staat auf einzel- und gesamtwirtschaftlicher Ebene. Diesen umfassenden Zusammenhang findet man in der Literatur so gut wie nie. Allein in der Schließung dieser wissenschaftlichen Lücke liegt ein großer Verdienst. In vier Kapiteln beschäftigt sich der Autor auf 424 Seiten mit der Forderung nach einer zu demokratisierenden Wirtschaft. Diese sei bis heute, im Gegensatz zum politischen Raum, nicht verwirklicht und deren Umsetzung überfällig. Die vorherrschende Dichotomie zwischen Politik und Wirtschaft könne nicht mehr akzeptiert werden.

Die ersten beiden Kapitel sind dem Faktor Arbeit, auch in einem geschichtlichen Duktus, gewidmet. Hier wird sowohl die Bedeutung von menschlicher Arbeit, ihre marktwirtschaftliche Wertbestimmung als auch die jüngste Auseinandersetzung um eine adäquate Lohnpolitik beschrieben. Bontrup streitet hier leidenschaftlich für eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik, die seit Jahren verletzt würde, und darüber hinaus für eine Gewinn- und/oder Kapitalbeteiligung in Arbeitnehmerhand. Den „Hartz-Gesetzen“ erteilt er dagegen eine klare Absage, sie würden zu gesamtwirtschaftlich kontraproduktiven Ergebnissen führen. Interessant ist dabei die Auseinandersetzung mit den Arbeitskosten, womit Politik und Wirtschaft weitgehend die „Reformen“ an den Arbeitsmärkten begründen. Bontrup zeigt hier anhand von empirischen Daten, dass seines Erachtens bei den so genannten angeblich zu hohen Lohnnebenkosten nur von einer ökonomischen „Mär“ sprechen könne und dass die Arbeitskosten insgesamt in Relation zur erbrachten Leistung und Produktivität nicht zu einer Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führen würden.

Im dritten Kapital rückt Bontrup die „Stellung und Rolle der Beschäftigten in Unternehmen“ in den Mittelpunkt. Hier beklagt er das heute weit verbreitete personalwirtschaftliche Denken im einseitigen Interesse der Shareholder an. Der Mensch stünde nicht wie immer verlautbart würde im Mittelpunkt, sondern er sein nur Mittel – Punkt! Diese einseitige Verengung, die letztlich in einer wenig erfolgreichen Gewinnmaximierung endet, lehnt Bontrup entschieden ab und entwickelt nach einer ausführlichen Analyse unterschiedlicher personalwirtschaftlicher Paradigmen dazu eine Alternative unter der Überschrift: „Elemente einer demokratisierten und partizipativen Unternehmenskultur“. Diese sei aber nur realistisch umsetzbar, wenn sie von einem gesamtwirtschaftlichen Rahmen umgeben ist, und der nicht durch eine falsche Wirtschaftspolitik konterkariert werden dürfte. Dies beschreibt Bontrup im vierten Kapitel seines Buches. Auch hier bleibt er nicht nur in einer Kritik verfangen, sondern entwickelt auch gesamtwirtschaftliche Alternativen, die lesenswert sind. Hier wird sowohl auf Basis einer Sozialen Marktwirtschaft auf Wettbewerbspolitik, Sozialpolitik – mit zwei ausführlichen Punkten zur Renten- und Gesundheitspolitik – als auch auf die staatlich praktizierte Finanzpolitik eingegangen und Stellung bezogen. Interessant ist hier besonders die ausführliche Darstellung eines alternativen Steuerkonzeptes.

Alle vier Kapitel sind auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau geschrieben und trotzdem für eine breite Leserschaft gut verständlich abgefasst. Bontrup verzichtet erfreulicherweise auf Polemik bei einer insgesamt hoch komplexen aber auch politisch brisanten Thematik. 35 Tabellen und 11 Abbildungen sowie 210 Fußnoten im Anhang unterstützen den Text. Das Literaturverzeichnis umfasst 26 Seiten! und bietet dem Leser als Ergänzung vertiefende Literaturhinweise. Verzichtet wurde leider auf ein Stichwortverzeichnis. Dies hätte dem Schnell- oder Selektivleser die Arbeit erleichtert, zumal man das Buch durchaus auch als ein Nachschlagewerk betrachten kann. Es zeigt tiefgehende und holistische Zusammenhänge unserer Wirtschaft auf einzel- und gesamtwirtschaftlicher Ebene auf. Man kann dem Buch insgesamt nur eine breite Leserschaft wünschen.

Heinz-J. Bontrup, Arbeit, Kapital und Staat. Plädoyer für eine demokratische Wirtschaft, PapyRossa Verlag Köln, ISBN 3-89438-326-7, 424 Seiten, 24,80 €

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