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18. Dezember 2014
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Die Übersetzung des Interviews mit James Galbraith

Verantwortlich:

Dank dem Engagement unserer Leser haben wir jetzt auch die Übersetzung von meinem Interview mit dem Ökonomen James Galbraith. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei allen Lesern bedanken, die uns ihre Hilfe angeboten haben. Es sind unsere Leser, die durch ihre tägliche Mitarbeit und, wie in diesem Fall, bei besonderem Bedarf unsere Arbeit ermöglichen. Von Roger Strassburg.

NachDenkSeiten: Wir sprechen heute mit Dr. James Galbraith, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Texas in Austin. James, Sie haben gerade eine Konferenz über die Krise in der Eurozone hinter sich gebracht. Es gibt hier eine große Zahl von Menschen, die vieles über die Krise hören. Sie hören, dass es einen Rettungsplan gibt. Einen Rettungsplan nach dem anderen. Aber ich denke, es herrscht viel Unklarheit darüber, was diese Krise ist, wie sie entstanden ist und so weiter. Könnten Sie uns hierzu Hintergrundinformationen geben?

James Galbraith: Ja. Wir hatten für zwei Tage an der Universität Texas in Austin eine Gruppe von 20 Spezialisten auf diesem Gebiet, eine Gruppe von sehr angesehenen, redegewandten und kenntnisreichen Personen aus ganz Europa und aus den Vereinigten Staaten. Ich kann Ihnen einige Personen nennen, die dort waren: Yanis Varoufakis war unser Hauptredner. Er ist einer der prominentesten Kommentatoren und Teilnehmer in der Debatte über die Eurokrise. Heiner Flassbeck, ehemaliger Staatssekretär im Finanzministerium der Bundesrepublik, war aus Genf angereist, wo er für die UNCTAD arbeitet. Jan Toporowski von der Universität London. Alain Parguez aus Paris. Eine ganze Reihe sehr interessanter und fähiger Personen. Kommen wir zu dem, was die gesamte Gruppe als wesentliche Elemente der Krise betrachtete. Ich denke zunächst stimmten wir darin überein, dass es sich primär um eine Bankenkrise, also eine Krise des Finanzsystems handelt. Es ist eine Krise die … deren wesentlicher Effekt es ist, enorm divergente Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung zu haben. Sie zerstört die Wirtschaften an der europäischen Peripherie, während sie sich bisher relativ wenig auf … sagen wir Deutschland und seine nächsten Nachbarn auswirkt. Es ist eine Krise, die sich aus den Unzulänglichkeiten der europäischen Architektur und der dahinter stehenden, während der Schaffung der Eurozone herrschenden Ideologie entwickelt hat. Diese haben sich im Umgang mit den Schuldner-Gläubiger-Beziehungen, die in Europa heute existieren, offenkundig als unzulänglich erwiesen.

NachDenkSeiten: Was waren Ihrer Meinung nach diese Unzulänglichkeiten?

James Galbraith: Nun ja, es gibt eine ganze Menge davon. Aber irgendwie ist es auch recht einfach. Wenn zwischen zwei Partnern längerfristige Verschuldungsbeziehungen entstehen, gibt es nur zwei Wege, damit umzugehen. Der erste besteht darin, dass sich einer der Partner kontinuierlich refinanziert. Und das ist was zwischen China und den Vereinigten Staaten geschieht. Die Chinesen sind in keiner Position, Änderungen der Form der Zahlungen zu fordern, die sie erhalten. Der andere Weg besteht darin, dass der Gläubiger die Schuld abschreibt. Dies ist geschehen … sagen wir in Lateinamerika während und nach der Krise in den 1980er Jahren. Und Europa hat sich beiden Wegen verweigert, mit dem Ergebnis, dass der Versuch, die Schulden abzuzahlen, die Wirtschaften in der Schuldnerzone zerstört.

NachDenkSeiten: Wie hat das alles angefangen? Und wir haben vorher über die Handelsungleichgewichte zwischen Deutschland und anderen Ländern diskutiert.

James Galbraith: Ja, das war ein wesentliches Thema, insbesondere von Heiner Flassbeck und von Jörg Bibow, den beiden deutschen Teilnehmern. Und was sie in sehr einfacher graphischer Form zeigten war, dass Deutschland seit der Schaffung des Euro eine Politik von Null-Lohnwachstum verfolgt hat, Nullwachstum bei den Lohnstückkosten. Sie haben also ein Land, das sich mit sehr niedrigem Lohnwachstum als Außenseiter in Europa geriert hat. Frankreich auf der anderen Seite hat grob die Ziele getroffen … die zwei Prozent, die für das Geschäftsgebaren der Europäischen Zentralbank maßgeblich sind. Und die anderen Länder lagen ein wenig hoch, mit dem Ergebnis einer enormen Divergenz zwischen Deutschland und allen anderen, einem enormen Anstieg der deutschen Wettbewerbsfähigkeit und einem enormen Anstieg des deutschen (Außen-)Handelsüberschusses. Das heißt … damit gehen korrespondierend Haushaltsdefizite und ansteigende Verschuldung in allen anderen Ländern einher. Auf einem bestimmten Level haben die Ungleichgewichte das Problem herbeigeführt. Die Ungleichgewichte sind für sich genommen aber nicht notwendigerweise problematisch. Die Vereinigten Staaten haben ein massives Ungleichgewicht mit China und es gibt keine Krise. Der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie mit den Ungleichgewichten umgegangen wird. Das ist der wichtigste Punkt.

NachDenkSeiten: Die meisten Deutschen sind stolz auf die Tatsache, dass sie der sogenannte „Exportweltmeister“ sind. Sie empfinden das als eine Art Zeichen für den deutschen Fleiß und schrecken davor zurück, etwas davon abzuschneiden. Wie würden Sie ihnen die Notwendigkeit einer gewissen Ausbalancierung erklären? Was würden Sie ihnen vorschlagen, wie sie die Auswirkungen einigermaßen glätten können?

James Galbraith: In dieser Auffassung ist – darauf hat Richard Parker während der Konferenz hingewiesen – eine gewisse Reflektion der historischen protestantischen Ethik enthalten, und man wird dem in vielerlei Hinsicht Sympathien entgegenzubringen haben – der deutsche Erfolg ist die Folge der vorhandenen in hohem Maße wettbewerbsfähigen Industriestruktur. Dennoch ist einiges anzumerken: Zunächst einmal hat der Prozess der europäischen Integration selbst sowohl Industrie als auch Landwirtschaft von den Ländern der Peripherie in die Kernländer verlagert. Das ist im Rahmen von Integrationsprozessen unvermeidbar. Es ist in den Vereinigten Staaten geschehen, es ist in Lateinamerika geschehen und es ist in China während des Reformprozesses geschehen – einer der Aspekte des Reformprozesses war das Entfernen der internen Handelsbarrieren. Das ist also ein unvermeidbarer Prozess; die Europäische Union hat erwartet, dass es dazu kommen würde und im Prinzip ging man davon aus, dass es eine Kompensation, Kompensationsströme in die andere Richtung geben sollte; dafür existieren die Strukturfonds. Die Strukturfonds erwiesen sich allerdings als völlig unzureichend, um den Grad der Konzentration von Aktivitäten zu kompensieren, zu dem es dann tatsächlich kam. Es wird also mehr Kompensation, es werden mehr – und ich meine das überhaupt nicht in einem wertenden Sinne – ausgleichende Finanzströme benötigt. Und die Deutschen können das im Wesentlichen auf einem von zwei oder auf einem von drei Wegen erreichen. Sie könnten natürlich ihre Wettbewerbsfähigkeit reduzieren, das wäre aber eine eher unkluge und verschwenderische Maßnahme. Es ist wohl kaum so, dass wir besser weniger oder schlechtere deutsche Autos haben sollten. Das würde vernünftigerweise niemand vorschlagen. Deutsche Arbeitnehmer könnten besser leben und deutsche Rentner könnten besser leben, mit anderen Worten die Sozialleistungen könnten erhöht werden. Löhne für Menschen, die nicht in der wettbewerbsfähigen Industrie arbeiten und die in Deutschland in wesentlich prekäreren Verhältnissen leben, als dies vor 15 oder 20 Jahren der Fall war, könnten erhöht werden. Das ist also die zweite Möglichkeit; sie würde die Importe erhöhen und die aktuelle Höhe des Bilanzüberschusses in Deutschland reduzieren.
Und die dritte Möglichkeit ist, Finanzströme in die Länder bereitzustellen, die sich in der Schuldnerposition befinden. Und dieser Prozess – das Recycling des Geldes – lässt sich fortsetzen, also, es existiert kein operationelles Limit dafür. Das Problem entsteht, wenn er zu Bedingungen erfolgt, die kommerziellen Kredit, Zinszahlungen und eine eventuelle Aussicht auf eine Rückzahlung beinhalten, die nicht geleistet werden kann, weil die Zustände sich nicht ändern werden. Solange Deutschland über eine starke industrielle Basis verfügt, wird es das Überschussland in der Eurozone sein. Es wird nicht dazu kommen, dass es – sagen wir in zwanzig Jahren – ein deutsches Defizit und einen korrespondierenden spanischen, griechischen oder italienischen Überschuss gibt. Daher muss es durch die ersten beiden Möglichkeiten, von denen ich gesprochen habe, oder durch routinenmäßige finanzielle Flüsse geschehen.

NachDenkSeiten: Sie meinen so etwas wie eine Transferunion?

James Galbraith: Ja, sicherlich. Ich meine, das ist ein Weg es zu tun. Die Vereinigten Staaten wurden eine Transferunion nach dem New Deal und insbesondere der Great Society. Der New Deal erschuf die Social Security, die die Renten in den Vereinigten Staaten auf eine kontinentale Grundlage stellte und einen gemeinsamen Standard etablierte. Die Pensionszahlungen, Medicare und Medicaid, etablierten einen gemeinsamen Standard in der Gesundheitsversorgung, der insbesondere für die älteren und armen Amerikaner etabliert wurde. Natürlich haben wir ein Militärbudget, das regional weiterverteilt wird, weil dies in hohem Maße Investitionen im Süden unterstützte. Der New Deal hatte eine umfangreiche Komponente regionalen Wiederaufbaus. Tennessee Valley Authority, das Gesetz zur Anpassung der Landwirtschaft, Elektrifikation, eine ganze Serie von Dingen, die im Wesentlichen den Süden der USA wiederaufgebaut oder zum ersten Mal erschlossen und industrialisiert und dieser Region die Position als ein heute weitgehend normaler Teil der Vereinigten Staaten gegeben haben. Alle diese Dinge waren ein Prozess zur Umwandlung einer nicht funktionierenden bi-regionalen Wirtschaft in Nordamerika in eine einzige, kohärente nationale Einheit. Und das ist natürlich derselbe Prozess, der in Europa noch nicht abgeschlossen wurde.

NachDenkSeiten: Teilweise wegen der Sprachbarriere?

James Galbraith: Nun ja, ich denke das liegt tatsächlich an der nationalen Identifikation und an der fehlerhaften Ausgestaltung der europäischen Institutionen. Die Idee, das soziale Europa auf dem nationalen Level zu halten und das finanzielle Europa auf dem regionalen Level zu haben, funktioniert nicht.

NachDenkSeiten: Sie haben während der Konferenz über ein Papier gesprochen, das vor kurzem erschienen ist und in dem es darum geht, wie die Eurokrise gelöst werden kann. Die Menschen hören natürlich von Rettungspaketen und so weiter und sind irgendwie davon überzeugt, dass nichts funktionieren wird, sie selbst am Ende alles bezahlen müssen und der Euro verschwinden wird. Was würde…

James Galbraith: Entschuldigung, die Verbindung ist etwas gestört, könnten Sie das wiederholen?

NachDenkSeiten: Die Menschen haben Angst, dass sie – im Wesentlichen die Steuerzahler – auf der Rechnung sitzen bleiben und dass das alles in näherer Zukunft nicht enden wird. Wenn Sie gebeten würden, eine Lösung für die Eurokrise zu präsentieren, was würden Sie empfehlen?

James Galbraith: Wir haben diesem Thema – insbesondere am Dienstag – einen längeren Zeitraum gewidmet und hatten eine sehr starke Hauptrede von Yanis Varoufakis über das, was er den „bescheidenen Vorschlag“ nennt, einen Vorschlag, den er und Stuart Holland ausgearbeitet haben und der inzwischen substantielle Unterstützung von ehemaligen hochrangigen Führungspersönlichkeiten in der Eurozone genießt. Dieser Teil der Diskussion war auf die sehr kurzfristige Frage konzentriert, wie die Schuldenkrise gelöst werden kann, und nicht notwendigerweise darauf wie alle anderen strukturellen und architektonischen und die politischen Fragen der Eurozone zu lösen sind. Richtet man den Fokus auf die Krise und den Varoufakis/Holland-Vorschlag so ist als erstes von essentieller Bedeutung, den Maastricht-konformen Teil der Verbindlichkeiten der Länder der Eurozone, 60 % des Bruttoinlandsprodukts, in Verbindlichkeiten zu konvertieren, die zwar von der Europäischen Zentralbank auf gemeinsamer Basis und bei einer gemeinsamen niedrigen Zinsrate herausgegeben, die aber dennoch – ebenso wie heute – durch die einzelnen Regierungen bedient werden. Dies hätte den Effekt, den Druck der Kreditmärkte auf die Länder der Eurozone erheblich zu reduzieren und in sehr weitem Umfang vollständig zu eliminieren. Zweitens sollte das Bankensystem auf europäischer Ebene rekapitalisiert und dadurch die aktuellen verderblichen Bande zwischen den nationalen Banken und den nationalen Regierungen gebrochen werden. Und drittens sollte die Europäische Investitionsbank als Quelle für ein Investitions- und Entwicklungsprogramm genutzt werden, weil es sich hierbei um eine Institution mit großer Kapazität und einer Vielzahl von Projekten auf der langen Bank handelt, die tatsächlich von der langen Bank heruntergebracht werden könnten, wenn dem nicht die aktuellen Kofinanzierungserfordernisse entgegenstünden. All dies sollte innerhalb des institutionellen Rahmens der europäischen Institutionen und des Unionsrechts geschehen, eine Art minimal ausreichende Herangehensweise zur Lösung der unmittelbaren finanziellen Krise und zur Schaffung einer Grundlage für künftiges Wirtschaftswachstum.

NachDenkSeiten: Eines der Probleme bei aktiven Eingriffen der Europäischen Zentralbank wie etwa der direkten Geldverleihung, ist die Ablehnung, insbesondere aus Deutschland. Verstehen Sie, was dahintersteckt, warum es solche Ablehnung von direkten Krediten gibt?

James Galbraith: Da gibt es eine ganze Anzahl von Dingen. Eines davon ist das, was als die traditionelle Angst vor Inflation beschrieben wird, die auf einem ersichtlich falschen Verständnis der Konsequenzen einer derartigen Strategie beruht. Wie wir in den Vereinigten Staaten gesehen haben, hat die Fed ihre Bilanzen um Billionen von Dollar verlängert, ohne dass dieser rein finanzielle Maßnahmenwechsel eine inflationäre Auswirkung gehabt hätte. Abgesehen davon gibt es Personen, die der überholten Sicht anhängen, die Europäischen Zentralbank solle als rein monetaristische Institution funktionieren, allein fixiert auf Preisstabilität, und die Schwierigkeiten damit haben, sich auf die Welt, in der wir tatsächlich leben, einen Reim zu machen. Die Eurozone wäre schon längst auseinander gefallen, wenn die Zentralbank nicht mit dem Ankaufen von Anleihen begonnen hätte, was sie auch jetzt tut und was sie natürlich schon seit einer Weile getan hat. Und ich nehme drittens an, dass es die Frage gibt, welche Veränderungen auf das Bankensystem zukommen würden und dass Personen, die eigentlich primär darum besorgt sind, die genannten Bedenken über die Europäische Zentralbank ausnutzen, und so in nicht anerkennenswerter Weise eine Position unterstützen, die sie eigentlich aus anderen Gründen vertreten.

NachDenkSeiten: Die Leute stellen häufig die Frage und wir stellen sicherlich die Frage, worin eigentlich der Sinn besteht, eine Zentralbank Geld an Banken verleihen zu lassen, das diese dann wiederum zu einem wesentlich höheren Zinssatz an die Regierungen verleihen?

James Galbraith: Also die Banker mögen das.

NachDenkSeiten: Ergibt sich daraus irgendein sozialer oder finanzieller Gewinn…?

James Galbraith: Ah, also das ist eine andere Frage. Im Prinzip möchte man die privaten Banker in einem Rahmen haben, in dem sie miteinander im Wettbewerb stehen und in vernünftiger Art und Weise die Risikoentscheidungen für Privatunternehmen treffen. Jemand muss das tun. Banker sind im Prinzip Spezialisten, die darauf trainiert sind, Geschäftsrisiken und Profitpotentialie zu evaluieren und Dezentralisierung und Wettbewerb zwischen ihnen sind im Prinzip eine gute Sache. Leider ist das keine Beschreibung des Bankensystems, das wir haben. Das Problem mit dem Bankensystem das wir haben ist, dass es sich um eine Ansammlung handelt, von Ausnutzung von Regulierungsunterschieden, Umgehung von Steuern, von Verpacken und Verkaufen von zweifelhaften, in vielen Fällen betrügerischen Instrumenten, die aus den Vereinigten Staaten stammen und europäischen Investoren in den Jahren vor 2008 angedreht wurden, von Zombie-Institutionen, deren Funktion darin besteht, bei Null-Zinsen von der Zentralbank Geld zu leihen und es an die Regierungen zu wesentlich höheren Zinsen weiterzugeben und die die Differenz einzustreichen und dann befinden sie sich natürlich in einer Position, in der sie gerettet werden müssen, wenn die Anleihepreise fallen. Das ist natürlich… nichts davon hat irgendein soziales Nutzen.

NachDenkSeiten: Es ist wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um zu dem zurückzukehren, was die Finanzkrise 2008 ausgelöst hat. Die Geschichte, die hier von der deutschen Regierung und den deutschen Medien erzählt wird, ist, dass alles im Wesentlichen in den USA angefangen hat und über Europa gewissermaßen aus dem Nichts hereingebrochen ist. Peer Steinbrück, zu diesem Zeitpunkt Finanzminister, hat das gesagt. Mit anderen Worten: das ist kein europäisches Problem, das ist etwas, das aus den USA gekommen ist.

James Galbraith: Natürlich kam vieles von dem, was schief gelaufen ist, aus den USA. Wir haben den größten finanziellen Betrug der Geschichte, die Entwicklung des Häuserfinanzierungsmarkts, zugelassen und es erlaubt, dass gefälschte Hypotheken gewaschen und an vorwiegend europäische Investoren abgesetzt wurden, die die Opfer eines kolossalen, epischen Betruges waren. Dennoch, ich denke, es ist fair zu sagen, dass wenn man sich ansieht, was in Irland geschehen ist, ein in qualitativer Hinsicht durchaus vergleichbarer Grad von Verantwortungslosigkeit auf Seiten der Geldgeber vorhanden war. Wir wissen heute, dass es innerhalb von Europa ein qualitativ ähnliches Phänomen gegeben hat, beispielsweise in Irland, mit der Risikoübernahme bei kommerziellen Immobilien und der Entwicklung von Einkaufszentren und Ähnliches. Der Häuserboom in Spanien wies, zumindest in makroökonomischer Hinsicht, ähnliche Charakteristika auf. Und man könnte die Liste fortsetzen. Ich glaube, es ist fair zu sagen, dass es bei jedem Kredit-Boom eine inhärente Krise in der einen oder anderen Form gibt und in allen Fällen die Verantwortung zwischen den Schuldnern und den Gläubigern zu verteilen ist. Manchmal vielleicht ein wenig mehr auf der einen Seite, ein anderes Mal vielleicht ein wenig mehr auf der anderen. Aber Menschen, die sich für eine gewisse Zeit im Finanzsektor bewegt haben, sollten wissen, dass das die zu erwartende Konsequenz von kreditgetriebener Expansion ist.

NachDenkSeiten: Kommen wir zu den aktuellen Aktivitäten in der Eurozone; wie ist Ihre Meinung zu dem, was aktuell geplant wird? Ich meine, das funktioniert offenkundig nicht. Denken Sie, dass ein Haircut eine gute Sache ist, eine notwendige Sache, eine nützliche Sache? Ich habe Sie das früher schon einmal gefragt und Sie sagten im Wesentlichen, dass eine unhaltbare Verschuldung nun einmal unhaltbar sei, die Frage sei nur, wer dafür bezahlt.

James Galbraith: Das ist richtig und das ist meine Auffassung. Ich sehe nicht, wie ein Schnitt bei den griechischen Schulden eine tatsächliche Erleichterung für die griechische Wirtschaft bewirken soll. Was ein solcher Schnitt tut ist, das Management-Problem zu vereinfachen, dem sich die Deutschen und die Franzosen gegenübersehen, indem sie die Menge reduzieren, die sie durch Griechenland leiten müssen, um die Eigentümer der Griechenlandanleihen zu bezahlen, wie sie es getan haben. Weil das so ist, sind die Verlierer des Haircut die griechischen Pensionsfonds und die griechischen Banken. Zumindest in einem nominalen Sinne wird der Wertverlust dort erkannt und man gelangt zu der Auffassung, dass diese Anlagen weit weniger wert sein werden, als die Menschen gehofft hatten. Das löst jedoch nicht das Problem der griechischen Wirtschaft, die zwei Dinge braucht: sie braucht Reformen und sie braucht Geld, und man kann keine effektiven Reformen ohne Geld haben. Wenn man einfach eine Austeritätspolitik verfolgt, also eine Politik umfassender Kürzungen, eine Politik von Kürzungen bei öffentlichen Institutionen, Schulen, Krankenhäusern, Universitäten, dem öffentlichen Transport und so weiter, wird es nur schlimmer. Und die Folge davon, dass es schlimmer wird ist eine weniger wettbewerbsfähige Wirtschaft, nicht eine wettbewerbsfähigere Wirtschaft; eine Wirtschaft, die weniger bereit ist, mit den Herausforderungen fertig zu werden, denen sie sich gegenüber sieht und in der Menschen mit weniger Chancen geneigt sein werden, auszuwandern.

NachDenkSeiten: Wie ist Ihre Meinung zu den Aufrufen an die Griechen, zu privatisieren, ihre öffentlichen Werke und so weiter zu privatisieren?

James Galbraith: Die vordergründige Motivation hier ist, der griechischen Regierung Geld zu verschaffen. Das ist eine einmalige Angelegenheit, weil im Anschluss der Einnahmestrom, den die öffentlichen Dienstleistungen bringen könnten, nicht mehr verfügbar sein wird. Gleichzeitig werden aber die privaten Unternehmen die Preise, die Gebühren und so weiter erhöhen, oder erstmals Gebühren erheben, wo bisher noch keine erhoben wurden. Und der Zugang zu, sagen wir, höherer Bildung oder anderen Leistungen, Leistungen im Gesundheitsbereich, für die griechische Bevölkerung wird dramatisch schrumpfen. Es handelt sich also nicht um eine Politik, die die griechische Wirtschaft erneuern wird, sie wird sie vielmehr so umformen, dass aus ihr etwas wird, aus dem diejenigen, die sich Werte zu Ausverkaufspreisen sichern können, für eine Weile Gewinne ziehen können.

NachDenkSeiten: Das wäre also tatsächlich eine kurzfristige Sache, also ohne längerfristigen Blick?

James Galbraith: Also das wird der griechischen Bevölkerung keine Vorteile bringen – mit Ausnahme einer kleinen Schicht, die ihr Vermögen außerhalb des Landes halten und die in der Lage wären, für das zu bezahlen, was von diesen Leistungen übrig bleibt. Das ist kein Weg um beispielsweise ein öffentliches Gesundheitssystem zu betreiben, das wirklich öffentlich in einem bedeutenden Sinne ist.

NachDenkSeiten: Wie ist der generelle Konsens unter amerikanischen Ökonomen darüber, wie das alles in Europa gehandhabt wird?

James Galbraith: Ich weiß nicht, ob es einen solchen Konsens gibt oder nicht, und selbst wenn es ihn gäbe, wäre ein Konsens unter Ökonomen keinen Pfifferling wert und ich würde ihm nicht die geringste Bedeutung beimessen.

NachDenkSeiten: So, um ein wenig auf die leichtere Seite zu kommen. Wie ist Ihre Meinung von Ihren deutschen Kollegen? Haben Sie eine Meinung?

James Galbraith: Also ich habe ohne Frage eine sehr hohe Meinung von den beiden, die zu meiner Konferenz gekommen sind, Heiner Flassbeck und Jörg Bibow, die beide sehr knackige, prägnante und überzeugende Vorträge gehalten haben, die in vielerlei Hinsicht tiefgehende Analysen dieses Problems waren. Wenn sie mich nach dem Beratungsgremium der Bundesbank fragen … Das ist ein Thema, zu dem ich mich nicht in einer Weise äußern möchte, die zitiert werden könnte.

NachDenkSeiten: Das kann ich verstehen. Also gut, ich denke wir sind hier fertig.

James Galbraith: Okay, ich hoffe, ich konnte weiterhelfen.

NachDenkSeiten: Vielen Dank für Ihre Zeit.

James Galbraith: Sehr gut! Es war mir ein Vergnügen.

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