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Meinungsmache gegen die Finanztransaktionssteuer – Die FAZ als verlängerter Arm der Finanzlobby

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Manipulation des Monats, Riester-Rürup-Täuschung, Privatrente, Steuern und Abgaben

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Finanzwirtschaft die geplante Besteuerung von Finanztransaktionen ablehnt und auf breiter Front zum PR-Gegenschlag ausholt. Mehr als bedauerlich ist es jedoch, dass die angesehene FAZ dieser PR auf den Leim geht und ihren Lesern ungefiltert die Meinungsmache der Finanzlobby als redaktionellen Inhalt auftischt. Glaubt man der FAZ, könnte eine Finanztransaktionssteuer den „normalen“ Riester-Sparer bis zu 14.000 Euro kosten – doch sowohl die Argumentationskette als auch die zugrundeliegende Rechnung sind nicht einmal im Ansatz nachvollziehbar. Von Jens Berger

Im FAZ-Artikel „So trifft die Transaktionssteuer die Privatleute“ bieten die Frankfurter Zeitungsmacher der Finanzlobby eine Bühne, um die Finanztransaktionssteuer (FTS) auf ihre eigene Art und Weise zu bewerten. Zu Wort kommen in diesem Artikel Vertreter der Lobbyorganisation „Bund der Steuerzahler“ und des Bundesverbandes Investment & Asset Management e.V. (BVI), der zentralen Interessenvertretung der deutschen Investmentbranche. Von dieser Organisation stammt auch das einleitende Rechenbeispiel, das von der FAZ im redaktionellen Teil 1:1 übernommen wurde. Grundlage dieses Rechenbeispiels ist der angeblich „typische Riester-Fonds“ UniGlobal. Und bereits hier beginnt die Meinungsmache. Der UniGlobal ist kein Riester-Produkt, sondern ein weltweit investierender Aktienfonds unter dem Management der Union Investment Privatfonds GmbH. Auch wenn dieser spezielle Fonds eine vergleichsweise konservative Anlagestrategie verfolgt, gelten für ihn dennoch die Risikoeinschätzungen, die für jeden Aktienfonds gelten. Daher wird er von seiner Fondsgesellschaft auch als Anlageprodukt mit „erhöhtem Risiko“ vermarktet und ist somit auch nicht als reines Riester-Produkt zugelassen. Nichtsdestotrotz erfreut sich dieser Fonds auch bei Riester-Sparern einer gewissen Beliebtheit. Der Grund dafür ist, dass das weitverbreitete Riester-Produkt UniProfiRente, das ebenfalls von Union Investment vertrieben wird, die Riester-Gelder von jüngeren Sparern gerne in diesen Fonds schichtet. Da der Fonds jedoch viel zu riskant für die alleinige Altersvorsorge ist, schichten die Fondsmanager von UniProfiRente die Anlegergelder bei bestimmten Schwellenwerten in den Rentenfonds UniEuroRenta um, der die Kundengelder ausschließlich in Staatsanleihen im Euroraum anlegt. Dies geschieht auch gegen den ausdrücklichen Willen der Riester-Sparer. So hat Union Investment beispielsweise alleine im Herbst 2008, als die Aktienkurse weltweit im Kielwasser der Finanzkrise in den Keller gingen, bei 200.000 Riester-Verträgen die Reißleine gezogen und die Kundengelder mit hohen Verlusten von dem Aktienfonds UniGlobal in den Rentenfonds UniEuroRenta umgeschichtet. UniGlobal ist somit alles andere als ein „typischer Riester-Fonds“.

Auch die in der Rechnung unterstellte Durchschnittsverzinsung von 5,0% p.a. entspringt eher den Hochglanzprospekten der Fondsgesellschaft als einer seriösen Prognose. Zum einen berechnet Union Investment eine jährliche Verwaltungsvergütung von 1,20%, zum anderen fallen auch noch Depot- sowie Vermittlungsgebühren und ein Ausgabeaufschlag von stolzen 5,0% an. Die unterstellte Durchschnittsverzinsung von 5,0% p.a. entspricht vielmehr ungefähr der annualisierten Bruttorendite (4,7%) seit Auflegung des Fonds im Jahre 1960. Es wäre jedoch unseriös, die Aktienkursentwicklung der vergangenen 50 Jahre auf die nächsten 40 Jahre zu prognostizieren. Genau dies tut aber der BVI. Wer dieses Produkt beispielsweise im Herbst 2000 gekauft hat, hat damit keine Jahresrendite von 5,0%, sondern einen Gesamtverlust von rund 16% erzielt, wer das Produkt vor fünf Jahren gekauft hat, hat damit ebenfalls keine Rendite, sondern einen Verlust von 0,1% erzielt. Dies gilt jedoch nicht zwingend für Kunden des Riester-Produkts UniProfiRente, da in diesem Zeitraum mehrfach die gesetzte Verlustschwelle überschritten und das gesamte Riester-Sparvermögen irreversibel in den hauseigenen Rentenfonds UniEuroRenta umgeschichtet wurde. Dies alles geschieht übrigens nicht, um die Riester-Sparer zu schützen – da die Riester-Anbieter verpflichtet sind, die Garantieverzinsung von derzeit 1,75% auszuschütten, müssen sie sich vielmehr selbst gegen Kursverluste absichern. Für Union Investment wäre es schlichtweg zu riskant, eine – wie auch immer geartete – Garantieverzinsung auf einen Aktienfonds mit erhöhtem Risiko anzubieten.

Doch selbst, wenn man sämtliche Vorschriften außenvorlässt und auch die hohen Gebühren einmal ignoriert, kommt man auch bei wohlwollender Zahlenakrobatik nie und nimmer auf die abenteuerliche Summe von 14.000 Euro, die ein Riester-Sparer laut BVI/FAZ während der Laufzeit für die Finanztransaktionssteuer bezahlen soll. Unterstellt man – wie der BVI es tut –, 100 Euro Sparbetrag pro Monat, eine jährliche Umschichtung von 90% des Portfolios und einen Steuersatz von 0,1% pro Transaktion, kommt man bei 5,0% Rendite und 40 Jahren Laufzeit auf insgesamt 1.718 Euro Steuerbelastung und eine Wertminderung von 3.028 Euro beim Sparvermögen am Ende der Laufzeit. Bei vierzigjähriger Laufzeit heißt dies, dass im Schnitt 43 Euro Finanztransaktionssteuer pro Jahr fällig werden. Das hört sich wesentlich weniger dramatisch an als die 14.000 Euro von BVI/FAZ, die jeglicher Rechengrundlage entbehren.

Zu beachten ist hierbei natürlich, dass es bei sämtlichen Zahlen um Werte aus dem Jahre 2052, also am Ende der vierzigjährigen Laufzeit handelt. Wenn man einmal eine durchschnittliche Inflation von 2% unterstellt, die Werte also „kaufkraftbereinigt“, beträgt die Steuerbelastung beim unrealistisch optimistischen BVI/FAZ-Beispiel rund 780 Euro bzw. durchschnittlich 20 Euro pro Jahr. Auch die 14.000 Euro von BVI/FAZ sind kaufkraftbereinigt lediglich 6.367 Euro, was sich freilich nicht mehr ganz so dramatisch anhört.

Bei einem „normalen“ Riester-Sparvertrag ist die Steuerbelastung übrigens wesentlich geringer. Wenn man die Parameter austauscht und den monatlichen Sparbetrag auf realistischere 50 Euro absenkt, statt der Phantasierendite von 5,0% p.a. die Garantieverzinsung von 1,75% anlegt und eine realistischere Umschichtung von 5% p.a. annimmt, kommt man auf eine Gesamtsteuerlast von 30 Euro – nicht pro Jahr, sondern über die Gesamtlaufzeit von 40 Jahre. Der „normale“ Riester-Sparer wird also durch eine Finanztransaktionssteuer nicht um 14.000 Euro, sondern um jährlich 75 Cent ärmer*. Aber mit diesen Beträgen kann man natürlich keine Meinungsmache gegen die Einführung der Finanztransaktionssteuer betreiben, die selbstverständlich nicht die Riester-Rentner und Kleinsparer, sondern die Spekulanten ordentlich zur Kasse bitten würde. Die FAZ-Überschrift „So trifft die Transaktionssteuer die Privatleute“ ist somit Meinungsmache schlimmster Art und keine neutrale Berichterstattung, sondern Manipulation im Namen der Finanzlobby.

* Auch diese Rechnung wurde auf Basis der Bruttorendite, d.h. ohne Verwaltungs- und Vertriebskosten, erstellt. Die realen Kosten dürften wesentlich niedriger sein.

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