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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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21. Dezember 2014
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„Prechtig“ philosophiert & reformiert? Herolde und Hintermänner aktueller Bildungsoffensiven

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Über das „Aphorismen-Pingpong“ zwischen dem Bestseller-Philosophen Richard Precht und dem Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald Hüther, über dessen reformpädagogische Umwälzungen und über weitere Hintermänner der aktuellen Reform- und Bildungspolitik wie die Bertelsmann Stiftung macht sich Marc Erang seine Gedanken.

I. Das philosophische Duett

Das neue Schuljahr ist angebrochen. Da traf es sich gut, dass kein Geringerer als Bestsellerautor Richard David Precht Anfang September [1] den Hirnforscher und Bildungskritiker Gerald Hüther zum TV-Disput geladen hatte.

Reißerisch der Titel der Sendung: „Skandal Schule – Macht Lernen dumm?“ – nicht minder reißerisch der mit Cartoonfiguren animierte Vorspann:
Zwei grimmig-graue Eminenzen füllen Kinder per Trichter wie Flaschen auf dem Fließband ab. „Mit einem Wissen, das aus der Vergangenheit stammt“, kommentiert Precht aus dem Off. Und weiter: „An unseren Schulen werden die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet.“

Provokative Pauschalurteile dieses Typs amüsieren zunächst. Deutet sich hier nicht die sokratische Ironie eines Philosophen an, der sich absichtlich verstellt, seinen Gesprächspartner in trügerische Sicherheit wiegt – um ihn mit scheinbar harmlosen Fragen allmählich aufs Glatteis zu führen?

Leider Fehlanzeige! Eine geschlagene Dreiviertelstunde dauert das „Aphorismen-Pingpong“ [2]. Während der eine orakelt und doziert, paraphrasiert und illustriert der andere. Augenscheinlich geht es Precht in erster Linie darum, den Zuschauer für Hüthers deterministisch-biologistisches Bildungskonzept zu erwärmen, wo neuronale und gesellschaftliche Strukturen nahtlos ineinander übergehen.

Passend zum hypnotischen Wechselgesang: das halbdunkle Aquarium-Ambiente des Studiodekors mit seinen mäandernden Luftblasen im Hintergrund …
Dunkel auch die Weissagung des Hirngroßmeisters: „Wenn es uns nicht gelingt, unser Schulsystem zu transformieren, dann wird es unser Land in Zukunft nicht mehr geben.“
Welch’ apokalyptische Vorstellung! Besorgt greift Precht sie auf. Als enger Vertrauter des Endzeitpropheten verrät er uns sogar den Termin: „In zehn Jahren“.
Höchste Zeit, aus unserem Dornröschenschlaf zu erwachen!
„Warum hört man nicht längst auf Menschen wie Sie?“, fragt Precht rhetorisch.

Dabei ist die „neue Botschaft“ (O-Ton Precht) des Göttinger Neurowissenschaftlers so schlicht und volksnah, „dass man nicht nur kein Studium braucht, um sie zu begreifen, sondern auch keines, um sie zu äußern“ [3].

Und das, was der besorgte Professor uns verkündet, kann richtig Angst einjagen:
Ein ganzes Land krankt an seinem „unglaublich ineffizienten, maroden Schulsystem“: Das, wenn es ein Wirtschaftsunternehmen wäre, längst hätte Konkurs anmelden müssen. Das wichtigstes Potenzial wie Kreativität und Entdeckerfreude restlos vernichtet. Das Kinder zu sinnlosem Bulimielernen verdammt. Das am Ende nur diejenigen belohnt, die sich am besten angepasst haben. Das Jugendlichen die Lust raubt, einen Beruf zu ergreifen und sie dazu bringt, später im Alkohol ihr Heil zu suchen. Das Hartz-4-Empfänger produziert. Das alles Individuelle hasst. Das Ausbildung mit Herzensbildung verwechselt. usw.

Welch niederschmetternde Bilanz! Keine Frage, der kinderfressende Moloch gehört abgeschafft!
Aber wie?
Bei der anstehenden Kulturrevolution vertraut Hüther ganz auf das gesunde Volksempfinden: „Es geht nicht mit Argumenten, wenn was passieren soll, sondern Leidenschaftlichkeit muss erwachen in der Gesellschaft! (…) Gegen diese Barrieren werden nicht die Politiker anrennen. (….) Dagegen müssen Bürger im Land anrennen.“
Ihren Ausgang werde die Offensive in den Kommunen nehmen. Hüther nennt das „eine Transformation vor Ort des Systems“: „Wir öffnen Kindergärten und Schulen für das, was es für die Kinder und Jugendlichen in diesen Kommunen zu entdecken und zu gestalten gibt (…). Da öffnet sich die Bedeutung der Schule. Schule wird weniger bedeutsam, es entstehen Lernfelder der Kommune. Programme werden eigenständig gefahren.“
Precht spinnt weiter: „Und dann entsteht ein Dominoeffekt!“
Ein Dominoeffekt, der in Windeseile das ganze Land erfassen wird – mit dem Resultat, dass es, so Hüther, „in 6 Jahren Schulen, so wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird“!

Freilich würden bei diesem „Transformationsprozess“ manche genötigt, ihren Hut zu nehmen: Einerseits sollten „die Landespolitiker, die für Kultusfragen stehen, (….) sich selbst abschaffen“. Andererseits müssten „andere Menschen aus anderen Motiven (…) Lehrer werden.“

Die Stunde der Hütherschen „Potenzialentfaltungscoaches“ hat geschlagen!
„Potenzialentfaltungscoaches versuchen nicht, Schülern etwas beizubringen, sondern sie bauen den Rahmen, in dem Schüler Interesse entwickeln, sich selbst einen Stoff erschließen und in der Lage sind, aus einem zusammengewürfelten Haufen ein leistungsstarkes Team zu machen, eine Gruppe, die wirklich was will.“
Ohnehin hat die „Gruppe“ es Hüther angetan: „Lernprozesse vollziehen sich nicht im Einzelnen, sondern es sind immer Gruppenprozesse (….) Ich kann kein Gefühl für meine eigenen Möglichkeiten finden, wenn ich nicht in der Gruppe dazu beigetragen habe mit anderen gemeinsam etwas zu erarbeiten, was zu gestalten.“
Als Extra-Bonus gibt’s einen Leckerli fürs Hirn: „Etwas Immaterielles, nackte Beziehungserfahrung führt zu etwas Materiellem im Hirn. Etwas Geistiges wird zu einem neuronalen Vernetzungsmuster, (….) zu Strukturen, mit deren Hilfe Kinder sich in der Welt zurechtfinden (….) Nachhaltig bauen diese Strukturen sich im Hirn auf, wenn dort eine Art Dünger ausgeschüttet wird.“

Irgendwann entführen Precht und Hüther uns in reinste reformpädagogische Gefilde: Jetzt, da jedes Kind auf seine Weise als hochbegabt gilt und es nur noch die eingliedrige Gesamtschule gibt, die jahrein, jahraus 80 Prozent Abiturienten in die globalisierte Welt entlässt, jetzt sind letzten Endes auch Zensuren und Noten obsolet geworden. Die Unis schaffen den Numerus clausus ab und Chirurg darf – so Precht – endlich auch der feinmechanisch begabte Menschenfreund werden, obwohl er schon immer eine Niete in Französisch gewesen ist.

Vergessen sind die Zeiten nicht gewährter Chancengleichheit, wo unser „komische Bildungsbegriff (…) das Durchschlagen im System mit Begabung“ verwechselte, wo Kinder am Ende zwar das Abitur, aber keine Lust mehr aufs Leben hatten. Vergessen die elitäre Klientelpolitik, bei der nur einzelnen eine optimale Bildung zuteil wurde, während der Rest verkümmerte. Vergessen das dreigliedrige Schulsystem mit seiner Begabungsselektion…
Unser ganzes Mitgefühl gilt fortan den armen auf Leistung getrimmten Pisa-Spitzenreitern aus China, die sich irgendwann vor die Wahl gestellt sehen, entweder sich selbst oder die eigenen tyrannischen Eltern umzubringen.
Im Vergleich dazu ist unser hirngedüngter, hochpotenziert-begeisterter Nachwuchs nur zu beneiden, oder?

Seltsam nur, dass dem allwissenden Experten ausgerechnet dann die Ideen ausgehen, wenn es für die 80prozentige Masse der begeisterten Abiturienten irgendwann um die Wurst, pardon: um einen Arbeits- bzw. einen Studienplatz geht.
Eben schwärmt er uns noch die Ohren voll, dass für unsere Kinder längst eine neue Ära angebrochen sei, ein Ende des Maschinenzeitalters, wo unsere Sprösslinge nicht mehr als young ressources ausgenutzt würden, wo die Angst vor harter Konkurrenz unberechtigt sei, wo alle gebraucht würden, wo eine sozialdarwinistische Mentalität nicht mehr zeitgemäß wäre … um dann abrupt eine Kehrtwende zu vollziehen:
„An Unis und in der Wirtschaft hat es sich herumgesprochen, man kann sich auf die guten Zensuren gar nicht verlassen. Abitur reicht nicht. Was hast du sonst noch gemacht? Wenn da nichts kommt, nützt das schönste Abitur nichts. Was kannst du denn sonst noch? Die großen Unternehmen, die weltweit operieren, haben das schon vor Jahren gemerkt und ein Programm für ihre Absolventen eingeführt, die sie von den tollsten Universitäten in Oxford, Cambridge (…) bekommen. Sie sagen, wir nehmen weiterhin die Besten, aber bevor die bei uns anfangen, sollen sie zunächst mal zeigen, ob sie was können und das Programm heißt „Teach first“. Ein Oxford-Absolvent wird in eine Stadtteilschule in der Bronx geschickt und muss aus einem zusammengewürfelten losen Haufen ein leistungsorientiertes Team machen.“

Anders formuliert: „Du gehörst zu den Besten, wenn es dir gelingt aus einer undisziplinierten Saubande eine stramme Armee von leistungsorientierten kleinen Klonkriegern im globalen Endkampf der Märkte zu machen.“
Ade Chancengleichheit! Ade Individualität! Ade Leidenschaft! Ade Herzensbildung!

Ein ernüchterndes Finale für eine leidenschaftlich vom Zaun gebrochene Bildungsoffensive: Letzten Endes paddeln unsere hirngedüngt-begeisterten Schäfchen doch allesamt im neoliberalen Haifischbecken um die Wette.

In seiner „Theorie der Unbildung“ bringt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann es auf den Punkt:
„Dies führt zu der besonderen Pointe, dass die Reformen der Gegenwart, die gnadenlos auf Zukunft und das Neue zu setzen scheinen, tatsächlich die größte Rückkehrbewegung der neueren Geschichte darstellen: prekäre Beschäftigungsverhältnisse, (…) Zwang zur Mobilität, Anpassungsdruck , privatisierte Infrastrukturen, (…) anspruchsvolle Bildung zunehmend nur mehr für die, die es sich leisten können (…) Die Verkündigung des Neuen ist unter anderem deshalb so einfach und risikolos geworden, weil kaum noch erkannt wird, wie alt das vermeintlich Neue mitunter ist.“ [4]

II. Wir alle sind Bertelsmann!

Beschäftigt man sich etwas eingehender mit den Hintermännern aktueller Reform- und Bildungspolitik im In- und Ausland, fällt auf, dass die momentan hoch im Kurs stehenden „neuen“ Akteure meist die alten sind.

Ich denke hier in erster Linie an die Bertelsmann AG [5], den Weltkonzern mit dem Riesenappetit, dessen Umsatz jährlich bei 20 Milliarden Euro liegt.
Was nicht alle wissen: Den Grundstein seines Erfolgs legte der Global Player unter dem Nationalsozialismus, wo er sich in den dreißiger Jahren vom Verlag für religiöse Erbauungsliteratur zum Hauptproduzenten von Kriegsliteratur für Jugendliche mauserte. Mit Titeln wie „Mit Bomben und MGs über Polen“ und „Wir funken für Franco“ erzielte man Millionenauflagen [6].
Bertelsmanns wohl schönster Beitrag zur offensiven Volksbildung: 1934 wird Langsdorffs „Flieger am Feind“, das „Buch der todesbereiten Pflichterfüllung“ zum „Weihnachtsbuch der Hitlerjugend“ [7] gekürt und 124 000 Mal verkauft.
Doch das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was bei Kriegsausbruch kommt: Bertelsmann gewinnt die Wehrmacht als Großkunden und verkauft von 1939-1944 bis zu 21 Millionen Feldausgaben.
Das Ende des Dritten Reiches ist nicht viel mehr „als der Übergang von einem großen Auftraggeber zum anderen“ [8]: Bertelsmann stilisiert sich zum Widerstandsverlag, erschleicht sich bei der britischen Militärregierung eine Lizenz und druckt in deren Auftrag Hunderttausende von Schulbüchern für die gesamte britische Zone.

Und was hat sich „Krake Bertelsmann“ [9] seit der Nachkriegszeit nicht alles einverleibt!
Gruner + Jahr, den größten Zeitschriftenverlag Europas, verantwortlich u.a. für Stern, Geo, Eltern, den Weltmarktführer Random House, rund 200 Musiklabels, 18 Radio- und 22 Fernsehsender, darunter die RTL-Gruppe, 50 % der Sony BMG Music Entertainment …
Zusätzlich aufgerüstet wird das Imperium durch den Bertelsmann-Buchclub mit weltweit 25 Millionen Mitgliedern [10], Immobilienhandel, die Konzerntochter Arvato AG, spezialisiert auf die private Verwaltung öffentlicher Einrichtungen, die in England bereits die Verwaltung einer ganzen Gemeinde übernommen hat und damit liebäugelt, auch die gesamte Verwaltung von Schulen zu übernehmen [11].

Wer bist du – und wenn ja, wie viele?“ Im Falle dieser globalen Hydra wäre eine solche Erkundigung reine Rhetorik – wie übrigens auch die Frage nach dem Wo bist du?:

Kein Bereich, wo die umtriebigen Bertelsmänner nicht tätig wären: Ganz gleich ob im Medien-, Verlags-, Finanz-, Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesen – überall mischt und „reformiert“ die Nebenregierung in Gütersloh mit und zwar de facto mit öffentlichem Geld – und zwar dank eines umstrittenen Steuertricks des 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn: Durch die Übertragung von drei Vierteln des Aktienkapitals auf die Bertelsmann- Stiftung werden gut zwei Milliarden Euro Erbschafts- oder Schenkungssteuer gespart und die jährliche Dividenden-Zahlung an die Stiftung ist steuerfrei [12].

Die einflussreiche Bertelsmann-Stiftung ist der Think Tank des Unternehmens. Im Bildungs- und Kulturbereich verfolgt sie das Ziel einer weiträumigen „Kommerzialisierung von Wissenschaft und Bildung – nicht zuletzt deshalb, weil der Medienkonzern sich hier neue Märkte erschließen könnte“ [13]. Überall – ja selbst hinter den Kulissen von Prechts Sendung [14] – bietet die Stiftung ihre „Lösungen für die Zukunft“ an, will „Motor für Reformen“ sein – und ist in Wahrheit „der stärkste Motor beim Zerstörungswerk“ [15].

Denn unter der Ägide von Bertelsmann wird planiert statt reformiert – mit zum Teil verheerenden Auswirkungen auf die europäische Bildungslandschaft, die sich allmählich in eine öde Wüste verwandelt:

Offensiv vernichtet wird der gesamte kulturelle Unterbau einer Gesellschaft:

„Man tut“, klagt Philosoph Liessmann, „als müsse man (…) gegen die verstaubten Bildungsideale des 19. Jahrhunderts kämpfen. Kein wirtschaftsnaher (….) Reformer, der nicht (…) statt bildungsbürgerlicher Kopflastigkeit Praxisnähe (…) einfordert.“ [16] Und was diesem Kriterium nicht entspricht, braucht erst gar nicht gelernt zu werden: „Daher der Hass auf Fächer, (….) die keinen unmittelbaren Bezug zu einer Praxis haben: alte Sprachen, Philosophie, Mathematik, klassische Literaturen, Kunst und Musik.“ [17]
Ersetzt wird dieses auch Precht suspekt gewordene „Wissen, das aus der Vergangenheit stammt“ durch „ein flüchtiges Stückwerkwissen, das gerade reicht, um die Menschen für den Arbeitsprozess flexibel und für die Unterhaltungsindustrie“ [18] zu begeistern.
Dieses Wissen macht Ah! Es ist leichte Kost „für Klugscheißer“ [19] – frei nach der Maxime: „Zeige etwas Interessantes! (…) Wissen unter diesen Bedingungen erscheint vor allem unter dem Aspekt der Verblüffung, der oberflächlichen Neugier, dem Verdacht ausgesetzt, (…) die grundlegenden Zusammenhänge und Wahrheiten zu übersehen.“ [20]

Vernichtet wird die Bedeutung der schulischen Erziehung als liebevolle, aber klare Anleitung:

Ausgedient hat eine „Lehrerschaft (…), die mehrheitlich noch in einem alten Weltbild des Lehrens und Lernens sozialisiert und qualifiziert worden ist“ [21] – so der freie Bildungsreferent Siegfried Seeger, der momentan 15 Pilotschulen hier in Luxemburg betreut.
Ersetzt werden sollen diese „Lehrpersonen (…), die nicht mehr in diese Zeit passen“ [22] durch Coaches, die – wir erinnern uns an Hüthers Ausspruch – nicht „versuchen den Schülern etwas beizubringen, sondern die den Rahmen bauen, in dem Schüler (…) sich selbst einen Stoff erschließen.“ Demnach hätten wir es hier mit Moderatoren, Motivatoren und Zauberern zu tun, die einen Unterricht nicht mehr systematisch führen und stattdessen Arbeitsmappen und Wochenpläne verteilen oder sich hinter Computer, Internet und Lernsoftware verschanzen, während ihre Schutzbefohlenen „selbständig“ vor sich hinwerkeln. Der Pädagoge und Reformkritiker Jochen Krautz warnt vor den dramatischen Folgen eines solchen „Wachsenlassens des Kindes oder des Schülers“, das in Wirklichkeit einem Im-Stich-Lassen gleichkommt:
„Selbständigkeit fällt nicht vom Himmel, sondern braucht geduldige und genaue Anleitung in der pädagogischen Beziehung. Wird dies unterlassen, haben die Schüler keine Orientierung, dann entsteht statt Selbständigkeit Egoismus oder das Recht des Stärkeren.“ [23]

Vernichtet werden die Schulen als Stätten der Bildung, der Konzentration und Kontemplation:

An ihre Stelle treten „Anstalten der Lebensnot“, d.h. „Problemlösungsanstalt(en) für die Fragen der Erwachsenenwelt“, „Drogen- und Aidsprophylaxeinstitution, erster Therapieplatz, Hort der sexuellen und sonstigen Aufklärung“, wo „Projekte und Praktika (dominieren), die Erfahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Ausflüge.“ [24] Das ist es wohl, was Hüther meint mit: „Da öffnet sich die Bedeutung der Schule. Schule wird weniger bedeutsam, es entstehen Lernfelder der Kommunen. Programme werden eigenständig gefahren“ – womöglich eines schönen Tages von der Bertelsmann-Tochter Arvato, die sich längst zutraut „sowohl das Finanzmanagement einer Schule zu bewältigen als auch Stundenpläne zu erstellen oder die Leistungen der Schüler zu erfassen“ [25].

Vernichtet werden die Universitäten als Hort der Forschung und Lehre:

Wie die Schulen haben auch die Universitäten sich zu „öffnen“ – und zwar für den freien Markt. Als Leitbild dient die Idee der „entfesselten Hochschule“ des Bertelsmann-Lobbyisten und heimlichen Bildungsministers der Republik Detlef Müller-Böling:
„Internationalität und Wettbewerbsorientierung zeichnen die künftige Hochschule aus; und Wirtschaftlichkeit ist für sie kein Fremdwort mehr“ – so die Bertelsmann-Stiftung selbst auf ihrer Homepage.

Diskret aber werden die Schattenseiten der „autonomen“, „entfesselten“ Hochschule verschwiegen: „Was nicht vermarktbar ist“, schreibt Jochen Krautz in Ware Bildung, „wird nicht erforscht: Gen-Technik ist hoch lukrativ; Philosophie und Theologie, die kritisch nach der ethischen Verantwortbarkeit dieser Techniken fragen, interessieren niemanden.“ [26]
Die traurige Folge: „Innerhalb der Universitäten bricht ein Hauen und Stechen um die Vergabe der geringen Mittel ein, die Universitäten untereinander treten in einen erbitterten Konkurrenzkampf ein (…). Statt sich um Forschung und Lehre zu kümmern, beschäftigt man sich mit Finanzplanung (…). Die Universitätsleitungen beschäftigen sich vor allem mit (…) Pressekonferenzen, Hochglanzbroschüren, Internetauftritten (….), denn nun geht es darum, Studenten zu werben, auch wenn man nichts zu bieten hat. Denn neuerdings bringen die Studenten ja Geld: Studiengebühren!“ [27]
Auch der renommierte Soziologe Richard Münch kann darum einer Umwandlung von Universitäten in Unternehmen nichts Positives abgewinnen: „Der Professor ist dann nicht mehr Forscher und Lehrer, dessen Denken und Handeln von einer professionellen Ethik (…) geleitet wird“ [28]. Vielmehr verhalten die Wissenschaftler sich jetzt „wie Wettbewerber auf einem Markt. Sie wollen ihren eigenen Nutzen maximieren.“ [29] Und da kann es schon mal passieren, „dass man es mit Quellen, Autorschaften und Seriosität nicht ganz so ernst nimmt – bis hin zu Betrug und Fälschung.“ [30]
Und fortan wird ein neuer Gelehrtentypus an den entfesselten Unis Karriere machen: „der rationale Egoist bzw. Opportunist“ [31], der „um den Erdball jettende (…) Wissenschaftsmanager“, der „im Rausch seiner Beschleunigung keinen klaren Gedanken mehr fassen kann“ [32] – und nur noch eines wirklich beherrscht: die „Sprechblasen aus dem Jargon des New Management“ [33], „die alles beherrschende Sprache des Coaching, Controlling und Monitoring“ [34] – alles Anzeichen eines grassierenden „sprachlichen Idiotentums“ [35].
Unter solchen Bedingungen leidet die Ausbildung des homogenisierten akademischen Nachwuchses. Die neuen Massenuniversitäten entlassen „schlecht qualifizierte Beinaheakademiker als Graduierte auf einen Arbeitsmarkt, der bald erkennen wird, wes Geistes Kinder sich da tummeln.“ [36]
Die Fortsetzung der Geschichte ist bekannt. Hüther hatte sie uns in der Sendung verraten: Die Arbeitgeber „sagen, wir nehmen weiterhin die Besten, aber bevor die bei uns anfangen, sollen sie zunächst mal zeigen, ob sie was können.“

Damit geht das Hauen und Stechen wieder von vorne los: Ganze Testbatterien, Eignungs- und Einstellungstests müssen her, um aus der Masse der Wissensarbeiter die Spreu vom Weizen zu trennen. Parallel steigt die Nachfrage nach Zusatzqualifikationen und Eliteprogrammen à la „Teach first“ als Distinktionsmittel [PDF – 110 KB].
Und die Profiteure warten schon: Psycho- und Braintrainer aus der Managerfortbildungsszene, Akkreditierungsunternehmen, Testagenturen, Weiterbildungs- und Beratungsfirmen – inklusive Bertelsmann natürlich!

Ich für meinen Teil winke jetzt ab …
Zeit, Abschied von Precht, Hüther und all den anderen Bertelsmännern zu nehmen.

Eins aber hätte ich doch gerne von Precht gewusst:
Warum philosophiert er beim öffentlich-rechtlichen ZDF und nicht bei RTL?
Als Starredner der Bertelsmann Referentenagentur [37] und Vordenker einer umfassenden Bertelsmannisierung unserer Kultur- und Bildungslandschaften wäre er beim Haussender des Konzerns doch bestens aufgehoben.

Nach dem Umzug empfehle ich dem eloquenten „Dressman“-Philosophen [38], seine Sendung „Precht“ unbedingt umzutaufen, schließlich geht es „der Disziplin der Philosophie doch immer (…) darum (…), den Eigennamen durchzustreichen und auf die Schaffung eines Wir zu zielen.“ [39]

In diesem Sinne wäre der Name „Bertelsmann!“ ideal.

Anmerkung der Redaktion:

Zu den bildungs- und schulpolitischen Vorschlägen des Hirnforschers Gerald Hüther siehe auch die Überlegungen des Konstanzer Psychologieprofessors Georg Lind:

“Auch wenn ich mit vielem sympathisiere, was Hüther zum schulischen Lernen zu sagen hat, lösen seine Ideen bei mir auch Unbehagen aus. Eine nachhaltige Reform sollte sich nicht gegen etwas (die jetzige Schule) richten, sondern für etwas. Natürlich kann man alles in kurzer Zeit abschaffen. Aber was kommt danach? Was ist das Leitbild der Reform? Wie kann sie landesweit so umgesetzt werden, dass nicht neue Ungleichheiten und Benachteiligungen entstehen? Wenn Reform-Schulen die besten Lehrkräfte anziehen, dann fehlen diese anderswo. Ohne ein wirksames Konzept für eine bessere Lehrerbildung entsteht leicht ein “Absahn-Effekt”. Wie man als Lehrer die Schüler beim Unterricht interessiert und wach hält, kann man lernen. Die Belohnung heißt: effektiver und störungsfreier Unterricht. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Lehrerausbilder. Ob dann noch Begeisterung dazu kommt, lässt sich nicht steuern. Man sollte Begeisterung auch nicht zu steuern versuchen.

Die Schule ist eine gesellschaftliche Einrichtung, die einerseits dazu dient, den Menschen die Dinge lernen zu lassen, die er für ein erfülltes Leben als Person, als Mitglied der Gesellschaft und als Teilnehmer im Wirtschaftsleben benötigt. Zudem ist sie dazu da, zur Erhaltung und Weiterentwicklung unserer demokratischen Gesellschaft beizutragen und das demokratische Zusammenleben mit anderen Gesellschaften und Kulturen zu fördern, indem sie die dafür erforderlichen Fähigkeiten trainiert. Der schulische Lernprozess muss also sowohl auf individuelle wie auch gesellschaftliche Lernziele abgestimmt werden. Wir brauchen beides im schulischen Lernprozess. Diese beiden Zielsetzungen kann man klar unterscheiden, aber sie widersprechen sich nicht. Im Gegenteil: Wie eine funktionierende Gesellschaft auf gesunde und kompetente Bürger angewiesen ist, ist auch jedes Individuum in seiner Entwicklung und Entfaltung auf eine gute (d.h. demokratische) Gesellschaft angewiesen.

Die meisten Schulen versuchen auch heute schon, beiden Zielen gerecht zu werden. Aber das ist verbesserungsfähig und von daher hat die heutige Reformdebatte ihre Berechtigung. Die Trennung der Kinder in zig Schulformen und die ständig steigende Flut von Vergleichsbewertungen (sprich: Noten und Tests) ist mit beiden Zielen nicht vereinbar. Das sind aber Systemprobleme, die nicht durch isolierte Reformmaßnahmen gelöst werden können. Anders gesagt: Eine Gemeinschaftsschule ist keine “Gemeinschafts”-Schule, wenn sie nur für ein paar Prozent der Kinder eingerichtet wird. Sie muss für die ganze Gemeinschaft sein, also für alle Kinder.

Wenn die Reform der Schule nicht auf relativ wenige Schulen begrenzt bleiben soll und wenn sie nicht mehr als eine symbolische Reform sein soll, muss dafür ein in sich stimmiges Konzept für das gesamte Schulsystem in Deutschland und am Ende auch für Europa erarbeitet werden — wie das vor Jahren in Schweden und Finnland geschehen ist. Das Buch von Rainer Domisch NIEMAND WIRD ZURÜCKGELASSEN. EINE SCHULE FÜR ALLE ist eine wahre Fundgrube für alle, die an einer nachhaltigen Reform unseres Schulsystems interessiert sind. Auch wenn die Bedingungen in jedem Land anders sind, ist es lehrreich, weil es wichtige Punkte anspricht, die unabhängig von landesspezifischen Eigenheiten sind.”


[«1] Ausstrahlung in ZDF (2.09.2012) Wiederholung in 3sat (8.09) & ZDF.kultur (9.09)

[«2] Juknat, Ingo: Precht im ZDF – Bauchredner trifft Puppe und der Aufstand von unten. Waz.m.derwesten.de, 3.09.2012.

[«3] Hammelehle, Sebastian: Precht ab. Spiegel Online, 30.08.2012.

[«4] Liessmann, Konrad Paul: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Piper, München 2010, S. 164f.

[«5] In Luxemburg ist Bertelsmann nicht zuletzt als Eigentümer von RTL eine feste Größe, auch wenn der Konzern eher unsichtbar im Hintergrund wirkt. Zu François Tavenas, dem 2004 verstorbenen Gründungsrektor der Universität Luxemburg, scheinen die Gütersloher gute Kontakte gepflegt zu haben. Auf der Homepage des Bertelsmann nahen „Centrums für Hochschulentwicklung“ (CHE) heißt es im Newsblock vom 13.02.2004: „Professor François Tavenas ist verstorben. Das CHE trauert um einen Freund und Mitstreiter. (…) Gerne hätten wir die Zusammenarbeit in Luxemburg fortgesetzt, wie es geplant war.“ Zwei Jahre später kam es dann zu einer weiteren Kooperation: Das CHE wurde damit beauftragt, „Empfehlungen für den Ausbau der Verwaltung an der Universität Luxemburg“ auszuarbeiten. Damals ging es auch darum, der neu gegründeten Universität ein „spezifisches Forschungsprofil“ (im Sinne von Bertelsmann?) zu verpassen und damit „die Weichen für die Zukunft“ zu stellen.

[«6] Böckelmann, Frank. Fischler, Hersch: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Eichborn, Frankfurt am Main 2004, S. 83.

[«7] Ebenda.

[«8] Ebenda, S. 110.

[«9] Müller, Albrecht: Krake Bertelsmann – eine Dokumentation. Nachdenkseiten.de, 25.07.2006.

[«10] Barth, Thomas. Schöller, Olivier: Bertelsmann und Bildungsstifter. Die Privatisierung der Bildungspolitik. E&W Niedersachsen, 12/2005.

[«11] Krautz, Jochen: Ware Bildung. Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie. Diederichs, München 2009, S. 164.

[«12] Schumann, Harald: Macht ohne Mandat. Tagesspiegel, 24.09.2006.

[«13] Barth / Schöller: a.a.O.

[«14] Der Teufel steckt diesmal im Detail des „Archivs“: Man sehe sich nur aufmerksam den Abspann an.

[«15] Lieb, Wolfgang: Der stärkste Motor beim Zerstörungswerk – die Bertelsmann Stiftung. nachdenkseiten.de, 9.03.2010.

[«16] Liessmann: a.a.O., S. 51.

[«17] Ebenda, S. 65.

[«18] Ebenda, S. 53.

[«19] So die Macher der WDR -Kindersendung „Wissen macht Ah!“. (Quelle: Wikipedia)

[«20] Liessmann: a.a.O., S. 19.

[«21] Gantenbein, Michèle: Schule anders denken. Freier Bildungsreferent Siegfried Seeger über die geplante Sekundarschulreform. LW, 7.02.2012.

[«22] Ebenda.

[«23] Krautz: a.a.O., S. 16.

[«24] Liessmann: a.a.O., S. 62.

[«25] Krautz: a.a.O., S. 163.

[«26] Ebenda, S. 170.

[«27] Ebenda, S. 138f. Für die Einführung von Studiengebühren kämpft Bertelsmann übrigens seit Jahren, weil gerade Gebühren die Universität für private Investoren lukrativ machen.

[«28] Münch, Richard: Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, S. 119.

[«29] Ebenda, S. 19.

[«30] Liessmann: a.a.O., S. 98. – Die Uni Luxemburg bildet da keine Ausnahme. Ich erinnere hier an den Wissenschaftsskandal um den Bioinformatiker Carsten Carlberg: Am 9. Juli 2011 wurde der Professor wegen anscheinend gefälschten Publikationen und nicht eingehaltenen Ausbildungsrichtlinien entlassen.

[«31] Münch: a.a.O., S. 120.

[«32] Liessmann: a.a.O., S. 97.

[«33] Ebenda, S. 123.

[«34] Ebenda, S. 46.

[«35] Ebenda, S. 137.

[«36] Ebenda, S. 107.

[«37] www.referentenagentur-bertelsmann.de

[«38] Charim, Isolde: Der redegewandte Dressman. taz.de, 2.09.2012.

[«39] Probst, Maximilian: Precht macht dumm. zeit.de, 3.09.2012.

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