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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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19. Dezember 2014
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„Industriestandort: So stark ist Deutschland wirklich“. Oder: War da was, genannt „Basarökonomie“?

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Heute wird in Berlin eine Studie präsentiert, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt hat. Die Frankfurter Allgemeine und die Welt berichteten vorab davon. Wenn man diese Texte liest – zwei in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (hier und hier. Siehe Anlage 1 ) und einen bei Welt online (hier. Siehe Anlage 2) – , dann kann man amüsiert feststellen, wie die Meinungsführer zu Opfern ihrer eigenen Sprüche geworden sind und wie sie sich winden und drehen müssen, um ihren Lesern den Befund zu Deutschlands starker Industrie erklären zu können. NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser haben vermutlich noch in den Ohren, was der „beste“ Ökonom Deutschlands Hans-Werner Sinn seinen Zuhörern und Lesern verkündete: Wir sind nur noch eine Basarökonomie. Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig. Die USA verdrängen Deutschland von den Weltmärkten. Alles H.-W. Sinn 2003, 2004, 2005 (Autor von „Ist Deutschland noch zu retten?“ und „Basar-Ökonomie“). Und mit ihm Tausende Nachbeter. Albrecht Müller.

Der Abstieg eines Superstars, tönte Gabor Steingart, damals, 2004 Spiegel-Büroleiter in Berlin, im Blick auf die deutsche Industrie. Der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch schilderte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Gespräch vom 6. Februar 2004 den angeblichen totalen Abstieg Deutschlands beim Anteil am Welthandel. (Siehe Anlage 3)

Das war schon damals schwarz malende Fantasie und absichtliche Täuschung. Hinter der Schwarzmalerei steckte Absicht. Es ging um die Durchsetzung der Agenda 2010 und anderer Reformen zulasten der abhängig Arbeitenden. Da musste die Lage der deutschen Volkswirtschaft schwarz gemalt werden. Und die Lage anderer Länder wurde über die Maßen schön geredet. Der Erfolg Irlands zum Beispiel, den man schon damals als hohl erkennen konnte, wurde gepriesen. Angela Merkel behauptete im Dezember 2003, Großbritannien und Spanien stünden einfach besser da als Deutschland.

Dies alles stimmte damals schon nicht. Die deutsche Industrie war auch damals schon leistungsfähig, innovativ und exportstark. Der Saldo der Leistungsbilanz war ab 2001 wieder „positiv“, nachdem es im Zuge der deutschen Einheit in den neunziger Jahren Defizite gab. Nie aber dramatisch und angesichts der Notwendigkeit, dass sich Überschüsse der Leistungsbilanz und Defizite im Laufe der Zeit einigermaßen ausbalancieren sollten, ohnehin kein Anlass zur Sorge.

Die Studie bestätigt, wenn man den Berichten glauben darf, die Stärke der deutschen Industrie und des Standortes Deutschland. Es wird wohl auch berichtet, dass diese Entwicklung schon seit mindestens 15 Jahren so ist – also nicht erst seit Umsetzung der Agenda 2010. Diese liegt erst zehn Jahre zurück. Außerdem kann man mit gutem Recht annehmen, dass die deutsche Industrie – der Maschinenbau, der Fahrzeugbau, die Chemie – auch schon vor 20 Jahren und mehr leistungsfähig gewesen war. Dass sie in den letzten zehn Jahren besonders wettbewerbsfähig erscheint, hat etwas mit der Auseinanderentwicklung der Lohnstückkosten im Euro Raum zu tun. Diese besondere Entwicklung wird in einer Abbildung im zweiten FAS- Artikel gefeiert. Dort wird der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt für Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien verglichen. Den vergleichsweisen Niedergang des Industrieanteils bei unseren Nachbarn sollte man jedoch nicht feiern, sondern eher bedauern.

Außerdem bleibt noch anzumerken, dass die jetzigen euphorischen Berichte auf der Basis der Studie des IW genauso unter mangelnder Differenziertheit leiden wie die früheren Klagen. Wenn man nämlich etwas genauer auf die Entwicklung der deutschen Industrie schaut, dann wird man entdecken, dass es auch Industriezweige gibt, die wesentlich für den Binnenmarkt arbeiten und bei weitem nicht so wohl gebettet sind wie die mit der Exportwirtschaft eng verbundenen Industriebetriebe.
Eigentlich müsste sich Professor Sinn einmal erklären: Wie war das nochmal mit der Basar-Ökonomie? Geringe Wertschöpfung hier im Land, Import der außerhalb Deutschlands produzierten Teile, Zusammenbau und wieder Export. Der „beste“ Ökonom wäre doch einmal damit an der Reihe, öffentlich seine Fehleinschätzungen zu bekennen.

Die Pirouetten, die in den beiden Artikeln in der FAS auch mit Berufung auf SPD und Gewerkschaften gedreht werden, sind apart. Da ist in dem Artikel mit dem Titel „Die Industrie ist wieder da“ die Rede davon, das Wachstum müsse „wieder auf reale Werte statt auf fiktive Finanzvermögen“ setzen. Wer hat denn auf fiktive Finanzvermögen gesetzt? Steinbrück vielleicht und vielleicht auch die Frankfurter Journalisten, die von den Börsen berichten. Diese glauben heute noch, auf den Aktienmärkten und Finanzcasinos würden Werte geschaffen. Aber daran glaubt die Mehrheit der deutschen Industrie doch nicht! Sie ist nicht erst seit der Finanzkrise im Jahre 2008 leistungsfähig. Die in der Studie offenbar gelobten Fachkräfte sind doch nicht etwa zu Zeiten der Finanzkrise vom Himmel gefallen. Sie waren real vorhanden und haben gearbeitet, wenn sie wegen der Schwäche der Binnennachfrage nicht arbeitslos waren. In der Welt der konstruierten Bedeutung des Finanzplatzes Deutschland lebten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten, aber doch nicht die Maschinenbauer auf der schwäbischen Alb oder im Sauerland oder in Ostwestfalen.

Im zweiten Beitrag der FAS, im Wirtschaftsteil mit dem Titel „Ein Lob auf die deutsche Industrie“, geht es auf der Basis eines Gesprächs mit der Chefvolkswirtin der Helaba, Gertrud Traud, ähnlich lustig zu. Da wird dann ernsthaft der Drang nach der Dienstleistungsgesellschaft beschworen und kritisiert. Aber es wird leider nicht deutlich genug analysiert, dass die Empfehlungen zum Tragen in die Dienstleistungsgesellschaft abgehobene Sprüche waren, die man – Politiker, Wissenschaftler, Medienmacher in gleicher Weise – geklopft hat, um sich interessant erscheinen zu lassen. Schon damals fehlte die nüchterne Analyse zur Bedeutung der Industrie. Es fehlte übrigens auch eine kritische Analyse der angeblichen Verschiebungen hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Das waren nie Brüche sondern leichte Verschiebungen. Und wahrscheinlich oft auch nur Folgen der Statistik – wenn zum Beispiel ein großes Unternehmen seinen Dienstleistungsbereich ausgegliedert hat.

Vielleicht ist die Besinnung auf die Fakten heute auch ein Anlass dafür, endlich damit aufzuhören, unsere Gesellschaften aufzuteilen in so grobe und willkürliche Raster wie Industriegesellschaft und Dienstleistungsgesellschaft.

In dem zweiten Artikel in der FAS ist übrigens die Rede von der Renaissance der Industrie in Deutschland. Das soll suggerieren, dass sich Wesentliches geändert hat. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt betrug 2002 21,5 %, 2011 22,6 %. Das ist eine kleine Veränderung. Von einer Renaissance muss man offensichtlich reden, weil man damit die frühere Schwarzmalerei entsorgen kann.

Anlage 1
Zwei Artikel aus der FAS vom 21.10.2012:

  1. Die Industrie ist wieder da
    Maschinen machen Deutschland krisenfest
    20.10.2012 · Deutschland erlebt eine Reindustrialisierung – und ist damit gut durch die Krise gekommen. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung konnte gehalten und zuletzt sogar gesteigert werden, so eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums.
  2. Standbein der Wirtschaft
    Ein Lob auf die deutsche Industrie
    20.10.2012 · Was heißt hier Dienstleistungsgesellschaft? Deutschlands Stärke ist und bleibt die Industrie. Plötzlich wollen auch alle anderen werden wie die Deutschen. Denn das Land zeigt sich stark in der Krise.
    Haben Sie in den vergangenen 15 Jahren verfolgt, was deutsche Politiker so über Wirtschaft reden (mit halbem Ohr genügt)? Falls ja, dann ist sicher: Deutschland muss zur Dienstleistungsgesellschaft werden, muss weg von der Industrie. Fabriken machen Dreck und verschmutzen die Luft und die Flüsse. Die Chinesen können sowieso alles viel billiger herstellen als wir. Und jener Wirtschaftsbereich, dem die Zukunft gehört, heißt Gesundheit/Finanzdienstleistungen/Telekommunikation. Industriegesellschaft, adé!
    Doch hier kommt die Überraschung: Deutschland hat es nicht getan. Wir sind immer noch eine Industriegesellschaft. Während Italien, Frankreich und selbst China in den vergangenen Jahren kontinuierlich Industrie abgebaut haben, haben die Deutschen das seingelassen. Seit 15 Jahren stagniert der Anteil der Industrie an der deutschen Bruttowertschöpfung. Und zuletzt ist er sogar gestiegen. Deutschland reindustrialisiert. Und das auf einem hohen Niveau.

Anlage 2:
Ein Artikel von Welt online vom 21. Oktober 2012
Industriestandort
So stark ist Deutschland wirklich
Eine noch unveröffentlichte Studie zeigt: Der Industriestandort D gehört weltweit zu den besten, holt bei der Dynamik auf und wird auch immer besser. Akuter Reformbedarf besteht dennoch.

Eineinhalb Jahre haben IW-Forscher im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums untersucht, wie die deutsche Industrie im Vergleich zu 44 anderen Staaten da steht. Die fast 300 Seiten starke Studie mit dem Titel “Die Messung der industriellen Standortqualität in Deutschland” wird am Montag in Berlin vorgestellt und liegt der “Welt am Sonntag” bereits exklusiv vor.
Sie zeigt: Der Industriestandort Deutschland gehört weltweit nicht nur zu den besten. Als einer der wenigen Industrienationen gelang es Deutschland, in den vergangenen 15 Jahren die Rahmenbedingungen für die produzierende Wirtschaft auch noch zu verbessern.

Anlage 3:

Text aus Albrecht Müller, Die Reformlüge, München 2004, Seite 179:

Es ist, als würde geradezu händeringend nach kritischen Entwicklungen unseres Landes gesucht, damit diese in der Art einer Kampagne aufbereitet werden können. Ein augenfälliges Beispiel der letzten Zeit ist die Behauptung, Deutschland falle es schwer, seinen Platz im internationalen Wettbewerb zu behalten. Es verliere Anteile am Welthandel, während die USA und die asiatischen Länder Marktanteile gewännen. So steht es unter anderem in einem Papier, das die Deutsche-Bank-Research unter dem Titel »Reformbedarf in Deutschland« am 27. Mai 2003 veröffentlicht hat. Dieselbe Behauptung, mit einer farbigen Kurve untermauert, findet sich in Hans-Werner Sinns Buch Ist Deutschland noch zu retten?; auch Edmund Stoiber hat das Thema aufgegriffen und mit der frei erfundenen Behauptung variiert, jeden Monat würden 50 000 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert; der hessische Ministerpräsident Roland Koch setzte nach und sagte am 6. Februar 2004 in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen: »Der Anteil der Vereinigten Staaten am Welthandel ist von 1991 bis 2002 von gut 14 auf mehr als 19 Prozent gestiegen, der deutsche Anteil von knapp 12 auf 8 Prozent gesunken.« Damit wollte er belegen, wie schlimm es um Deutschland in der globalisierten Welt steht und wie stark die USA sind. Wissentlich oder unwissentlich wendet Roland Koch einen Trick an: Er setzt nämlich – ohne dies zu erkennenzugeben – die hohen Importe der USA als Messziffer für ihren Welthandelsanteil ein. Das ist ganz schön dreist, denn diese hohen Importe, die den Welthandelsanteil nahe an die von Koch genannten 19 Prozent springen lassen, sind ja gerade Zeichen der Schwäche der USA (allerdings zeigen sie auch den starken Nachfrageboom!); sie sind die Ursache des extrem hohen US-Leistungsbilanzdefizits von mehr als 400 Milliarden Dollar gleich mehrmals in den letzten Jahren. Koch setzt wohl darauf, dass niemand seinen Taschenspielertrick bemerkt. Der Erfolg gibt ihm recht: Solange es niemand merkt, kann man diesen Trick ganz wunderbar in die laufende Kampagne zur Erosion des Vertrauens in unsere Volkswirtschaft einbauen. Roland Koch hat den Trick vermutlich von Professor Sinn übernommen.

Nachtrag:
Hinweisen will ich noch auf den gesamten Text des Denkfehler Nr. 13 „Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig“, Seite 176-193 von Die Reformlüge. Das ist nahezu alles noch relevant.

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