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Rezension. Wolfgang Bittner, Hellers allmähliche Heimkehr

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Ein Roman, der im Vorfeld des Prozesses gegen die Neonazi-Terrorzelle NSU in die Zeit passt, denn auch hier geht es um eine rechtsradikale Gruppe und deren Wirken in der Provinz. Aber es geht auch um Korruption. Am Beispiel einer norddeutschen Kleinstadt werden deren Mechanismen im Zuge aktueller Privatisierungspolitiken aufgezeigt und mit dem von den Ordnungskräften geduldeten, verharmlosten Agieren der rechtsradikalen Gruppierung in Verbindung gebracht. Der in seine Heimatstadt zurückgekehrte Journalist Heller sorgt als neuer Chefredakteur des Lokalblatts für Aufklärung und lässt einen doppelten Skandal auffliegen – auch wenn es ihn den Posten bei der Zeitung kostet. Von Petra Frerichs.

Der Autor repräsentiert mit Romanen wie diesem die politisch engagierte Literatur – dafür erhielt er auch 2010 den Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik; seine Dankesrede wurde in den NDS veröffentlicht (am 17.08.2010). Wie Erasmus Schöpfer mit seiner vierbändigen Geschichte der politisch-sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik unter dem Titel Die Kinder des Sisyfos (besprochen in den NDS am 11.02.09) oder – als Stimme aus dem Osten – Wolfgang Schreyer mit seinen Tatsachen-Romanen wie etwa dem Wenderoman Nebel (besprochen in den NDS am 01.02.13) verbindet Bittner das Reale mit dem Fiktiven aufgrund von intensiven Recherchen, meist in Bereichen der Wirtschaftskriminalität, der Korruption und des politischen Skandals. Damit wirkt der Schriftsteller als Aufklärer und kann mit den Mitteln der Literatur eine breitere Öffentlichkeit erreichen, als dies in der Regel mit Sachbüchern möglich ist. Denn der politisch engagierte Literat versteht es, seine Leser mit spannender Darstellung zu fesseln und sie über den Aufklärungseffekt hinaus auch zu unterhalten.

Wolfgang Bittner, der sich als Autor von zahlreichen Romanen, Erzählungen, Essays wie auch als Verfasser von Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht hat, führt uns mit seinem Protagonisten Heller an den fiktiven Ort Salfelden, der wie ein Mikrokosmos alles zu bieten hat, was man sich an politischen, wirtschaftlichen und publizistischen Interessenverflechtungen und Skandalen vorstellen kann und deswegen realistisch erscheint, weil man ständig und überall damit konfrontiert ist: Es gibt alteingesessene Familien, die sich in der Bauwirtschaft, als Fabrikanten, als höhere Beamte oder als Herausgeber der Lokalzeitung in Schlüsselpositionen befinden; die Privatisierung kommunaler Bereiche (Müll, Städtischer Wohnungsbau, Wasser) ist in vollem Gange; am Fluss ist ein großes Bebauungsprojekt mit hohen Gewinnerwartungen in der Planung, aber noch unter Verschluss; es gibt eine rechtsradikale Gruppierung mit dem doppeldeutigen Signum „SS“ für „Soldaten Sportverein“, deren Mitglieder die Kinder der Honoratioren sind und die sich nicht nur mit Anschlägen und Schmierereien an Gebäuden und Gräbern hervortun, sondern auch (verdeckte) Wehrsportübungen abhalten. Und es gibt einen Polizeichef und seinen Mitarbeiterstab, die es nahezu verinnerlicht haben, auf dem rechten Auge blind zu sein. Den Sumpf will die Polizei nicht wahrhaben; immer wieder wird auf Beschwerden und Anzeigen mit Verharmlosungen, dem Herunterspielen, Bagatellisieren und Verleugnen von politisch motivieren und organisierten Aktionen seitens der Ordnungskräfte reagiert: Ein politischer Hintergrund ist nicht festzustellen; es handelt sich nur um einzelne Randalierer etc. Bis Heller seinen neuen Posten übernimmt, hatte auch die Presse nicht sonderlich für Öffentlichkeit und Aufdeckung von im Dunkeln sich abspielenden Geschäften gesorgt; man sah geflissentlich über Dinge hinweg, die für (noch) nicht spruchreif gehalten oder erklärt wurden. Und die Gegendemonstration der Nazis zur Kundgebung des DGB am1. Mai läuft unter der Weihe von Meinungsfreiheit.

Das Bedrückende an Bittners Lokalkolorit ist nicht so sehr die Skandalebene als vielmehr das stille Einverständnis aller Beteiligten: ob auf höchster kommunalpolitischer Ebene oder am Stammtisch, als Meinung von Wirtsleuten, Gästen oder Menschen auf der Straße – alles passt zusammen und vereinigt sich zu einem einverständigen Geraume: wie selbstverständlich gegen Ausländer gerichtet, auch wenn sie hier schon lange eine Gaststätte betreiben; gegen den Ausverkauf deutscher Interessen – wie es der Fabrikant eloquent formuliert; und damit auch gegen diejenigen, die dieses Einverständnis aufbrechen wollen: gegen den Chefredakteur Heller, dem man wegen seiner kritischen Berichterstattung die Autoreifen zersticht, gegen die Psychologin, die mit dem neuen Redakteur sympathisiert, gegen die Friedensgruppe, die hier sowieso nur stört.

Wie es Heller gleichwohl schafft, mittels seiner journalistischen Möglichkeiten und einer Gruppe von „Andersdenkenden“ der korrupten Clique das Handwerk und den nazistischen Sumpf trocken zu legen, wird in diesem Roman spannend beschrieben. Er deckt die Mechanismen der Macht auf, zeigt, wie sich Interessenverflechtungen und Korruption konkret entfalten und wie eine neonationalistische Gruppierung ihr Unwesen treiben kann, ohne dass dies die bürgerliche Ordnung groß stört. Und wenn Wolfgang Bittner dann auch noch aufzeigt, dass und wie man mit Zivilcourage und dem Aufbau von Gegenöffentlichkeit dagegen vorgehen kann, dann mag das für viele ein Zeichen der Hoffnung sein.

Wolfgang Bittner: Hellers allmähliche Heimkehr, Verlag André Thiele, 2012, 241 S., € 19,90.

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