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Der Kuss der Patin – Irrungen und Wirrungen um Ursula von der Leyen

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Bundesregierung, Innen- und Gesellschaftspolitik, Medien und Medienanalyse, PR

Die Benennung Ursula von der Leyens zur künftigen Verteidigungsministerin ist in der Tat eine politische Überraschung. Wenig überraschend ist indes die Reaktion der Medien auf diese Personalie. Schenkt man den Leitartiklern der Republik Glauben, so ist Angela Merkel ein echter Coup gelungen, mit dem sie die umtriebige Niedersächsin von der Leyen zu ihrer Thronfolgerin gekürt hat. Quer durch nahezu alle Kommentare ziehen sich dabei zwei grandiose Denkfehler: Zum einen soll das Verteidigungsministerium angeblich ein echtes Sprungbrett für politische Karrieren sein und zum anderen wird von der Leyen wie eh und je als „Powerfrau“ dargestellt, die dank ihrer „überwältigenden“ Fähigkeiten für jede Aufgabe geeignet ist. Dabei sollten die Kollegen es doch eigentlich besser wissen. Die Benennung von der Leyens zur Verteidigungsministerin mag ein Coup gewesen sein – aber in einer ganz anderen Art und Weise als es den Medien vorschwebt. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Geschichte der Ursula von der Leyen ist eine Geschichte voller Missverständnisse, Mythen und geschickter politischer PR. Fragt man den Bürger von der Straße nach Ursula von der Leyen, so kommen meist folgende Assoziationen: Sie habe „trotz“ ihrer sieben Kinder Karriere gemacht, sie sei unglaublich erfolgreich, eine echte „Powerfrau“, die das konservative Familienbild Lügen straft. Von welcher Frau von der Leyen ist hier die Rede? Sicher nicht von Ursula Gertrud von der Leyen, der künftigen Verteidigungsministerin.

Die Suppermutterpowertochter

Woher der Mythos der erfolgreichen Powerfrau von der Leyen stammt, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Ursula von der Leyen wuchs in geordneten großbürgerlichen Verhältnissen auf. „Röschen“, wie sie seit klein auf familienintern genannt wird, ist die Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, Spross einer Dynastie, die bereits unter den Welfen-Königen Schlüsselpositionen im Staat bekleidete. Standesgemäß heiratete sie in die Dynastie der „Seidenbarone“ von der Leyen ein, die seit dem 18. Jahrhundert zum deutschen Establishment gehören.
Wer Ursula von der Leyen daheim besuchen will, fährt erst einmal lange durch familieneigenes Weideland, bevor er an einem gusseisernen Tor zum Betreten des schlossartigen Familienanwesens in Burgdorf-Beinhorn eingelassen wird. Keine Frage, Ursula von der Leyen ist die personifizierte Oberschicht, ein feuchter Traum jedes Kitschromanautoren.

Doch „Röschen“ schlug zunächst ein wenig aus der Art. Ein Studium der Volkswirtschaftslehre brach sie nach drei Jahren erfolglos ab, und zwischen ihrem Abitur und ihrem ersten Staatsexamen als Medizinerin liegen stolze zehn Jahre – lückenlose Lebensläufe sehen anders aus. Aber Frau von der Leyen musste sich schließlich nicht mit derlei profanen Problemen des gewöhnlichen Volkes herumschlagen. Während ihrer vierjährigen Arbeitszeit als Assistenzärztin wurde die Powerfrau dreimal schwanger und schmiss dann auch ihre Ausbildung zur Fachärztin, um mit ihrem karriereorientierten Ehemann nach Kalifornien zu ziehen.

Ursula von der Leyen war nie eine Powerfrau, die Karriere und Kinder unter einen Hut brachte, sondern eine typische Vertreterin konservativer Familienbilder, die sich nur allzu gerne hinter ihrem erfolgreichen Vater und ihrem Mann versteckte. Ihr kometenhafter Aufstieg begann vor zehn Jahren, als der nunmehr siebenfachen Mutter die Decke des Familienanwesens auf den Kopf fiel und es sie in Vaters Fußstapfen in die Politik zog. Dank der Netzwerke ihres Vaters konnte sie trotz ihrer Unerfahrenheit nicht nur ein sicheres Direktmandat für den niedersächsischen Landtag erringen, sondern wurde auch gleich vom Familienfreund Christian Wulff zur Familienministerin ernannt – ein genialer PR-Coup, konnte die blonde, adrette Siebenfachmutter mit der züchtigen Haartracht doch als Sinnbild erfolgreicher konservativer Ideale verkauft werden. Doch nun ging es erst richtig los – ein Jahr später wurde die „Powerfrau“ ins CDU-Präsidium gewählt und zwei Jahre später beglückte sie die Republik bereits als Bundesfamilienministerin im Kabinett von Angela Merkel.

Dort machte sie in den klassischen Medien weniger durch ihre – bei näherer Betrachtung kaum vorhandene – politische Arbeit, sondern vor allem durch ihre „soft skills“ Schlagzeilen. Ursula von der Leyen gelang das Kunststück, sich als siebenfache Mutter, die Familie und Karriere unter einen Hut bringt, als eine Art Jeanne d’Arc der Gleichstellung, zu inszenieren. Die Frage, ob es wirklich ein Kunststück ist, Familie und Job miteinander zu vereinbaren, wenn man ein ganzes Heer an Hausangestellten hat, spielte in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle. Im Gegenteil – allen Frauen, denen dieses Kunststück mit weitaus bescheideneren materiellen Mitteln nicht gelingen will, konnte nun durch die „Powermutti“ von der Leyen bewiesen werden, dass der Fehler an ihnen selbst und nicht an der Gesellschaft liegt. Ursula von der Leyen hat der Gleichstellung damit eher einen Bärendienst erwiesen.

Hofberichterstattung trotz politischen Versagens

Eigentlich ist das Familienministerium eine sichere Bank. Kindern die Köpfe tätscheln, sich für die Senioren und die Frauen einzusetzen, ist eine dankbare Aufgabe, bei der man nur selten politischen Gegenwind verspürt. Nicht so Ursula von der Leyen – sie überspannte den Bogen, in dem sie sich ohne Not in eine Kampagne zur Einführung von Internetsperren einspannen ließ. Seitdem ist „Zensursula“ für eine ganze Generation von internetaffinen Bürgern für immer verbrannt. Und auch in ihrer Zeit als Arbeitsministerin machte von der Leyen keinen ordentlichen Job. Der „eiskalte Engel der Erwerbslosen“ setzte sich vor allem dadurch in Szene, harte Maßnahmen gegen materiell weniger Begüterte mit einem zuckersüßen Lächeln zu verkaufen und sich selbst als Anwältin der „armen Kinder“ in Szene zu setzen.

Dies alles tat ihrer Popularität keinen Abbruch – im Gegenteil. Sie ist vor allem bei der Yellow Press, die sich insgeheim immer noch den Kaiser zurückwünscht, außerordentlich beliebt. Wer die Namen der schwedischen Königskinder auswendig kennt, liebt auch die edle Übermutter mit dem charmanten Lächeln und dem Adelsprädikat. Und auch die sogenannten Qualitätszeitungen fassen Ursula von der Leyen nur mit dem Glacéhandschuh an. In diesem Punkt wäre Ursula von der Leyen in der Tat eine „würdige“ Nachfolgerin von Angela Merkel. In puncto Hofberichterstattung nehmen sich „Mutti“ und „Powerfrau“ nämlich nichts. Es scheint vielmehr so, als löse bereits das Gesicht dieser beiden Damen bei den Leitartiklern eine fortgeschrittene Beißhemmung aus. Sobald sich der Nebel der Hofberichterstattung legt, steht Ursula von der Leyen aber da, wie der Kaiser, der in Andersens Märchen neue Kleider bekommt. Es fehlt nur noch ein Kind, das diese simple Wahrheit ausspricht.

Ehrgeizig bis zum Fanatismus

Wer an von der Leyen positive Eigenschaften sucht, wird nicht so leicht fündig. Die öffentliche Meinung besagt angeblich, dass sie sympathisch sei und in Talkshows ein gutes Bild abgebe. Hier scheint meines Erachtens jedoch ein Wahrnehmungsparadoxon vorzuliegen. So viel Mühe ich mir auch gebe, ich schaffe es nicht in der pikierten Arroganz, die oft die Grenzen zur schrillen Hysterie überschreitet, irgendetwas „sympathisches“ zu erkennen. Aber vielleicht liege ich ja auch daneben. Wenn ich einen weißen Schimmel sehe und alle meine Mitmenschen sagen wir, es sei ein schwarzer Schimmel, so bin ich vielleicht doch derjenige, der daneben liegt. Millionen Fliegen können sich nicht irren.

Freund und Feind von der Leyens sind sich jedoch einig, dass man ihr einen großen Ehrgeiz zuschreiben kann. Manchmal überschreitet dieser Ehrgeiz dabei die Grenze zum Fanatismus. Es ist daher durchaus glaubwürdig, dass der Wunsch, das Verteidigungsministerium zu übernehmen, tatsächlich von ihr selbst kam. In von der Leyens Karriereplänen gibt es nach oben keine Grenzen. In ihrem Selbstverständnis ist sie die klare Thronfolgerin Angela Merkels – nun muss sie nur noch den Rest der Partei davon überzeugen. Und womit gelänge dies besser, als mit einer „Glanzarbeit“ in der letzten Bastion der „Altherrenrepublik“, dem Verteidigungsministerium?

Karriereknickpunkt Hardthöhe/Bendlerblock

Nahezu alle Leitartikler sind der festen Überzeugung, dass das Verteidigungsministerium wie kein anderes dazu geeignet ist, sich für höhere Karriereziele zu qualifizieren. Offenbar stammt diese Einschätzung von einigen älteren Vertretern der Branche, die noch immer Helmut Schmidt vor Augen haben, der als schneidiger Chef der Bundeswehr sein Image festigen konnte. Diese Geschichte wurde offenbar von Journalistengeneration zu Journalistengeneration weitergereicht und gilt heute als unumstößliche Wahrheit. Die Realität sieht jedoch ein wenig anders aus.

Schmidts Nachfolger Georg Leber „musste“ 1978 wegen einer illegalen Abhöraktion des MAD zurücktreten. Sein Nachfolger Hans Apel geriet wegen des von ihm gestützten NATO-Doppelbeschlusses öffentlich in die Kritik, konnte sein Amt jedoch bis zur Wende behalten. Manfred Wörner wurde durch die Kießling-Affäre so schwer belastet, dass er nur noch in der NATO seine Karriere fortsetzen konnte. Nach einem kurzen Intermezzo von Rupert Scholz übernahm Gerhard Stoltenberg danach die Hardthöhe und „musste“ 1992 wegen umstrittener Waffenlieferungen in die Türkei seinen Hut nehmen. Ihm folgte Volker Rühe, dessen Engagement für „Out-of-Area-Einsätze“ ihn öffentlich in die Schusslinie brachte, so dass seine politische Karriere mit dem Regierungswechsel 1998 ihr Ende nahm. Rudolf Scharping wiederum verspielte seine Glaubwürdigkeit (und die der rot-grünen Koalition), als er die Bundeswehr mit offensichtlichen Lügen in ihren ersten Angriffskrieg im Kosovo schickte. Die „Swimming-Pool-Affäre“ mit der Gräfin Pilati („So was tut man nicht, während deutsche Soldaten im Felde sterben“) brach ihm dann das Genick. Einzig und allein sein Nachfolger Peter Struck schaffte es, seine Karriere im Verteidigungsministerium ohne ernste Blessuren zu beenden und danach als Fraktionsvorsitzender noch eine wichtige Rolle zu übernehmen. Franz Josef Jung hatte nicht so viel Fortune und wurde durch die Kunduzaffäre irreparabel geschädigt. Selbst Strahlemann Karl-Theodor von und zu Guttenberg verhob sich mit der Führung des Bundesverteidigungsministeriums. Letztlich sorgte jedoch seine plagiierte Dissertation dafür, dass er sein Amt nicht aus amtlichen, sondern aus privaten Gründen niederlegen musste. Das bittere Ende, das den meisten Verteidigungsministern vorherbestimmt scheint, konnte Guttenbergs Nachfolger de Maizière wohl nur dadurch abwenden, da er dank Merkels Gnaden nun im Innenministerium aus der Schusslinie genommen wird.

Die Königin des Neusprech als Kriegsministerin

Die nächste Legislaturperiode beinhaltet gleich mehrere Tretminen. Angefangen bei zahlreichen Planungspannen bei Rüstungsprojekten (Eurohawk, NH-90, A-400M, Eurofighter, F-125) birgt vor allem der Abzug der Bundeswahr aus Afghanistan zahlreiche Risiken. Dass Ursula von der Leyen hinter der lächelnden Fassade eine eiskalte Machtpolitikerin ist, steht hier nicht nur Debatte. Ob sie es jedoch schafft, Zinksärge mit einem Lächeln zu bagatellisieren, ist mehr als unwahrscheinlich.

Dies wird jedoch von der Leyens Rolle im Bendlerblock sein. Der Koalitionsvertrag weist gleich in mehreren Punkten eine Ausweitung der Militarisierung der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik auf. Deutschland will Kriege führen und damit international Anerkennung gewinnen – gleich einem Halbstarken, der meint, Anerkennung bei anderen Halbstarken nur durch Gewalt gegen Schwächere gewinnen zu können. Von der Leyen wird uns dann in Talkshows „sympathisch“ erklären, warum weltweit „unsere“ Handelswege mit Waffengewalt geschützt müssen und warum deutsche Soldaten an fernen Fronten ihr Leben lassen müssen, um vermeintliche Schurken zur Raison zu bringen. Es ist zu vermuten, dass dann auch ihre Fassade zu bröckeln anfängt und zumindest bei einigen Medien das Kind erwacht, das der Öffentlichkeit aufzeigt, dass die „Kaiserin“ in Wirklichkeit splitternackt ist. Der Bendlerblock droht damit, von der Leyens politisches Ende einzuläuten. Sehr zur Freude ihres wohl einzig ernstzunehmenden Konkurrenten auf die Merkel-Nachfolge im Jahre 2017 – Thomas de Maizière. Die „Beförderung“ in den Bendlerblock ist somit vielmehr vergleichbar mit dem Kuss der Patin.

Irrungen, Wirrungen, Gleichstellungsfragen

Bemerkenswert ist auch, dass die Personalie von der Leyen durch die Bank weg als Sieg der Gleichstellung gefeiert wird – gerade so, als sei es erstrebenswert, dass künftig eine Frau Soldaten und Soldatinnen befiehlt, zu töten und getötet zu werden. Ist es denn wirklich modern, wenn heute das Geschlecht eines der wichtigsten Kriterien bei der Besetzung hoher politischer Ämter ist? So etwas kann man auch als positive Diskriminierung bezeichnen. Man kann dies für modern halten. Man kann jedoch auch die Position vertreten, dass es anachronistisch anmutet, wenn das Geschlecht ein wichtiges Auswahlkriterium ist. Früher war es das männliche Geschlecht, heute ist es das weibliche Geschlecht, das karrierefördernd ist. Wirklich modern ist erst die Gesellschaft, in der Chromosomen bei der Karrierefrage keine Rolle mehr spielen.

Wer die Personalie von der Leyen auf die Geschlechterfrage reduziert, begeht jedoch einen entscheidenden Fehler, der vom Grundsätzlichen ablenkt. Die Personalie von der Leyen ist keine „Geschlechterfrage“, sondern vielmehr eine „Klassenfrage“. Ohne ihre Herkunft aus der Oberschicht wäre Frau von der Leyen heute mit Sicherheit keine Ministerin. Und ob ein Mann oder eine Frau als Vertreter der Oberschicht Männer und Frauen der unteren Schichten für die Interessen der Oberschicht in den Tod schickt, sollte eigentlich Grundlage einer weiterführenden Diskussion sein.

Seid bereit, seid bereit
Bald ist es wieder soweit
Für die das Vaterland zu schützen
Deren Väter das Land besitzen
Und noch manches andere mehr
Hannes Wader – Vaters Land

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