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Sotschi wird einmal mehr zur Anti-Russland-Kampagne genutzt

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Länderberichte, Medien und Medienanalyse

Wer als unbedarfter Leser an diesem Wochenende die Onlineausgaben der ZEIT, des SPIEGELS,des Hamburger Abendblatts oder vielen anderen Presseorganen gelesen hat, muss wohl oder übel zu dem Schluss kommen, dass sich am Rande des Fackellaufs im russischen Woronesch etwas Ungeheuerliches abspielt haben muss. Russische Sicherheitskräfte, so die Botschaft zwischen den Zeilen, sollen einen homosexuellen Demonstranten am Rande der Strecke „niedergerungen“ haben, nur weil dieser eine Regenbogenfahne bei sich trug. Das passt natürlich 100% ins Bild des „schwulenhassenden“ russischen Präsidenten Putin. Schaut man sich jedoch die Geschichte ein wenig näher an, wird klar, dass die deutschen Zeitungen einmal mehr die Wahrheit verdrehen, um Russland in einem möglichst düsteren Licht darzustellen. Von Jens Berger.

Laut dem Hamburger Abendblatt wurde am Samstag in Woronesch ein „schwuler Aktivist am Rande des olympischen Fackellaufs festgenommen […] weil er eine Regenbogenfahne zeigte“. Auch Zeit.de sieht dies so – dort heißt es, „er wurde festgenommen, weil er gegen Homophobie protestierte“. Ähnlich auch die Interpretation von SPIEGEL Online. Alle drei Artikel sind mit einem Photo von Andrej Nasonow bebildert, auf dem zu sehen ist, wie ein Sicherheitsmann einen Demonstranten mit Regenbogenfahne am Rande des Fackellaufs in der Nähe der Absperrung in den Schwitzkasten nimmt. So muss natürlich der Eindruck entstehen, als haben die Sicherheitskräfte sich einen Demonstranten aus dem Publikum am Rande der Strecke herausgepickt, um ihm die Fahne abzunehmen.



Nicht erwähnt wird, dass es sich beim Photographen Andrej Nasonow um einen Freund und Mitaktivisten des Demonstranten Pawel Lebedew handelt. Nicht erwähnt wird auch, dass das abgedruckte Photo nur Teil einer ganzen Serie ist, die Nasonow auch auf der Seite der Aktivisten im russischen sozialen Netzwerk vk.com veröffentlicht hat. Erst wenn man sich alle Bilder anschaut, erahnt man, was sich am Samstag in Woronesch abgespielt hat.

Lebedew ist offenbar über die Absperrung geklettert und hat versucht den Fackelzug mit seiner Fahne zu stören. Der Umstand, dass er sich dabei von einem Freund photographieren lies, lässt darauf schließen, dass diese Aktion vor allem dazu dienen sollte, Bilder zu produzieren, mit denen man auf seine Anliegen aufmerksam machen kann.

Daran ist nichts zu kritisieren. Homosexuelle werden in Russland unterdrückt und es ist ihr gutes Recht, öffentlich darauf aufmerksam zu machen und gegen die Missstände zu demonstrieren. Auf der anderen Seite kann man den russischen Sicherheitskräften jedoch auch keinen Vorwurf machen. Natürlich ist es ihre Aufgabe, Demonstranten, die über die Absperrung klettern und den Fackellauf stören, aufzuhalten. Dabei ist es jedoch vollkommen unerheblich, für oder gegen was diese Demonstranten kämpfen. Pawel Lebedew wurde von den Sicherheitskräften nicht abgeführt, weil er homosexuell ist oder eine Regenbogenfahne bei sich hatte, sondern weil er die Absperrungen übertreten hatte und den Fackellauf aktiv gestört hat.

In einer solchen Situation hätten die Sicherheitsbehörden in jedem Land der Welt vergleichbar gehandelt. Ganz konkret bietet sich hier ein Vergleich mit den Protesten während des Fackellaufs zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking an, die in den westlichen Metropolen Paris und London stattgefunden haben. In beiden Städten wurde der Fackellauf von Exil-Tibetern als Rahmen für ihre Proteste genutzt. Sowohl in Paris als auch in London gingen die Sicherheitskräfte mit aller gebotenen Härte gegen die Demonstranten vor – in London wurden dabei 37 Demonstranten niedergeknüppelt und anschließend in Polizeigewahrsam genommen.

Und wie lautet damals die Reaktion der westlichen Medien? Kam irgendein Journalist damals auf die Idee, dass britische Sicherheitskräfte Tibeter niederknüppeln, nur weil diese die tibetische Fahne schwingen? Im Gegenteil – stattdessen echauffierte sich die versammelte Medienwelt damals über ein gutes Dutzend chinesischer Sicherheitskräfte, die im Jogginganzug die Fahne begleiteten und deren einziges Vergehen es war, „irgendwie mysteriös“ auszusehen.

Siehe dazu: Jens Berger – Chinesische Kampfroboter

Da ein demonstrierender russischer Homosexueller, der offenbar polizeilich vollkommen korrekt behandelt wurde, natürlich keine Schlagzeile wert ist, manipulieren die deutschen Medien durch Weglassen von Informationen und selektive Bildauswahl die Story so lange, bis sie „sexy“ ist und sich in die allgegenwärtige Anti-Russland-Kampagne einfügt. Dies hat mit wahrheitsgetreuer Berichterstattung nichts mehr zu tun. Hierbei handelt es sich um Kampagnenjournalismus.

Zur antirussischen Medienkampagne siehe auch: Albrecht Müller – Aufbau einer neuen Konfrontation zwischen West und Ost. Oder: Der Rückfall in die Vierziger und Fünfzigerjahre

p.s.: Dass Sicherheitskräfte tatsächlich Grundrechte verletzen, um ihnen missliebige Protestbanner zu konfiszieren, kommt übrigens „in den besten Familien“ vor. 2005 brachen Polizisten in die Wohnung einer politisch engagierten Bürgerin ein, um ein harmloses Protestplakat zu entfernen – der Tatort war nicht Woronesch, sondern Mainz. Man stelle sich nur vor, wie groß die Aufregung wäre, wenn russische Polizisten in eine Wohnung eindringen würden, um eine Regenbogenfahne zu konfiszieren.

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