• Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

„Sarrazins Correctness“

Veröffentlicht in: Aktuelles, Interviews, Rechte Gefahr, Strategien der Meinungsmache

Am Montag dieser Woche erschien Thilo Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“ mit einer unglaublichen Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Für die Nachdenkseiten sprach Jens Wernicke mit dem Soziologen Andreas Kemper, der sich seit Langem kritisch mit Sarrazin und dessen Thesen auseinandersetzt. Seine Replik auf Sarrazins neues Buch wird ebenfalls in einigen Tagen im Buchhandel erhältlich sein.

Jens Wernicke: Thilo Sarrazins neues Buch trägt den Titel „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Zeitnah erscheint auch Ihre Replik, in der Sie sich mit Sarrazins Vorwurf der „Political Correctness“ beschäftigen. Worum dreht es sich dabei?

Andreas Kemper: „Political Correctness“ war ursprünglich eine ironisierende Kritik der antiautoritären Linken in den Vereinigten Staaten an dogmatischen Kommunisten, die sich zu sehr an der Parteilinie orientierten. In den so genannten „Culture Wars“ Anfang der 1990er Jahre zwischen erzkonservativen Standpunkten und liberal-emanzipatorischen Positionen – es ging um Fragen wie Abtreibung, Legalisierung von Drogen, Waffenbesitz, Privatisierungen, Verbot von diskriminierender Sprache („Hate Speech“) an Hochschulen, Affirmative Action etc. – wurde „Political Correctness“ (PC) schließlich umgedeutet und von den Konservativen ausgerechnet gegen die emanzipatorische Linke gewendet.

Quasi über Nacht wurde PC in der Bedeutung, dass sich konservative Amerikaner angeblich nicht mehr länger zu ihren wahren Werten bekennen dürften, eine Mega-Schlagwort. Wie absurd das Ganze war, zeigte sich exemplarisch an George Bush senior, der in einer Rede vor der Einschränkung der Redefreiheit durch „Political Correctness“ warnte, die von den Medien massiv verbreitet werde. Sein Vorwurf war vor über zwanzig Jahren schon genauso absurd wie der heutige von Sarrazin es ist. Dennoch bringt Sarrazin nun ein Buch in 100.000er-Auflage heraus, in dem er argumentiert, in Deutschland werde das Rederecht beschränkt.

Der Anti-PC-Diskurs selbst wurde allerdings bereits 1993 nach Deutschland importiert. Zuerst von Matthias Matussek, der vor kurzem in einer großen Tageszeitung mitteilte, er sei homophob und das sei auch gut so.

Jens Wernicke: Wie argumentiert Sarrazin? Es klingt ja nach: „Der Zwang zu Pluralismus und Liberalismus bedrohe die…“ – ja, was eigentlich?

Andreas Kemper: Sarrazin geht davon aus, dass seit den 1968ern die so genannte „Politische Klasse“ mit der „Medienklasse“ eine wechselseitige Verbindung eingegangen ist, die zu einer Meinungsenge und damit zu Denkverboten geführt habe.

Jens Wernicke: Also, dieses Denkmodell der Mainstream-Meinungsenge scheint dem meinem ehrlich gesagt gar nicht unähnlich zu sein…

Andreas Kemper: Das mag sein. Nur, dass Sie – davon gehe ich jedenfalls aus – nicht meinen, dass dies in Deutschland inzwischen zu seinem „Tugendterror“ geführt habe, der sich aus der „mentalen Verwüstung“ durch den Nationalsozialismus speise. Der Angriff, den Sarrazin hier vermeintlich im Namen der Freiheit führt, ist tatsächlich vielmehr ein Angriff auf bzw. gegen eben diese Freiheit… Er konstatiert sozusagen eine „linke“ Verschwörung unserer Eliten – in den heutigen Zeiten, wohl gemerkt!

Jens Wernicke: Inwiefern handelt es sich bei Sarrazins Argumentation um einen Angriff „auf die Freiheit“?

Andreas Kemper: Nun, gegen den Vorwurf der politischen Korrektheit ist zunächst einzuwenden, dass es Sarrazin selbstverständlich nicht darum geht, Korrektheit anzugreifen. Er selbst ist die Verkörperung von Korrektheit – solange es eben nicht etwa darum geht, mit marginalisierten Gruppen korrekt umzugehen.

Vielmehr geht es ihm mit seinem Vorwurf um das Politische, der so genannten „Politischen Korrektheit“. Sarrazin streitet nämlich für eine andere Korrektheit. Bereits in seinem Vorgängerbuch „Deutschland schafft sich ab“ hat er dementsprechend zwei „Korrekturen“ gefordert: Erstens die permanente Disziplinierung von Arbeitslosen, damit diesen die Sekundärtugenden, also Gehorsam, Fleiß und Pünktlichkeit eingebläut würden; und zweitens so genannte Bevölkerungskorrekturen, da – seiner Meinung nach – in Deutschland endlich wieder „die Richtigen“ die Kinder kriegen müssten, nämlich jene, deren Gene auch tüchtiges „Menschenmaterial“ versprächen. Das ist für ihn sozusagen das wirklich Korrekte, um dessen Durchsetzung willen er nun den politischen Wertekonsens unserer Gesellschaft als spießbürgerliche Meinungszensur zu verleumden versucht.

Sarrazin gehört dabei selbst zu jenen Menschen, die gerne Normen aufstellen, die dann für alle verbindlich sein sollen. Seine Normen gehen dabei jedoch von einer grundsätzlichen Ungleichheit der Menschen aus, die sich entlang von hierarchischen Differenzen abbilden: Weiße-Schwarze/ Männer-Frauen/ Mittelschicht-Unterschicht…

Vor einhundert Jahren gab es in Deutschland noch die so genannten „Korrektionsanstalten“, in denen die so genannten „Korrigenden“ und „Korrigendinnen“, also Landstreicher, Prostituierte, alleinerziehende Mütter, unangepasste Jugendliche, Sinti und Roma etc., „angepasst“, also korrigiert werden sollten. Als diese Korrektionsanstalten an ihre Grenzen stießen, weil sich die Menschen nicht beliebig korrigieren ließen, also aufgrund der, wie es dann hieß, so genannten „Bildungsunfähigkeit“ der „Korringenden“, wurde konsequenterweise die Rassenhygiene, die deutsche Version der Eugenik entwickelt. In eben dieser Tradition argumentiert nun Sarrazin. Seine Thesen haben diese Entwicklung jedoch in einer Art Schnelldurchgang durchlaufen: Von der Forderung nach Disziplinierung der Arbeitslosen hin zur Eugenik-Argumentation.

Der Begriff der „Bildungsunfähigkeit“ verbindet diese beiden Diskurse und in der Praxis soll die bürgerliche Heterofamilie zum Dreh- und Angelpunkt für sowohl Disziplinierung als auch für Bevölkerungspolitik gemacht werden. Hierzu hat Michel Foucault einiges geschrieben. Und auch Peter Brückner, der im Gegensatz zu Sarrazin jedoch tatsächlich einen Maulkorb erhielt. Zusammengefasst handelt es sich hier um den Versuch, mittels geschickter Subversion einen deutlich rechten Diskurs in der Mitte unserer Gesellschaft noch weiter salonfähig zu machen.

Jens Wernicke: Da gibt es doch auch eine Website „politically incorrect“, pi-news… Haben die etwas mit der Sache zu tun?

Andreas Kemper: Ja, pi-news nimmt bewusst Bezug auf „Political Correctness“ und wendet sich gegen ein vermeintliches „Gutmenschentum“, welches sich vor allem in einer zu großen Toleranz gegenüber dem Islam zeige. PI-Info wendet sich jedoch nicht nur gegen eine „Islamisierung“, sondern besetzt auch andere konservative Themen, wobei die Selbstkennzeichnung als „politisch inkorrekt“ eher verdeckt, dass es sich faktisch um eine enttabuisierte Hass-Seite handelt.

Zu meiner Person gab es dort 2013 beispielsweise drei Blogbeiträge, ´getagt` mit Stichworten wie Idiot, Lump etc., und jeweils 100-150 Kommentare, die ich hier lieber nicht zitieren möchte. In aller Deutlichkeit angefeindet wurde ich dabei aufgrund der Tatsache, dass ich mich kritisch mit der Partei AfD sowie mit dem „Antifeminismus“ auseinandersetzte. Allein deshalb war ich in den Augen der „Inkorrekten“ zum gefährlichen „politisch Korrekten“ avanciert.

Jens Wernicke: Sarrazins Argumentation ist also nicht nur aus anderen Ländern bereits bekannt – es gibt auch einen direkten Anschluss an deutsche Diskurse?

Andreas Kemper: Ja. In Deutschland verbindet sich dieser Anti-PC-Diskurs vor allem mit der Verharmlosung des Nationalsozialismus, in dem mit Ausdrücken wie „Auschwitz-Keule“ eine Thematisierung des Nationalsozialismus abgewehrt wird.

Der Ausdruck „Tugendterror“ stammt übrigens von Wilhelm Marr, der 1879 eine Antisemiten-Liga gründete und das theoretische Fundament für den Antisemitismus in Deutschland legte. Marr trat gleichzeitig für das Preußentum ein und zielte mit dem Begriff „Tugendterrorismus“ gegen die Jakobiner der Französischen Revolution. Um zu begreifen, warum die Jakobiner ihre Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution ausüben konnten, muss man allerdings wissen, dass die preußischen und österreichischen Armeen auf Paris zumarschierten, und die Stadt in Asche legen wollten, wenn das französische Volk sich nicht wieder dem ´Souverän` unterwerfen würde. Die preußischen Tugenden von Gehorsam und Disziplin, für die auch Sarrazin eintritt und steht, marschierten tatsächlich also gegen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Jens Wernicke: Wieso wird Sarrazin eigentlich überhaupt so breit rezipiert?

Andreas Kemper: Zum einen natürlich aufgrund der Unterstützung der Medien. Aber dann natürlich auch, weil er die Bedürfnisse des „verrohten Bürgertums“ (Heitmeyer) nach Legitimation seiner Privilegierungen bedient.

Wenn wir aber darüber reden wollen, warum sich der Anti-PC-Diskurs so gut hält, müssen wir weiter ausholen.

Da gibt es zum einen eine berechtigte Kritik. Eine berechtigte Kritik richtet sich gegen die Überbewertung von Sprache, vor allem dort, wo das „korrekte Sprechen“ zur Abwertung benutzt wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass beispielsweise die soziale Selektion im Bildungsbereich vor allem damit legitimiert wird, dass die sogenannten ´Unterschichten` angeblich nicht korrekt sprechen würden.

Ich möchte aber noch auf einen weiteren Aspekt legitimer Kritik, die Sarrazin sozusagen zu okkupieren versucht, eingehen. Der Begriff „Political Correctness“ entstand ja in der Linken gegen dogmatische Vorgaben einer politischen Linie, aber auch zum Beispiel gegen die Marginalisierung von politischen Fragen des Alltags, wie sie der Feminismus vor allem aufbrachte, was dann als „Nebenwiderspruch“ abgetan wurde – hier haben wir deutlich die „Political Correctness“ einer Parteilinie vor uns. Wenn sich Sarrazin, schon im Buchtitel, nun gegen den „Tugendterror“ echauffiert, so spielt er, wie erwähnt, auf die Französische Revolution an, auf die Jakobiner um Robespierre, der den Terror mit Tugend gleichsetzte. Nochmals: Erst der Druck von außen durch die preußisch-österreichischen Truppen erlaubte es dem Jakobinismus jedoch, zum mordendem Selbstläufer zu werden, erlaubte es weiter, Machiavelli zur einzigen Handlungsanleitung zu machen.

Diese Kritik am Machiavellismus, an der Verachtung des menschlichen Faktors, gehört tatsächlich auch in jede progressive Kritik. Wenn heute aber der „Tugendterror“ kritisiert wird, dann wird eben nicht der Terror des Machiavellismus kritisiert, den findet man ja sogar gut, sondern wird mit Machiavelli gegen das „Gutmenschentums“ geschimpft, man kritisiert also die Werte der französischen Revolution, weil die den preußischen Sekundärtugenden im Wege stehen.

Jens Wernicke: Ihre Kritik an Sarrazin und seinen Thesen noch einmal auf den Punkt gebracht lautet also…?

Andreas Kemper: Mit dem Vorwurf „Politische Korrektheit“ wird erstens mit der Vokabel „Korrektheit“ eine Spießbürgerlichkeit unterstellt – dies ist die unmittelbar rhetorische Funktion des Anti-PC-Diskurses.

Zweitens richtet sich der Vorwurf „Politische Korrektheit“ jedoch gar nicht gegen Korrektheit an sich, sondern gegen eine notwendige Politisierung. Dies wird besonders deutlich, wenn beispielsweise geschlechtergerechte Sprache als „orwellscher Neusprech“ bezeichnet wird, weil damit die vermeintlich „natürliche Sprache“ künstlich politisiert werde.

Hierzu sei nur am Rande angemerkt, dass Orwell mit seinem Roman „1984“ nicht etwa vor einer Politisierung der Sprache warnte, sondern davor, dass die Sprache in dem Sinne entpolitisiert werde, dass sie einer emanzipatorisch-egalitären Politik im Weg stünde.

Und drittens geht es hier schließlich um eine Biopolitisierung auf Grundlage der schmittschen Freund-Feind-Differenzierung („Kampf der Kulturen“, „innerstaatliche Feinderklärung“), also um die Frage, wie politisiert wird und damit wie Entscheidungsstrukturen gestaltet werden. Allerdings wird einer offenen Diskussion um diese Fragen mit dem politischen Schlagwort „Politische Korrektheit“ eben ausgewichen, da die biopolitische Korrektionspraxis als solche historisch diskreditiert ist.

Zusammengefasst geht es darum, Hochpolitisches, nämlich Rassismus, Biologismus etc., als etwas Unpolitisches zu verschlüsseln und den Kampf gegen emanzipatorische Werte als Kampf gegen spießbürgerlichen Tugendterror zu verkleiden.

Die Positionen des Interviewpartners geben nicht zwingend die Positionen der NachDenkSeiten-Redaktion wieder. Sehr wohl aber sollen sie eines: …zum Nachdenken anregen.


Andreas Kemper arbeitet als Doktorand der Universität Münster zum Thema Klassismus. Er publiziert zum organisierten Antifeminismus und zu Klassendiskriminierung. Weitere Informationen finden sich auf seiner Webseite.

Anmerkung: Offenbar plante die ARD und die Talkerin Sandra Maischberger Sarrazin eine Plattform zu bieten.
Offenbar soll das bei nächster Gelegenheit nachgeholt werden. Es ist ein Skandal, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen Sarrazin eine Werbeplattform bietet.

nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: