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Für Gott und Vaterland

Veröffentlicht in: Interviews, Kirchen, Militäreinsätze/Kriege

Während Aufständischen und Kämpfenden mit islamischer Religion gern ihr Fundamentalismus vorgehalten und ihr Gottesbezug als Zeichen zivilisatorischer Rückständigkeit vorgeworfen wird, verliert kaum jemand ein Wort darüber, dass auch „wir“, der Westen, unsere Kriege „im Auftrage Gottes“ zu führen behaupten. Übersehen, dass Bundespräsident Gauck „weniger im Namen einer philosophischen Überzeugung in der Tradition von Humanismus und Aufklärung als (vielmehr) im Namen einer politischen und, genauer betrachtet, religiösen Ideologie“ spricht und Kriege befürwortet. Und lassen den Staat jährlich 30 Millionen Euro für Militärpfarrer ausgeben, die „ihre“ Soldaten begleiten und beruhigen und somit das Militär stabilisieren und rechtfertigen. Jens Wernicke sprach hierzu mit Diakon Volker Marquart, der sich innerhalb der Kirche für die Abschaffung der Militärseelsorge engagiert.

Herr Marquart, Sie sind aktiv bei der “Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“ www.militaerseelsorge-abschaffen.de. Wie kommt es dazu – und woher rührt Ihr Engagement?

Ich kam über das Thema Rüstungsexporte zu diesem Thema. Mir ist aufgefallen, dass die Kirchengemeinden in Gegenden, in denen es große Rüstungsfirmen gibt, kaum etwas gegen diese Rüstungsfirmen sagen. In den Gottesdiensten und in der Gemeindearbeit umgeht man das Thema. Man will keine Mitglieder verprellen. Ein Vorgesetzter hat gesagt: „Herr Marquart, hören Sie auf, die Rüstungsfirmen am Bodensee zu kritisieren! Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.“ Dieses Schweigen der Kirche bedeutet faktisch eine Zusammenarbeit: Die Rüstungsarbeiter bezahlen Kirchensteuern, und als Gegenleistung bieten wir Seelsorge und erbauliche Unterhaltung in der Kirche – und schweigen über die Waffenproduktion.

Eines Tages ist mir zusätzlich etwas aufgefallen: Auch auf anderen Gebieten arbeitet die Kirche mit dem Militär zusammen. Es gibt in jedem Advent etwa 50 Militär-Advent-Konzerte in Kirchen in Deutschland. Und es gibt etwa 200 Militärpfarrer, die vom Militär bezahlt werden, Fahrzeuge der Bundeswehr benutzen und die bei Auslandseinsätzen militärische Kleidung tragen, die aber auch und vor allem immer gute „Gründe“ finden, warum man Krieg führen muss. In über 40 Ländern der Erde gibt es – mit kleineren Unterschieden im Detail – solche Militärpfarrer. Deshalb haben wir, haben also ich und Gleichgesinnte, im Sommer 2014 das „Weltweite ökumenische Netz zur Abschaffung der Militärseelsorge“ gegründet.

Für Sie als Diakon wäre es also „legitim“, Soldaten die Seelsorge zu verwehren? Wieso?

Nein, das ist ein Missverständnis. Wir lehnen nur die vom Militär organisierte und bezahlte Militärseelsorge ab. Seit 1956 fordern militärkritische Christen immer wieder eine Soldatenseelsorge, die von der Kirche organisiert und bezahlt wird. Dies war in den östlichen Landeskirchen bis in die 90er Jahre übliche Praxis. Der Militärseelsorge in ihrer jetzigen Form fehlt einfach die kritische Distanz zum Militär. Das sieht man auch daran, dass es in über 50 Jahren Bundeswehr kaum je einen Militärpfarrer gab, der die Soldaten an der Front zur Kriegsdienstverweigerung aufgefordert hat. Vielmehr trösten und bespaßen Militärpfarrer die Soldaten an der Front, kümmern sich um die Angehörigen zu Hause und sprechen, im schlimmsten Fall, am Grab schließlich salbungsvolle Worte. Auf diese Weise unterstützt die Militärseelsorge – wissentlich oder unwissentlich – Militär und Krieg.

Aber die Militärseelsorge hat weltweit doch eine lange Geschichte und Tradition?

Ja, leider hat sie das. Denn schon immer haben Geistliche den Kriegern des eigenen Volkes die Kraft Gottes und dessen Segen zugesprochen: Gott ist mit euch, er gibt euch Kraft, ihr kämpft für eine gerechte Sache usw.

Ungefähr seit der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert arbeitet die Kirche mit dem Militär zusammen, bis heute. Man übersieht hierbei leicht, dass in den ersten zwei bis drei Jahrhunderten der Kirche die Christen alles Militärische abgelehnt haben. Diese pazifistischen Wurzeln, diese 200 bis 300 Jahre Kirchengeschichte werden oft kleingeredet, übersehen, ignoriert. Und auch in den folgenden Jahrhunderten gab es immer wieder militärkritische Menschen. Martin von Tours hat den Kriegsdienst verweigert. Franz von Assisi hat alle Gewalt abgelehnt. Michael Sattler und viele Täufer waren gegen den Schwertdienst. Mennoniten und Quäker lehnten und lehnen Gewalt nach wie vor ab. Pfarrer Otto Umfrid, der von 1857 bis 1920 lebte, gründete in Württemberg etwa 15 Friedensgruppen. Die DDR-Friedenspfarrer trugen dazu bei, dass die Revolution 1989 gewaltlos blieb. Und auch in der Liturgie und in den Liedern der Kirche findet sich – wenn auch etwas versteckt – einiges, was an die gewaltfreien Wurzeln der Kirche erinnert.

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hat unlängst ja in aller Deutlichkeit den ebenfalls christlichen Bundespräsidenten Joachim Gauck wegen dessen Befürwortung des Krieges als legitimes Mittel der Politik attackiert und sich sogar für eine Abschaffung der Bundeswehr stark gemacht. Dafür ist sie von den Leitmedien massiv angegriffen worden. Was mich hier vor allem interessiert: Wie hält es Ihrer Auffassung nach die christliche Religion mit Krieg und Gewalt? Ich meine: Käßmann und Gauck, beide berufen sich ja jeweils auf die Bibel.

Die großen Kirchen fahren bisher zweigleisig. Man unterstützt Kriegsdienstverweigerer, aber auch Soldaten. Man predigt an Weihnachten den Frieden, aber man befürwortet gegen die „islamistischen Terror-Milizen“ den Einsatz des Militärs. Man hält „Friedensgebete“ ab, aber auch Militärkonzerte. Bundespräsident Gauck ist ein typischer Vertreter dieser traditionellen Zweigleisigkeit. Unserer Meinung nach ist es aber an der Zeit, diese Zweigleisigkeit endlich zu beenden. Es ist an der Zeit, auf nur noch eine Karte zu setzen: auf die Karte der gewaltfreien Methoden. Denn es ist längst belegt: Gewaltfreie Methoden sind weit effektiver, nachhaltiger und fordern weniger Opfer als militärische Methoden. Margot Käßmann hat die Zeichen der Zeit erkannt. Sie setzt sich dafür ein, dass die Kirche – im Sinne ihres Gründers – endlich ganz auf die Karte der Konfliktprävention und gewaltfreier Methoden setzt.

Da sind Sie in Ihrer Einschätzung ja recht nah an jener des aktuellen Papstes, der vor einiger Zeit bereits Krieg als „Wahnsinn“ klassifizierte, und später meinte, man solle sich nicht blenden lassen, bei vielen vermeintlich aus humanitären Gründen geführten Interventionen handele es sich de facto um Staatsterrorismus, ein Verbrechen also…

Ja, das stimmt. Und deshalb haben wir beim letzten Treffen unserer Initiative auch beschlossen, an Papst Franziskus einen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, er möge die Militärkonzerte in katholischen Kirchen beenden und die Soldatenseelsorge neu ordnen.

Ich hoffe, Papst Franziskus erkennt die Zeichen der Zeit: Die Kirche sollte die Konstantinische Gefangenschaft überwinden. Die großen Kirchen sollten sich wieder mehr an Jesus Christus orientieren. Die Kirche sollte wieder zu Armut und Gewaltfreiheit zurück finden.

Aber ich bin da guter Hoffnung, denn Papst Franziskus ist klug. Immerhin hat er bereits erkannt, was hinter dem populären Konzept „Schutzverantwortung“ wirklich steckt. Und eine aktuelle Studie von Obenland und Pingeot kommt zum selben Schluss: Starke Länder reden schnell von Völkermord, humanitären Katastrophen und Schutzverantwortung. Die Wahrheit ist jedoch: Man benötigt einen Grund, um in schwache Länder einmarschieren zu dürfen.

In dieser Einschätzung stimmen wir analytisch überein und es freut mich sehr, dass Sie sich aus diesen Erkenntnissen heraus für eine „friedliche“ Kirche engagieren. Gibt es denn etwas, wodurch man ihre Initiative inner- oder außerkirchlich zu unterstützen vermag? Und … welche Aktionen planen Sie denn für die nächste Zeit?

Es gibt viele Möglichkeiten, unsere Initiative zu unterstützen. Aktuell organisieren wir Mahnwachen vor einigen der 50 Kirchen, in denen Militär-Advent-Konzerte stattfinden. Da kann sich jeder mit oder ohne Protestschild dazu stellen. Auf dem Kirchentag in Stuttgart vom 3. bis 7. Juni 2015 können Sie uns an unserem Stand besuchen. Wenn Militärpfarrer im Fernsehen sprechen, können Sie kritische Briefe an die zuständigen Redaktionen schreiben. Falls Sie zu einem kirchlichen Gremium gehören, können Sie einen Beschluss herbeiführen, dass die betreffende Einrichtung die Abschaffung der Militärseelsorge fordert. Und ganz wichtig: Flyer, Websites und Infostände kosten insgesamt viel Geld. Über Ihre Spende würden wir uns daher sehr freuen…

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Volker Marquart, Jahrgang 1969, hat in Tübingen katholische Theologie studiert, ist verheiratet und arbeitet als Diakon am Bodensee. Er ist Mitglied des Internationalen Versöhnungsbundes.


Hinweise: Voraussichtlich im Mai 2015 erscheint das Buch „Militär & Musik – Denkschrift zur Abschaffung der Militärmusikkorps“ herausgegeben von Wolfram Beyer in der IDK-Schriftenreihe als 4. Band, E-Mail: [email protected], ISBN 978-3-9816536-2-5.


Weiterlesen:

Factsheet: Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge [PDF]

Artikel: Wir verleihen Pascal Kober das „Maschinengewehr in Gold“

Artikel: Militärdekan Wenzel freut sich. Endlich ein gerechter Krieg!


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