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Klinikkonzern Asklepios übernimmt Nobelhotel „Atlantic“ – ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter und der Patienten

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Gesundheitspolitik, Pflegeversicherung, Privatisierung öffentlicher Leistungen

Manchmal glaubt man selbst als hartgesottener Kommentator des täglichen Geschehens nicht, was da über den Ticker hereinkommt. Die Meldung, dass der Klinikkonzern Asklepios das noble und traditionsreiche Hamburger Atlantic-Hotel übernommen hat, gehört dazu. Während Asklepios-Besitzer Broermann öffentlichkeitswirksam über die Finanznot der Krankenhäuser lamentiert und seine Mitarbeiter an der Arbeitsverdichtung kaputt gehen, erwirtschaftet der Konzern offenbar so viel Geld, dass er gar nicht weiß, wohin damit. Und bevor man Negativzinsen zahlt, kauft man sich halt ein 5-Sterne-Hotel. Besonders pikant in diesem Zusammenhang ist, dass die Bundesregierung gerade eben an einer Krankenhausreform arbeitet, bei der Teile der Gehälter für Pflegekräfte vom Steuerzahler übernommen werden sollen. Auf dass die Broermänner dieser Welt noch mehr Nobelhotels kaufen können. Im Anhang finden Sie einen exklusiven Auszug aus dem Buch „Wem gehört Deutschland?“, in dem Asklepios-Besitzer Broermann portraitiert wird. Von Jens Berger

Die Ungeheuerlichkeit des Hotelkaufs durch Asklepios lässt sich erst dann in Gänze verstehen, wenn man folgende Meldungen in den Kontext setzt: Am 28. November war Asklepios-Besitzer Bernard große Broermann zu Gast bei der „ZEIT Konferenz“ zum Thema „Gesundheitsstandort Deutschland“. Die dazugehörige Pressemeldung sagt folgendes:

„Bei der ZEIT KONFERENZ Gesundheitsstandort Deutschland hat der Gründer und Gesellschafter der Asklepios Kliniken, Dr. Bernard gr. Broermann, auf die „gewaltige Arbeitsverdichtung“ in den deutschen Kliniken hingewiesen. Auf einen Krankenhausmitarbeiter kämen in Deutschland 20 Patienten, in der Schweiz seien es nur neun, so gr. Broermann bei der Veranstaltung der Wochenzeitung DIE ZEIT in Hamburg. Die Kostendämpfungspolitik hierzulande führe dazu, dass Deutschland viele Ärzte an die Schweiz, aber auch Großbritannien verliere. In diesen Ländern sei zudem die Vergütung der Mitarbeiter deutlich besser. […] Das Wissen, keine Steuergelder zu erhalten, übe einerseits einen großen Druck aus, andererseits mache Not erfinderisch.“

Arme Kliniken, reicher Konzern

Not mache erfinderisch? Erst einmal – von welcher „Not“ spricht Broermann eigentlich? Die Häuser des Asklepios-Konzerns sind unter dem Strich hoch profitabel. Dabei gelingt Asklepios jedoch ein Kunststück, das der Quadratur des Kreises gleicht – durch geschickte Buchungen und Bilanztricks schafft es der Konzern, dass die einzelnen Häuser allesamt ertragsschwach bis defizitär dastehen, während die Holding als außerordentlich ertragsstark gilt. Nicht die „Kostendämpfungspolitik“, sondern die Renditeinteressen von Broermann selbst, der Alleineigentümer des Asklepios-Konzerns ist, sind maßgeblich verantwortlich für die mit Krokodiltränen zynisch beweinte „Arbeitsverdichtung“. Oder leicht polemisch zugespitzt: Warum kann sich ein Konzern, dem es angeblich so schlecht geht, dass er seine Mitarbeiter bluten lassen „muss“, sich nebenbei ein Luxushotel leisten?

Der Hotelsammler

Dabei ist das Atlantic in Hamburg noch nicht einmal das einzige Luxushotel im Portfolio Broermanns. Auch das noble Kempinski Hotel Falkenstein und das Villa Rothschild Kempinski – beide in Broemanns Wohnort Königstein im Taunus – gehörten dem Asklepios-Besitzer, während das 5-Sterne-Hotel „St. Wolfgang“ im bayerischen Bad Griesbach sogar direkt in den Asklepios-Konzern eingegliedert ist. Da wissen die Mitarbeiter von Asklepios wenigstens, wofür sie die unzähligen Überstunden leisten und wofür sie sich physisch wie psychisch kaputtmachen lassen. Anstatt die Gewinne dazu zu nutzen, die Qualität der Krankenhäuser zu steigern, indem er dafür sorgt, dass zumindest im Ansatz genügend Personal vorhanden ist, kauft Bernard gr. Broermann sich lieber ein Luxushotel nach dem anderen. Das ist nicht nur eine schallende Ohrfeige für die Mitarbeiter, denen alles abverlangt wird, um die Kosten zu drücken, sondern auch für die Patienten der Asklepios-Krankenhäuser. Abenteuerlich liest sich in diesem Kontext die Begründung für das Investment in das Hotel Atlantic:

„Im Atlantic soll demnächst auch das im Falkenstein Grand Kempinski im Taunus erfolgreiche Modell zur Gewinnung von Auslandspatienten umgesetzt werden. Vorbild ist München, wo sich viele Patienten und ihre Angehörigen vor allem aus dem arabischen Raum lange einquartieren.“

Das liest sich gerade so, als ob es in Hamburg ansonsten keine Luxushotels gäbe und als ob die „Angehörigen aus dem arabischen Raum“ nicht im Atlantic nächtigen dürften, wenn das Hotel nicht Herrn Broermann gehören würde. Broermann und der Asklepios-Konzern beleidigen mit solchen Äußerungen den Intellekt ihrer Mitarbeiter. Dass das zum Springer-Konzern gehörende Hamburger Abendblatt diese Erklärung eben so wenig hinterfragt wie das zur SPIEGEL-Gruppe gehörende Manager Magazin ist symptomatisch für den Zustand der selbsternannten Qualitätsmedien. Wenigstens das Boulevardblatt Hamburger Morgenpost schafft es, einen halbwegs kritischen Artikel zum Thema zu verfassen.

Während die große Masse der Patienten in den Krankenhäusern des Asklepios-Konzerns zum Teil lebensgefährliche Risiken wegen der chronischen Personalknappheit hinnehmen muss, investiert der Konzern Millionenbeiträge dafür, dass die Angehörigen von reichen Patienten aus dem arabischen Raum in luxuriösen Ambiente nächtigen können. Bedarf es eigentlich noch einem Beispiel, um zu verstehen, wohin die Privatisierung unseres Gesundheitssystems führt?

Millionensubventionen für Ausbeuter?

Für die Bundesregierung stellt sich das Problem erwartungsgemäß ganz anders dar und in Berlin plant man bereits das nächste Millionengeschenk für die Broermänner der Republik. Wie das Ärzteblatt am letzten Wochenende meldete, arbeitet die Bundesregierung mit Hochdruck an einer Krankenhausreform. Ein Eckpunkt dieser Reform soll dabei ein sogenanntes „Pflegeförderprogramm“ sein, bei dem 6.000 bis 7.000 Pflegekräfte in den nächsten drei Jahren mit 660 Millionen Euro aus Bundesmitteln finanziert werden sollen. Sie erinnern Sich? „Not macht erfinderisch“ – erst sorgen Konzerne wie Asklepios für eine nicht mehr hinzunehmende Arbeitsverdichtung beim Pflegepersonal und dann besitzen sie auch noch die Dreistigkeit, einen Teil der Personalkosten an den Steuerzahler auszulagern. Auf dass die Renditen weiterhin sprudeln und sich Herr Broermann noch viele weitere 5-Sterne-Hotels kaufen kann.

Zum Hintergrund und zur Person Bernard große Broermann hier ein exklusiver Auszug aus meinem Buch „Wem gehört Deutschland“, dass nun auch als Hörbuch (12,06 Euro im Download und 17,95 Euro als Audio-CD-Sammlung) verfügbar ist und – gestatten Sie mir den Wink mit dem Zaunpfahl – sich auch ganz hervorragend als Weihnachtsgeschenk eignet.


Die Heiler

Asklepios, so lautet der Name des griechischen Gottes der Heilkunst. Er wurde vom Göttervater Zeus mit einem Blitz erschlagen, da dieser befürchtete, dass dank Asklepios’ Heilkunst kein Mensch mehr sterben müsse. Asklepios ist aber auch der Name eines großen deutschen Klinikbetreibers, doch der macht weniger durch seine Heilkunst von sich reden. Das Geschäftsmodell des Klinikbetreibers ist es vielmehr, öffentliche Krankenhäuser zu Dumpingpreisen zu übernehmen und durch Sparmaßnahmen auf dem Rücken von Personal und Patienten rentabel zu machen. Hätte es der Asklepios-Gründer Bernd große Broermann (Vermögen 2,4 Milliarden Euro) also mit der griechischen Mythologie ernst genommen, hätte er dem Konzern den Namen Hermes geben müssen, des Gottes der Händler, der sich in einer Nebentätigkeit auch um die Diebe kümmert.

Broermann ist wohl das, was die Amerikaner ein »Wunderkind« nennen. Nach dem Abitur studierte der Sohn einer Bauernfamilie aus dem Oldenburger Münsterland zunächst Medizin und Chemie, da er »Medikamente entwickeln wollte, die die Ursachen und nicht nur die Symptome von Krankheiten bekämpfen«, wie er es Jahre später in einem Interview formulierte. Doch schon nach dem Vordiplom beziehungsweise Physikum sattelte der junge Student auf Jura und Betriebswirtschaft um. Er machte sein Diplom in BWL und erwarb in Jura sogar einen Doktortitel – was dem Wunderkind noch nicht genug war: Er ging nach Paris machte dort den MBA an der Elite-Managementschule INSEAD und setzte ein Jahr später einen weiteren MBAAbschluss an der US-Eliteuniversität Harvard drauf. Da ihn die Universitäten offenbar nicht voll auslasten konnten, baute er neben seinem Studium ein Vertriebsnetzwerk für Finanzprodukte auf, das er bei seinem Umzug in die USA gewinnbringend verkaufte. Als frisch gebackener Doppel-MBA ging Broermann als Wirtschaftsprüfer zu Ernst & Young. Bald bekam er, nun in der Beraterbranche selbstständig, von einem Mandanten den Auftrag, in den USA eine Klinikkette aufzubauen. Und da Broermann offenbar ein Händchen dafür hatte, Krankenhäuser auf Rendite zu trimmen, gab ihm die Bank of America eine hundertprozentige Fremdfinanzierung zum Aufbau einer eigenen Klinikkette in den USA. 1984 kehrte Broermann nach Deutschland zurück und gründete den Asklepios-Konzern, der heute 150 Kliniken betreibt mit etwa 25 600 Betten und 45 000 Mitarbeitern. Und all dies gehört Bernard große Broermann.

Wie hoch Broermanns heutiges Nettovermögen ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Greifbare Geschäftszahlen des Asklepios-Konzerns verlieren sich in einem feingliedrigen Netz aus kleinen, nicht publizitätspflichtigen Gesellschaften.

Das Geschäftsmodell von Asklepios ist denkbar einfach: Da viele Kommunen durch die Steuergesetzgebung des Bundes mittlerweile finanziell ausgeblutet sind, versuchen sie durch den Verkauf ihres Tafelsilbers ihr Budget ein wenig zu sanieren. Kommunale Krankenhäuser standen zumindest in der jüngeren Vergangenheit ganz oben auf den kommunalen Verkaufslisten. Doch bevor es zu einer Privatisierung kommt, schlägt erst einmal die Stunde der Berater: Professionelle, international bekannte und tätige Beraterfirmen testieren den Kommunen, dass ihr Tafelsilber in Wirklichkeit eine tickende Kostenbombe ist, die schnellstmöglich verkauft werden sollte. Wie es der Zufall will, tauchen dann am Horizont bereits die weißen Ritter in Gestalt von Asklepios, Helios oder Rhön-Kliniken auf und helfen den Gemeinden aus der Patsche – meist zu einem Preis, der weit unter den Vorstellungen der Kommunen liegt.

Private Krankenhäuser sind zweifelsohne renditestärker als kommunale oder kirchliche Häuser. Aber woran liegt das? Pro Pflegedienst- Vollkraft zahlen die privaten Träger ganze 10 Prozent weniger, der Personalschlüssel ist bei den Privaten geringer, und die Mitarbeiter profitieren nicht von der vorbildlichen, aber teuren betrieblichen Altersvorsorge kommunaler Träger. Dafür haben die privaten Klinikbetreiber höhere Zinskosten, die sich nicht zuletzt aus dem teilweise horrenden Fremdkapitalanteil ergeben. Krankenhauskonzerne wachsen nicht aus der eigenen Substanz heraus, sondern auf Pump – und die Zinsen wollen bedient werden.

Was die kommunalen Häuser an ihre Mitarbeiter auszahlen, zahlen die Privaten den kreditgebenden Banken und den Aktionären. Daher ist es auch nicht möglich, im Einzelfall zu entscheiden, ob ein kommunales oder ein privates Krankenhaus betriebswirtschaftlich besser arbeitet, zumal die privaten Klinikketten die Kostenfaktoren weitestgehend nach eigenem Gutdünken in ihrem Unternehmensnetzwerk verschieben können. So kommt es dann, dass die meisten Häuser für die Öffentlichkeit und die eigenen Mitarbeiter als defizitär dargestellt werden, die Gesamtbilanz aber stets erstaunlich positiv ausfällt. So rühmt sich Asklepios in Investorenprospekten seiner »im Vergleich zur Gesamtwirtschaft überdurchschnittlichen operativen Ertragskraft«, während den Mitarbeitern das Märchen von den ständigen Verlusten aufgetischt wird, mit denen weitere harte Sparmaßnahmen begründet werden. Anhand der verfügbaren Geschäftszahlen kann man jedoch davon ausgehen, dass die großen Klinikketten eine Eigenkapitalrendite von rund 15 Prozent und eine Umsatzrendite in gleicher Höhe erwirtschaften.

Diese Rendite wird – da kann es keinen Zweifel geben – auf dem Rücken der Mitarbeiter und auf dem Rücken der Patienten erwirtschaftet. Seit dem Beginn der großen Privatisierungswelle im Jahre 1995 wurden alleine in der Krankenpflege rund 50 000 Vollzeitstellen abgebaut. Heute versorgt eine Pflegekraft rund 25 Prozent mehr Fälle
als vor 15 Jahren. Alleine die jeden Monat geleisteten Überstunden entsprechen 15 000 Vollzeitstellen. Gespart wird vor allem bei den Gehältern im Pflegebereich: 20 Prozent aller vollzeitbeschäftigten Krankenpfleger beziehen ein Bruttoeinkommen von unter 1 500 Euro und weitere 20 Prozent zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Nur 13 Prozent beziehen mehr als 3.000 Euro brutto pro Monat. Sogar die Unternehmensberatung McKinsey, die ansonsten unverdächtig ist, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten, brandmarkt diese offensichtliche Diskrepanz:

»Wenngleich die Beschäftigten in deutschen Krankenhäusern sehr viel leisten, verdienen sie keinesfalls mehr als ihre Kollegen im Ausland. Im Gegenteil: Die höchste Produktivität geht einher mit dem niedrigsten Gehaltsniveau.«

Auch Bernard große Broermann wäre vermutlich nie so schnell zu seinem sagenhaften Vermögen gekommen, wenn er seine Mitarbeiter anständig bezahlt hätte und ihnen gute Arbeitsbedingungen gewährleisten würde. Den Vorwurf der Bereicherung auf Kosten seiner Mitarbeiter weist Broermann jedenfalls kategorisch von sich: Er habe noch nie auch nur einen einzigen Cent aus dem Unternehmen entnommen. Das ist schwer nachzuprüfen und eigentlich auch eher eine Nebelkerze, denn die Geschäftsstrategie von Asklepios heißt Wachstum. Und ob Asklepios nun Herrn Broermann eine Dividende auszahlt oder die Renditen in den Kauf neuer Kliniken investiert, die das Vermögen der Broermanns weiter wachsen lassen, ist ziemlich irrelevant. Die gesellschaftliche Bilanz von Broermanns unternehmerischen Tätigkeiten fällt indessen verheerend aus: Die Mitarbeiter der übernommenen Kliniken sind die Verlierer, die nicht nur schlechter bezahlt werden, sondern auch unter dem Stress und der Überbelastung physisch wie psychisch leiden. Die Patienten sind ebenfalls die Verlierer, da sie von Pflegekräften und Ärzten, die chronisch überarbeitet sind, nicht bestmöglich versorgt werden können. Die Kommunen sind ebenfalls die Verlierer, da sie sich ihr Tafelsilber unter Wert haben abnehmen lassen. Die einzigen Gewinner dieses Spiels sind Bernd große Broermann, der mittlerweile Milliardär ist und sich zwei Luxushotels im noblen Taunus angeschafft hat, und seine Geldgeber. Was hätte nur aus einem Mann wie Bernd große Broermann werden können, wenn er sein Talent nicht an die BWL und die Vermehrung des eigenen Vermögens verschwendet hätte?

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