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Der Markt kann alles besser? Der amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz, entzaubert die Marktapologeten.

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Der Markt kann alles besser? Der amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz, entzaubert die Marktapologeten.
Seit Jahren hören wir von unseren Wirtschaftssachverständigen oder von dem laut BILD “klügsten Wirtschaftsprofessor”, dem ifo-Chef Hans-Werner Sinn immer nur das gleiche Klagelied: Eine zu hohe Staatsquote und eine aufgeblähte Staatsbürokratie seien eine der Hauptursachen für die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. Überregulierung, Bürokratie, zu hohe Steuern fesselten die Marktkräfte. In der internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Debatte spielen zwar unsere Ökonomen seit Jahrzehnten keine Rolle mehr, aber deren Marktgläubigkeit wird in den deutschen Medien und von der deutschen Politik kritiklos nachgeplappert. Die Thesen vom “verloren gegangenen Gleichgewicht zwischen Markt und Staat” und die “Alternative zum Diktat des Marktes”, wie sie der amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph E. Stiglitz entwickelt, werden bei uns nicht zur Kenntnis genommen.

Stiglitz war nicht nur Professor an mehreren amerikanischen „Elite“- Universitäten, er war wichtigster Wirtschaftsberater des amerikanischen Präsidenten und Chefvolkswirt der Weltbank. Er blickt in seinem neuesten Buch „Die Roaring Nineties“(Siedler, 2004) selbstkritisch auf die Wirtschaftspolitik der neunziger Jahre zurück:

“Wenn ich heute zurückblicke, frage ich mich: Was haben wir falsch gemacht?” …
Das angemessene Gleichgewicht zwischen Staat und Markt geriet aus dem Blick.
Zwölf Jahre lang – während der Regierungszeit von Reagan und Bush senior – wurde die Wirtschaftspolitik in den USA von Ideologen der freien Marktwirtschaft geprägt, die den Privatsektor idealisieren und staatliche Programme und Regulierungen verteufelten. … Gleichzeitig war längst bekannt, dass Märkte nicht immer effizient funktionieren und manches, wie etwa Luftverschmutzung im Überschuss produzieren, anderes dagegen vernachlässigen, etwa Investitionen in Bildung, Gesundheit und Forschung. Auch regulieren sie sich nicht selbst … Eine der größten wirtschaftstheoretischen Leistungen des 20. Jahrhunderts (die wir Gerard Debreu und Kenneth Arrow verdanken) besteht darin, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen Smiths “unsichtbare Hand” funktioniert…. Meine Forschungen … haben gezeigt, dass die unsichtbare Hand womöglich deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. …
Das Theorem der unsichtbaren Hand bedeutet für Manager eine große Entlastung, behauptete es doch, dass sie dem Gemeinwohl nutzten, wenn sie für sich selbst gut sorgten. Habgier ist dann kein Grund mehr für ein schlechtes Gewissen, sondern für Stolz …
Staatliche Regulierung trägt oft in nicht unerheblichem Maße dazu bei, Märkte effizienter zu machen, indem sie beispielsweise den Spielraum für Interessenskonflikte begrenzt … Die wichtigste Lektion aus den letzten Jahren ist, dass wir ein Gleichgewicht zwischen staatlichen Eingriffen und Eigendynamik des Marktes brauchen. Aber die Welt muss diese Lektion immer wieder neu lernen. Immer wenn Länder das richtige Gleichgewicht fanden, erzielten sie hohe Wachstumsraten. … (S.34ff.)

“Unsere Finanzhelden beteiligten sich zusammen mit anderen an der Propagierung eines weiteren Mythos: Die wirtschaftlichen Probleme rührten von der aufgeblähten Staatsbürokratie her, die uns dazu zwinge, hohe Steuern zu zahlen, und unsere Produktiven Kräfte in Fesseln lege. Die Schlussfolgerung war klar: Bürokratie abbauen, Steuern senken, deregulieren. Die Deregulierung setzte nicht immer die Kräfte frei, die robustes langfristiges Wachstum erzeugen; vielmehr schuf sie oft neue Ursachen für Interessenkonflikte, neue Möglichkeiten, Märkt zu manipulieren. Wie bereits erwähnt, brachten es die Märkte fertig, Hunderte von Milliarden Dollar zu verschleudern. Viele der Führungskräfte, die diese Partys ausrichteten, rissen sich Abermilliarden Dollar unter den Nagel und ließen Aktionäre und Arbeitnehmer gleichermaßen im Stich. Die Steuerzahler müssten einen Teil der Zeche zahlen….”(S.264)

Der Mythos, dass Steuersenkungen zu einer starken Zunahme der Ersparnis und der Arbeitsproduktivität führen, erwies sich…als bemerkenswert zählebig. Reagan senkte die Steuern deutlich, aber weder Ersparnis noch die Arbeitsproduktivität nahmen zu, ja, das Produktivitätswachstum rührte sich kaum von der Stelle. Clinton hingegen erhöhte die Steuern für die Reichen, ohne dass dies spürbare negative Folgen gehabt hätte” (S. 265)…..

Man könnte die Zitate beliebig fortsetzen, das ganze Buch ist eine vernichtende Kritik, des auch bei uns vorherrschenden Wirtschaftskurses.
Natürlich können auch Nobelpreisträger irren, dass aber in Deutschland noch nicht einmal eine Debatte über die von Stiglitz vorgetragene Kritik stattfindet, ist Beleg genug dafür, wie borniert unsere Wissenschaft, unsere Medien und unsere Wirtschaftspolitik geworden sind.

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