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Gianis Weselsky? Ja geht´s noch?

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

SPIEGEL Online macht seinem Ruf mal wieder alle Ehre. In einem höhnischen Kommentar drischt der Leiter des SPON-Wirtschaftsressorts Sven Böll ordentlich auf die zwei Lieblingsfeinde der deutschen Medien ein – den Gewerkschaftschef Claus Weselsky und den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis; irrlichternde Wahnsinnige seien sie. Besonders dreist ist dabei, dass Böll die Positionen und Forderungen seiner beiden publizistischen Opfer hinterlistig als notwendigen demokratischen Widerstand gegen den politischen Stillstand in Deutschland preist und diesen Widerstand dabei sehr geschickt diskreditiert. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Man kann (und muss) Bölls Artikel auf zwei Ebenen lesen: Auf der ersten Ebene kritisiert er vordergründig die Diskussionskultur in Deutschland. Man könne eine „Auseinandersetzung“ auch hierzulande gut gebrauchen, die Debatte sei stattdessen aber geprägt von „Einheitsbrei-Statements“ und einem „Austausch von Sprechblasen“. Böll fordert ausdrücklich eine „Rebellion“, die zu einer „ernsthaften Debatte“ führen könnte, „an deren Ende ein alternativer Weg stehen könnte“.

Auf der zweiten Ebene spricht er Claus Weselsky und Yanis Varoufakis jedoch die Fähigkeit ab, eine ebensolche Debatte auszulösen. Der Eine (Weselsky) „legt [nämlich] schon wieder die Republik lahm“, der Andere (Varoufakis) „irrlichtert in der Eurokrise“. Die Gegner von Weselky und Varoufakis können, so Böll, „schon alleine aus Gründen der Selbstachtung“ deren Forderungen „gar nicht erfüllen“. Ihre Anliegen seien daher auch „unberechtigt“ und „zwangsläufig zurückgewiesen“ worden. Böll hat den Eindruck, Weselsky und Varoufakis seien „ideologisch verbohrte Anführer von irrlichternden Truppen, die sich auf Kosten anderer profilieren“.

Aus wessen Kosten profilieren sich die beiden ideologisch Verbohrten denn bitte schön, Herr Böll? Ist es denn nicht so, dass Claus Weselsky stets im Namen und Auftrag der großen Mehrheit der von ihm vertretenden Arbeitnehmer spricht und agiert? Hat nicht jede Urabstimmung zum Arbeitskampf seine Linie mit übergroßer Mehrheit gestützt?


Zum Thema: Jens Berger – Ich bin ein GDL-Versteher!


Und Yanis Varoufakis – vertritt der griechische Finanzminister etwa nicht die Position der Mehrheit der Griechen, die sich beim Urnengang für genau diese Politik entschieden haben? Demnach sind die Arbeitnehmer der Deutschen Bahn und die Griechen also „irrlichternde Truppen“? Das ist schon ziemlich dreist.

Eigentlich scheint es Böll jedoch vor allem zu stören, dass sowohl Weselsky als auch Varoufakis ausnahmsweise einmal nicht die Interessen der Arbeitgeber-/Kapitalseite vertreten, die bei SPON so beliebt ist. Klar, wer die Interessen der Arbeitnehmer oder des Volkes vertritt, kann nach SPON-Auslegung nur „unberechtigte“ Forderungen aufstellen, die dann auch „zwangsläufig“ zurückgewiesen werden müssen. Begründen muss man dies offenbar nicht. Es wäre ja auch noch schöner, wenn die Plebs was anzumelden hätte – vox populi, vox Rindvieh, wie der Lateiner zu sagen pflegt. SPON vertritt (nicht nur) hier eine elitäre, anti-demokratische, ja reaktionäre Linie, die voll im Geiste der Zeit liegt.

Geradezu grotesk ist in diesem Zusammenhang die erste Ebene von Bölls Traktat. Welche Debatte will er denn führen, wenn schon die kleinste Abweichung vom „Einheitsbrei“ mit derart harten Bandagen bekämpft wird? Wie soll eine „ernsthafte Debatte“ geführt werden, wenn sämtliche Interessen des Volkes und der Arbeitnehmer von vorn herein „unberechtigt“ sind? Und vor allem – welchen „alternativen Weg“ will Böll finden, wenn er jede Alternative als „ideologische Verbohrtheit“ und „Irrlichterei“ ohnehin ausschließt? Böll zementiert mit seinem Traktat genau den Einheitsbrei, den er zu bekämpfen vorgibt.

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