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9. Dezember 2016
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Herzlichen Glückwunsch Sepp!

Veröffentlicht in: Aktuelles, Erosion der Demokratie, Lobbyismus und politische Korruption

Die Kritik, die der Fifa und Sepp Blatter in den letzten Tagen aus den europäischen und amerikanischen Medien entgegenschlägt, ist zwar vollkommen berechtigt, jedoch auch an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Man tut gerade so, als habe ein böser alter Schweizer Mann unseren schönen und reinen Fußball korrumpiert und alles werde besser, wenn dieser leibgewordene Funktionärsteufel das Feld räumt. Nichts von dem wird passieren. Blatter wird heute zum fünften mal als Fifa-Präsident wiedergewählt und das ist auch folgerichtig. Denn Sepp Blatter ist nur das Symptom und nicht die Ursache für die sportpolitische Dauerkatastrophe im Weltfußball. Eine Polemik von Jens Berger

Zum Hintergrund: Schafft die Fifa ab! (1/3), (2/3) und (3/3).

Wer den Sumpf trockenlegen will, darf bekanntlich nicht die Frösche fragen. Wenn es um den Fifa-Sumpf geht, sind es jedoch die Frösche, die ganz demokratisch alle vier Jahre den obersten Hüter ihres Sumpfes wählen. Es ist an Naivität kaum zu übertreffen, wenn man nun glaubt, dass diese Frösche doch tatsächlich jemanden wählen könnten, der ihr Feuchtbiotop abschaffen will. Bei der Fifa ist Korruption keine ärgerliche Ausnahme. Die Fifa ist ein System, das auf Korruption erbaut wurde.

Wie sieht es denn aus, das vielzitierte „System Fifa“? Der Weltfußballverband besteht aus 209 nationalen Mitgliedsverbänden und diese 209 Verbände haben (one country, one vote) bei elementaren Entscheidungen und Wahlen alle genau eine Stimme. Die reichen und mächtigen Fußballverbände Deutschlands oder Englands haben bei den Wahlen zum Fifa-Präsidenten exakt die gleiche Stimme wie die Fußballverbände von Togo oder den Komoren. Das nennt sich Demokratie, nur dass die Demokratie in diesem Falle natürlich zu seltsamen Ergebnissen führt.

Lassen Sie mich für einen kurzen Moment einmal fürchterlich politisch unkorrekt sein: Es ist kein Geheimnis, dass vor allem in Afrika und der Karibik, aber auch in Asien, Ozeanien, Südamerika und sogar Teilen Europas Korruption zur politischen Tagesordnung zählt. Ein System, in dem die Fußballverbände dieser korrupten Staaten die Mehrheit stellen, neigt ganz automatisch dazu, selbst korrupt zu sein. Man hätte zwar Checks and Balances einführen können, bevor man die Entscheidungsmacht an das demokratische Kollektiv übergab. Doch das wurde – wohlweislich – versäumt und nun ist es zu spät.

Das „System Fifa“ funktioniert nämlich denkbar einfach: Weltweit interessieren sich die Menschen für Fußball. Internationale Turniere, die von der Fifa vergeben und vermarktet werden, sind alleine schon aufgrund der Fernseh- und Vermarktungsrechte ein Milliardengeschäft. Die Fifa sammelt diese Gelder und verteilt sie zu einem großen Teil unter ihren Mitgliedsverbänden. Ein gehöriger Teil dieser Gelder geht – und das klingt dann doch wieder fürchterlich politisch korrekt – in die sogenannte Fußball-Entwicklungshilfe. Das sind Projekte, mit denen eigentlich in den ärmeren Ländern Bolzplätze, Fußballschulen und Infrastrukturprojekte im Umfeld des Fußballs gebaut werden sollen. Und wieder Schluss mit der politischen Korrektheit: Was meinen Sie denn, was mit einer Millionen Dollar passiert, die man beispielsweise ohne besondere Kontrollsystem nach Togo überweist, um dort eine Fußballschule zu errichten?

Sepp Blatter hat – genau wie sein Vorgänger João Havelange – ein System perfektioniert, mit dem die Milliarden der Fernsehstationen und Sponsoren fein säuberlich an die Fifa-Delegierten in den kleineren, meist ärmeren Verbänden zur de facto freien Verfügung verteilt werden. Eine echte Kontrolle, was mit den Geldern passiert, gibt es natürlich nicht – der Sumpf und die Frösche, Sie erinnern sich. Auf der anderen Seite beweisen die begünstigten Delegierten dem System Fifa ihren Tribut, indem sie den Mann an der Spitze ihre Stimme geben.

Nun rollen wir das mal auf: Meinen Sie ernsthaft, ein Delegierter aus Togo wird ein Interesse daran haben, einen Mann an die Spitze der Fifa zu wählen, der ernsthaft für Transparenz eintritt? Der Wert darauf legt, dass die Gelder zweckgebunden eingesetzt werden und weder die nationalen Verbände noch Personen aus deren Umfeld sich einen Teil der Gelder abzwacken können? Aber nicht doch.

Und die Europäer? Sind es nicht vor allem die Deutschen und Engländer, die immer wieder scharf gegen Sepp Blatter und die Fifa schießen? Lassen Sie es mich hart sagen – die Europäer und allen voran die Deutschen und die Engländer sind Maulhelden, die immer genau das sagen, was ihre eigenen Medien und damit ihre eigene Bevölkerung hören will. Worte statt Taten. Wenn die reiche und mächtige UEFA dies wollte, könnte sie das System Fifa natürlich trockenlegen. Alleine die ernsthafte Drohung, künftig selbst die Fußball-WM zu veranstalten und zu vermarkten, würde der Fifa wohl den Todesstoß geben. Doch auch die UEFA ist keinesfalls so blütenrein, wie sich gerne gibt. Die Europäer gehen lediglich cleverer vor, haben einen höheren Preis und gehören ohnehin meist eher zu den Bestechern als zu den Bestochenen.

Wenn nun seitens der UEFA lautstark gegen die Vergabe der WM an Russland und Katar und das durch und durch korrupte WM-Vergabesystem gewettert wird, muss natürlich auch die Frage gestattet sein, wie die USA die WM 1994, Frankreich die WM 1998 und Deutschland die WM 2006 bekommen konnten. Die Korruptionsvorwürfe gegen die WM-Vergabe an Deutschland sind zumindest – wen wundert es – bis heute ist nicht geklärt. Sepp Blatter wurde 2006 übrigens mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Muss er das nun, wo er als Bösewicht gilt, eigentlich zurückgeben?

Und auch der Theaterdonner aus den USA ist verständlich aber auch verlogen. Offenbar haben die Amis, die größter Konkurrent Katars für die WM 2022 waren, nicht gut genug geschmiert. Es ist naiv und vollkommen abwegig, zu denken, dass nur „böse“ Staaten wie Russland oder Katar Delegierte schmieren. Was den Westen wohl am meisten ärgern wird, ist, dass er durch die von ihm selbst aufgestellten Anti-Korruptionsgesetze gegenüber offen korrupten Ländern wie Russland oder Katar im „System Fifa“ so langsam das Nachsehen hat.

Das System Fifa ist durch und durch korrupt. Es ist jedoch bei realistischer Betrachtung auch alternativlos, solange sich nicht grundsätzlich etwas an der Kommerzialisierung des Fußballs ändert. Die UEFA kann und will ganz offensichtlich keine offene Rebellion gegen dieses System tragen, würde sie sich doch dann selbst an den eigenen Maßstäben messen müssen. Und aus den anderen Verbänden gibt es noch nicht einmal ein Lippenbekenntnis, das sich etwas ändern müsste. Die Sponsoren tragen dieses System nach besten Kräften und selbst wenn ein oder zwei von ihnen aussteigen sollten, stehen die nächsten schon Schlange. Und der wohlhabende Fußballkonsument in den reichen Staaten, der den Zirkus ja schlussendlich indirekt über seine TV-Gebühren und Konsumausgaben finanziert? Der wird auch weiterhin für Rekordeinschaltquoten sorgen und dem Vermarktungszirkus durch seine Kaufentscheidungen das Geld zukommen lassen, mit dem das System Fifa seine eigenen Zahnräder schmiert.

Was würde denn passieren, wenn ARD und ZDF künftig keine Fußball-Weltmeisterschaften mehr übertragen, weil das System ja so fürchterlich korrupt ist und der Sepp an seinem Thron klebt? Dann würden RTL oder Sat 1 wohl vor Freude juchzen und die besten Einschaltquoten ihrer Geschichte bekommen. Kennen Sie eigentlich jemanden, der die WM in Brasilien boykottiert hat, weil die Fifa so korrupt ist? Und kennen Sie jemanden, der seine Visa-Karte zurückgegeben hat, weil das Kreditkartenunternehmen Hauptsponsor der Fifa ist? Halten Sie es für möglich, dass Fußballfans die Spiele der deutschen Nationalmannschaft kollektiv boykottieren, um den DFB zu zwingen, dieses System nicht mehr mitzutragen? Nein? Dann gewöhnen wir uns doch besser dran. So lange wir uns nicht selbst ändern, wird sich das System Fifa auch nicht ändern.

Und es ist für alle Beteiligten doch eigentlich gar nicht so schlimm, wenn es einen Blitzableiter wie Sepp Blatter gibt, der den gerechten Zorn der Saubermänner, Naivlinge und Mit-Profiteure am System Profifußball auf sich vereint. Gäbe es keinen Sepp Blatter müssten wir uns ja selbst den Spiegel vors Gesicht halten und uns selbst kritische Fragen stellen. Und wer will das schon? Wir sind doch eigentlich selbst Frösche. Nein, ich denke alle Beteiligten können eigentlich froh sein, dass es einen Sepp Blatter gibt. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Sepp!

p.s.: Mehr dazu in meinem neuen Buch „Die Foulspieler“, das im August erscheinen wird.

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