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Märchenhafte Aufregung über das gekaufte Sommermärchen

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Lobbyismus und politische Korruption, Medien und Medienanalyse

Die gesamte Presselandschaft war an diesem Wochenende in Aufregung. Der SPIEGEL will nämlich in seiner aktuellen Titelstory herausgefunden haben, dass Deutschland seine Sommermärchen-WM 2006 märchenhaft gekauft haben soll. Ist dies eine Sensation? Nein, eine Sensation wäre es, wenn herauskäme, dass ausgerechnet Deutschland „seine“ WM nicht gekauft haben sollte. Dennoch sind die SPIEGEL-Recherchen interessant und brisant, da sie neue Details zu den finanziellen Machenschaften des DFB aufdecken. Auch wenn die Schlussfolgerungen des SPIEGEL nicht sonderlich überzeugend sind, stellen sich durch die Recherchen neue Fragen, die eigentlich nur eine denkbare Schlussfolgerung gestatten – die aktuelle DFB-Führung muss geschlossen zurücktreten. Von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Mehr zur Korruption im Fußball, zu den gekauften Weltmeisterschaften und der Kommerzialisierung des Fußballs finden Sie in meinem jüngsten Buch „Der Kick des Geldes oder wie unser Fußball verkauft wird“.

Um was geht es da eigentlich?

Als Deutschland im Jahre 2000 die Austragungsrechte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 vom Fifa-Exekutivkomitee zugesprochen bekam, war die Entscheidung denkbar knapp. Nachdem die Bewerber Marokko und England in den ersten Abstimmungsrunden ausgeschieden sind, standen in der letzten Runde Deutschland und Südafrika zur Wahl. Fest auf deutscher Seite standen dabei (mehr oder weniger) lediglich die acht Delegierten des europäischen Fußballverbandes UEFA, während die sechs Delegierten der amerikanischen Verbände, die vier Afrikaner und Fifa-Präsident Blatter klar auf Seiten Südafrikas standen. Getreu der Fifa-Abstimmungsregeln, nachdem bei einem Patt die Stimme des Präsidenten doppelt zählt, brauchte Südafrika also nur noch eine „Wackelstimme“. Als potentielle Kandidaten dafür galten die vier asiatischen Delegierten und der Neuseeländer Charlie Dempsey, der den ozeanischen Verband repräsentierte. Das Ergebnis ist bekannt: Alle vier Asiaten stimmten für Deutschland und Dempsey, der eigentlich eine Weisung hatte, für Südafrika zu stimmen, verließ aus vollkommen ungeklärten Gründen vor der letzten Abstimmungsrunde Zürich und wart nie wieder bei der Fifa gesehen. Später sprach er von einem „nicht auszuhaltenden Druck“, der auf ihn ausgeübt wurde und von Morddrohungen, was er jedoch später widerrief. Deutschland bekam die WM und Dempsey nahm sein Geheimnis 2008 mit ins Grab. So weit die weitestgehend bekannte Vorgeschichte zum „Sommermärchen“.

Was hat der SPIEGEL konkret herausgefunden?

Anders als die mediale Berichterstattung suggeriert, haben die jüngsten Rechercheergebnisse des SPIEGEL nur am Rand direkt etwas mit der WM-Vergabe im Jahre 2000 zu tun. Nach Angaben des SPIEGEL soll der umtriebige französische Sport-Unternehmer Robert Louis-Dreyfus, der von 1994 bis 2001 auch CEO des Adidas-Konzerns war, dem deutschen „WM-Organisationskomitee“ 6,3 Millionen Euro geliehen haben. Warum und wofür? Dazu hat offenbar auch der SPIEGEL auch keine Informationen. Man weiß beim SPIEGEL jedoch, dass das Geld als schwarze Kasse diente und Franz Beckenbauer den Schuldschein unterschrieben haben soll. Nun ja, davon kann man halten, was man will. Aus diesen vagen Indizien eine derartige Titelstory zu basteln, ist zumindest mutig und dürfte den SPIEGEL angesichts der angekündigten rechtlichen Offensive des DFB wohl noch recht teuer zu stehen kommen.

Aber davon ab. Interessant wird die Sache dadurch, dass rund fünf Jahre später der DFB exakt diese Summe in einem höchst dubiosen Verfahren an die FIFA überweisen haben soll. Offiziell wurde diese Summe vom DFB als deutscher Beitrag zum Fifa-Kulturprogramm deklariert. Dieses Kulturprogramm existierte jedoch nur auf dem Papier und wurde im Januar 2006 offiziell aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Nun zahlte die Fifa den deutschen Beitrag zum abgesagten Kulturprogramm aber nicht, wie man es eigentlich annehmen sollte, an den DFB zurück, sondern – so der SPIEGEL – an Robert Louis-Dreyfus. Der Kreis schließt sich. Dreyfus bekam sein Privatdarlehen zurückgezahlt, der DFB übernahm damit vollumfänglich die Kosten, die FIFA half – wenn die SPIEGEL-Vorwürfe zutreffen – bei der Geldwäsche … nur wer oder was wurde mit dem Geld bezahlt? Dazu hat der SPIEGEL auch keine Antwort. Stattdessen beruft man sich auf ein angebliches Zitat von Günther Netzer, der gesagt haben soll „Damit haben wir die vier Asiaten bezahlt“. Netzer bestreitet diese Aussage kategorisch.

Zweifel an der SPIEGEL-Interpretation

Auch wenn direkte Schmiergeldzahlungen an Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees durchaus gang und gäbe sind, gibt es in diesem konkreten Fall auch abseits der fragwürdigen Beweisführung ernsthafte Zweifel an der SPIEGEL-Geschichte. Wer waren denn die „vier Asiaten“?

  1. Chung Mong-Joon, Südkorea

    Chung ist Sohn des Hyundai-Gründers Chung Ju-yung, Milliardär und einflussreicher Politiker der in Südkorea regierenden „Neue Welt Partei“. 2002 trat er sogar erfolglos bei den Präsidentschaftswahlen an. Im August dieses Jahres verkündete Chung seine Kandidatur für die Blatter-Nachfolge. Daraus wird jedoch nichts. Kurz nach seiner Ankündigung kam – was für eine Überraschung – heraus, dass Chung seinem Land die WM 2022 kaufen wollte. Er versprach dem Fifa-Exekutivkomitee die Einrichtung eines „Entwicklungsfonds“ in Höhe von 777 Millionen Dollar – also eine gigantische Schwarze Kasse zur Verteilung von Schmiergeldern. Von der FIFA ist Chung nun aktuell für sechs Jahre gesperrt. Chung ist korrupt. Er ist jedoch zweifelsohne kein Schmiergeldempfänger, sondern ein Schmiergeldverteiler. Unvorstellbar, dass Milliardär Chung sich für „lumpige“ 1,5 Millionen Euro vom DFB kaufen lässt. Warum hat Chung dann für Deutschland gestimmt? Ein Grund könnte sein, dass sich der DFB-Sponsor Daimler wenige Wochen vor der WM-Vergabe an Chungs Hyundai-Konzern beteiligte. Die Einzelheiten dieses Deals sind bis heute unbekannt. Vier Jahre später trennte sich Daimler wieder von Hyundai. Für die Familie Chung war dies sicher nicht das schlechteste Geschäft ihres Lebens.

  2. Abdullah Al-Dabal, Saudi-Arabien

    Der 2007 verstorbene Al-Dabal war Mitglied des saudischen Königshauses und Multimillionär. Auch Al-Dabal gehört nicht zu den Delegierten, die sich für überschaubare Summen kaufen lassen, sondern eher zu der Gattung Funktionär, die sich mit einer prallen Kriegskasse selbst Stimmen kauft. Warum hat Al-Dabal für Deutschland gestimmt? Es könnte daran liegen, dass der Sicherheitsrat der Bundesregierung unter Führung von Gerhard Schröder exakt eine Woche vor der WM-Vergabe ohne Angabe näherer Gründe kurzeitig das Waffenembargo gegen Saudi-Arabien aufgehoben hat, um dem Königreich den Kauf von 1.200 deutschen Panzerfäusten zu ermöglichen. Natürlich lässt sich auch eine Stimme aus dem saudischen Königshaus kaufen – aber nicht mit Geld, sondern mit Politik.

  3. Mohamad bin Hammam, Katar

    Bin Hammam ist ein steinreicher katarischer Unternehmer mit direktem Zugriff auf die Geldtöpfe des katarischen Königshauses. Er ist als Fußballfunktionär mit allen Wassern gewaschen und gilt als „König der Schmierer“, der unter anderem Sepp Blatter die nötigen Stimmen für dessen Präsidentschaft und die WM 2022 für sein Heimatland Katar kaufte. Als die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers 2012 die Verbandsgeschäfte Bin Hammams durchleuchteten, fanden sie gleich Belege für einen bunten Reigen an Straftaten, beginnend mit Geldwäsche, Bestechung und Steuerbetrug, bis hin zum Bruch verhängter Wirtschaftsembargos. Bin Hammam ist hoch korrupt. Es gibt tausende Hinweise dafür, dass Bin Hamamm andere Delegierte gekauft hat, aber – verständlicherweise – keinen einzigen Hinweis dafür, dass er sich selbst kaufen lässt. Dass Bin Hammam Deutschland seine Stimme nicht wegen des schönen Wetters und der Kuckucksuhren gegeben hat, dürfte klar sein. Dass man den Mann, der selbst hunderte Millionen Dollar Schmiergelder verteilt hat, mit einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag gekauft haben soll, ist jedoch eine naive Vorstellung. Wahrscheinlicher ist, dass ein Deal der ganz anderen Art geschlossen wurde. Chef des deutschen Organisationskomitees war damals Franz Beckenbauer; der Mann, der wenige Jahre später einigen Quellen zufolge – gegen die Anweisungen des DFB – seine Stimme im Fifa-Exekutivkomitee für die WM 2022 in Katar abgegeben haben soll. Eine Hand wäscht die andere? Politische Rückendeckung hatte Beckenbauer auch vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder. Was Schröder genau im Mai 1999 mit dem eigens dafür eingeflogenen katarischen Außenminister Scheich Hamad bin Jassem Al Thani besprach, ist unbekannt. Er muss jedoch mächtig Eindruck gemacht haben, setzte der katarische FIFA-Funktionär doch gleich noch seine asiatischen Verbandskollegen aus Südkorea, Thailand und Saudi-Arabien unter Druck, für Deutschland zu stimmen. Im Briefing vor dem Gespräch notierte das Kanzleramt laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung folgendes: „Emir ist fußballbegeistert; hat großen Einfluss auf die Stimmabgabe.“

  4. Worawi Makudi, Thailand

    Anders als seine drei asiatischen Kollegen gilt der Thailänder Makudi als Empfänger von Schmiergeldern. Die Liste der Korruptionsfälle, bei denen Makudi sich für seine Entscheidungen hat schmieren lassen, ist lang und äußerst phantasievoll. Im Zusammenhang mit der WM-Vergabe für Deutschland ist dabei unter anderem die Ausrichtung eines Freundschaftsspiels des FC Bayern München in Thailand zu nennen. Der deutsche TV-Rechte-Händler und Sponsor der deutschen WM-Kandidatur Leo Kirch soll dann Makudi die Übertragungsrechte für dieses Freundschaftsspiel zu einem maßlos überteuerten Preis abgekauft haben. Und wer hat dafür gesorgt, dass die Bayern überhaupt in Thailand spielen? Franz Beckenbauer, der damals nicht nur Chef des Bewerbungskomitees, sondern auch Präsident des FC Bayern München war. Natürlich kann es sein, dass zusätzlich auch Gelder aus der schwarzen Dreyfus-Kasse an Makudi gezahlt wurden … da er über andere Kanäle jedoch bereits ausreichend bestochen wurde, ist dies jedoch nicht zwangsläufig.

Die SPIEGEL-Interpretation, nach der die 6,3 Millionen Euro von Robert Louis-Dreyfus von den Deutschen dafür verwendet wurden, um die vier asiatischen Stimmen zu kaufen, ist also keinesfalls zwingend. Genau betrachtet ist es sogar eher unwahrscheinlich, dass es sich so abgespielt haben könnte. Aber wofür wurde das Geld dann verwendet? Dazu geben die jüngsten Recherchen des SPIEGEL keine Antwort. Denkbar ist da so ziemlich alles. Was steckte beispielsweise genau hinter der Flucht des Neuseeländers Dempsey? Wer hat mit was Druck auf ihn ausgeübt? Es ist auch nicht auszuschließen, dass die DFB-Funktionäre sich mit dem Geld des Adidas-Chefs ganz profan selbst bereichert haben. Bekannt ist, dass sowohl der DFB als auch der FC Bayern München in den Folgejahren Ausrüsterverträge mit Adidas abgeschlossen haben, obwohl der US-Konkurrent Nike ein wesentlich besseres Angebot abgegeben hatte. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch interessant, dass Bayern-Manager Uli Hoeneß das 20-Millionen-Mark-Privatdarlehen, das ihm später indirekt das Genick brechen sollte, von eben jenem Robert Louis-Dreyfus bekommen hat. In beiden Fällen ist das, was wir bislang wissen, sicher nur die Spitze des Eisbergs.

Niersbach und Co. müssen weg!

Auch wenn vollkommen offen ist, wofür die schmutzigen Fußballfunktionäre die schwarze Kasse des Robert Louis-Dreyfus verwendet haben, stellt die Rückzahlung des Darlehens bereits einen handfesten Skandal dar, der die DFB-Spitze unhaltbar macht. Wie kann es denn sein, dass der DFB 6,3 Millionen Euro für ein nie stattgefundenes Kulturprogramm zahlt und diesen Betrag dann ganz einfach vergisst? Es handelt sich hier ja nicht um 5,20 Euro, sondern um einen Betrag, der auch für den DFB eine durchaus relevante Größenordnung hat. Wie kann man ein Loch in dieser Größe in der Bilanz eines gemeinnützigen Vereins zehn Jahre lang übersehen? Was hat man den Kassenprüfern und Revisoren gesagt? Warum hat das Finanzamt den DFB nicht auf diese Lücke angesprochen? Ein Vorstand, der keine plausible Erklärung dafür hat, warum ein Millionenbetrag in der eigenen Kasse fehlt, ist untragbar.

Dabei spielt es auch gar keine Rolle, wofür der Dreyfus-Kredit genutzt wurde und man damit aktiv oder passiv Stimmen für die WM 2006 gekauft hat. Einzig und allein die Art und Weise der Rückzahlung des Kredits ist ein Armutszeugnis für den DFB, das zudem den Tatbestand der Untreue erfüllen könnte.

Auf jeden Fall bleibt es spannend. Nun muss der DFB ja irgendwie das Millionenloch in seiner Bilanz wieder schließen. Was soll man machen? Robert Louis-Dreyfus ist tot und die Fifa steht unter Daueraufsicht der Schweizer Behörden, die ganz sicher auch im aktuellen Fall aktiv werden und Fragen stellen. Damit steckt der DFB selbst bis zum Hals im Fifa-Korruptionssumpf. Was für eine Ironie der Geschichte! War es nicht der DFB, der noch vor wenigen Monaten laut getönt hat und die Fifa reformieren wollte?

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