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3. Dezember 2016
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Navid Kermanis Friedenspreisrede – dpa-Auszug ist ein Fall von Meinungsmache.

Veröffentlicht in: Aktuelles, Kirchen, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Die NachDenkSeiten-Leserin Elke Schenk bat um Korrektur bzw. Ergänzung eines Hinweises von heute. Hier Ihre Mail: „Unter Punkt 15 „Friedenspreis-Verleihung. Die Kermani-Rede im Wortlaut“ verlinken Sie auf den Hessischen Rundfunk.
Dort ist aber nur ein von der dpa erstelltes auszugsweises Transkript der Rede eingestellt. Die Beurteilung des Auszugs wird für mich zu einem Fall von Meinungsmache, wenn man die Auswahl der Redepassagen mit der gesamten Rede vergleicht und feststellt, welche Passagen weggelassen worden sind.“ Albrecht Müller

Es fehlt im Einzelnen:

  • die eindrückliche Schilderung, wieviel saudi-arabischer Wahabismus im IS lebt (95 % der IS-Schulbücher sind identisch mit denen Saudi-Arabiens; Saudi-Arabien hat die traditionellen Kultstätten in Mekka zerstört und durch öffentliche Toiletten und eine irrwitzige Shopping Mall ersetzt!) und wie sehr Saudi-Arabien für den Salafismus verantwortlich ist;
  • die Zerstörung des Sufismus, der islamischen Volksfrömmigkeit, seit dem 19. Jahrhundert in Saudi-Arabien usw.
  • Kermanis Ausführungen zur Orientalistik, zu Koran und Poesie, die nachdrücklich dazu geeignet sind, unser Bild vom rückständigen Islam und Orient zu korrigieren (Wer verbindet schon Kreativität, Freiheit, Toleranz, poetische Schönheit mit dem Koran?) (der dpa-Auszug greift die Schlussfolgerung Kermanis auf, ohne dass dies für den Leser nachvollziehbar wäre);

Stattdessen zeigt die Zusammenstellung eher solche Passagen, die

  • die Rolle Saudi-Arabiens für die Ausbreitung des Islamismus höchstens andeutet,
  • die Verantwortung des Westens für die Destabilisierung des Nahen Ostens incl. Syriens so gut wie vollständig ausblenden,
  • den Massenmord des Islamischen Staates und des Assad Regimes gleichsetzen.

Der dpa-Auszug – nicht die Rede – endet mit der Passage:

Der Krieg in Syrien und Irak „kann nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen. Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen. Wahrscheinlich werden wir Fehler machen, was immer wir jetzt noch tun. Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des „Islamischen Staates“ und den des Assad-Regimes.“

Die Passagen in Kermanis Rede, die unsere Einteilung in Gut und Böse, in Leitkultur und Rückständigkeit verstören könnte, wurden weggelassen. Ich meine, man kann die Zusammenstellung im Sinne von Rainer Mausfelds „Empörungsmanagement“ deuten.

Der vollständige Redetext ist abrufbar auf der Seite des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.

Persönliche Anmerkung zur Rede Kermanis:

Ich halte die Rede für einen ästhetischen Genuss und ich habe viel Neues erfahren. Das vollständige Ausblenden der Verantwortung der USA und ihrer EU-Vasallen für die von US-Seite planvolle Zerstörung des Nahen Ostens, das Fehlen einer differenzierteren Betrachtung des Regimes in Syrien und der Wurzeln des Bürgerkrieges, das Loblied auf die EU als „Modell“ oder gar „Utopie“, obwohl sie tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken ließ, militärisches Vorgehen gegen Flüchtlinge plant, Seit an Seit mit den USA militärisch interveniert(e), die kritiklose Übernahme der offiziellen Legitimationen für die „humnitären Interventionen“ … sind für mich völlig unverständlich und lassen mich ratlos zurück.

Viele Grüße
(und „oben bleiben“ – Ihre Stimme wird gebraucht)

Elke Schenk
globalcrisis/globalchange News
Vaihingen / Enz

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