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Das Wissen – oder werde du mal Lehrer!

Verantwortlich:

Die Gedanken einer bremischen Lehrerin.
Für alle, die jemals zur Schule gegangen sind oder deren Kinder zur Schule gehen.
Ein ergreifender Essay einer Lehrerin mit täglichem Kontakt mit der Wirklichkeit des Lernens oder Verweigerns.

Das eigentliche Eigentum des Volkes, das Wissen, wurde als Ressource zur Sicherung des Wohlstands für uns alle erkannt. Hochqualifizierte Spezialisten braucht das Land. Kinder statt Inder. Fast gleichzeitig stellte sich leider heraus, dass die Schüler heutzutage nicht in der Lage sind ordentlich zu schreiben und rechnen. Der Pisatest und die Beschwerden der Ausbilder dokumentieren das. Seitdem regiert Panik in der deutschen Schullandschaft.
In Bremen werden Reformen durchgepeitscht, weil, – jeder weiß es – wir eines der Schlusslichter im Pisatest waren. Selbst Jörg Pilava, den ich für einen anständigen Menschen halte, machte sich seinerseits lustig über die Qualität der bremischen Bildung.

Was tun wir?

Um diesem Ruf zu entkommen, müssen wir uns besonders anstrengen.

Die Bildungsoberen haben sich hier und dort etwas abgeschaut und das stülpen sie uns ruck zuck über. Der typische, populistische Schnellschuss.

Die Ganztagsschule als Heilmittel wurde ausgerufen, Fassaden wurden gestrichen, Mensas eingerichtet, neue Weisungen erlassen, viele neue unglaublich schicke Wörter eingeführt, die eigentlich nur beweisen sollen, dass wir ganz progressiv und streng wissenschaftlich an die Sache herangehen (wollen). Wir, die Lehrer, sollen es richten, aus Sprechblasen, den so genannten Standards, sollen wir schuleigene Curricula schaffen.

Außerdem Profile entwickeln, Schulentwicklung vorantreiben, uns selbst verwalten, Zweijahrespläne erstellen, 30 Stunden Fortbildung im Jahr nachweisen, Ausländer aus allen Herrenländern integrieren, bei der gleichzeitigen Streichung der Förderstunden für diese Kinder mit Migrationshintergrund, Elternarbeit und Stadtteilarbeit forcieren, Projekte organisieren, sich um Sponsoren bemühen, Qualitätsentwicklung und Qualitätskontrolle durchführen usw. Von der normalen Arbeit eines Lehrers habe ich bis jetzt nicht gesprochen.

Dabei haben wir immer weniger zu sagen. Die Entscheidungen werden bei der Behörde und der Schulleitung getroffen. Hierarchisierung und Selektion schreiten auch hier voran. Macht nichts, im neuen Vokabular heißt es trotzdem: Jede Lehrkraft ist jetzt auch Prozess- und Projektmanager.
Zur Mehrarbeit sind wir gezwungen, denn wir haben versagt.

Nicht das Kind ist monströs, sondern die Gesellschaft in das es hineinwächst

„Entweder man hat es, oder man hat es nicht“, Originalton Dieter Bohlen, Deutschland sucht den Superstar. Dieter darf ungestraft Leute beleidigen, die alles geben, weil es um ihre Hoffnungen geht. Die Sendung ist gegen die Würde gerichtet. Billige Unterhaltung auf Kosten von anderen, die nichts anderes wollen, als ein wenig von dem abkriegen, was uns täglich als das Erstrebenswerte vorgeführt wird. Unsere Schüler schauen sich diesen und anderen Mist an. Die Medien haben sich den niedrigsten Instinkten weitgehend angepasst und behaupten, wir würden es nicht anders wollen, wir gucken uns das ja schließlich an. Bombastische Ankündigungen und Geschrei in der Werbung, veröffentlichte Intimitäten überall, Pornos und Brutalospiele, Horror satt. Das haben wir offensichtlich gewollt. Ich nicht, du nicht, aber vielleicht kennst du jemanden.

Das sei keine Realität, sagen die Produzenten, die Kinder wüssten zu unterscheiden. Außerdem schau hin, was deine Kinder machen, du bist verantwortlich, Kindersicherung möge helfen. Die gesellschaftliche Realität kann man nicht aussperren oder Kindersicherung einbauen. Skandale und Horrornachrichten, zu Hause Hartz IV und keine Hoffnung auf Besserung, in schönem Gegensatz dazu Peter Hartz` Lustreisen, die Weltmacht USA, die den anderen die Demokratie beibringen will, erhebt sich über alle Konventionen, wenn es passt. Söhne und Töchter sprengen sich reihenweise in die Luft und reißen andere mit in den Tod, Soldaten werden in hoffnungslosen Kriegen verheizt. Wir, die Erwachsenen, genehmigen uns jede / ich nenne es jetzt Freiheit /, sei sie noch so schwachsinnig.

Manager verdienen Millionen, auch wenn sie eigentlich versagen im Managen dessen, was Tausende Menschen vor ihnen erarbeitet haben. Sie nehmen unser Wissen und geronnene Arbeit mit nach China, was an für sich nicht schlimm wäre, wenn hier die Arbeitsplätze erhalten blieben oder wenn es sich in den Preisen niederschlagen würde.

Versprechungen werden selten eingehalten, weder in der Politik noch zu Hause. Die Politiker lauter zahnlose Tiger, die den Anstand und auch die Macht verloren haben, etwas wirklich ändern zu wollen und zu können. Monopoly spielen die anderen. Sie belügen uns immer fort. Wenn es einmal nicht der Fall ist, wie Müntefering mit seinen Heuschrecken, dann freuen sich alle und merken auf. Die Kinder kriegen zwar nicht alles, aber genug mit, um zu begreifen, was Macht bedeutet und das Gefühl der Ohnmacht lernen sie gleich mit.
Jetzt kommt der entscheidende Dreh.

Jetzt kommen wir, die Pädagogen und Sozialarbeiter und sollen alles richten und die Kinder motivieren. Wir sollen eigentlich erzählen, dass sie mitentscheiden können, weil wir eine funktionierende Demokratie haben, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur wollen, und versuchen klarzumachen, dass die ein wenig entartete Welt der Erwachsenen zwar die ihre ist, aber dass man trotzdem anständig bleiben kann. Pädagogik – das Terrain des Eff/intens. Sprich eine Intention haben und Effekte erzwingen wollen. Nur es funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen.

Das Tabuthema

Die Kinder sind gleichgültig geworden, weil man zu ihnen gleichgültig war. Manche sind einfach traurig oder resigniert, weil man sie vielleicht nicht beachtet oder respektiert.

Oder sie sind brutal, weil…………man ihnen mit Liebe begegnete?
Das ist ein Tabuthema. Überall. Wer mag schon daran rütteln. Wir haben schließlich alle Eltern oder sind selber welche. Die bequemste Version ist: Es ist in den Genen, womöglich seitdem wir auf den Bäumen saßen. Darauf könnte sich der Nachwuchs auch berufen:

„Papa, das habe ich von dir geerbt.“ Nach dieser Theorie bliebe uns gar nichts anderes übrig, als es deterministisch zu sehen.

Allgemeiner Konsens: man kann sich gehen lassen. Wir lassen es geschehen. Die Kinder werden häufig als monströs angesehen, nicht die Gesellschaft, in die sie hineinwachsen. Man hat die Anlagen oder man hat sie nicht, wie Dieter behauptet. Ich und viele meiner Kollegen meinen, dass es die Einflüsse von außen sind, die uns entscheidend formen. Deshalb sind wir auch zu packen, weil wir wissen, dass die Kinder im Normalfall etwas annehmen können und das sogar dringend wünschen. Sie sind von sich aus lernbegierig, nur irgendetwas scheint sie daran zu hindern. Sicher haben wir auch einen Anteil daran, manchmal ziehen wir es uns so richtig rein.

Die letzte Arbeit ist so schlecht ausgefallen, liegt es vielleicht doch an mir? Habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht? Wieso wissen sie morgen so gut wie nichts von dem, was ich heute erklärt habe? Ist mein Unterricht uninteressant? Die Masse von gelangweilten Schülern oder Schulabbrechern bringt uns doch schon zum Nachdenken und lässt uns nicht gleichgültig.

Es gibt neue Erkenntnisse

Die Epigenetik, hat sich mit neuen Erkenntnissen zum Wort gemeldet.
Es hat sich alles verkompliziert; man fängt an den Menschen so zu sehen, wie er ist, nämlich abhängig von vielen Einflüssen. Das Unangenehme daran ist, dass das Individuum, also du und ich, die Verantwortung übernehmen müssen.

Für uns und für die, die nach uns kommen, weil sich die Gene innerhalb des Lebens verändern und diese veränderten Gene vererben wir an die nächste Generation. Außerdem behaupten sie, dass das abgeleckte Rattenbaby viel friedlicher ist als ein nicht abgelecktes. Wie hört sich das an? Gedacht haben wir es schon lange.

Offensichtlich brauchen die Wissenschaftler dazu Ratten, um es objektiv glaubhaft zu machen. Meiner Meinung nach fängt mit diesem Wissen der Spaß überhaupt erst an. Neurologie, Gehirnphysiologie und Epigenetik, das neue Wissen sollten wir uns aneignen und weitergeben an unsere Schüler.

Das hat was mit Gesundheit, Ethik, sich selbst verstehen lernen zu tun. Und auch mit Wundenlecken, mit dem Begreifen – ich bin ja gar nicht doof, ich bin entwicklungsfähig! Gerald Hüther, ein Neurophysiologe spricht vom circulus viciosus in den man hineingeraten kann durch zu viel Druck von außen oder Unmöglichkeitsforderungen durch die Erzieher, denen man nicht gerecht wird.

Dadurch entsteht Angst – man versagt. Daraus wiederum entsteht miese Selbstvorstellung, noch mehr Druck, noch mehr Angst etc. So produziert man Schulversager. Es kann aber auch genau umgekehrt sein. Ein Erfolgserlebnis evoziert das Nächste……….den positiven„ flow“, wie es Hüther nennt, erleben wir zum Glück auch. Dennoch es wird immer schwieriger, was auf uns zukommt.

Die Schüler widerstreben immer häufiger den an sie gestellten Herausforderungen. Einige Schüler können nicht in der fünften Klasse den einfachsten Knoten binden. Manche wissen nicht, wie kochendes Wasser aussieht.

In der siebten können sie nicht das Lineal ablesen. In der zehnten schreiben sie Maschine immer noch mit ie, und kämpfen mit dem Dreisatz wie seit Jahren. Außerdem hauen sie ohne Bedenken auf andere darauf. Hat es schon immer gegeben, sagen manche, aber damals hat es noch keiner mit dem Handy aufgenommen und verbreitet. Die Kinder sind zum großen Teil vernachlässigt, unterfordert oder überfordert. Das wissen wir, nur mag es keiner hören. Durch permanente Wiederholung wird es auch nicht besser.

Was machen die Verantwortlichen?

Dieser Misere will die Behörde mit einer Reform à la Finnland, wo ganz andere Rahmenbedingungen herrschen, begegnen. Es wird natürlich auch modifiziert, nur wie? Hie und da versucht sie halbherzig die tot gesagten Gesamtschulen zu beleben, schafft Ganztagsschulen, legt Real -und Hauptschüler zusammen zu Sekundarklassen, die Gymnasiasten sondert sie ab, erhöht unsere Pflichten, Anwesenheiten und Klassenfrequenzen, gibt uns Weisungen, siehe oben, streicht Kleingruppen in Chemie, Physik, den praktischen Fächern, streicht Stunden für Ausländerförderung, streicht überhaupt alles, was sich streichen lässt.

Ohne uns gefragt zu haben, was unsere Erfahrungen und Erkenntnisse sind. Zum Beispiel aus den vorherigen Reformen, die auch schon eine Besserung versprachen. Die Orientierungsstufe zum Beispiel, die vorgab die Chancengleichheit zu fördern, bis das ganze Konzept durch permanent steigende Schülerzahlen außer Kraft gesetzt, kaputt gespart wurde. Die damalige Orientierungsstufenreform hat wenigstens die Chancenungleichheit attestiert und anfangs versucht sie zu mindern.

Heute wird sie durch die Abtrennung vom Gymnasium gefördert. Exzellenz Initiative. Wo bleibt der Rest? Wer kann, schickt seine Kinder zum Gymnasium. Es wird zwar neuerdings an allen Schulen behördlicherseits evaluiert = bedeutet so viel, wie Wert überprüfen, aus dem Tal herausführen, schauen, ob am anderen Ende was rauskommt. Die Ergebnisse helfen aber nicht wirklich weiter.

Bürokratisch, statistisch und leblos. Wir sind doch diejenigen, die täglich Kontakt haben mit der Wirklichkeit des Lernens oder Verweigerns. Könnt ihr euch vorstellen, dass uns niemand fragt? Dafür haben wir die so genannten Evaluatoren. Zwei Menschen aus einem anderen Bundesland gucken sich so ein Betrieb mit tausend Schülern in drei Tagen an – inklusive aller Gespräche, Unterrichtsbesuche, Kaffeepausen, und erzählen uns von unserer Wirklichkeit.

Wenn wir Glück haben, waren es kluge Leute und es stimmt einigermaßen. Ab und zu gibt es Befragungen, die aber so formal und schlecht formuliert sind, dass sie niemand relevant beantworten kann. Wenn man uns fragen würde, ich spreche auch für meine Kollegen, die so ähnlich denken wie ich, dann würde die Behörde erfahren, dass den Kindern z.B. geholfen werde könnte, wenn das Lernen in kleinen Gruppen möglich wäre. Wir könnten auch sagen, dass das sinnliche Lernen wichtig ist, obwohl es jetzt nach dem Willen der Behörde quasi unter den Tisch fällt. Dass die Sekundarschule schon jetzt eine Verschlechterung gegenüber der Haupt – und Realschule darstellt oder dem integrierten Hausmodell, das unsere Schule eigens entwickelt hat. Die drei Schularten blieben erhalten, die Schüler wurden aber so oft es sinnvoll war, integriert unterrichtet. Das soziale Lernen wurde gleich Freihaus geliefert. Wir Kollegen haben unzählige Stunden freiwilliger Mehrarbeit geleistet für die Entwicklung des Modells, Weiterbildung und Teamarbeit und das Schöne war, es hat auch Früchte getragen. Unsere Schüler waren auch später in der Oberstufe erfolgreich, profitiert haben auch die Haupt – und Realschüler. Trotz alledem ein Wisch und Weg war das ganze Modell, auch wenn das die Eltern mitgetragen und gutgeheißen haben.

Es ist wahrscheinlich schon der bildungstechnische Ernstfall eingetreten, dass man meint, über alles hinwegbrettern zu müssen. Wir begreifen auch nicht, warum wir schulinterne Curricula entwickeln sollen, wenn es immer mehr zentral gestellte Aufgaben gibt, für die man dasselbe Wissen braucht wie in Bayern.

Kaum ist die letzte Reform in der Schule zwangsweise angekommen, schon droht die nächste. Eigenverantwortliche Schule. Das klingt toll! Was es nun in der Konsequenz heißt, kann noch keiner einschätzen, aber es kommt. Sicher ist nur, dass wir wieder neue Arbeit damit haben, denn es muss alles wieder neu entwickelt werden. Die Freiheit von der Behörde ist das sicher nicht, sie bleibt ja weisungsberechtigt.

Es gibt noch viel mehr, was wir der Behörde sagen könnten. Außerdem gibt es andere Experten, die die Behörde zu Rate ziehen könnte, wenn sie uns nicht ernst nimmt.
Man hat herausgefunden, dass die Reizflut am Nachmittag – Playstation, MTV etc verhindert, dass sich das neue Wissen überhaupt ins Gedächtnis einschleichen kann.

Sind alle – Eltern und Schüler und Pädagogen darüber informiert, damit sie sich eventuell auch dagegen entscheiden können? Dann sollten wir wissen, was Lernblockaden sind und wie man sie lösen kann. Und das Wichtigste – wie das Lernen funktioniert. Nebenbei könnten wir auch erfahren, dass die eigene Wahrhaftigkeit – uns selbst als aus Fehlern Lernende begreifen – auch den Schüler weiterhelfen würde. Das erfahren sie praktisch nie in der Erwachsenenwelt.

Wer lernt schon aus eigenen Fehlern? Und gibt es auch noch zu?! Methodenkompetenz, Medienkompetenz, schön, aber wie ist es mit der Kompetenz zu leben, zu lieben, Verantwortung erst einmal für sich selbst zu übernehmen, sich weiter zu entwickeln. Haben wir keine Zeit mehr dafür vor lauter Bildung?

Es ist so viel einfacher

Ich bin eine einfache Lehrerin, aber langsam muss ich mir doch Gedanken machen. Einerseits macht es wieder Arbeit, von der ich genug habe, anderseits denke ich, es ist an der Zeit und ein Muss, dass wir über echte Alternativen nachdenken und eine breit angelegte Offensive starten, bevor uns das Wasser von dem abgeschmolzenen Eis in die Wohnstuben steigt oder der ganze Laden um die Ohren fliegt. Amokläufer werden gemacht. Das sind eben Ausgestoßene, Versager, ungeliebte Kinder, misshandelte Kinder, aber keine determinierten Täter. Weil in jeder zwischenmenschlichen Begegnung eine Möglichkeit steckt, genau das zu verhindern.

Das wollen wir auch in der Schule versuchen. Wir sind definitiv kein autistisches Kollegium! Ich bin für eine pädagogische Diskussion, (sie findet bereits statt), ein Austausch abseits der Behörde, weil ich fürchte, dass das die Behörde nicht interessiert. Was sie interessiert, ist das formale Abfragen des Wissens – wir hangeln uns gemeinsam mit Schülern vom Test zum Test – zwecks Verbesserung des Rankings. Was haben wir schon alles geschrieben und an die Behörde geschickt! Ergebnislos!!

Früher schickten die Sultane Wesire, damit sie erfahren, was das Volk denkt. Die Evaluatoren sind es bestimmt nicht, die eine Stimmung wiedergeben können.

Ich denke immer, die arme Behörde – die süße kleine- weiß vielleicht gar nichts von der ganzen bunten Welt um sie herum und weiß vielleicht auch gar nicht, dass auch sie aus Fehlern lernen könnte. Wir müssen uns diese unanständige Frage stellen: „Wer evaluiert die Kompetenz und Effektivität unserer bremischen Behörde, oder Behörden überhaupt? Sind die auch kompetent? Wenn ja, (man munkelt, es sei der Fall), was kommt dabei raus?“ Ich denke, das werden wir nie erfahren.

Es ist so viel einfacher. Wir, die Lehrer, haben die Verantwortung für den ganzen Schlamassel und versagen regelmäßig, wenn man das Gesamtergebnis gesamtgesellschaftlich betrachtet. Es müsste eigentlich so sein, dass die Kinder freiwillig zu Schule gehen in der Gewissheit, dort könnten sie wirklich etwas fürs Leben lernen. Ist das soziale Romantik? Oder bin ich einfach nur übergeschnappt, ein bisschen überarbeitet.

Es gibt auch in Deutschland einzelne Schulen, wo es besser funktioniert. Laborschule Bielefeld, Offene Schule Waldau z.B. Wieso nehmen wir uns nicht ein Beispiel daran? Vielleicht ist es zu gefährlich? Oder zu teuer? Gefährlich teuer! Geiz ist geil! Saubillig muss es sein! Demnächst sollen bei uns in Bremen noch zusätzliche Einsparungen vorgenommen werden, sie werden uns schon noch mitteilen WO. Der Lehrer = Homo Schuldens, ein beliebtes Objekt zum gemeinschaftlichem Draufschlagen, der bleibt uns erhalten. Darüber rege mich schon lange nicht mehr auf. Ich sage immer dann, werde du selbst Lehrer, wir brauchen Leute wie dich, die sich nicht entmutigen lassen, die das Kunststück – dem ganzen und jedem einzelnen Schüler gerecht zu werden – hinkriegen.

PS

Ich habe mir das von der Leber geschrieben, mit dem Gedanken, es vielleicht zu veröffentlichen. Dem Weserkurier, den ich für eine dumme Zeitung halte, möchte ich das nicht geben.

Nachtrag

Mit der „Eigenverantwortlichen Schule“ – das möchte ich noch ergänzen – strukturell ist das ungefähr so geartet –
Die Schulen kriegen die Aufgabe den Mangel zu verwalten. Das heißt wir kriegen recht wenig Geld und müssen kucken wo wir bleiben. Dazu noch 8 Stunden um den Verwaltungsaufwand zu bewältigen. Die Hierarchien werden festgelegt. Oben sitzt der König, /die Schulleitung/, darunter die niederen Chargen, /mittleres Management / die er für seine Beutezüge und Absichten gebraucht und belohnt. Das Volk und die Frontsoldaten erledigen die Arbeit und zahlen natürlich Abgaben in Form von jederzeit anforderbaren Mehrarbeit. Das ist übrigens die Gesellschaftspyramide des Feudalismus, den wir im Unterricht als die total rückständige Gesellschaftsordnung anprangen. (Overheadfolie – Feudalismus ) Dann versuchen wir den Schülern beizupulen, dass hier alles demokratisch funktioniert.

(Hierzu gibt es auch Folien)
Ich hätte mir damals aus dem Land im Osten, aus dem ich ausgewandert bin nicht träumen können, dass ich arbeitstechnisch im Feudalismus lande.

Wenn die neue betrieblich organisierte Ordnung greift, die Bertelsmann Stiftung steht schon in Startlöchern um uns zu unterstützen, dann werden wir natürlich auch um Sponsoren werben. Um unser Etat aufzubessern. Das wird bitter nötig sein.

Die Behörde entlässt sich natürlich nicht selbst, sondern, sie wird über uns wachen, den sie ist auch über dem König – ein quasi Gott. Bleibt natürlich weisungsberechtigt. Wenn wir dann trotzdem was eigenverantwortlich verbocken, dann sind wir wieder der Homoschuldens. Und dann produzieren wir durch die Tests gestählte Schüler, die dann hoffentlich den ganzen Anforderungen der Wirtschaft gerecht werden.

Und wir können dann geheuert und gefeuert werden, wenn sich herausstellt, dass wir entweder keine guten Lehrer sind [1], oder unbequeme Lehrer sind, solche, die vielleicht den ganzen Humbug nicht mitmachen wollen. Sich eine abweichende Meinung leisten. Die Bildung anders begreifen, siehe oben. Vielleicht passen wir nicht ins Firmenprofil. So schleicht sich Gedankenzensur an. Deshalb bin ich nicht nach Deutschland gekommen.

Da bleibt dann nur noch festzustellen: Andere haben es auch nicht besser. Aber wir haben dafür quasi ein Halbtagsjob und längere Ferien, was uns das ganze Volk neidet. Eins habe ich noch vergessen, nämlich das Ranking. Wir müssen in der Leistungsskala obere Positionen annehmen, sonst schimpft die Behörde, und wir kriegen keine guten – sprich gymnasialen – Schüler. Die Eltern wählen uns nicht an und wenn es hart auf hart geht verlieren wir unsere SPONSOREN, wenn wir sie nicht schon vorher verloren haben. Denn diese Leute denken in marktwirtschaftlichen Dimensionen und sind sehr launisch. In England werden manche Schulen geschlossen.

Wie Betriebe, nicht genug Aufträge. Es tut uns leid sie haben komplett versagt. Und zwar eigenständig! Das blöde Happyend bleibt uns erspart. Ist das nicht an sich schon urkomisch, aber zu kompliziert. Wir schaffen es kaum noch das jemandem zu erklären.
Schade eigentlich.
Oder ist das so, dass wir es mit einer unmenschlich kalten Wettbewerbsgesellschaft zu tun haben?

Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, obwohl sie sicher Schüler waren, so bedanke ich mich herzlich.


[«1] nur wie definiert man einen guten Lehrer? Es gibt schon Fälle, wo man zu mindest sagen muss, der Mensch hat weder sich noch den Schülern gefallen getan. Aber der Rest, wie will man es feststellen?

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