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Ein dickes Ding: Der NSU im Krimiformat

Veröffentlicht in: Kultur und Kulturpolitik, Rechte Gefahr, Rezensionen

Mit „Die schützende Hand“ legt Wolfgang Schorlau in altbewährter Manier und dennoch anders sein Recherchewissen zum NSU-Komplex vor, indem er Privatdetektiv Dengler auf die Spur des Mörders von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt setzt. Denglers achter Fall unterscheidet sich nicht nur im Umfang – es sind fast 400 lesenswerte Seiten – sondern auch in der Beweisführung von seinen Vorgängern. Schorlau führt den Lesern immer wieder die Akteneinträge zum angeblichen Selbstmord vor Augen und lässt sie die Unstimmigkeiten nachvollziehen. Für bereits mit dem Fall Vertraute mag das pädagogische Längen haben, für diejenigen, die durch das Label „Verschwörungstheorie“ von der Beschäftigung mit den Lücken in der Darstellung des Hergangs vom 4.11.2011 in Eisenach abgehalten wurden, könnte der beschrittene Weg ein überzeugender sein. Von Sabine Schiffer [*]

Nachdem Georg Dengler anonym den Auftrag bekam, den Tod von Mundlos und Böhnhardt aufzuklären, und nach der empörten Reaktion seiner Partnerin Olga, die dahinter einen Rehabilitationsversuch von rechtsextremistischen Mördern vermutete, treffen sie auf Widersprüche in den Akten und der Medienberichterstattung. Im Grunde trägt Schorlau mithilfe seiner Protagonisten die Erkenntnisse der Untersuchungsausschüsse zusammen und zeigt auf, dass das bisherige Narrativ über den Tod der beiden Terroristen nicht stimmen kann.

Dengler ermittelt, dass die Selbstmordthese nicht zu halten ist. Ja sogar, dass die beiden Toten nicht im Camper zu Tode gekommen sind, weil wichtige (Tötungs-)Spuren auf den Tatortfotos fehlen. Da das Wohnmobil bereits vor dem Banküberfall auf dem Platz stand, wo angeblich das Terror-Trio NSU endete, sei zudem auch nur sehr unwahrscheinlich, dass Mundlos und Böhnhardt die Bankräuber gewesen sein könnten. Er führt schließlich den Skandal vor Augen, wie die fehlerhafte Polizeiarbeit die Spurensicherung behinderte und sieht darin die Absicht, ein Auffliegen tieferliegender Strukturen von Rechtsterrorismus und Geheimdiensten zu verhindern. Wie im echten Leben der neuaufgelegten Untersuchungsausschüsse, gibt es auch hier nach der erkenntnisreichen Lektüre durchaus mehr Fragen als Antworten. Aber eine Fragestellung entgeht auch ihm, nämlich die Feststellung, dass von den Fahrrädern, die angeblich zur Flucht dienten und die im Campingbus hätten deponiert sein müssen, nicht eine Spur auftauchte und diese fehlenden Spuren ebenso wenig vermisst wurden, wie etwa die fehlenden Fingerabdrücke der beiden Toten auf den im Wohnmobil gefundenen Waffen.

In Rückblenden ermöglicht der Roman die fiktionale Aufarbeitung des Anschlags in der Kölner Keupstraße, bei dem flankierende Staatsschützer anwesend waren, ebenso wie beim Mord an Halit Yozgat in Kassel, und die Infragestellung des Mordmotivs im Fall Michèle Kiesewetter. In dem Krimi sind auch die auf diese Fälle bezogenen ermittelten Widersprüche überzeugend dargestellt und geeignet, die Leser neugierig zurückzulassen. Mittels des Bekanntenkreises Denglers, der einen „Verschwörungstheoretiker“ und einen Journalisten umfasst, leuchtet der Autor kritisch die Medienberichterstattung sowie den erstarkenden Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland aus. Der Bogen von den rassistischen Anschlägen Anfang der 1990er Jahre bis zu den asylfeindlichen und islamophoben Demonstrationen und Organisationen von heute wird plausibel gespannt und am Ende entsteht eine nicht optimistische Vision für die weitere Entwicklung.

Die Frage, ob dieses Land dem Ideal entspricht, dem er und Marius Brauer – sein Erfurter Gegenüber in Form eines kritischen Polizisten – sich verpflichtet fühlen, durchzieht den Roman. Einige bekannte Aspekte der Berichterstattung über den sog. NSU sowie den Thüringer Heimatschutz tauchen hier wieder auf, etwa der aus dem Westen importierte Verantwortliche für das Landesamt für Verfassungsschutz, der wohl wesentlich mit dazu beitrug, dass rechtsextreme Organisationen aufgebaut und vor Verfolgung geschützt wurden. Ungeklärt bleibt auch hier, warum die Exekution Böhnhardts und Mundlos zu dem Zeitpunkt stattfand. Aber Dengler hat eine These.

Schorlau ist hier vorsichtiger und teils zurückhaltender in der Interpretation der verstörenden Fundstücke, als etwa in „Das München-Komplott“, wo er dem Oktoberfestattentat nachspürt, oder in „Die blaue Liste“, seinem Erstlingsstück, das den Mord an Treuhandchef Rohwedder als ungeklärt nachweist. Jedoch weist seine Vision am Schluss über für Viele überhaupt Vorstellbares hinaus, als er in Person seines Erzfeindes beim BKA in Wiesbaden, der nun die Fäden beim Thüringer Verfassungsschutz zieht, das Gutheißen von rassistischen Ausschreitungen wie in Heidenau sichtbar macht.

Das publizistische Prinzip bleibt wie gehabt, und wieder scheint Schorlau mit der Mischung aus recherchierten Fakten und fiktionalen Elementen näher an der Realität zu sein, als ein Teil der Strafverfolgung und ein Großteil der Berichterstattung.

Lesebefehl!


Wolfgang Schorlaus Buch „Die schützende Hand. Denglers Achter Fall“ ist im KiWi-Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.


[«*] Dr. phil. Sabine Schiffer hat zur Islamdarstellung in den Medien promoviert. 2005 gründete sie das Institut für Medienverantwortung, das sie seither leitet. Sie doziert und publiziert zu den Themen: Vierte contra Fünfte Gewalt, Kriegsmarketing, Stereotype im Mediendiskurs sowie Medienbildung.

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