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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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22. Dezember 2014
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Nachtrag zum Thema Lehrerpreis der Versicherungswirtschaft

Verantwortlich:

Das „Informationszentrum der deutschen Versicherer ZUKUNFT klipp + klar“ hat mir freundlicherweise die Namen der Preisträger und ihre Arbeiten, die Preisträger-Konzepte, zur Verfügung gestellt. Damit kann ich meinen Beitrag von heute früh um diese Informationen ergänzen. Die Preise von 10.000 € für den ersten Preis, 8.000 € für den zweiten und 5.000 € für den dritten Preis gingen an die unten genannten Personen. Ich habe mir die Preisträger-Konzepte angeschaut. Der erste Eindruck ist wie erwartet: Lobbyarbeit. Albrecht Müller.

Hier zunächst die Preisträger und ihre Konzepte:
1. Platz – Claudia Polzin [PDF – 452 KB]
2. Platz – Thomas Kipper [PDF – 1,4 MB]
3. Platz – Evi und Werner Ulsamer [PDF – 1,9 MB]

Fünf bemerkenswerte Charakteristika machen sichtbar, dass in diesen Preisträger-Konzepten wichtige Regeln von und für Schulen verletzt sind. Der Unterricht ist, wenn er nach diesen Konzepten abläuft, nicht objektiv und nicht umfassend. Und er ist parteilich im Sinne der Interessen der Versicherungswirtschaft:

  1. Es wird so getan, als hätten wir ein ernsthaftes demographisches Problem, das zur Umstellung beziehungsweise zur Ergänzung in Richtung Privatvorsorge zwinge. Dabei werden die Schüler zum einen nicht davon unterrichtet, dass die Alterung im letzten Jahrhundert viel gravierender war. Zum anderen wird der Eindruck erweckt, als würde die Privatvorsorge das demographische Problem lösen. In keinem der Preisträger-Konzepte kommt das Mackenroth-Theorem vor. Dieses besagt, dass ganz egal, wie das Finanzierungssystem der Altersvorsorge aussieht, immer die arbeitende Generation für die Rentner- und für die Jugend-/Kindergeneration sorgen muss. Ein Unterrichtskonzept, das nicht einmal andeutungsweise auf diese Tatsachen eingeht, unterschlägt eine zentrale Information.
  2. Dass wir zuallererst ein Beschäftigungsproblem und nicht ein demographisches Problem haben, wird nicht gewürdigt. Es wird auf eine geradezu bornierte Weise nur auf die Relation zwischen der Zahl der Beitragszahler einerseits und der Zahl der Rentner andererseits eingegangen – aber dies über einen Zeitraum von Jahrzehnten. Konsequenterweise kommt dann die Bedeutung der Entwicklung der Arbeitsproduktivität als Hilfe zur Lösung des angeblichen Problems gar nicht vor.
  3. In den Preisträger-Konzepten wird zwar darauf hingewiesen, unter welchen Ereignissen und Entscheidungen die gesetzliche Rente und ihre Leistungsfähigkeit zu leiden haben. Es wird aber nicht gefragt, ob diese Entwicklung zwangsläufig war, und folgerichtig wird dann auch nicht gefragt, ob es nicht die Möglichkeit gibt, diese Entwicklung zu Gunsten der Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente zu korrigieren. Was wäre, wenn alle Fördergelder in die gesetzliche Rente gestellt würden? Diese Frage wird selbstverständlich nicht gestellt. Auch hier fehlt eindeutig auch nur die Andeutung einer umfassenden Information der Schülerinnen und Schüler.
  4. In den Preisträger-Konzepten wird auf die staatliche Förderung der Privatvorsorge über Zulagen der Riester-Rente, Entgeltumwandlung und Steuervorteile der Rürup-Rente und die Attraktivität dieser Förderung hingewiesen. Den Schülern wird aber mit keiner Silbe verraten, dass dieses Geld irgendwo herkommen muss, dass in Berlin kein Goldesel steht und dass sie deshalb als künftige Steuerzahler die Förderung ihrer Altersvorsorge selbst bezahlen müssen. Diese Information der Schülerinnen und Schüler als Staatsbürger wäre aber nötig, wollte man sie im Sinne des Gebots zur umfassenden Information unterrichten. Sie sind ja nicht in der Rolle der Verbraucher, sondern in der Rolle der Staatsbürger. Das macht einen großen Unterschied. Wenn ich von einem Nachbarn gefragt werde, ob er riestern soll, dann muss ich in Rechnung stellen, dass er das System nicht ändern kann und ihm möglicherweise empfehlen, die Förderungsgelder der Riester-Rente mitzunehmen. In der Situation des Unterrichts in einer Schule ist die Lage aber eine völlig andere. Unparteiische Information verlangt, dass den Schülerinnen und Schülern vermittelt wird, dass die Privatvorsorge unter Beachtung ihrer Rolle als künftige Steuerzahler mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Vorteil ist.
  5. Die hohen individuellen und volkswirtschaftlichen Kosten der Privatvorsorge und auch ihre Risiken werden nicht behandelt. Die Erfahrungen in Chile mit einem zusammengebrochenen Privatvorsorge-System und der Gefahr hoher Altersarmut zum Beispiel, die extrem teuren Privatvorsorge-Systeme in Großbritannien oder die zusammenbrechenden Pensionsfonds in den USA werden nicht in die Beurteilung der Wege zur Altersvorsorge einbezogen. Auch dass bei uns viele Menschen, die heute eine Riester-Rente abschließen, sehr viel besser fahren würden, wenn sie ganz normal sparen würden, wird nicht erwähnt.

Damit werden nicht einmal minimale Anforderungen an eine objektive Information der Schülerinnen und Schüler gewahrt.

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