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Hinweise des Tages

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Vorbemerkung: Dieser Service der NachDenkSeiten soll Ihnen einen schnellen Überblick über interessante Artikel und Sendungen verschiedener Medien verschaffen.

Wir kommentieren, wenn wir das für nötig halten. Selbstverständlich bedeutet die Aufnahme in unsere Übersicht nicht in jedem Fall, dass wir mit allen Aussagen der jeweiligen Texte einverstanden sind.
Wenn Sie diese Übersicht für hilfreich halten, dann weisen Sie doch bitte Ihre Bekannten auf diese Möglichkeit der schnellen Information hin.

  1. Robert von Heusinger: Ade, Rheinischer Kapitalismus
    Der 27. Februar 2008 hat gute Chancen, in die Annalen der deutschen Wirtschaftsgeschichte einzugehen. Als der Tag, an dem das Totenglöckchen für den Rheinischen Kapitalismus läutete. Vorgestern brachen nun auch zwei der deutschen Vorzeigeunternehmen den Konsens, der die Republik einst stark gemacht hat. BMW und Henkel verkündeten trotz hoher Gewinne Massenentlassungen. Warum? Damit die Rendite noch höher wird. Schwindelerregende 26 Prozent Verzinsung auf das eingesetzte Eigenkapital will der Autobauer erreichen.
    Seit der Zerschlagung der alten Deutschland AG um die Jahrtausendwende waren die Deutschen ein solches Verhalten nur von Firmen gewohnt, die ungeschützt dem Kurzfristdenken am Kapitalmarkt ausgeliefert sind. Also Firmen, deren Aktien sich im Streubesitz befinden. Doch BMW und Henkel haben Unternehmerfamilien im Hintergrund, die langfristig dachten und ihren Vorstand so vor der Aggressivität der Analysten, Anleger und Zocker abschirmten.
    Quelle: FR

    Siehe dazu:

    Warum Konzerne im Boom Stellen abbauen
    Das Wirtschaftswachstum hält im dritten Jahr an, führende Forschungsinstitute erwarten ein Plus von knapp zwei Prozent. Dennoch kündigen eine Reihe großer Unternehmen Entlassungen an. Sie begründen die Einschnitte gerne mit steigenden Rohstoffpreisen oder einer veränderten Nachfrage. Doch der Jobabbau lässt sich auch anders erklären – drei Beispiele.
    Quelle: Tagesspiegel

    Dazu passt:

    24 Millionen Euro für frühere Chrysler-Vorstände
    Vorstandsmitglieder des Stuttgarter Autoherstellers Daimler haben im vergangenen Jahr insgesamt knapp 25 Millionen Euro verdient. Davon entfallen 8,55 Millionen Euro auf den Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das rund zwei Drittel mehr Einkommen für die Daimler-Vorstände, was vor allem mit der deutlich besseren Rendite im Konzern und dem gestiegenen Aktienkurs begründet wird.
    Beinahe ebenso viel wie die noch amtierenden Daimler-Vorstandsmitglieder erhielten die nach dem Chrysler-Verkauf ausgeschiedenen amerikanischen Vorstandsmitglieder, nämlich insgesamt 24,1 Millionen Euro.
    Quelle: FAZ.Net

    Anmerkung: Mal sehen, was die entlassenen BMW-Henkel-Siemens-Mitarbeiter von der Rendite abbekommen.

    Und dazu passt auch:

    Viele Tarifabschlüsse im zweiten Halbjahr 2007 erneut bei rund 3%
    Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, fielen im zweiten Halbjahr 2007 viele Tarifabschlüsse mit einem Plus von rund 3% erneut deutlich höher aus als in den Vorjahren. Gleichzeitig lag der Anstieg der Verbraucherpreise in diesem Zeitraum zwischen 1,9% (Juli, August) und 3,1% (November) gegenüber dem Vorjahres-monat.
    Quelle: Statistisches Bundesamt

    Anmerkung unseres Lesers G.K.: Die Meldung des Statistischen Bundesamtes erweckt den Eindruck, die realen Einkommen der Arbeitnehmer hätten sich im 2. Halbjahr 2007 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum zwischen +1,1% (Juli, August) und -0,1% (November) verändert. Dieser Eindruck täuscht. Netto haben sich die realen Löhne und -Gehälter je Arbeitnehmer sowohl im 3. Quartal als auch im 4. Quartal 2007 zum entsprechenden Vorjahreszeitraum vermindert, wie sich aus dem Datenmaterial des Statistischen Bundesamtes zur vierteljährlichen BIP-Quartalsberichterstattung ermitteln läßt:

    • 3. Quartal 2007: -1,4% gegenüber Vorjahr
    • 4. Quartal 2007: -1,7% gegenüber Vorjahr

    Die Diskrepanz zu den heute veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes resultiert insbesondere aus folgenden Faktoren:

    • zahlreiche Unternehmen sind nicht mehr an Tarifverträge gebunden (sog. “Tarifflucht”),
    • die neu geschaffenen Stellen haben häufig eine schlechte Qualität (Leiharbeit, Teilzeitarbeit etc.).
  2. Die Statistik sagt nicht alles
    Trotz Massenentlassungen bei Henkel, BMW oder Siemens ist die Arbeitslosenquote im Februar auf acht Prozent gefallen. Seit 23 Monaten geht die Zahl nun schon zurück, Ökonomen sind begeistert, die Regierung klopft sich auf die Schulter. Dabei ist die Lage nicht ganz so gut, wie sie scheint.
    Quelle: Berliner Zeitung

    Kommentar: Das Erfreuliche an dieser Meldung ist, so paradox es klingt, die Tatsache, dass Journalisten die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zunehmend realistisch einordnen.

  3. IMK-Studie: Globalisierung und Beschäftigung
    Mit der InPut-Output-Methode wird nachgewiesen, dass im Zuge der Internationalisierung des Wirtschaftsgeschehens die nationalen Produktions- und Dienstleistungsprozesse zunehmend von Importen durchdrungen werden. Damit im Zusammenhang werden inländische Produkte substituiert und Arbeitsplätze in das Ausland verlagert. Zugleich kann jedoch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gestärkt und ihre Position auf den nationalen und internationalen Märkten ausgebaut werde. So hat der Standort Deutschland trotz kräftiger Importsteigerungen in den neunziger Jahren vom exportinduzierten Wachstum profitiert.- Im Zusammenhang mit den hohen Exportüberschüssen hat sich die Wertschöpfung per saldo durchgängig und die Beschäftigung – anders als in Frankreich, wo diese Exportüberschüsse fehlen – besonders in der zweiten Hälfte der Dekade kräftig erhöht.
    Quelle: www.boeckler.de

    Anmerkung Volker Bahl: Und somit findet die Basarökonomie des Herrn Sinn für Deutschland keine empirische Grundlage.

  4. Eon entgeht Milliardenstrafe durch Deal
    Eon hat durch das Angebot, sein Übertragungsnetz zu verkaufen, den Streit mit der EU-Kommission um die laufenden Kartellverfahren beigelegt. Der Versorger kann sich so ein mögliches milliardenschweres Bußgeld ersparen.
    Eon -Chef Wulf Bernotat bietet der EU-Kommission den von der Brüsseler Behörde geforderten Verkauf seines Hochspannungsnetzes sowie von Kraftwerkskapazitäten im Volumen von rund 4 800 Megawatt an. Im Gegenzug hatte Kroes offenbar signalisiert, die laufenden Verfahren gegen Eon wegen des Vorwurfs des Marktmissbrauchs einzustellen.
    Quelle 1: Handelsblatt

    Anmerkung: Mit diesem überraschenden Deal zeigt E.on mal wieder, wer in diesem Land Koch und wer Kellner ist. Seit Monaten leistet nämlich die Bundesregierung heftigen Widerstand gegen die Pläne Brüssels, Monopole der Energieriesen zu knacken und die Konzerne zu einer Trennung von Stromproduktion und -netzen zu zwingen. Offenbar ohne Vorwarnung lässt E.on nun selbst die Kanzlerin im Regen stehen.

    Quelle 2: FR

  5. Vernachlässigte Stromnetze – Für die Folgen zahlt der Verbraucher
    Klingt absurd: Deutschland hat zu viel Strom. So viel jedenfalls, dass die Netze Ökostrom zum Teil nicht mehr aufnehmen können. Sie sind überlastet, werden von den Stromversorgern vernachlässigt. In Zukunft drohen deshalb Stromausfälle und Milliarden Kosten.
    Dabei könnte der Ökostrom sogar im heutigen Netz uneingeschränkt fließen, so Professor Lorenz Jarass von der Fachhochschule Wiesbaden – nur dürften die Netzbetreiber dann weniger Strom aus ihren herkömmlichen Kraftwerken einspeisen. Das würde auch der Klimaschutzstrategie entsprechen, die besage, dass weniger Kohle sowie Öl verbrannt – zu Gunsten erneuerbarer Energien. Damit aber würden die Kraftwerksblöcke der großen Energiekonzerne weniger stark ausgelastet. “Das heißt, ihre Profite würden drastisch zurückgehen. Das wollen diese Konzerne natürlich nicht”, so Jarass.
    Quelle: Frontal 21
  6. Alcoa von Firma aus Bahrain verklagt
    Dem US-Aluminiumkonzern Alcoa werden von einem Unternehmen aus Bahrain Betrug und Bestechung vorgeworfen. Verantwortlich für das operative Tagesgeschäft bei Alcoa ist Klaus Kleinfeld, der im Zuge der Schmiergeldaffäre bei Siemens seinen Hut genommen hatte.
    Quelle 1: FTD

    Anmerkung: Gelernt ist eben gelernt. Warum sonst hätte Kleinfeld von Alcoa 5,6 Millionen Euro Begrüßungsgeld erhalten sollen.

    Quelle 2: SZ

  7. Über 540 Milliarden Euro kassiert der deutsche Fiskus in diesem Jahr. Die weitaus größte Last tragen die Arbeitnehmer.
    Woher Peer sein Geld bekommt.
    Quelle: stern

    Anmerkung: Im Einzelnen wäre dazu viel zu sagen, z.B. dass die Körperschaftssteuer im Jahr 2000 23,6 Mrd. Euro erbrachte, nach der Steuersenkung 2001 Steuerrückerstattungen von 400 Millionen Euro vom Fiskus zu zahlen waren und der Betrag 2007 noch immer über 3 Mrd. unter den ursprünglichen Einnahmen lag.

    Unberücksichtigt bleiben auch die Steuerreformen

    • Streichung der Vermögenssteuer
    • Streichung der Gewerbekapitalsteuer
    • Kürzung der Körperschaftssteuer
    • Erlass der Besteuerung der Gewinne bei Verkauf von Unternehmensteilen (= Steuerbefreiung der so genannten Heuschrecken)
    • Senkung des Spitzensteuersatzes – auf 42%
    • Amnestie für Steuersünder
    • Korrektur des Halbeinkünfteverfahrens zugunsten der Versicherungswirtschaft. = mindestens 5 Mrd. Steuererlass
  8. SPD nennt Bedingungen – Angebot an alle außer die Linke
    Die hessische SPD bietet CDU, FDP und Grünen Gespräche über eine Regierungszusammenarbeit an, beharrt aber auf einer ganzen Reihe von Standpunkten. Das geht aus dem Entwurf für ein Eckpunkte-Papier hervor, das der SPD-Landesvorstand am Mittwochabend in Frankfurt beschließen wollte. Es soll heute an die anderen Parteien verschickt werden.
    Quelle: Frankfurter Rundschau

    Dazu passt:

    Grünen-Chef Tarek Al-Wazir: “Einen Blankoscheck kriegt keiner”
    Wir haben uns sehr früh dagegen entschieden, zu sagen, wir reden mit denen nicht. Wir Grüne erinnern uns gut an die Zeit, als auch mit uns niemand reden wollte.
    Mir ist auch nicht entgangen, dass die CDU die Grünen plötzlich für vernünftige Menschen hält. Bisher waren wir wechselweise ein Sicherheitsrisiko, ein Arbeitsplatzrisiko oder gleich der Untergang des Abendlandes. Aber niemand kann von uns erwarten, dass ausgerechnet die hessischen Grünen dem Wahlverlierer Roland Koch zur Mehrheit verhelfen.
    Das ist nicht nur ein Personalproblem, sondern auch ein inhaltliches Problem. Koch hat diesen Wahlkampf ja nicht alleine gemacht. Ich finde bemerkenswert, dass es einen Monat nach der Wahl noch keinen einzigen in der hessischen Union gibt, der diesen Kurs kritisiert.
    Quelle: Frankfurter Rundschau

  9. Axel Vornbäumen: Pfusch am Hindukusch
    “Mit militärischen Mitteln allein ist Afghanistan nicht zu gewinnen”, hat Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” gesagt. Das ist wahrscheinlich besser gemeint, als es beim schnellen Hinhören klingt – und doch ist es nur ein einziges Wort entfernt vom Eingeständnis eines Scheiterns.
    Wenn der Krieg nicht mit militärischen Mitteln zu gewinnen ist, warum ist es dann überhaupt notwendig, noch mehr Soldaten zu schicken? Um ihn wenigstens nicht zu verlieren? Das mag ja sein. Aber wenn die Bundeswehr, demnächst vermutlich im verschärften Kampfeinsatz, am Hindukusch nur noch präsent ist, damit in einem Krieg, den selbst ihr oberster Dienstherr für nicht mehr zu gewinnen hält, sich die Niederlage in Grenzen hält, dann stimmt was nicht.
    Quelle: Tagesspiegel
  10. Kriegskosten: 6 000 000 000 000 Dollar
    Der Nobel-Ökonom Joseph Stiglitz hat die Kosten des Irak-Krieges berechnet. Er sagt: Durch die Machtpolitik von Präsident Bush ist Amerika entmachtet worden.
    Quelle 1: FR
    Quelle 2: Guardian
  11. Die Fürsten des IV.Weltkriegs
    Seit 70er Jahren kämpft die konservative Bewegung Amerikas – man hat sich geschickt den Dynamik verheißenden Begriff des “movements” von den Linken der 60er Jahre entlehnt und neu besetzt – für eine Wiederbelebung der Moral (“remoralisation”) gegen “falsche Modernität”, so der auf den Begriff gebrachte Befund einer nationalen Krankheit, die nach konservativer Lesart Amerika nach Vietnam und vor allem unter Clintons Präsidentschaft befallen hat. Unter “falscher Modernität” wird ein munteres Durcheinander an verschiedensten Symptomen rubriziert: Hedonismus, radikaler Individualismus, sexuelle Libertinage (sprich Homosexualität, Pornographie u.a.), Abtreibung, Wohlfahrtsstaat, Antitrust-Gesetze, das postmoderne “Fun-House” (Cultural Studies) an den Universitäten, überzogene Minderheitenrechte, übertriebener Umweltschutz und und und …
    Die Vormacht der Konservativen sei die “Kulmination einer 25jährigen strategischen Allianz aus Business, ideologischem Konservatismus, anwaltschaftlicher Forschung und der Republikanischen Partei”, so das Fazit des Journalisten Robert Kuttner aus der oben beschriebenen Diskussionsrunde.
    Alle guten Männer aus dem “Milieu juste” in Washington sind sich in einem sicher: Amerika hat den dritten Weltkrieg (den kalten Krieg) gewonnen. Und es wird auch den vierten gewinnen. Auch wenn er einige Dekaden (J. Woolsey) dauert.
    Quelle: Telepolis
  12. Was denken Muslime wirklich?
    Radikal, extremistisch, hasserfüllt: Weltweit haben Muslime ein gewaltiges Imageproblem. Umso verblüffender wirken die Ergebnisse einer großen Gallup-Umfrage.
    Der von westlichen Strategen, Politikern und Journalisten vielbeschworene “Clash of Civilizations” / Kampf der Kulturen ist nach einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts ohne Grundlage: danach sind 93% der Muslime gemäßigt eingestellt und wollen mehr Freiheit und Demokratie. Allerdings werden die Bemühungen der USA, den Mittleren Osten zu kontrollieren, sehr kritisch gesehen: man bescheinigt der US-Politik Rücksichtslosigkeit und Aggressivität, während Deutschland eher positiv eingeschätzt wird.
    Quelle: SZ
  13. Nochmals: Eltern geht es in Deutschland schlecht
    Am 28.2.08 haben wir auf einen Bericht der FTD über eine Studie der Konrad Adenauer Stiftung verwiesen.
    Eine Mutter aus NRW schrieb uns dazu folgenden Brief:

    Meine Tochter ist schulpflichtig und wird in diesem Sommer eingeschult. Hierfür musste sie in einer Grundschule – einer ganz normalen, also keiner Elite-Grundschule o.ä. – erst einmal einen Test absolvieren. Man mokierte sich dort, dass sie noch nicht ihren Namen fehlerfrei schreiben und nicht korrekt bis 10 addieren und subtrahieren könne. Auf meine verwunderte Frage hin, ob man das denn nicht in der Schule lerne, erhielt ich die Antwort, die Kinder sollten das „ruhig schon zuhause“ üben. Klar, wo sonst, im Kindergarten nämlich wird Grundschulwissen nicht eingeübt und Vorschulen gibt es in Nordrhein-Westfalen schon lange nicht mehr.
    Der fünfjährigen Tochter eines befreundeten Elternpaares, die vorzeitig eingeschult werden sollte, wurde bei einem solchen Schultest attestiert, dass ihre mathematischen Fähigkeiten nur „im Altersdurchschnitt“ lägen. Daher solle man sie am besten gezielt fördern, denn sie sei ja doch, O-Ton, „Kandidatin für eine Gymnasial-Empfehlung“. Nur zur Information: Die Empfehlung der Grundschullehrer in NRW ist Grundlage für die Entscheidung, auf welche weiterführende Schule ein Kind gehen darf. Es ist schon ausgesprochen fragwürdig, diese Entscheidung im vierten Schuljahr zu treffen, weit mehr natürlich, fünfjährige Vorschulkinder hier bereits einzusortieren.

    Doch der Test in der Schule war noch ein Vergnügen im Vergleich zur Schuleingangsuntersuchung im Gesundheitsamt. Hier in NRW – zumindest in der Stadt, in der ich lebe – werden die Kinder mittlerweile anderthalb Stunden lang mit irgendwelchen Standard-Testverfahren sowie Sprachtests frei nach Delphin4 getestet. Hierbei werden sie im Gesundheitsamt bei gleich drei verschiedenen Personen durchgeschleust. Meine Tochter war extrem eingeschüchtert. Man attestierte ihr denn auch – in ihrem Beisein – Defizite in der Konzentration und der visuellen Wahrnehmung und legte mir, obgleich diese Schwächen „noch im Normbereich“ lägen, eine gezielte Förderung nahe. Der Vortrag der Amtsärztin gipfelte in der Aussage, meine Tochter sei zu verträumt, was sich ja auch in ihrer rosa Kleidung niederschlagen würde.

    Ich fuhr nach dieser Diagnose in heller Aufregung zum Kinderarzt – der das Kind seit Jahren kennt und mich sofort beruhigte –, sowie in den Kindergarten, wo mir die Erzieherinnen ebenfalls Entwarnung gaben. Ich habe daraufhin im Bekanntenkreis ein wenig nachgeforscht. Anscheinend werden mittlerweile jedem zweiten Kind irgendwelche kognitiven, feinmotorischen oder sonstigen Defizite bescheinigt. Diese Bescheinigungen werden im Übrigen auch an die Schulen verschickt und kommen zu den Schulakten.

    Das Ganze treibt teilweise kuriose Blüten. Eine Freundin meiner Tochter leidet laut amtsärztlichem Gutachten an visuellen Wahrnehmungsstörungen. Sie hatte nämlich einen Baum abzeichnen sollen und in der Vorlage nicht vorhandene Blätter hinzugefügt. Den Eltern eines meiner Ansicht nach völlig normal entwickelten Jungens wurde gar eine psychologische Untersuchung ihres Sohnes angeraten, da das Kind kein Selbstbildnis, sondern lieber einen Zauberer malen wollte.
    Mein vorläufiges Fazit: Bereits für die Eingangsklasse der Grundschule müssen mittlerweile Kinder fitgemacht werden. Zu viel Phantasie ist schon im Vorfeld nicht erwünscht. Fähigkeiten, die Kinder früher in der Grundschule lernen und entwickeln sollten, sollen sie jetzt schon mitbringen. Die Anpassung der Kinder an die geforderten Normen müssen normalerweise die Eltern leisten – wohl dem, der dazu überhaupt in der Lage ist! So beginnt der Leistungsdruck bereits bei Vorschulkindern. Meiner Tochter wurde jedenfalls die Vorfreude auf die Schule und der Stolz, bald ein Schulkind zu sein, bereits gründlich ausgetrieben.

    Hinzu kommt eine andere beunruhigende Entwicklung: nämlich die schleichende „Ausdifferenzierung“ von Grundschulen in heimliche Eliteschulen und Schulen für sonstige Kinder. Seit nämlich in NRW die Grundschulbezirke gefallen sind, können die Schulen aus dem ganzen Stadtgebiet Schüler annehmen. Das ist besonders für konfessionelle Schulen interessant. Ich habe meine Tochter auf einer katholischen Schule angemeldet, weil dies die einzige Schule ist, die sie zu Fuß erreichen kann. Wir hätten dort beinahe keinen Platz bekommen, weil meine Tochter nicht katholisch ist. Die konfessionellen – wohlgemerkt staatlichen! – Schulen selektieren hier mittlerweile zunehmend. Dies ist auf den ersten Blick nicht besonders aufsehenserregend, ergibt aber ein anderes Bild, wenn man, wie bei uns, in einem Stadtbezirk mit hohem Ausländeranteil lebt. Die Gemeinschaftsgrundschulen weisen mittlerweile Ausländerquoten von um die 90% auf, während die konfessionellen Schulen im selben Viertel wesentlich weniger ausländische Kinder in ihren Klassen haben.
    Obwohl diese Regelung seit vergangenem Jahr in vielen Städten NRWs gang und gäbe ist, habe ich übrigens noch keinen einzigen Zeitungsbeitrag gefunden, der hierüber kritisch berichtet hätte.

    Siehe dazu auch:

    Macht Auslesedruck in Schulen krank?
    Quelle: Telepolis

  14. Zu guter letzt:
    Konrad-Adenauer-Stiftung:
    „Nicht der Kreationismus ist das Problem. Problematisch sind vielmehr die quasi-religiösen Strukturen und der Absolutheitsanspruch seiner Gegner aus der modernen Evolutionsbiologie.“
    Quelle: Konrad Adenauer Stiftung

    Anmerkung: Kreationisten sind in den USA eine weit verbreitete Bewegung der Neo-Konservativen, die die Evolutionslehre bekämpfen und vor allem auch in Schulen verlangen, dass dort gelehrt werde, die Welt sei, wie in der Bibel beschrieben, in sechs Tagen von Gott erschaffen worden.

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