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11. Dezember 2016
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Der Bildungsputsch

Veröffentlicht in: Bildungspolitik, Interviews, Privatisierung öffentlicher Leistungen
Matthias Burchardt

Seit Jahren löst eine Bildungsreform die nächste ab. Trotz aller hiermit verbundenen Versprechungen ist bisher kaum etwas besser, sondern vieles schlechter geworden. Zeitgleich nehmen immer mehr private Investoren das öffentliche Bildungswesen ins Visier. Zufall? Sicher nicht, meinen einige Forscher in einer aktuellen Publikation, in der sie exemplarisch die Verkürzung der Abiturzeit mittels G8 unter die Lupe nehmen. Nicht nur, aber auch diese Reform zielte von Anfang an darauf ab, einen Bildungsputsch zu organisieren und die Bevölkerung mittels vollmundiger Reformversprechen für Maßnahmen zu begeistern, die auf nichts anderes als eine Privatisierung unserer Bildung abzielen. Jens Wernicke sprach hierzu mit Matthias Burchardt, einem der Autoren der Publikation.

Herr Burchardt, Sie sind Autor des soeben erschienenen Buches „weniger ist weniger: G8 und die Kollateralschäden“. Ist das nicht ein wenig hoch gestapelt: „Kollateralschäden“ durch eine Bildungsreform?

Möglicherweise ist es sogar verharmlosend, denn ein Kollateralschaden ist ja eine Begleiterscheinung bei der Umsetzung eines höheren Zieles, das als gut gilt. Was aber wäre, wenn die versprochenen humanitären Ziele – ähnlich wie in der Kriegspropaganda der letzten Jahre – nur vorgeschoben wären und die Schäden beabsichtigt sind?

Uns wurde versprochen, dass mit westlichen Waffen Humanität und Demokratie herbeigebombt werden sollten und würden. Stattdessen haben wir nun in vielen der von uns „befreiten“ Länder zerstörte Infrastruktur, kulturelle Entwurzelung und zerfallende Staaten, während der Eindruck entsteht, dass dieses Vakuum geostrategischen Interessen und dem Ressourcenhunger der Großmächte durchaus in die Hände spielt.

Was wäre, wenn der Schaden auch bei den Schulreformen der letzten Jahre Teil einer globalen Agenda wäre, die sich einen verwertbaren und politisch unmündigen Menschen wünscht, der leichter zu steuern ist, weil er nicht mehr über die fachlichen Horizonte des Urteilens oder über ethische und emanzipatorische Perspektiven verfügt? Die Programme und Strategien der OECD beispielsweise arbeiten schon seit den 60er Jahren mit langem Atem an der Realisierung eines solchen Projektes.

In meinem Artikel schlage ich ausgehend von einer konkreten Reform – jener der Schulzeitverkürzung mittels G8 – den Bogen zu den Akteuren und Nutznießern im Hintergrund und ihren Modellen der ökonomistischen und antidemokratischen Globalisierung.

Die Probleme mit G8 sind ja seit Langem bekannt und die Landesregierungen haben die Reform bereits mannigfach nachjustiert: Lehrpläne entschlackt, den gestiegenen Druck wieder reduziert etc. Wogegen richtet sich da noch Ihre Kritik?

Das war im Grunde alles nur Kosmetik. Der Kern blieb unberührt: Die Errichtung eines zeitpolitischen Regimes über die Kindheit, das in hohem Maße zerstörerisch wirkt. Man könnte fast von symbolischem Kannibalismus sprechen: Das Auffressen kindlichen Mensch-Seins durch maximal intensive und extensive Bewirtschaftung von Lebenszeit: G8 komprimiert die Schulzeit und verdichtet dadurch Leistungsdruck, frisst sich aber zugleich auch immer mehr in die Nachmittage.

Dadurch entsteht eine besinnungslose Hetze in der Schule, die einem taylorisierten Arbeitsprozess – Stichwort Fließband – angepasst wird. Auf der anderen Seite fallen außerschulische Bildungsgelegenheiten weg: Freunde, Vereine, Brauchtum, politisches und soziales Engagement. Als Surrogat bietet sich den Kindern die Orwellsche Welt der sozialen Netzwerke, die sie aber wiederum nur stresst und vereinzelt.

Fatal ist ja, dass G8 die Kinder wie beschrieben einerseits quantitativ überfordert, andererseits qualitativ unterfordert, weil im Zuge der Kompetenzorientierungen fachliche Bewährungsmöglichkeiten abgebaut wurden.

Verständnisfrage: Sie meinen also, es geht womöglich im Kern darum, Kinder bewusst zu überfordern, damit Sie nicht mehr zu Reflexionen und kritischem Hinterfragen in der Lage sind? Sie ihrer sozialen Bindungen etc. zu berauben, damit Sie zu, ja, sagen wir, später besser verwertbarem Humankapital zu machen sind?

Der Eindruck entsteht tatsächlich, zumindest ist es ein Effekt in der Summe der Reformmaßnahmen: Vieles, was einmal zur Bildung gehörte und zur Humanisierung der Gesellschaft beitragen sollte, verkümmert heute: fundierte Sachkenntnisse, ein Können im Sinne des Sich-auf-etwas-Verstehens, Urteilskraft, Selbsterkenntnis, Gemeinschaftssinn…

All das bedarf einer anderen Grundsituation. Unser Wort „Schule“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet dort „Muße“, also befreit von Zwängen sich einer Sache zuzuwenden – nicht um untätig zu bleiben, sondern um zu einer besonnenen und verantwortungsbewusst handelnden Person werden zu können.

Aber die Reform wurde doch mit vielen Versprechungen gen „besserer Bildung“ garniert… Wollen Sie sagen, die waren alle … eine Farce? Welche Argumente wurden denn vorgetragen und wie bewerten Sie die?

Die Argumente – ich scheue mich fast, diesen Begriff hier zu verwenden, da es sich eher um Marketingparolen gehandelt hat – waren eher fadenscheinig: Im Internationalen Vergleich hätten deutsche Kinder einen Wettbewerbsnachteil, wenn sie älter wären als die Finnen oder Chinesen. Oder: Man wäre besser bei PISA, wenn man ein Jahr weniger lernen würde usf.

Im Nachhinein fasst man sich an den Kopf, dass die Politik damit durchgekommen ist. Verlockend war vermutlich die Idee, Einsparungen zu erzielen, da die öffentlichen Kassen ja zugunsten der privaten – denken Sie nur an den boomenden Nachhilfemarkt und anderes – geleert wurden. Und das sollte noch eine „Qualitätssteigerung“ im Sinne „besserer Bildung“ ermöglichen? Allein die Vorstellung ist absurd.

Worum also ging und geht es konkret: Bildungsabbau als Standortpolitik?

Ja, das mag zumindest die global agierenden Player motiviert haben: Eine große Dequalifizierungsoffensive, die zu immer mehr billigen und formbareren Menschen führt, die sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen gegeneinander ausspielen lassen. Das alles geht aber auch zu Lasten der regional verwurzelten, mittelständischen Unternehmen, die eher auf die gebildete Persönlichkeit setzen und ihrerseits gegen G8 sowie Bachelor und Master argumentieren. Deshalb würde ich das sicher zutreffende ökonomische Argument noch erweitern: Selbst aus der – mir völlig fernliegenden – Perspektive der Humankapitaltheorie erscheint diese Reform als unsinnig, da ja Kapital vergeudet oder sogar vernichtet wird. Deshalb muss die Frage aufgegriffen werden, ob darüber hinaus nicht auch Machtinteressen eine Rolle spielen.

Die beispielsweise in der Oxfam-Studie ausgewiesenen Eliten, die vom globalen Humanfracking profitieren, schaffen sich dadurch auch die kleinen Unternehmen als Konkurrenz vom Hals. Hans-Jürgen Krysmanski spricht diesbezüglich in „Hirten und Wölfe“ von „transkapitalistischen Formen der Kapitalvernichtung“. Das heißt, kreative Zerstörung wird mit den Waffen des Marktes zugunsten einer Konzentration von Macht betrieben, die dann ihrerseits zur weiteren Umverteilung genutzt werden kann. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Einschätzung von Werner Rügemer, der etwa in einem NachDenkSeiten-Interview konstatiert:

„Zu diesen Fakten gehört auch die Tatsache, dass sich die Klasse der Besitzenden längst viel mehr international als national versteht und auch entsprechend agiert.“

Sie sprechen beim Thema G8 ja sogar von einem „Reformputsch gegen die humanistische Bildungskultur“. Inwiefern denn das?

Ein Putsch ist die Veränderung von politischer Wirklichkeit durch Organe, die vom Grundgesetz nicht vorgesehen sind. Auch nach genauer Lektüre habe ich bisher an keiner Stelle entdeckt, dass die OECD oder die Bertelsmann Stiftung einen verfassungsmäßigen Auftrag zum Umbau unseres Bildungswesens hätten.

Vielmehr greifen hier Formen der “Soft Governance“, also des weichen Regierens, die zwar die Kulissen der Demokratie intakt lassen, gleichwohl aber dem Souverän – und in Artikel 5 des Grundgesetzes heißt es nicht umsonst: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ – subtil die Macht entziehen.

Diese Akteure gebärden sich in der Rolle der hilfreichen Berater und verfolgen unter der Hand ihre eigenen Ziele. Die PISA-Studie gibt hier ein gutes Beispiel ab, da sie vor dem Hintergrund einer wissenschaftlich eher peinlichen Konzeption gleichwohl auf dem Wege öffentlicher Propaganda die Semantik und Pragmatik der Bildungsdiskurse umprogrammieren konnte.

Und welche Intention verbinden Sie nun mit Ihrer Kritik? Reform? Rückabwicklung? Was täte not?

G8 muss unbedingt rückgängig gemacht werden. Allerdings ist dies nur ein erster Schritt, der auch nur dann eine wirkliche Veränderung bringen wird, wenn er in eine Neubesinnung auf die wesentlichen Ziele und Konzepte eines stimmigen Bildungswesens eingebettet wird.

Das wäre zum einen eine Revitalisierung der europäischen Grundwerte des Humanismus, der Aufklärung und der politischen Emanzipation als verbindliche Bildungsziele. Darüber hinaus müssten ökonomistische Steuerungsmodelle verschwinden, ebenso die fatale Kompetenzorientierung und neoliberale Lernmethoden – und zwar an allen Schulen. Wichtig wäre auch eine Stärkung der beruflichen Bildung, die ja lange ein Garant für sozialen Aufstieg darstellte. Und – wenn ich schon träumen darf –: Vor allem müssten die repressiven und selektiven marktförmigen Rahmenbedingungen beseitigt werden, die Armut und soziale Verwerfungen produzieren und dann der überforderten Schule zur Lösung hinwerfen.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Matthias Burchardt ist Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie an der Universität zu Köln und stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. Er ist entschiedener Kritiker der Bildungsreformen im Namen von PISA und Bologna. Zuletzt erschien von ihm der Aufsatz „G8 als Baustein eines Reformputsches gegen die humanistische Bildungskultur“ im Buch „weniger ist weniger: G8 und die Kollateralschäden“.


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