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Die Behandlung des Putin-Interviews in der ARD – Platz 1 der „Manipulation des Monats“

Veröffentlicht in: Manipulation des Monats, Medien und Medienanalyse

“Ich möchte Ihnen einen Kandidaten für die Rubrik „Manipulation des Monats“ vorschlagen, der in meinen Augen Platz 1 im August verdient hat“, schrieb ein Freund der NachDenkSeiten, und weiter: „Das Interview mit Putin im Ersten mit Thomas Roth und die unvollständige Veröffentlichung in der ARD sprechen Bände über den Zustand des deutschen „Qualitätsjournalismus“ und die einseitige Propaganda, die wir in täglicher Dosis erfahren.“ Die so auffallend gleichgerichtete Propaganda ist in der Tat erstaunlich. Dass unsere Medien sich mehrheitlich so sehr auf die Botschaft verständigen, dass Russland der Aggressor ist, dass sie zum Beispiel die Raketenaufstellung in Polen so kritiklos hinnehmen, das hat mich schon erstaunt. – Es gibt aber auch Zeichen der Hoffnung. Albrecht Müller

Ich zitiere zunächst wieder den Freund der NachDenkSeiten. Er schreibt: “Allerdings finde ich es erfreulich, dass die Bürger offenbar nicht so dumm sind (wie manch einer das gerne hätte) und den „Braten“ der Propaganda riechen, wie man beispielhaft in vielen Foren nachlesen kann.“ Siehe z.B. blog.tagesschau.de.

Das wäre zu ergänzen mit dem Hinweis auf Anne Wills Talkshow am Sonntag Abend. Da war wenigstens Pluralität hergestellt: der ehemalige amerikanische Botschafter Kornblum und der russische Botschafter von heute, Vladimir Kotenev, Egon Bahr, Fritz Pleitgen, der Luxemburger Ministerpräsident Juncker und das ehemalige Vorstandsmitglied der BASF Voscherau.

Zum manipulativen Umgang mit dem Putin-Interview:

Das Interview des Moskauer ARD Korrespondenten Thomas Roth mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin hätte ein wichtiger Vorgang in den deutschen Medien sein können. Roth äußert sich auch entsprechend stolz (siehe blog.tagesschau.de). Umso unverständlicher ist der manipulative Umgang mit diesem Interview:

  • Es wurde von der ARD um wichtige Passagen gekürzt, von 27 Minuten auf 9 (siehe dazu unten die Dokumente und die Links A, B und vor allem C). Als das Interview im Laufe des Abends des 29.8. mehrmals als Sondersendung angekündigt worden war, konnte man jedoch davon ausgehen, dass es ungekürzt gesendet wird.
  • Die ungekürzte Langfassung des Interviews wurde von der ARD nicht ins Netz gestellt. Das Interview wurde in der Kurzfassung auch nicht verschriftet ins Netz gestellt.
  • Das wäre aber nötig gewesen, weil der Übersetzer so unverständlich übersetzt hat, dass man meist nicht einmal die gekürzten Antworten Putins verstehen konnte. Thomas Roth weiß dies vermutlich und lobt den Diplom-Übersetzer zum Trotz dann auch noch.
  • Die Körpersprache des Interviewers Roth ist eindeutig: Herr Putin, Sie können sagen, was Sie wollen, Sie sind der Schuldige!

Dokumente und Links:

A. Neun Minuten Interview mit Wladimir Putin im Wortlaut bei ARD
„Mit Europa und den USA endet die Welt nicht“
Quelle: ARD

B. Das vollständige Interview der ARD, welches im russischen Fernsehen gezeigt wurde, in deutscher Übersetzung bei …
Quelle: russlandRU die Internet-Zeitung

C. Bei Spiegelfechter „Das Interview“.
Jens Berger zeigt im Spiegelfechter, aus anderen Quellen zitierend, durch entsprechende Markierung auf, was von der ARD weggelassen worden war.
Quelle: Spiegelfechter

D. Auch interessant, die PR-Anstrengungen auf beiden Seiten werden sichtbar:
Böse Bären, Tschaikowski und der Holocaust
Propaganda im Kaukasus-Konflikt
Quelle: FAZ

Auffallendes und Bemerkenswertes an der neueren Debatte zum Kaukasus-Konflikt:

In der folgenden Betrachtung werden verschiedene Dokumente und mediale Ereignisse einbezogen, außer dem Umgang der ARD mit dem Putin-Interview z.B. auch die Sendungen mit Anne Will vom 31.8. und mit Maybritt Illner vom 28.8.:

  1. Beginnen wir mit etwas Positivem: Anne Will fragte, ob wir wegen der Öl- und Gaslieferungen nicht zu sehr abhängig werden von Russland. Diese häufig gestellte Frage wurde anders beantwortet als bei anderen Gelegenheiten: Kooperation und gegenseitige Abhängigkeit sind wichtige Bedingungen für friedliches Zusammenleben. Wenn gleich mehrere (Voscherau, Bahr, Pleitgen) in einer öffentlichen Talkrunde in diese Richtung ziehen und man dann am gleichen Tag gelesen hat, was ein leibhaftiger Ministerpräsident aus Großbritannien geäußert hat, dann ist man ausnahmsweise einmal richtig froh, hier zu leben. Brown fürchtet Russlands „Energie-Würgegriff“, Gordon Brown will das Verhältnis der EU zu Russland grundsätzlich überdenken. Die Union dürfe nicht in die Abhängigkeit unverlässlicher Partner geraten, warnt der britische Premier – und fordert, schnell neue Öl- und Gaslieferanten zu suchen, hieß es bei SpiegelOnline. – Bei Anne Will wies der ehemalige Manager der BASF Voscherau daraufhin, dass die Energiegeschäfte mit Russland seit 40 Jahren laufen und schon zu Zeiten des kalten Krieges wie auch heute ausgesprochen verlässlich waren.
  2. Wer der Hauptschuldige bei diesem Konflikt ist und mit den kriegerischen Handlungen begonnen hat, ist eines der Hauptthemen. Interessant dabei ist, dass die Mehrheit der deutschen Medien aus der Behauptung, Russland sei der Aggressor, einen quasi nicht diskutierbaren Glaubenssatz machen. Die Debatte um Sanktionen der Europäischen Union wie auch die Selbstverständlichkeit, mit der man sich verpflichtet fühlt, Georgien beim Wiederaufbau zu helfen, sind Hilfskonstrukte zur Stützung der Hauptbotschaft: die Russen haben angefangen.
  3. Immer wieder wird die implizite oder explizite Schuldzuweisung an die Russen dazu benutzt, nicht nur die ökonomische Unterstützung für Georgien, sondern auch den Natobeitritt für selbstverständlich und beschleunigungsbedürftig zu erklären.
  4. In der Sendung von Maybritt Illner wurde von Rühe und anderen ganz selbstverständlich unterschieden zwischen Europa hier und Russland dort. Marieluise Beck ergänzte das Bild der Spaltung mit dem Hinweis, Europa stehe für Werte. Der russische Teilnehmer der Diskussion ergänzte sarkastisch: Russland sei aussätzig.
    Die Spaltung in Europa hier und Russland dort wurde sichtlich gepflegt. Bei Anne Will war davon nichts zu spüren. –
    Wenn diese Tendenz fortgesetzt würde, dann wäre das zugleich die Festigung dessen, was mit der Ausdehnung der NATO bis an die russischen Grenzen und der Stationierung von Raketen in Polen angelegt ist, und es wäre das Ende jener Vorstellungen aus der Zeit des Abbaus der Mauern zwischen Ost und West, dass in Europa ein System kollektiver Sicherheit angestrebt werden müsse.
  5. Rühe kam bei Maybritt Illner auffallend oft mit dem Argument, man müsse den Georgiern helfen, dass sie ihren Wohlstand vermehren und so wie früher zwischen der Bundesrepublik und der DDR zum Symbol der Überlegenheit des westlichen Systems würden. Das war eine sehr interessante Verknüpfung dieses außenpolitischen und militärischen Konfliktes mit einer Art innerer Mission, genauer Missionierung. Auch bei Kornblum in der Sendung Anne Will tauchte das gleiche Motiv auf. Das ist offenbar zwischen den konservativen Kräften diesseits und jenseits des Atlantiks abgesprochen. Nach deren Konzeption soll es offenbar einen neuen Wettbewerb der Systeme geben.
    Das ist eine abenteuerliche Entwicklung. Sie dient der Beweihräucherung des eigenen Systems. Die zur Zeit offen liegenden Schwächen – sichtbar an dem Zusammenbruch der Finanzmärkte und der politischen Korruption – werden damit überlagert. Der Versuch war auch im Dialog zwischen dem ehemaligen amerikanischen und dem heutigen russischen Botschafter in Deutschland erkennbar. Kornblum diagnostizierte eine aktuelle Kapitalflucht aus Russland. Der russische Botschafter verwies darauf, dass dies ein harmloses Problem gemessen am Desaster sei, das auf den amerikanischen Finanzmärkten angerichtet worden ist. Darunter leide auch die russische Wirtschaft.
  6. Interessant zu beobachten war, wie die Ausdehnung der NATO an die Grenzen Russlands als Ergebnis des Wunsches der Völker Mittel-, Ost- und Südosteuropas interpretiert wird. So geschehen bei Anne Will durch Kornblum und Junker.
    Dabei wird unterschlagen, dass es dafür zunächst einmal der Gedankenlosigkeit dieses Konzeptes bedurfte. Wenn der Westen weise gewesen wäre, dann hätte er keine neue Trennung zwischen den Völkern Europas geplant. Dann hätten beide Blöcke abgebaut gehört, oder wenn man das nicht will, hätte man Moskau anbieten können, Mitglied der NATO zu werden. (Siehe dazu auch den Tagebucheintrag vom 18.8.: „Neue Konfrontation Ost-West! Haben wir dafür 40 Jahre gearbeitet?“)
    Der Wille der Polen, der Esten, der Ungarn, der Georgier und so weiter, der NATO beitreten zu wollen, gründet also zunächst einmal auf der Alternativlosigkeit von Angeboten für ihre verständliche Sorge um Sicherheit. Außerdem wurde die NATO-Mitgliedschaft durch Agitation und durch eine interessante Verknüpfung populär gemacht. Die NATO-Mitgliedschaft läuft in diesen Ländern immer der Mitgliedschaft in der EU voraus. Wer Mitglied der EU werden will, muss de facto vorher Mitglied der NATO werden. Hinzu kommt dann noch, dass die Behauptung, die Völker an der Grenze zu Russland wollten mehrheitlich in die NATO, nicht stimmt. Das galt zum Beispiel für die Ukrainer nicht. Unter dem Eindruck des Waffengangs im Kaukasus und der einseitigen Zuweisung der Schuld an Moskau hat sich das vermutlich auch dort verändert.
  7. Dem georgischen Präsidenten stehen offenbar nahezu alle Medien offen. Er wird auch dann, wenn man an seinem Verstand zweifeln muss, breit eingeschaltet. Beispielhaft bei Maybritt Illner, die einen beachtlichen Teil der Sendung für die anschaulich aufgemachten Werbebotschaften Saakaschwilis zur Verfügung stellte. Interessant in diesem Kontext: Die Riege der Unterstützer für diesen Präsidenten ist schon so ausgebaut, dass sich hierzulande Journalisten finden, die Maybritt Illner vorwerfen, sie habe Saakaschwili nicht ausreden lassen. So zum Beispiel dem Sinn nach Reinhard Mohr in SpiegelOnline am 29.8.. Solche Äußerungen sind vermutlich organisiert von Publicrelations Agenturen. Dazu siehe Ziffer D bei den Dokumenten.
  8. Interessant war bei Maybritt Illner zu beobachten, dass Saakaschwili selbst bei seinen Freunden, beim ehemaligen Verteidigungsminister Rühe (CDU) und der grünen Abgeordneten Marieluise Beck, mit seinen erstaunlichen Äußerungen und seinem Gehabe Kopfschütteln auslöste. Der Auftritt dieses seltsamen Menschens und vor allem die erkennbare Gefährlichkeit wurden dann aber auch nicht andeutungsweise zum Gesprächsthema der Runde gemacht. Das wäre peinlich gewesen für seine Unterstützer.
    Selbstverständlich hat auch keiner und keine der Diskussionsteilnehmer moniert, dass der georgische Präsident seinen Auftritt mit einer Flagge der Europäischen Union im Hintergrund geschmückt hat. Georgien ist nicht Mitglied der EU. Man lässt ihm gnädig auch solche Anmaßungen durchgehen. Das mag als eine Kleinigkeit erscheinen. Im Kontext mit der Trennung von Europa hier und Russland dort ist es aber keine Kleinigkeit. (Siehe auch d.)
  9. Kosovo wird systematisch zu einem anderen Fall erklärt. Dabei wird genauso systematisch gelogen: Es wird behauptet, damals sei ernsthaft verhandelt worden. Das ist nachweisbar nicht der Fall gewesen.
  10. In der Sendung bei Anne Will wurde hoffnungsvoll vermerkt, durch den Kaukasus-Konflikt sei kein neuer Kalter Krieg ausgelöst worden und schon gar nicht bestehe die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen. Das hören wir gerne. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Gesprächsteilnehmer die Eigendynamik eines solchen Konfliktes und der begleitenden Propaganda unterschätzen. Außerdem haben solche Entwicklungen nachhaltige Wirkungen auf die innere Entwicklung der beteiligten Länder. Dabei können Zugzwänge entstehen, die wirklich gefährlich werden können. Bei Maybritt Illner war das sichtbar geworden. Der russische Vertreter hat nicht nur vermerkt, Russland werde zum Aussätzigen gemacht. Er notierte auch, dem Sinne nach: Wir haben alles gegeben, die Sowjetunion aufgegeben, die Grenzen zurückgenommen, wir haben Konzessionen gemacht – in der Hoffnung auf freundschaftliche Reaktionen. Wo sind sie? – Diese Einlassungen kennzeichnen ein Gefühl, das uns nicht gleichgültig sein kann. Jedenfalls sind solche Gefühle nicht ohne Wirkung auf die innere Entwicklung in Russland.
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