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„Villa Baviera ist obszön!“

Veröffentlicht in: Erosion der Demokratie, Länderberichte

Frederico Füllgraf berichtet für unsere Leser aus Santiago de Chile über den Kampf chilenischer Opferverbände gegen das Wellness-Resort Colonia Dignidad auf den Massengräbern ihrer Toten. Lesen Sie heute den ersten Teil. Die Fortsetzung erscheint morgen.


Vorwort

Die Informationsflut über Colonia Dignidad ist seit zwanzig Jahren kaum aufzuhalten. Dennoch ist des Schreckens restlose Geschichte noch lange nicht erzählt.

Es brauchte eines Spielfilms, damit auf Seiten der deutschen Regierung Bewegung in die “Causa Dignidad” kam: nach jahrelangem, intensivem Druck deutscher Stellen und chilenischer Menschenrechts-Organisationen, Justiz und Regierung, und dem reuevollen Bekenntnis der beschämenden Rolle der Bonner und Berliner Diplomatie, öffnete Außenminister Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Juli die Geheimakten des AA aus der Zeit von 1986 bis1996. Bedingung: Verfasser der Berichte – also Quellen wie Dignidad-Siedler, die deutsche Botschaft in Santiago, der BND und die CIA – dürfen nicht genannt werden.

Obwohl die rund 30 freigegebenen AA-Ordner längst vermutete, zum Teil dokumentierte Zusammenhänge nur bestätigen, liefern sie dem bisherigen Narrativ robuste Details und Beweise. So zum Beispiel, dass Dignidad-Guru Paul Schäfers schwerbewaffnete Wachmänner-Miliz mit dem Gefolge chilenischen Militärs und Geheimpolizei oft die Jagd auf Allende-Anhänger selbst anführte. Oder, dass die deutschen Siedler Manuel Contreras gefürchte DINA lehrten, “besonders brutal” in Folterverhören vorzugehen – “Fertigmachen!”, wie Schäfer wortgetreu zitiert wird.

Beim Massaker von Cerro Gallo – mutmaßlicher Haupthandlungsort unweit von Colonia Dignidad, der als “Unternehmen Colombo” bekannten, blutigsten Massenhinrichtung von 119 Gegnern der Pinochet-Diktatur – dirigierte Schäfer im Winter 1975 den gemeinsamen Einsatz der Dignidad-Miliz und des chilenischen Militärs aus einem Hubschrauber.

Alles war seitdem der deutschen Diplomatie bekannt. Auch, dass “Unternehmen Colombo” eine perfide Farce war: um von dem Massenmord und peinlichen Anfragen nach dem Schicksal der Ermordeten abzulenken, ließ Pinochets DINA je zwei Phantom-Zeitungen – eine in Argentinien, die andere in Brasilien – mit der Falschmeldung drucken, “chilenische Terroristen brachten sich im Rahmen einer internen Generalabrechnung gegenseitig um”.

Seit mehreren Jahrzehnten schmettert der vielfältig in die Umtriebe der Terrorsekte involvierte BND Anträge auf Einsicht in seine besonderen Dignidad-Akten systematisch ab – welch´ brisanteren, makaberen Enthüllungen dürfen da noch erwartet werden?

Im Jahr 1988 veranlasste Schäfer, der pädophile Koloniegründer und Mörder, die Umbenennung der als „Wohltätigkeits- und Bildungsgemeinschaft Würde“ (Spanisch: Dignidad) bekannten Siedlung in “Villa Baviera” (Bayerisches Dorf).

Hintergründe bildeten das chilenische Referendum von 1988 und die ersten Anprangerungen der Verbrechen durch aus der Kolonie geflüchtete Siedler. Als 60 Prozent der Chilenen gegen die Amtsverlängerung Augusto Pinochets bis 1997 mit “Nein” gestimmten hatten, war das baldige Ende der Diktatur erkennbar und löste Torschlusspanik unter Schäfer und seiner Leitungsriege aus. Der Befehl lautete: Spuren beseitigen! PKWs toter, politischer Häftlinge, die von der DINA geschenkt worden waren, wurden, wie bereits 1978, zerlegt und metertief begraben, sonstiges Beweismaterial ausgelagert oder verbrannt.

Bei Nacht und Nebel ergriff Schäfer schließlich die Flucht. Dass ihm die Geheimhaltung seines Aufenthaltes bis zu seiner 2005 erfolgten Verhaftung und Auslieferung aus Argentinien gelang, deutet auf Mithilfe eines eisernen Kreises von Sympathisanten und Beschützern, in Chile und in Deutschland.

Die Diktatur war 1990 am Ende. Ein Jahr später ordnete Präsident Patricio Aylwin die Auflösung des Rechtsstatus und die Eigentumspfändung der Kolonie an, die ihre Fühler außer nach Parral, auch auf die Städte Chillán, Bulnes und Quillón ausgestreckt hatte. Im Verlust des Wohltätigkeits-Status erkannte Schäfer den sofortigen Zwangsverzicht auf steuerrechtliche Vorteile, Schenkungen und dubiose Finanzierungsquellen, die die bis dahin nicht kontrollierte Eigentumsbildung der Enklave begünstigt hatten.

Tricks und Geldschiebereien machten es Schäfers Männern möglich, eine unter dem Akronym ABC bekannte Firmenholding aus dem Hut zu zaubern, die heute schätzungsweise bis zu dreißig Einzelunternehmen kommandiert – Agripalma S.A, Bardana S.A. und Cinoglosa S.A. – wovon “Villa Baviera” das werbeträchtige Aushängeschildt ist. Die drei ABC-Dachfirmen handeln mit breit gestreuten, lukrativen Einnahmen aus Immobilien, Gaststätten, Hotels, Gütertransport, Bergbau, Backerzeugnissen und Milchwirtschaft. Wegen Steuerschulden in Millionenhöhe und einem Embargo aufgrund anhängiger Prozesse auf sämtliche Liegenschaften ist das Dignidad-Geflecht hoch verschuldet.

Jedoch, mit “Villa Baviera” begann das Weißwaschen des durch weltweite Anprangerungen von Folter, Mord, Kindesmissbrauch, sexueller Gewalt, Waffenhandel, Sklavenarbeit, chemischer Gehirnwäsche und Justizbehinderung lädierten Images von Colonia Dignidad.

Mit der 2006 erfolgten Verurteilung Schäfers und zwanzig seiner engsten Mitarbeiter zu mehrjährigen Haftstrafen wollte die chilenische Justiz dem Leid der gedemütigten Siedler und dem Martyrium der seit 40 Jahren nach ihren verschwundenen Verwandten suchenden chilenischen Angehörigen ein Ende setzen. Gerechtigkeit ist jedoch längst nicht in Sicht, von über 100 nach Dignidad verschleppten Regimegegnern Pinochets fehlt jede Spur.

Die Kronzeugen-Regelungen Richter Jorge Zepedas stießen bald auf Unverständnis und Empörung: gegen Preisgabe einiger Geheimnisse wurde die Mehrheit der erwiesenen Verbrecher wieder auf freien Fuß gesetzt. Schlimmer: Die Preisgaben waren selektiv, darüber spotteten selbst einzelne Beschuldigte.

Zwischen Schweinshaxe, Dirndln und Massengräbern

Mit der Intervention von Polizei und Justiz, und der Ausschaltung des 2010 in der Haft verstorbenen Schäfers, wanderten mindestens 50 der 304 Gründungssiedler nach Deutschland zurück, die Mehrheit der Leitungsriege zog jedoch innerhalb Chiles um.

Auf Dignidad verblieben 140 Personen, die Hälfte davon im Rentenalter, darunter auch erwiesene Täter von Kindesmissbrauch und Sklaverei, die sich auf schizophrene Weise den Alltag mit der jüngeren Generation der Opfer teilen, doch mit ihnen eine neue und gefährliche Dignidad-Führungsgruppe bildet, die fest entschlossen ist, die Schreckensgeschichte der Kolonie auszublenden.

Mit ihrem Einfluss auf die Siedlungs-Geschäfte versucht die Gruppe um den zu drei Jahren Haft verurteilten Reinhard Zeitner – derselbe, der im Juli auf skandalöse Weise von der deutschen Botschaft zum Empfang von Bundespräsident Joachim Gauck eingeladen war – die Berichterstattung über die Kolonie-Geschichte unter Kontrolle zu bringen.

Das Immobilienbüro Neidenburg Limitada, im Besitz Zeitners und Hans Jörg Schreiber Nills, versuchte jüngst die Siedler zur Unterzeichnung eines “Rechteabtretungs-Vertrags” zu nötigen, der Medienauftritte von seiner Erlaubnis abhängig macht und damit erzielte Erlöse auf Neidenburg Limitada überträgt. Im Austausch für ihre Unterschrift sollten die Siedler je 5 Hektar Land erhalten. Die meisten durchschauten den Versuch, ihr Schweigen zu erkaufen, und fielen nicht auf den frechen Trick herein.

Der Machtkampf um die Kontrolle und die Zukunft von Dignidad ist ausgebrochen und beherrscht die Agenda der deutschen Diplomatie. Zum inakzeptablen Nachteil der Familienverbände der hingerichteten und verschwundenen, chilenischen Gefangenen. Für die nicht-deutschen Opfer fühlte sich die deutsche Regierung bisher weder verantwortlich noch zuständig.

Die touristische “Wiederaufbereitung” der Siedlung des Grauens in ein Wellness-Resort wird von den Chilenen zu recht als obszön bezeichnet.

Wie ist es möglich, dass Anna Schnellenkamp – Geschäftsführerin von “Villa Baviera” und Tochter des vielfältiger Verbrechen beschuldigten Schäfer-Tertius, Kurt Schnellenkamp – nicht verstehen will, dass jedem sensiblen Gast die Schweinshaxe im Hals stecken bleibt, bei der Vorstellung, unter dem Tisch könne sich eines der 8 bis 9 Massengräber ermordeter, chilenischer Widerstandskämpfer befinden, denen die chilenische Justiz auf der Spur ist?

Mitte September weilte zum zweiten Mal in diesem Jahr der Lateinamerikabeauftragte des Auswärtigen Amtes, Botschafter Dieter Lamlé, in Chile. Seine Mission war offenbar die Faktenermittlung zur Aufbereitung eines künftigen Hilfsfonds. Selbstverständlich nur für die deutschen Siedler. Im Namen der Familienverbände forderte deshalb Myrna Troncoso die Stornierung jeder Form finanzieller Unterstützung der Kolonie, die Schließung von “Villa Baviera” und die Errichtung einer internationalen Gedenkstätte zu Ehren der Opfer.

Für Jahresende 2016 kündigte das mit dem AA zusammenarbeitende Wannseehaus ein gemeinsames Seminar für die geschädigten deutschen Siedler und die chilenischen Familienverbände der verschwundenen Gefangenen an, von der sich die Bundesregierung Fortschritte in der gegenseitigen Annäherung erhofft – eine unglückliche Initiative, die zum Scheitern verurteilt ist.

Anfang des neuen Milleniums wurde den deutschen Dignidad-Siedlern psychotherapeutische Behandlung angeboten, doch bald wieder aufgegeben. Was das offizielle Deutschland offenbar nicht begreift, ist, dass ohne vorsorgende und nachhaltige, vor allem intensive Einzel-und Gruppenbetreuung, niemals konsequente und wünschenswerte Trauerarbeit stattfinden kann.

Erst die schmerzvolle Wiederaufarbeitung ihrer Tragödie kann diese Schar gehirngewaschener Mitläufer faschistischer Blut-und-Boden-Ideologie und fundamentalistischer Bestrafungslehre – bei denen Opfer und Täter oft die gleiche schizophrene Seele bewohnen – für aufrichtiges Mitgefühl und Respekt vor dem Leid ihrer langjährigen chilenischen Gastgeber befähigen.

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