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„Vertrauen müssen sich journalistische Medien heute mehr denn je erarbeiten“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Interviews, Medien und Medienanalyse, Medienkritik
Sebastian Köhler

„Wer wurde in den vergangenen 50 Jahren hierzulande warum und wie Journalist?“

Diese Frage wirft Sebastian Köhler, Professor für Journalismus und Kommunikation, im Interview mit den NachDenkSeiten auf. Sie führt direkt hin zu einem der großen Probleme der Medien: nämlich ihrer sozialen Zusammensetzung. Wenn Medien nicht die soziale Vielfalt abbilden, die in der Gesellschaft existiert, sondern ihren Nachwuchs hauptsächlich aus einer gesellschaftlichen Schicht rekrutieren, ist die Gefahr groß, dass sie zu einer Echokammer werden, in der nur noch die Vorstellungen von politischer und sozialer Wirklichkeit vorzufinden sind, die ihren Angehörigen entspricht.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Medien müssten, so fordert Köhler, ihre „sozio-strukturelle Einseitigkeiten“ praktisch und theoretisch reflektieren, um einer möglicherweise verzerrten Berichterstattung entgegenzutreten: „Welche Themen setzen wir warum und wie, und welche Informationsquellen und Meinungen zu diesen Themen recherchieren und produzieren wir? Inwieweit entspricht das wichtigen Entwicklungen in der Gesellschaft? Artikulieren wir (für) die Gesellschaft, oder nur unsere Echokammer?“, so Köhler, der an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) lehrt und auch praktisch als Journalist für die Nachrichtenagentur Reuters tätig ist. Ein Interview von Marcus Klöckner über Medien, die oftmals nur noch aus ihrer eigenen Filterblase berichten.

Herr Köhler, die Medien stehen seit geraumer Zeit in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, gerade bei zentralen politischen und gesellschaftlichen Themen zu einseitig und voreingenommen zu berichten. Außerdem stünden sie den Herrschenden zu nahe.

Nun ist diese Kritik alles andere als neu. Der US-amerikanische Soziologe Charles Wright Mills sprach bereits 1956 davon, dass sich Journalisten eines „Scheuklappenrealismus“ bedienten, Noam Chomsky zeigte gar auf, „wie uns die Medien manipulieren“ und der französische Soziologe Pierre Bourdieu legte zahlreiche Verwerfungen frei, die im journalistischen Feld vorzufinden sind. Kann es sein, dass die Medienkritik von akademischer Seite viel zu lange ignoriert wurde und die massive Kritik, wie sie nun teilweise auch aus der Breite der Bevölkerung kommt, das Ergebnis einer Medienlandschaft ist, die sich mit Vorsatz taub stellt, wenn ihre Arbeitsweise hinterfragt wird?

Dass Medien „manipulieren“, halte ich für normal. Das müssen sie sogar, denn sie sollen ja vermittelnd eingreifen in die gesellschaftliche Kommunikation. Die Frage ist, gemäß welchen Kriterien? Laufen diese Manipulationen transparent ab? Und diese Fragen stellen sich (und andere) dank Netzverkehr und neuer Mediennutzung nun sehr deutlich. Ich denke aber nicht, dass „Lügen“ (als bewusste) oder eben vorsätzliche Taubheit den Kern der Strukturprobleme treffen. Doch Sie haben Recht – es gibt schon lange kluge Journalismus-Kritik, aber erst mit Facebook und Twitter scheint nun Gegenwind auch aus ganz anderen Richtungen zur materiellen Gewalt zu werden.

Wir sollten auch den sozialen Zusammenhang beachten: In Gesellschaften wie der bundesdeutschen lassen sich – spätestens seit dem Ende der Systemkonkurrenz um 1989/1991 – längst vergessen gewähnte, wachsende Polarisierungen auf neuem Niveau beobachten. Dafür mögen Stichworte wie Abbau des Sozialstaates (siehe vor allem die kaum durchschaubaren Rentenkürzungen seit 1998), Aufrüstung/Aggressivität nach innen und außen, zunehmende Überwachung sowie ethnische oder religiöse Aufladung von sozialen Konflikten stehen.

Was wollen Sie damit sagen?

Da ich Journalismus als Teil von Gesellschaft zu begreifen versuche, also im Sinne Pierre Bourdieus als Feld, das sowohl strukturiert wird als auch selbst strukturiert (sich und die Mitwelt), entspricht dieser journalistische Hauptstrom tendenziell der Gesellschaft, zu der er ja in vieler Hinsicht gehört. Statt Widersprüche und Krisen zu artikulieren, wird sich in weiten Bereichen des Journalismus eher abgeschottet (was man paradoxerweise „den Anderen“ ja gerne vorwirft). Der „Mainstream des Mainstream“ im Journalismus, wie Ulrich Teusch das in seinem lesenswerten Buch „Lückenpresse“ nennt, hat sich von ganzen Schichten und Klassen hierzulande verselbständigt und entfremdet.

Diese Entfremdung des Journalismus von breiten Teilen der Bevölkerung ist einer der Hauptkritikpunkte, die immer wieder an der Berichterstattung geäußert werden.

Wir erleben gerade bei den großen politischen und gesellschaftlichen Fragen und Problemen immer wieder einen Journalismus, der seine Berichterstattung mehr aus der Perspektive „von oben“, aus Sicht der „Herrschenden“ ausrichtet als „von unten“, aus Sicht der „einfachen“ Menschen. Oder?

Ja, auch so kann man das beschreiben. Diese Entfremdung lief ja eher schleichend über Jahrzehnte und nun seit ca. 2015 aus Anlass der Diskussionen über Menschen auf der Flucht in Richtung Deutschland mit heftiger Dynamik. Es gibt nicht nur die selbstbezogene Blase der Rechtsextremen, es gibt geradezu spiegelbildliche Blasen in der etablierten Politik (supergroße Allianz von Union, SPD, Grünen und FDP), in den dominanten Sektoren der Wirtschaft sowie in der Kultur der Mitte – und daher auch in vielen Redaktionen.

Hierbei geht es nun nicht darum, zum Beispiel Vertretern von AfD oder Pegida nach dem Munde zu reden. Doch genau solche Effekte stellen sich ein, wenn derartige Tendenzen zunächst ignoriert werden und man dann im Umkehrschwung das Gefühl hat, Petry/Gauland/Höcke sitzen in jeder Talkshow.

Wichtige Teile der Medien vernachlässigen systematisch ihre Artikulationsfunktion, die ja ein zentraler Aspekt ihrer öffentlichen Aufgabe in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ist. Auch, weil der journalistische Hauptbereich viel zu homogen besetzt ist. In Deutschland sagen laut der immer noch aktuellen diesbezüglichen Studie von Weischenberg & Co. aus dem Jahre 2005 mehr als 35 Prozent der Journalistinnen und Journalisten, dass sie parteipolitisch den Bündnisgrünen zuneigen. Das heißt, die tatsächliche Anzahl mag noch höher liegen. Die einzige Partei außerhalb des Mainstream, die mit abgefragt wurde, die PDS, kam damals auf ein Prozent. An beiden Werten dürfte sich nach meinen Beobachtungen kaum Wesentliches verändert haben. Das soll kein moralisierender Vorwurf an die Kolleginnen und Kollegen sein – aber derartige sozio-strukturelle Einseitigkeiten müssten im journalistischen Feld praktisch und theoretisch reflektiert werden. Also – welche Themen setzen wir warum und wie, und welche Informationsquellen und Meinungen zu diesen Themen recherchieren und produzieren wir? Inwieweit entspricht das wichtigen Entwicklungen in der Gesellschaft? Artikulieren wir (für) die Gesellschaft, oder nur unsere Echokammer? Das ist ein weites und dringend zu beackerndes Feld!

Die soziale Zusammensetzung des journalistischen Feldes ist meines Erachtens mit einer der Schlüssel zum Verständnis des Konflikts zwischen großen Medien und Mediennutzern. In der von Ihnen angeführten Studie von Weischenberg heißt es auch:

„Journalisten sind in ihrer sozialen Zusammensetzung…nicht der Spiegel der Bevölkerung – so wenig wie Ärzte, Anwälte oder Wissenschaftler.“

Und weiter: „Journalisten unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Bildung vom Durchschnitt der Bevölkerung. Sie rekrutieren sich auch sehr deutlich vor allem aus einem Bereich der Gesellschaft: der Mittelschicht. Rund zwei Drittel der Väter von Journalisten (66,7 %) sind oder waren Angestellte oder Beamte; Kinder von Arbeitern stellen eine kleine Minderheit (8,6 %).“

Klarissa Lueg, die sich in ihrer Doktorarbeit mit der Herkunft von angehenden Journalisten, die die Journalistenschulen besuchen, auseinandersetzt – also quasi die Kaderschmieden der Branche – hat aufgezeigt, dass dass bei 71 Prozent der Journalistenschüler ein Elternteil studiert hat. Worauf deuten solche Forschungsergebnisse?

Unter anderem darauf, dass die Gesellschaft aktiver werden müsste in Richtung von mehr Vielfalt auch hinsichtlich dessen, wer warum und wie Journalist wird. Spätestens in sozialen Krisenzeiten kommt es sonst zu tendenziell pathologischen Verselbständigungen entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien. Und dann sind humane und demokratische, soziale und ökologische Lösungen alles andere als garantiert, wie der Übergang in die Nazizeit in Deutschland gezeigt hat.

Lassen Sie uns doch einmal näher auf die Erkenntnisse eingehen, zu denen Bourdieu kam. Wie lautet denn seine Kritik am journalistischen Feld?

Um Bourdieus Kritik am journalistischen Feld zu verstehen, ist es zentral, sein Habitus-Konzept zu verstehen.

Auch wenn Bourdieus Habitus-Theorie nicht ganz einfach zu verstehen ist, können Sie ein paar Worte dazu sagen, so dass diese auch einem soziologischen Laien verständlich wird?

Für Bourdieu ist der Habitus, über den jeder Mensch verfügt, die „Inkorporation des Sozialen in den Körper.“ Anders gesagt: Im Laufe unserer Sozialisation verinnerlichen wir Menschen quasi unsere Umwelt, also all das, was uns von außen prägt – was zu weitreichenden Rückkopplungen im Hinblick auf unser Verhalten führt (das ist nun sicherlich sehr verkürzt erklärt, aber das soll an dieser Stelle reichen.)

Das Interessante nun ist: Der Habitus ist Bourdieu zufolge gleichzeitig Produkt und Produzent menschlicher Handlungsweisen bzw. Praktiken aller Art. Über den Habitus können Menschen demzufolge kaum frei verfügen, sondern dieser Habitus wählt je nach Klassen- und Schichtzugehörigkeit jene Deutungsmuster aus, die nach dem zugeteilten Bildungskapital möglich sind.

Und hier kommen wir nun zu den Strukturproblemen im Journalismus.

In der Tat. Stellen wir uns doch einmal die Frage: Wer wurde in den vergangenen 50 Jahren hierzulande warum und wie Journalist?

Wenn Sie nun also nochmal an die Zusammensetzung des journalistischen Feldes denken und sich dann vor Augen führen, dass viele der Akteure in den Medien über einen relativ ähnlichen Habitus verfügen, dann wird deutlich, woher eine Berichterstattung kommt, deren Blick oft viel zu eng ist.

Wie soll es bei so einer sozialen Zusammensetzung des journalistischen Feldes möglich sein, dass zum Beispiel über Interessen und Konkurrenz diskutiert werden könnte – und nicht nur naiv über idealistisch behauptete „gemeinsame Werte“ oder vom mutmaßlichen Narziss Trump angeblich zerstörte „Freundschaften“ zwischen Staaten etc.

Was sagte Bourdieu noch?

Geradezu erhellend für die Anschlags- und Nachrichtenlagen dieser Tage finde ich sein Argument, ein wachsendes global-gesellschaftliches Problem liege in der zunehmenden Ungleichheit der Verteilung nicht zuletzt kulturellen Kapitals und damit kommunikativer Kompetenz auf verschiedene Milieus, Klassen, Länder und Weltregionen.

Können Sie diese Erkenntnisse auf die Berichterstattung übertragen, die uns heute geliefert wird? An welchen Stellen greift Bourdieus Medienkritik heute?

Mit Blick auf strukturelle Konflikte setzen Pierre Bourdieu zufolge insbesondere Journalisten im Bewegtbildbereich (TV, Online) in der Tendenz darauf, „dass es eher zu einer Konfrontation zwischen Personen (besonders Politikern) als zwischen ihren Argumenten kommt, auf Kosten dessen, was eigentlich Gegenstand der Debatte ist – das Haushaltsdefizit, die Steuersenkung oder die Auslandsverschuldung.“ Da das Wissen dieser Journalisten über die politische Welt im Wesentlichen auf persönlichen Kontakten und vertraulichen Mitteilungen beruhe (oder sogar auf Klatsch und Gerüchten) und weniger auf der Objektivität einer Beobachtung oder fundierten Recherche, neigen sie laut Bourdieu dazu, alles auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie als Experten gelten können. Und wir kennen das bis zum Abwinken: „Stimmt die Chemie zwischen Merkel und Macron?“ oder gerne auch „Melania Trump hat ihrem Gatten beim Staatsbesuch die Hand entzogen“ bzw. Donald Trump habe gerade beim Gipfel den Premier aus Montenegro wie beim Eishockey rüde gecheckt. Das haben wir gesehen – das können wir verstehen.

Wo noch?

Er spannte den argumentativen Bogen konsequent weiter und kritisierte offenkundige Effekte der Entpolitisierung gerade von sozial Unterprivilegierten. Viele klinkten sich schon seinerzeit (Bourdieu starb 2002) aus der Mediennutzung und sonstigen Beteiligung an der Gesellschaft aus. Und der Soziologe sah und monierte scharf, dass auch dies in hohem Maße den ohnehin Bessergestellten nutzen würde.

Zoomen wir näher an die konkrete journalistische Arbeit ran. Auf Ihrem Blog erwähnen Sie den Terroranschlag von Berlin.

Sie schreiben: „In der Berichterstattung zum Anschlag in Berlin fiel mir auf, dass Äußerungen der Sicherheitsbehörden immer wieder ohne Quelle angegeben oder in der Wirklichkeitsform (Indikativ) wiedergegeben und damit in den Rang von Tatsachen erhoben wurden.“ Wo genau liegt das Problem bei diesem Vorgehen?

Journalisten sollten möglichst unabhängig von den Interessen Dritter agieren, also unabhängig vor allem von den Interessen der Reichen und Einfluss-Reichen. Und das heißt hier konkret: Versionen als Versionen kennzeichnen, wie es Michael Haller formulierte. Die Kanzlerin und andere Mächtige sind ja ohnehin relativ häufig im Journalismus präsent – allein das stärkt in der Regel ihre Position durch pure Anwesenheit. Wenn es dann noch heißt: „Merkel will sich für eine Stärkung Europas einsetzen“, dann hätte das ihr Pressesprecher, der Ex-Heute-Moderator Steffen Seibert, nicht besser sagen können. Also nicht besser aus der Sicht von Merkel. Deswegen sollten Journalisten nicht so tun, als könnten sie in die Köpfe der Zitierten hineinschauen. Auch wenn, siehe Bourdieu, die Küchenpsychologie stets unterbewusst locken mag. Journalisten sollten hier einfach ihren Job machen und als Medienprofis zum Beispiel mit dem entsprechenden Konjunktiv arbeiten.

Und – nein, ich denke, solche Einordnung des Gesagten überfordert „die Leute da draußen“ auch in synchronen Medien wie Radio oder TV nicht.

Warum tun sich Journalisten gerade bei der Berichterstattung im Zusammenhang mit Terroranschlägen oft so schwer, genügend Distanz zu jenen Informationen aufzubauen, die von Behörden kommen?

Warum gleich „Terroranschläge“? Was erklärt das Wort „Terror“, wenn noch nicht einmal klar ist, ob es ein Anschlag war – siehe Manchester, wo zunächst von einer Explosion gesprochen werden musste. Das Wort „Terror“ ist ein stark wertendes und zudem, sachlich betrachtet, alles andere als trivial. Ich denke, es sollte von Journalisten mit besonderem Verantwortungsbewusstsein verwendet werden. Da aber Behörden-Vertreter oft die erste und wichtigste Quelle sind in solchen Fällen, liegt es nahe, deren Sprachregelungen zu übernehmen. Und das leider häufig, ohne jene Versionen von vornherein und klar als Versionen von Behörden-Vertretern kenntlich zu machen.

Ein anderes Beispiel, das aber auch auf das hier diskutierte Problem verweist: Nach dem Amoklauf in Winnenden gab der damalige Innenminister von Baden-Württemberg, Heribert Rech, eine Pressekonferenz. Darin sagte er, Tim K. habe seine Tat in einem Chatroom angekündigt.

Viele Medien übernahmen die Aussage von Rech. Später mussten sie feststellen, dass der Chatroom-Eintrag eine Fälschung war.

Was können Sie an diesem Beispiel erkennen?

In Fällen wie diesen scheint es eine ziemlich kollektive Neigung in vielen Redaktionen zu geben, mit der Welle mitzugehen und zu hyperventilieren. Einerseits möchte man nichts verpassen, andererseits zudem noch bestimmte Aspekte exklusiv präsentieren. Das führt oft zu explosiven Mischungen aus noch weniger Recherche und noch mehr Output. Und dann wundert man sich in Praxis und Wissenschaft über sinkende „Glaubwürdigkeit“. Wobei ich Letzteres im Sinne von „sinkender Glaubensbereitschaft“ auf Seiten der Nutzer eher für eine zivilisatorische Errungenschaft halte. Denn „glauben“ sollte man doch, wenn mensch denn möchte, (an) andere Entitäten als an journalistische Fakten oder Meinungen. „Vertrauen“ finde ich hier viel sinnvoller, und das müssen sich journalistische Medien heute mehr denn je erarbeiten. Aber auch dies sehe ich eher als Chance für Vielfalt statt Einfalt in diesem Feld.

Wie sieht es denn mit der Sprache aus, derer sich Journalisten bedienen, um über bestimmte Ereignisse zu berichten? Ist damit alles in Ordnung?

Sprache ist menschliches Werkzeug und Spielzeug und daher ständig in Entwicklung begriffen. Auf bestimmte Fehlergruppen treffen wir gerade im Journalismus immer wieder – ungewollte Mehrdeutigkeit, falscher Verbmodus, Übervereinfachung mit dem Spezialfall „falsche Verallgemeinerung“ („Wir sind Papst“, „Deutschland geht es so gut wie nie“), Tautologien etc. Und das weite Feld der klar wertenden Termini, die in informationsbetonten Texten wie Nachrichten vermieden werden sollten. Eckart Spoo verdanke ich die Anregung, „drohen“ und „warnen“ reflektiert zu verwenden. „Drohen“ klingt klar wertend, nur negative Dinge drohen (und dann wird auch der „drohende Streik“ schnell zur bösen Sache). „Warnen“ hingegen ist sogar eher positiv konnotiert. Und siehe da – auch unter Trump gilt für viele deutsche Medien: „USA warnen Nordkorea vor neuem Raketentest“, während es „natürlich“ umgekehrt weiterhin heißt: „Nordkorea droht den USA angesichts von deren aktuellem Manöver“.

Sind Ihnen weitere Beispiele bekannt, dass Journalisten sich einer Sprache bedienen, die an Objektivität einiges zu wünschen übrig lässt?

Mir fiel auf, dass im Kontext der mutmaßlich rechtsextremen Bundeswehroffiziere zunächst und meist von „Soldaten“ die Rede war, was ja nicht falsch ist. Aber es scheinen bisher zumindest drei Oberleutnants zu sein, also langjährig dienende, ausgebildete und studierte Offiziere und eben nicht irgendwelche eher kurzfristig engagierten Mannschaftsdienstgrade. Das kann auch als Verharmlosung verstanden werden. Objektivierung ginge anders.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich so viele Mediennutzer über die Berichterstattung der Medien beschweren?

Ich mag es da mit Karl und Jenny Marx und den ihnen von ihren Töchtern zugeschriebenen Lebensmottos halten: „An allem ist zu zweifeln!“, aber zugleich: „Verzweifle nie!“. Es gibt trotz aller Ökonomisierung Spielräume in den etablierten Medien, und nicht zuletzt gibt es neue Medien wie eben auch die „Nachdenkseiten“. Journalismus als Zweck, für die Nutzer und mit den Nutzern, als öffentlich-relevanter, für progressive gesellschaftliche Selbstkritik und Selbstgestaltung. Und eben nicht mehr (vor allem) als Mittel zum Zweck, um Werbung, pardon: „Native Ads“, zu verkaufen oder um Macht auszubauen.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach innerhalb der Medien ändern, um einen Journalismus vorzufinden, der nicht so viel Angriffsfläche bietet?

Journalismus dürfte künftig sogar noch wichtiger und spannender für uns alle werden. Denn die Datenfluten müssen in Informationen und Meinungsbildungsangebote für uns und mit uns umgewandelt werden. Menschen brauchen in unübersichtlich erscheinenden Zeiten auf neue Weise Orientierung und Mitsprache. Demokratisch verfasste Gesellschaften bedürfen möglichst unabhängiger Kritik und Kontrolle, um offen für verschiedene Entwicklungspfade zu bleiben.

Wir benötigen daher auch im Journalismus Vielfalt und Alternativen in vieler Hinsicht – bei den Eigentumsformen, in den öffentlich-rechtlichen Aufsichtsgremien und Verwaltungsräten (da sind keine Arbeitslosen, Leiharbeiter oder Werkvertrags-Scheinselbständigen vorgesehen), in der Ressourcengewinnung, in der Zusammensetzung der Redaktionen, in den Perspektiven, bei den Themen, in den Rechercheformen, in den Beiträgen, in der Interaktion mit den Nutzern. Inwieweit sich das in etablierten Medien ändern lässt, muss ausprobiert werden. Oder es gibt eben neue „Denkseiten“ – „nachdenken“ finde ich nämlich ähnlich wie „hinterfragen“ nicht so treffend wie „denken“ und „fragen“ – und last but not least mit Blick auf die immer mächtiger werdenden Intermediäre wie Facebook oder Google gibt es in beider Hinsicht viel zu tun, gerade für Journalisten als Denkende und Fragende. Um hier einen Ausblick zu wagen: Um „Fake News“ und Ähnliches sollten wir uns gemeinsam mit Journalisten selber kümmern und dürften das weder Regierungen noch Konzernen überlassen.


Hier bloggt Professor Sebastian Köhler.

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