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14. Dezember 2017
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„Uwe Barschel hat mit der CIA zusammengearbeitet“

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Innere Sicherheit, Interviews

Was verbindet die Fälle Uwe Barschel, Olof Palme und William Colby miteinander? 
Ihr Tod führt direkt oder indirekt zu den Netzwerken der ehemaligen Stay-behind-Strukturen der Nato. Davon gehen der NDR-Redakteur Patrik Baab und der US-amerikanische Politikwissenschaftler Robert E. Harkavy nach langjährigen und aufwendigen Recherchen aus. In dem gerade veröffentlichten Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste“ präsentieren sie nun die Ergebnisse ihrer Recherchen. Gut 8 Jahre haben die beiden Autoren gemeinsam für das Buch recherchiert, Harkavy fing mit seinen Recherchen bereits unmittelbar nach dem Mord an Olof Palme an. Ihr Recherchen, die sich auf bisher nicht bekannte Dokumente beziehen, haben es in sich und führen hinein in die Schattenwelt der Tiefenpolitik. Im NachDenkSeiten-Interview verdeutlicht Baab: Auch wenn die Fälle lange zurückliegen, so ist die Auseinandersetzung mit ihnen dringend angebracht. Grundlegende Vorgehensweisen und Strukturen, die in ihnen zu erkennen sind, spielen möglicherweise auch heute noch eine Rolle. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Herr Baab, Sie haben sich damit auseinandergesetzt, wie Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby gestorben sind. Was haben Sie herausgefunden?

Wir kommen zu dem Ergebnis: Nicht nur im Falle Palme handelt es sich um Mord. Auch in den Fällen Barschel und Colby deuten die Indizien am Tatort, der Tathergang, die Obduktionsergebnisse, aber auch ihre Verstrickung in die verdeckten Operationen der CIA auf Mord.

Im Fall Palme weiß man ja, dass es ein Mord war. Aber auch Barschel und Colby wurden ermordet?

Im Fall Barschel gab es immer Hinweise auf einen Mord. Aber hier fehlen Glieder in der Indizienkette, jahrelang dominierte die Selbstmord-Theorie. Doch die Spuren am Tatort, die im Körper gefundenen Gifte, insbesondere die Spuren von Dimethylsulfoxid, weisen in Richtung Mord. Auch die Motivlage – seine Verstrickung in Waffengeschäfte, seine Kontakte zur CIA – deuten in diese Richtung. William Colbys angeblicher Bootsunfall kann keiner gewesen sein: Der Leichnam wurde Tage später in einem bereits durchkämmten Abschnitt gefunden, er hätte gegen die Strömung dorthin treiben müssen, er war nicht aufgedunsen.

Bevor wir jetzt auf die Details eingehen: Was haben Sie noch herausgefunden?



Alle drei Morde, von denen wir hier sprechen, hängen miteinander zusammen. Der Zusammenhang ist durch die Verstrickung in illegale Waffengeschäfte und in die verdeckten Operationen der CIA gegeben, auf je unterschiedliche Weise. Außerdem: Wir kommen zu dem Ergebnis, dass CIA und MI6 über die Leitungsorgane der NATO-Geheimarmee „Stay-behind“ den Mord an Olof Palme geplant und den Auftrag an einen Subunternehmer vergeben haben, um eine Beteiligung jederzeit abstreiten zu können. Der Deckname des Täters war „Nass Beirut“. Die Befehlskette, so ein CIA-Whistleblower, reicht über Ted Shackley, Oliver North und William Colby bis zum ehemaligen CIA-Direktor und damaligen Vizepräsidenten George H. W. Bush.

Das sind weitreichende Erkenntnisse. Welche Beweise haben Sie?

Dass Stay-behind hinter dem Mord an Olof Palme steckt, ist ja schon häufiger vermutet worden. Wir können nun anhand der uns vorliegenden Geheimdokumente den Nachweis führen.

Bitte genauer, auf welcher Faktenbasis beruhen die Erkenntnisse?

Wir ziehen Quellen und Dokumente aus acht verschiedenen Geheimdiensten heran, darunter die CIA, Stay-behind, der frühere Geheimdienst der CSSR, STB, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, der BND, das Bundesamt für Verfassungsschutz, der sowjetische Militärgeheimdienst GRU, der iranische Geheimdienst und der Mossad. Daneben haben wir mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen. Nicht alle dürfen wir nennen und zitieren, vielen mussten wir Anonymität zusichern.

Warum nun haben Sie gerade diese drei Fälle zusammen in einem Buch bearbeitet? Sie sagen, es gibt Zusammenhänge?

Genau. Es gibt Verbindungen zwischen den drei Morden. William Colby hat von 1949 bis 1959 Stay-behind in Italien und in Schweden aufgebaut, obwohl Schweden als neutrales Land nicht der NATO angehört. Das wissen wir von Colby selbst: Er beschreibt es in seinen Memoiren „Honorable Men“. Außerdem war Colby beim Mord an Olof Palme Teil der Befehlskette, die Täter konnten auf vorhandene Stay-behind-Strukturen zurückgreifen. Olof Palme wollte bei seinem für Frühjahr 1986 geplanten Besuch bei Michail Gorbatschow in Moskau über eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa und ein neutrales Skandinavien sprechen. Diese Pläne liefen der NATO-Strategie zuwider. Sie sah vor, im Kriegsfall einen Präventivschlag gegen die sowjetischen Militärbasen auf der Halbinsel Kola zu führen, wofür insbesondere die militärischen Einrichtungen in Norwegen notwendig waren. Außerdem ließ Palme den schwedischen Waffenschmuggel im Rahmen der Iran-Contra-Affäre zumindest zeitweise stoppen. Dies stand den Interessen des Weißen Hauses und der schwedischen Rüstungsindustrie im Weg. Denn viele großen schwedischen Konzerne wie Saab, Bofors, Dynamit Nobel, Kockums sind eben auch Rüstungsschmieden und auf Waffenexporte angewiesen.

Kurz: Iran-Contra-Affäre?

Mit Iran-Contra-Affäre wird eine verdeckte Operation bezeichnet, mit der während des Krieges zwischen Irak und Iran trotz eines Verbots des US-Kongresses heimlich Waffen an Teheran geliefert wurden, um US-Geiseln im Iran freizubekommen. Mit den Erlösen aus diesen Lieferungen wurden wiederum Waffen und Ausrüstung für die antisandinistischen Contra-Rebellen in Nicaragua beschafft. Die Affäre wurde nie ganz aufgeklärt. Ermittlungsrichter Lawrence D. Walsh konzentrierte sich auf die Verantwortlichen in den USA. Hätte er sich um eine umfassende Klärung der Zusammenhänge bemüht, wäre er vermutlich auch auf Uwe Barschel gestoßen.

Auf Barschel?

Ja, denn Uwe Barschel hat mit der CIA zusammengearbeitet.

Barschel soll mit der CIA zusammengearbeitet haben? Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Das wissen wir von der CIA selbst. Eine entsprechende – geheim gestempelte – Bestätigung ist Teil der Ermittlungsakte Barschel in Lübeck. Über den Gegenstand der Zusammenarbeit macht die CIA keine Angaben. Aber es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Barschel zu einem der wichtigsten Vermittler von Iran-Contra-Waffengeschäften, Adnan Kashoggi, Verbindungen hatte und als Notar zusammen mit seinem Sozius Hans-Michael Moll als eine Art Treuhänder oder Vermittler in diese Waffenschiebereien eingebunden war. Dies bestätigen Dokumente mehrerer Geheimdienste und zahlreiche Zeitzeugen.

Gehen wir auf die drei Fälle näher ein. Zunächst: Was muss man zu Olof Palme wissen?

Die Literatur zum Mord an Olof Palme füllt Bibliotheken. Die meines Erachtens umfangreichste Abhandlung hat Ole Dammegard geschrieben: „Coup d’État in Slow Motion“. Doch ein wichtiges Dokument fehlt ihm: Es ist das Besprechungsprotokoll des Allied Clandestine Committee – Secret Operations Planning Staff vom 15. Dezember 1985. Das ACC ist das Koordinierungsgremium der NATO-Geheimarmee Stay-behind, in dem auch Schweden, Israel und Südafrika vertreten waren, SOPS ist sein operativer Arm. In diesem Dokument werden Motive und Planungen des Mordes an Olof Palme klar beschrieben. Als Robert E. Harkavy und ich Ole Dammegard dieses Dokument vorgelegt haben, erklärte er überrascht: „Nach diesem Dokument habe ich 30 Jahre lang gesucht. Es ist hundertprozentig echt!“ Davon gehen auch wir aus. Denn die Quelle ist absolut verlässlich. Wenn Sie dieses Protokoll dem BND vorlegen, wird er bestenfalls erklären, es handle sich um eine Fälschung des KGB. Aber was sollen sie auch sonst sagen? Auch die NATO wird die Existenz dieser Organisation nicht kommentieren. Aber dass es sie gegeben hat oder immer noch gibt, ist belegt – durch Dokumente aus Norwegen, Italien, Schweden, der Bundesrepublik, durch William Colby selbst und nicht zuletzt durch die Dokumente, die uns vorliegen.

Spulen wir vor. Am 28. Februar 1986 wurde Palme ermordet.

Ja, etwa 20 Zeugen haben die Tat gesehen. Teilweise beschreiben sie den Täter, seinen Fluchtweg, die Waffe, mögliche Helfer.

Welche Auffälligkeiten gab es nach dem Mord?

Der Tatort existiert überhaupt nicht.

Wie meinen Sie das?

Er wurde nur engräumig abgesperrt. Mit einer Schneefräse wurde der Schnee rund um den Tatort gesammelt, ins Hauptquartier der Säpo, der schwedischen Sicherheitspolizei, gebracht und eingehend untersucht. Ergebnis: nichts. Stunden nach der Tat werden in der bereits geräumten Fläche zwei Kugeln gefunden, die eine 6, die andere 36 Meter vom Tatort entfernt.

Also die Kugeln wurden sehr nah am Tatort gefunden.

Und genau das ist merkwürdig. Ballistiker sagen übereinstimmend, dass eine Kugel eines so schweren Kalibers unmöglich so nah an der Abschussstelle gefunden werden kann. Offensichtlich wurden die Kugeln dort abgelegt, um wie zufällig gefunden zu werden. Trotzdem präsentiert Ermittlungsleiter Hans Holmér eine Smith&Wesson .357 Magnum als Tatwaffe. Waffenexperten geben dagegen an, dass auch andere Modelle dieses Kalibers in Frage kommen. Wir haben also keine Kugeln, keine Tatwaffe, nichts. Aber was wir haben, sind offensichtliche Vertuschungsversuche. Ausgerechnet Ermittlungsleiter Hans Holmér will in der Tatnacht bei einem Skiwettlauf in Borlänge gewesen sein. Sein Fahrer sagt aber, er habe ihn kurz nach dem Mord am Tatort vorbeigefahren. Das Hotelpersonal gibt Holmér kein Alibi. Wir haben also hier die Situation, dass der Ermittlungsleiter im Falle Palme, Hans Holmér, ein Alibi braucht, aber keins aufweisen kann. Wenn das stimmt, fällt auf Hans Holmér ein dringender Tatverdacht. Und so geht es weiter: Die Spuren, die verfolgt werden, laufen ins Leere. Die Hinweise, die es gegeben hat, werden nicht verfolgt. Zeugen werden von der Polizei weggeschickt, bedroht oder gar nicht erst vernommen.

Weiter zu Ihren Recherchen. Was können Sie nun an neuen Kenntnissen präsentieren?


Der Borlänge-Betrug um Hans Holmér, der sogenannte Sabbatsberg-Betrug um die mysteriöse Rolle von Lisbet Palme, der Chamonix-Betrug um Palmes jüngsten Sohn Marten, die Bedeutung des Waffenhandels – das haben Journalisten wie Sven Anér, Ole Dammegard, Bo G. Andersson, Micke Olander und Richard Reeves herausgearbeitet. Hier fassen wir lediglich den Sachstand zusammen, den wohlgemerkt Journalisten zusammengetragen haben, nicht die Ermittler. Die haben sich darauf konzentriert, einen drogenkranken Kleinkriminellen namens Krister Pettersson als Einzeltäter ans Messer zu liefern. Ein Berufungsgericht sprach ihn schließlich frei. Pettersson hatte eine Woche vor dem Mord einen Schnapsladen ausgenommen und lief danach direkt der gegenüber wartenden Polizei in die Arme. Er wäre mit einem Mord völlig überfordert gewesen. Es ist offensichtlich, dass hier ein Sündenbock gesucht wurde, um die Frage nach den politischen Hintergründen des Mordes nicht stellen zu müssen.

Sie gehen nun aber über diesen Erkenntnisstand hinaus?

So ist es. Wir haben die Hintermänner des Mordes, die Planungsgremien, die Befehlskette, den Decknamen des Täters und den Klarnamen des mutmaßlichen Täters.

Nämlich?

Vermutlich ein Mann namens Hamid Dadashnijad, ein iranischer Kurde und früherer Mitarbeiter des SAVAK, der von der CIA für die Tat ausgebildet wurde. Man muss dazu wissen, dass nach dem von Washington und London 1953 angezettelten Putsch im Iran der Schah-Geheimdienst SAVAK von der CIA aufgebaut wurde. Die SAVAK war die verlängerte Werkbank der CIA.

Ihre Schlussfolgerung zum Mord an Olof Palme lautet also?

Olof Palme ist den Geheimdiensten der NATO, ihren strategischen Planspielen und ihren illegalen Waffengeschäften an den Parlamenten vorbei in die Quere gekommen. Deshalb wurde er aus dem Weg geräumt. Denn anders als Olof Palme ging es diesen Leuten nie darum, den Kalten Krieg zu beenden. Es ging immer darum, den Kalten Krieg zu gewinnen. Auch davon handelt unser Buch.

Nun zu Uwe Barschel. Über seinen Tod wurde viel geschrieben und gesagt.

Das ist richtig. Jahrelang dominierte die Selbstmord-Theorie. Ich selbst bin 1997 nach Kiel gekommen und war damals an der Darstellung des Magazins „Der Spiegel“ orientiert. Damals habe ich dem Ermittlungsführer im Falle Barschel, dem leitenden Oberstaatsanwalt Heinrich Wille, gewiss Unrecht getan. Doch mehr und mehr musste ich lernen, daß ich mit der Selbstmord-Theorie auf dem Holzweg war. Heute bin ich überzeugt: Die Spuren am Tatort, die Obduktion, die Motivlage weist in Richtung Mord.

Was sollte der Leser, der an dem Fall Barschel interessiert ist, wissen?

Die beste Einführung in den Fall ist Heinrich Willes Buch „Ein Mord, der keiner sein durfte“. Hier sind alle wesentlichen Spuren und Ermittlungsansätze genannt. Wir können seine Überlegungen mit weiteren geheimdienstlichen Dokumenten und neuen Aussagen von Zeitzeugen ergänzen.

Weitere geheimdienstliche Dokumente? Neue Aussagen?

Ein wichtiger Ausgangspunkt sind die Aussagen von Barschels Fahrern. Sie berichten von heimlichen Reisen bei Nacht und Nebel in die DDR. Eine Überschreitung der schwer bewachten innerdeutschen Grenze ohne Visum und Kontrolle – das war nur möglich mit geheimdienstlicher Abdeckung von beiden Seiten. Uns liegen Aussagen einer Kellnerin des Hotels „Neptun“ in Warnemünde vor. Sie hat mitgehört, wie Barschel und ein Herr Schreiber mit Mitarbeitern des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski über illegale Geschäfte verhandelt haben. Dieses Dokument ist nach 1990 nur deshalb nicht von West-Geheimdiensten beseitigt worden, weil es zu Tarnungszwecken bei der Kriminalpolizei abgelegt war und dort nicht gezielt gesucht wurde. Zu den wichtigen Dokumenten gehört weiter ein Leitungsbericht des CSSR-Geheimdienstes STB. Danach hat Barschel versucht, Provisionen aus Waffengeschäften in den Wahlkampf der CDU zu lenken.

Und dann kam auch er ums Leben.

Er wurde von einem Reporter des Stern am 11. Oktober 1987 im Genfer Hotel „Beau Rivage“ tot in der Badewanne gefunden. Auch hier existiert der Tatort gar nicht. Der Reporter hat das Hotelzimmer mehrfach aufgesucht, hat Unterlagen mitgenommen, wieder zurück gebracht. In Barschels Kalender fehlen teilweise Seiten. In seinem Körper wurden Medikamente gefunden. Die Packungen der Medikamente fehlen. Spätere Analysen der Abbauprodukte im Körper des Toten haben ergeben, dass Barschel zunächst Sedativa zugeführt wurden, erst dann das tödliche Gift. Schließlich wurden Spuren von Dimethylsulfoxid gefunden. Dies ist ein Kontaktstoff, der in der Tiermedizin dazu verwendet wird, Medikamente durch Einreiben über die Haut zuzuführen. Ein solches Präparat macht bei einem Selbstmord keinen Sinn. Es gibt Hinweise aus mehreren Geheimdiensten, dass er ermordet wurde. Danach stellt seine Verstrickung in Waffengeschäfte das Motiv dar. Zahlreiche Hinweise existieren, dass er auf Veranlassung der CIA, zumindest aber mit ihrem Einverständnis oder stillschweigender Duldung, umgebracht wurde.

Wir können an der Stelle nicht den gesamten Fall Barschel durchgehen, aber: Worauf sind Sie bei Ihren Recherchen noch gestoßen?

Die uns vorliegenden Dokumente der NATO-Geheimarmee Stay-behind erwähnen den Namen Barschel nicht. Genannt werden aber zwei wichtige Schauplätze seines Lebens: Kiel und die Firma IMES, eine Waffenhandelsfirma der Stasi, die in Kavelstorf bei Rostock ein Lager hatte. Dieses Waffenlager hat Barschel aufgesucht. Wir wissen, dass sich im DDR-Hafen Rostock-Warnemünde die Nord-Süd- und die Ost-West-Pipeline des Waffenhandels kreuzten: Dort wurden schwedische Waffen Richtung Iran umgeschlagen, aber auch Ostblock-Waffen Richtung Südamerika. Die DDR brauchte Devisen. Und westliche Länder konnten illegale Aktivitäten hinter dem Eisernen Vorhang gut entfalten, weil sie dort dem Blick der Parlamente und der Medien entzogen waren. Teilweise wurden diese Waffen auch über den Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel transportiert. Denn der Nord-Ostsee-Kanal war nach dem Versailler Vertrag von 1919, der bis zur deutschen Wiedervereinigung gültig blieb, eine internationale Wasserstrasse und als solche dem Zugriff deutscher Zollbehörden entzogen.

Worauf sind Sie noch gestoßen?

Dass dies alles nur mit Wissen und Billigung der Bundesregierung und des Bundesnachrichtendienstes möglich war. Denn wir reden hier nicht über zehn Jagdgewehre, sondern über Schiffsladungen.

Ihre Schlussfolgerung zum Fall Barschel lautet?

Im Falle Barschel deutet fast alles auf Mord. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass er damit gedroht hat, seine Kenntnisse über diese illegalen Embargogeschäfte öffentlich zu machen, wenn er nicht eine größere Summe als Schweigegeld erhält. Wie Journalisten in der Schweiz berichten, haben deutsche Stellen bei den Behörden in Genf darauf gedrängt, den Fall als Suizid darzustellen. Ein ehemaliger deutscher Ministerpräsident liegt tot in der Wanne eines Genfer Hotels – und der Generalbundesanwalt zieht die Ermittlungen nicht an sich? Das ist sehr ungewöhnlich. Aber die Bundesanwaltschaft ist eben auch nur eine weisungsgebundene Behörde.

Zum Fall William Colby. Was muss man wissen, um seinen Tod einschätzen zu können?

William Colby war Direktor der CIA. Doch zuvor hat er – als junger CIA-Mitarbeiter – in Italien und Schweden Stay-behind, auch Gladio-Network genannt, aufgebaut. Er hatte also erhebliches Personen-, Struktur- und Zugangswissen, was es als durchaus glaubhaft erscheinen lässt, dass er beim Mord an Palme Teil der Befehlskette war. Zum zweiten leitete William Colby zusammen mit Ted Shackley im Vietnamkrieg die „Operation Phoenix“, bei der – genaue Zahlen gibt es nicht – mindestens 20.000 mutmaßliche Unterstützer des Vietkong erschossen wurden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des CIA-Chefs arbeitete Colby als Justiziar der Nugan-Hand-Bank in Sydney. Diese Bank war eine Geldwaschanlage der CIA, über die Profite aus dem Waffenhandel und dem Drogenhandel im Goldenen Dreieck legalisiert wurden. Die Nugan-Hand-Bank hatte auch einen Ableger in Hamburg: die F. A. Neubauer Bank. Dies wissen wir aus den Unterlagen australischer Ermittlungsbehörden, die gegen diese Schattenbank nach ihrem Kollaps 1980 ermittelten. Colby hatte also Wissen, das einer bestimmten Gruppe in der CIA, darunter auch Ted Shackley und George Bush, gefährlich werden konnte. Dies reicht als Motiv für einen Mord. Man darf sich Geheimdienste nicht als monolithische Blöcke vorstellen. Wie in jeder Bürokratie gibt es da Seilschaften, konkurrierende Kräfte, Interessengegensätze. Ein sehr konservatives Netzwerk umfasste unter Anderem die langjährigen CIA-Mitarbeiter George Bush, Ted Shackley, Robert Gates.

Colby starb im April 1996.

Angeblich war es ein Bootsunfall. Doch die Umstände sind merkwürdig. Auf dem Tisch soll er sein Abendessen stehengelassen, ein halb geleertes Glas Wein zurückgelassen haben. Trotz einer groß angelegten Suchaktion wurde zunächst sein Leichnam nicht gefunden. Man entdeckte den leblosen Körper Tage später an einem Strandabschnitt, an den er gegen die Strömung hätte angetrieben sein müssen. Der Körper war nicht aufgedunsen, wie sonst üblich bei Wasserleichen. Es gab keine Spuren von Vogelfraß. Aber die US-Ermittlungsbehörden zeigten auffallend wenig Interesse an einer Aufklärung des Falles und überließen die Ermittlungen den Behörden vor Ort.

Was haben Ihre Recherchen ergeben?

Das war kein Unfall, das war Mord. Denn Colby galt in weiten Teilen der CIA als unsicherer Kantonist. Colby hatte eine Vorladung des Kongresses erhalten. Man fürchtete, er werde Insider-Kenntnisse preisgeben. Für seinen Nachfolger als CIA-Chef, späteren Vizepräsidenten und dann Präsidenten George H. W. Bush wäre es sicher bedrohlich gewesen, wenn ihn Colby als Teil der Befehlskette beim Mord an Olof Palme öffentlich genannt hätte. Sowas mag man nicht.

Nun könnte man sagen: Die drei Fälle liegen lange zurück. Es gibt sicherlich ein berechtigtes historisches Interesse an ihnen, aber sollte sich wirklich eine breite Öffentlichkeit damit näher befassen?

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 haben fast alle Regierungen der NATO-Staaten ihren Geheimdiensten buchstäblich einen Freibrief ausgestellt. Die Mittel für Geheimdienste wurden erheblich aufgestockt, ihre Befugnisse und Zugriffsrechte wurden erheblich ausgeweitet. Das betrifft nicht nur die Überwachungsmöglichkeiten der Geheimdienste, die ja Edward Snowden am Beispiel der NSA teilweise aufgedeckt hat. Hier hat sich die Bundesregierung auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, weil sie ihm freies Geleit für eine Vernehmung durch den NSA-Untersuchungsausschuss verweigert hat. Es betrifft vor allem auch den Bereich verdeckte Operationen. So hat die CIA unbeobachtet von der Öffentlichkeit nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes in Libyen Waffen aus libyschen Beständen nach Syrien verfrachtet, um damit die islamistischen Anti-Assad-Kräfte aufzurüsten.

Die drei Fälle aus Ihrem Buch haben also eine Bedeutung, die bis in die heutige Zeit reicht?

Am historischen Beispiel kann man lernen, wie Geheimdienste arbeiten, wie die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wird, wie Whistleblower und Rechercheure buchstäblich madig gemacht, „zersetzt“ oder ausgeschaltet werden. Wie zum Beispiel der Genfer Privatdetektiv Jean-Jacques Griessen. Da hieß es nach seinem mysteriösen Tod: „Herzinfarkt. Der hat sich übernommen – im Puff!“ Aber das kann so nicht gewesen sein. Auch daran haben die Dienste gedreht.

Wenn Sie mit Ihren Erkenntnissen, zu denen Sie bei Ihren Recherchen gelangt sind, auf die heutige Zeit schauen: Welche Parallelen und Auffälligkeiten sehen Sie?

Es gibt eine klare Kontinuität geheimdienstlicher Methoden aus der Zeit des Kalten Krieges bis heute. Auch, wenn die Iran-Contra-Affäre Geschichte ist: Es gibt keinen einzigen Hinweis darauf, dass Stay-behind aufgelöst und seine Strukturen zerschlagen wurden. Verdeckte Operationen laufen nach wie vor – die amerikanischen Drohnenkriege, die ohne die US-Basis in Ramstein nicht geführt werden könnten, die heimlichen Waffenlieferungen an die Anti-Assad-Kräfte in Syrien. Die Auslagerung politischer Morde an Subunternehmer – das Secret Service Subcontracting – ist spätestens mit dem zweiten Irakkrieg noch ausgeweitet worden. Viele Aufgaben wurden ausgelagert an private Sicherheitsfirmen wie Blackwater Worldwide, heute Academi. Es ist weitgehend undurchsichtig und der parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen, was da geschieht. Es geht dabei auch immer um „Plausible Deniability“, also die Möglichkeit, durch Auftragsvergabe an Dritte eine eigene Beteiligung jederzeit glaubhaft abstreiten zu können. Gezielte Tötungen werden nach wie vor durchgeführt, die Ermordung von Osama bin Laden ist hier nur das prominenteste – und bereits verfilmte – Beispiel. Wir zeigen in unserem Buch auch, wie bei Säuberungsaktionen unliebsame Mitwisser aus dem Weg geräumt werden. Vertuschungsmaßnahmen sind nach wie vor üblich, um der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. Nach dem Ende des Kalten Krieges bleiben die damals entwickelten geheimdienstlichen Methoden auf der Tagesordnung.

Wie lange haben Sie denn für das Buch recherchiert?

Die ersten Recherchen von Robert E. Harkavy zum Fall Olof Palme reichen ins Jahr 1986 zurück. Denn Robert Harkavy war bereits 1985 Mitarbeiter des Stockholm International Peace Research Institute in Schweden. Meine Arbeit zum Fall Barschel begann 2007. Wir haben uns 2010 kennengelernt. Denn wir waren und sind beide Lehrbeauftragte der Universität Kiel. Im Januar 2011 haben wir damit begonnen, amerikanische und europäische Forschungsansätze und Dokumente miteinander zu vergleichen und zu verbinden. Denn vieles von dem, was in den USA längst bekannt ist, hat die bundesdeutsche Öffentlichkeit noch nicht erreicht. Das war der Kern unserer Arbeit: Wir haben lange Reisen unternommen und in den USA, Spanien, Frankreich, Tschechien, Deutschland, Russland und anderen Ländern Geheimdienstmitarbeiter und Zeitzeugen aufgesucht, ihnen Dokumente vorgelegt, uns mit ihnen beraten und manches auch erhalten.

Was müsste denn nun in den Fällen Palme, Barschel und Colby getan werden?

Die Geheimdienste müssten verpflichtet werden, die noch vorhandenen Dokumente und Unterlagen offenzulegen. Aber dies ist eine Illusion. Wenn überhaupt irgendwo auf der Welt ein Geheimdienst kontrolliert wird, dann in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort gibt es wenigstens ansatzweise eine Geheimdienstkontrolle. Aber speziell aus dem Bereich verdeckte Operationen wird eine Kontrollkommission oder ein Untersuchungsausschuss kaum Akten sehen. Das kennen wir ja aus dem NSU-Untersuchungsausschuss: Sobald Unterlagen angefordert werden, läuft der Reißwolf.


Weitersehen …


Buchvorstellung „Im Spinnennetz der Geheimdienste“ – Patrik BAAB und Heinrich WILLE 7/ 06.10.2017 / Bundespressekonferenz

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