• Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

Wenn man die Tagesschau auf ihre eigenen Fake News anspricht, wird es unfreiwillig komisch

Veröffentlicht in: Arbeitslosigkeit, Audio-Podcast, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik

Dass die offiziellen Arbeitslosenzahlen frisiert sind, ist kein großes Geheimnis. Die NachDenkSeiten veröffentlichen in den Hinweisen des Tages daher auch regelmäßig die ungeschönten Daten, die monatlich vom BIAJ veröffentlicht werden. Das wissen auch die Fake-News-Prüfer von correctiv und das Fragen-und-Antworten-Team der Tagesschau, die beide recht ordentlich über diesen Sachverhalt informieren. Erstaunlich ist jedoch, dass die Tagesschau selbst die Kompetenz im eigenen Haus nicht nutzt, die frisierten Zahlen regelmäßig unkommentiert veröffentlicht und dies auch noch mit abstrusen Rechtfertigungen verteidigt, wie unser Leser Ingo Kaufmann feststellen musste. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bei tagesschau.de war am 31.5.2017 zu erfahren das 2.498.000 Millionen Menschen ohne Arbeit in Deutschland sind. Diese Erfolgsmeldung über die niedrigste Erwerbslosenzahl seit 26 Jahren wurde von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht und von der tageschau wahrscheinlich, unhinterfragt übernommen. Nun konnte ich in einem Artikel von correctiv.org lesen, dass über 1 Million Arbeitslose nicht erfasst werden. Dazu möchte ich erwähnen, dass im Januar mehrfach zu lesen war, dass das Recherchebüro Correctiv sogenannte Fake News, also Falschmeldungen und Lügengeschichten richtigstellen soll! Nun meine Frage an Sie: Wer verbreitet in diesem Fall falsche Nachrichten? Ein in verschieden Medien mehrfach genanntes Recherchebüro mit Erwähnung der Beauftragung zur Richtigstellung von falschen Nachrichten. Oder die Öffentlich Rechtlichen, in diesem Fall die ARD, deren oberstes Ziel ist, gründlich zu recherchieren, Fakten zu erhärten und sie verständlich darzustellen.

Mit freundlichen Grüßen
Ingo Kaufmann

Diese Mail schrieb unser Leser Ingo Kaufmann an die Faktenfinder der Tagesschau-Redaktion. Zugegeben, diese Leserzuschrift ist natürlich ein wenig hinterhältig, da man davon ausgehen muss, dass auch die Redaktion von Deutschlands immer noch wichtigster Nachrichtensendung sehr genau weiß, dass sie streng genommen Regierungspropaganda verbreitet, wenn sie die offiziellen Zahlen unkommentiert als „Arbeitslosenzahlen“ veröffentlicht. Was spräche beispielsweise dagegen, zumindest die offizielle Zahl der „Unterbeschäftigung“ zusätzlich zu nennen, die auch von der Bundesagentur für Arbeit stammt und schon etwas aussagekräftiger ist?

Aber selbst an diesen geringen Erwartungen bemessen, fiel die erste Antwort der Faktenfinder bemerkenswert nichtssagend aus. „Während in den „Tagesschau“-Sendungen der Fokus zum Teil auf der neuesten Statistik liegt, halten wir auf tagesschau.de ergänzende Informationen […] bereit“, so die kurze und knappe Antwort der ARD. Wenn man also den Fokus auf neue Statistiken legt, darf man auch falsche oder besser in die Irre führende Zahlen vermelden? Und der Zuschauer solle doch bitte eigeninitiativ online nach den echten Zahlen suchen. Diese Sichtweise ist bedenklich; vor allem wenn man betrachtet, dass das Faktenfinder-Team ansonsten ja weniger mit dem Finden als mit dem Verdrehen von Fakten beschäftigt zu sein scheint.

Herr Kaufmann war nun erst recht empört und reichte eine Programmbeschwerde beim zuständigen Rundfunkrat des NDR ein.

Sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank für Ihre zeitnahe Antwort. Dies ist leider nur noch selten der Fall und manchmal erfolgt gar keine Reaktion. Daher möchte ich dies nicht nur erwähnen sondern auch loben.

Leider konnten Sie mir mit Ihrer Antwort nicht weiter helfen und ich komme daher Ihrer Aufforderung ein kritischer Begleiter zu bleiben, gern erneut nach.

Ich bin mit Ihrer Antwort nicht zufrieden, da es bei meiner Anfrage einerseits um einen aktuellen Beitrag (31.05.2017) geht und andererseits um Ihre Außenwirkung auf den Fernsehzuschauer. Es ist nicht zielführend auf ein Online-Angebot vor genau einem Jahr zu verweisen. Der gemeine Fernsehkonsument nimmt Ihre Nachrichten zur besten Sendezeit sofort und teilweise unhinterfragt auf. Er vertraut (zu Recht?) auf Ihre Unabhängigkeit und Ihre gewissenhafte Recherche. Außerdem erwartet er eine kritische Anmerkung oder einen Hinweis bei Unstimmigkeiten bei der Bekanntgabe jeglicher Statements von staatlicher Seite. Die ist (war?) u.a. die Aufgabe der sogenannten „vierten Gewalt“.

Ihre Berichterstattung hätte wie folgt klingen können (müssen!): „Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte heute die niedrigste Erwerbslosenzahl seit 26 Jahren, aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Wie wir seit Jahren berichten werden verschiedene Personengruppen nicht eingerechnet, was eine Million mehr an Erwerbslosen bedeutet. Wir haben Frau Nahles um ein Interview zur Richtigstellung der Zahlen gebeten. Leider war man vor laufender Kamera nicht zu einer Antwort bereit und weitere Nachfragen blieben bisher unbeantwortet.“ Oder so ähnlich! Sie können nicht erwarten, dass der interessierte Zuschauer alle Ihre Aussagen hinterfragt (Ihnen also generell misstraut, wollen Sie das?) und er hat auch nicht die Lust und vor allem nicht die Zeit sich Ihrem Hinweis entsprechend im Internet über die z.B. genaue Erwerbslosenzahl in einem nicht mehr aktuellen Online-Artikel zu informieren.

Ihre Antwort ist doppelt fatal! Einerseits machen Sie sich als öffentlich-rechtlicher Sender erneut unglaubwürdig und verdächtig, staatsnah zu berichten. Da Sie 2016 stolz berichteten fast zehn Millionen Zuschauer mit der „Tagesschau“ zu erreichen, haben Sie auch eine besondere Verantwortung zu einer kritischen und unabhängigen Information Ihrer Zuschauer. Und desweiteren verweisen Sie auf Online-Angebote die einen Anderen, aber näher an der Wahrheit vermittelnden Inhalt haben. Dann brauche ich kein Fernsehen mehr und kann mich gleich im Internet informieren. Sie sind also demnächst überflüssig, sie sägen am Ast auf dem Sie sitzen. Ist dies wirklich Ihr Plan? Dann möchte ich bitte keine Klagen mehr über die Entfremdung zwischen Zuschauer und Fernsehen hören. Sie tragen selbst dazu bei. Ich hoffe Sie sind nach dieser selbst gewünschten Kritik noch kommunikationsoffen. Noch eine Frage zum Schluss. Mir ist aufgefallen, dass ich keinen direkten Ansprechpartner habe. Während ich offen mit meinem Klarnamen mit Ihnen kommuniziere, verstecken Sie sich hinter einem Publikumsservice. Warum?
Ich hoffe Sie können meinen berechtigten Unmut verstehen. So funktioniert eine vernünftige Kommunikation nicht. Man kann nicht, weil man zu einem Fehler nicht stehen will, einfach nicht mehr antworten. Dies ist nicht nur unprofessionell sondern auch schlecht um verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Oder will man das gar nicht? Ist es Ihnen möglich auf eine angemessene Reaktion bei der Redaktion vom ARD-Faktenfinder hinzuweisen? Es wäre im Interesse der Gesellschaft, das die öffentlich-rechtlichen Sender glaubhaft ihrem mit Gebührengeldern bezahlten Informationsauftrag nachkommen.Vielen Dank für Ihre Mühe!

Mit freundlichen Grüßen
Ingo Kaufmann

Der adressierte Rundfunkrat Günther Hörmann hatte offenbar kein Interesse daran, sich mit Herrn Kaufmann auseinanderzusetzen und leitete die Zuschrift an die Redaktion von ARD-aktuell weiter, die für die Tagesschau redaktionell verantwortlich ist. Stellvertretend für die Redaktion antwortete der zweite Chefredakteur Marcus Bornheim Herrn Kaufmann in einem etwas ausführlicheren, aber keineswegs zufriedenstellenden Schreiben.

Es handele sich ja um keinen „Artikel“, sondern um eine „Infografik“, die Herr Kaufmann da kritisieren würde. Und in einer Grafik seien derlei Informationen natürlich nicht unterzubringen. Auch Bornheim verweist stattdessen lieber auf den Hintergrundartikel im Online-Angebot der Tagesschau, geht jedoch nicht auf die verständliche Beschwerde von Herrn Kaufmann ein, dass es einem Zuschauer der Tagesschau doch nicht zuzumuten sei, eigeninitiativ im Online-Angebot der Tagesschau nach vertiefenden Informationen zu suchen, um die Nachrichten besser einordnen zu können.

Stattdessen wird Marcus Bornheim lieber spitzfindig. Man sprach von „als arbeitslos Gemeldeten“ und nicht von „Arbeitslosen“ und weist daher „den Vorwurf der Falschdarstellung entschieden zurück“. Damit macht er sich jedoch komplett unglaubwürdig und lächerlich, da die „offizielle Arbeitslosenzahl“ mit der Zahl der als „arbeitslos Gemeldeten“ freilich auch nicht viel zu tun hat. Wer beispielsweise arbeitslos gemeldet ist und am Stichtag der Erhebung als krank gemeldet war, ist natürlich nichtsdestotrotz arbeitslos gemeldet. Würde die Tagesschau stattdessen von „nach offizieller Definition als arbeitslos Geltenden“ sprechen, sähe die Sache schon anders aus. So geht die „entschiedene Zurückweisung“ aber nach hinten los und der Zusatz, man lege „großen Wert auf Korrektheit“, wird zum Bumerang.

Noch grotesker ist Bornheims Verweis auf die „sprachliche Differenzierung“, auf die man ebenfalls „großen Wert“ legt. Da stellt sich die Frage, ob der zweite Chefredakteur der Tagesschau jemals eine Sendung der Tagesschau gesehen hat. In den regelmäßigen Beiträgen zu den „Arbeitslosenzahlen“ ist nämlich nicht nur von „als arbeitslos Gemeldeten“ die Rede. Die Sprecherin spricht von „der Zahl der Arbeitslosen“ und auch auf der Hintergrundgrafik ist von „Arbeitslosenzahlen“ die Rede. Eine Falschmeldung. Das wäre doch eigentlich ein Fall für den Faktenfinder der Tagesschau, aber da drehen wir uns ja im Kreis.

nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: