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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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22. Dezember 2014
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Das Spiel geht weiter: Jetzt wird mit Inflationsangst das Geschäft gemacht. (Finanzkrise XXXV)

Verantwortlich:

Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten machen in neuerer Zeit immer wieder darauf aufmerksam, dass sie vor der Gefahr einer Inflation gewarnt werden. Wenn man dann genau nachschaut, entdeckt man, dass die Warner Edelmetalle oder Sachwerte verkaufen wollen. Der Journalist Hermann Müller hat dazu aus Anlass einer einschlägigen Aktion der Postbank einen Beitrag geschrieben, den wir verbunden mit einem herzlichen Dank an den Autor übernehmen. Albrecht Müller.

Vorweg noch eine Anmerkung zur Sache: Wir stehen sehr viel näher vor einer heftigen Deflation als vor einer Inflation. Überall gibt es unterausgenutzte Kapazitäten an Maschinen und Anlagen und hohe Arbeitslosigkeit. Auch die Preisentwicklung zeigt keine Anzeichen für eine inflationäre Entwicklung, die vorhandene Nachfrage sowieso nicht.

Nun zum Beitrag von:

Hermann Müller
Postbank schürt Angst vor Inflation und empfiehlt eine durchaus riskante Anlage…

Die Postbank schürt Angst vor den Folgen einer möglichen Inflation. In „FinanzSpezial – Das Magazin der Postbank Finanzberater“, per Postwurfsendung an breite Bevölkerungsschichten verteilt, malt die Bank ein Schreckgespenst an die Wand. „Potentielle Inflationstreiber“ seien die Ausweitung der Geldmenge zur Überwindung der Wirtschafts- und Finanzkrise und die Rekordverschuldung des Staates. Die Bank verweist auf die 20er Jahre: Um 1923 sei der Preis für ein Hühnerei von 922 auf 320 Milliarden Papiermark angestiegen.

Nach dem Artikel („Sicher anlegen – in Sachwerte“) sind Anleger einer Inflation nicht hilflos ausgeliefert. Schutz bieten „Investitionen in Sachwerte“ wie Immobilien oder Edelmetalle. Anleger müssten nicht gleich ein „ganzes Haus kaufen“ oder „kiloweise Gold“ im Tresor „bunkern“, sie könnten auch in entsprechende Investmentfonds investieren – beispielsweise in den „DWS Sachwerte“. Dieser investiere in Aktien, Immobilien, Rohstoffe und inflationsgeschützte Anleihen. Durch diese Mischung könne der renommierte Fondsmanager Klaus Kaldemorgen „flexibel“ auf verschiedene Inflationsszenarien reagieren.

Ins gleiche Horn stößt die Fondsgesellschaft DWS, die Oliver Kahn zur Verkaufsförderung verpflichtet hat. In einem Werbe-Flyer wirft der frühere Nationalkeeper die Frage auf: „Wie kann ich meine Geldanlage auf eine mögliche Inflation vorbereiten“? Die Antwort liefert Fondsmanager Kaldemorgen: „In dem man zum Beispiel auf Sachwerte und Flexibilität setzt.“ Schutz vor Inflation biete der „DWS Sachwerte“ durch „ Investieren in Substanz“.
Die Botschaften kommen offenbar an. Rund 98,3 Millionen Euro hat der im Herbst 2009 aufgelegte Fonds eingesammelt (Stand 30. März 2010), doch Anleger wiegen sich in einer trügerischen Sicherheit. Die Werbung von DWS und Postbank („Sicher anlegen in Sachwerte“) ist fragwürdig. Was das Magazin der Postbank seinen Lesern und der DWS in seinem Werbe-Flyer verschweigen, steht in den Fondsinformationen und in den detaillierten Ausführungen im Verkaufsprospekt. Danach ist die als sicher angepriesene Anlage mit erheblichen Risiken verbunden.
Der DWS ordnet den als sicher beworbenen Fonds der„Risikogruppe 3“ zu. Mögliche Gefahren für die Anleger: hohe Kursrisiken aus möglichen Aktien-, Zins-, Währungsschwankungen, Bonitätsrisiken. Nicht ausgeschlossen seien Kursverluste auf Rohstoff- und Edelmetallmärkten. Es bestehe ein Emittenten-, Kontrahentenbonitäts- und –ausfallrisiko. Auch könne der Wert der Anlage unter den Kaufpreis fallen, zu dem der Anleger seinen Anteil erworben habe.
Laut Verkaufsprospekt muss der Fonds mindestens 51 Prozent ins sog. „Sachwerte“ (Immobilien, offene Immobilienfonds, Immobilienaktien, inflationsgeschützte Anleihen) investieren. Diese angeblich sicheren Sachwerte sind, das hat uns die Finanzkrise gelehrt, mit erheblichen Risiken verbunden. Laut Portfolioinformationen beträgt der Aktienanteil 49,8 Prozent, und 53,7 Prozent des Fondsvermögens sind in Fremdwährungen notiert – davon 20,5 Prozent in den US-Dollar und 6 Prozent im japanischen Yen (Stand 30. März 2010).
Die Risiken, die mit der Anlage verbunden sind, werden im Verkaufsprospekt auf den Seiten 8 bis 11 detailliert ausgebreitet. Dort erfahren potentielle Anleger, dass sich der angeblich so sichere DWS Sachwerte-Fonds an einer Vielzahl spekulativer Finanzgeschäfte beteiligen kann. So seien Anteile an „Hedge-Fonds“, die der DWS Sachwerte im Rahmen bis zu zehn Prozent des Sondervermögens erwerben kann, mit „erhöhten“ Risiken verbunden. Auch spekulative Optionsgeschäfte seien mit Verlustrisiken verbunden.

Der neue Fonds ist ein halbes Jahr jung und weist eine Wertentwicklung von Plus 4,72 Prozent aus (Stand 30. März 2010). Dieser kleine Gewinn ist ebenso wenig eine Garantie für die Zukunft wie Fondsmanager Klaus Kaldemorgen, der bei DWS zwei Schwergewichte steuert: Den Vermögensbildungsbildungsfonds I (Fondsvermögen 5,3 Milliarden Euro) und Akkumula (Fondsvermögen: 3,6 Milliarden Euro).

Die Bilanz von Fonds-Star Kaldemorgen muss sehr differenziert beurteilt werden. Diesem Anspruch wird der STERN (Ausgabe 13/2010) in seinem Geld-Journal („Nie mehr beraten und verkauft“) nicht gerecht. Der STERN präsentiert Kaldenmorgen als „Star der Szene“ und lobt: „Der DWS Vermögensbildungsfonds I schaffte seit 1990 ein Plus von fast neun Prozent im Jahr“. Das ist eine sehr unkritische und sehr geschönte Bilanz.

Vermögensbildungsfonds 1 und Akkumula (beide Risikogruppe 3) haben den Anlegern zwischen 1995 und 2000 – vor dem Platzen der Börsenblase – zwar viel Freude bereitet, danach war die Wertentwicklung von einem Auf und Ab gekennzeichnet. Bis 2003 verloren beide Fonds massiv, die Kurse erholten sich bis 2007 wieder an, um mit der Finanzkrise in 2009 erneut abzustürzen. Die Kurse des Vermögensbildungsfonds I schwankten in dieser Zeit zwischen 53,64 und 123,64 Euro – bei einem aktuellen (Rücknahme)-Kurs von 87,74 Euro (Stand 30. März 2010).

Von den Tiefswerten in 2003 und 2009 haben sich beide Fonds erholt, doch ein 10-Jahres-Vergleich ist enttäuschend. Anleger, die vor zehn Jahren eingestiegen sind und dem Vermögensbildungsfonds I (Risikogruppe 3) die Treue gehalten haben, sind heute ärmer: Der Wert ihrer Anteile ist um 14,4 Prozent (ohne Inflation) gesunken. Und der DWS Akkumula (Risikogruppe 3) machte im gleichen Zeitraum ein kleines Plus von 1,2 Prozent. Der von Kaldemorgen gemanagte Vermögenbildungsfonds I (Lux) mit einem eher bescheidenen Vermögen von 84,1 Millionen Euro kommt in fünf Jahren auf ein Plus von knapp 14 Prozent (Stand 30. März 2010).

Dass Fondsgesellschaften und Vermittler trotz der Risiken für diese Anlageform werben und Zugpferde wie Oliver Kahn einsetzen, hat einen Grund: Mit Fonds verdienen Manager und Vermittler sehr viel Geld. Die Kosten für Anleger sind erheblich: Zum Ausgabeaufschlag von fünf Prozent (bei der Postbank) kommt beim DWS-Sachwerte eine feste Jahresgebühr von 1,25 Prozent und eine „Service Fee“ von 0,2 Prozent des Fondsvermögens. Der Fonds muss außerdem bestimmte Kosten (für Rechtsgeschäfte und Kaufgebühren) tragen. Und die Fondsmanager erhalten eine erfolgsbezogene Vergütung. Steigt der Wert der Anteile jährlich um mehr als 10 Prozent, so erhalten die Fondsmanager für jeden Euro, der mehr verdient wird, eine Erfolgsbeteiligung von bis zu 25 Prozent.

Anleger, die den vollmundigen Versprechungen von Postbank und DWS nach Sicherheit durch Investitionen in Sachwerte glauben, wähnen sich mit dem DWS Sachwerte in einer trügerischen Sicherheit. Der Fonds hat Chancen, aber eben auch erhebliche Risiken. Die Verkaufsbotschaften von Postbank und DWS („Sicherheit durch Sachwerte“) halten den Ausführungen im Verkaufsprospekt nicht Stand. Offenbar zielen Postbank und DWS auf unbedarfte Verbraucher, die sich allein auf diese Versprechungen verlassen und Verkaufsprospekte nicht studieren.

Diese Lektüre des Kleingedruckten lohnt sich. So weist die Fondsgesellschaft im Verkaufprospekt auf Seite 11 ganz lapidar auf ein ganz besonderes Risiko hin, vor dem der DWS Sachwerte Fonds die Anleger eigentlich bewahren soll: „Die Inflation beinhaltet ein Abwertungsrisiko für alle Vermögensgegenstände.“ Nur die Angaben im Verkaufsprospekt sind für Anleger verbindlich, nicht vollmundige Versprechungen in schönen Flyern und Imagebroschüren!

Selbstverständlich kann man mit Fonds auch Gewinne machen – wenn man zum richtigen Zeitpunkt aus dem Fonds ein- oder aussteigt. Dazu müssen sich Anleger mit dem Finanzmarkt aktiv beschäftigen, das Auf und Ab beobachten und zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen treffen. Beispiel: Wer beim Vermögensbildungsfonds I und Akkumula zu Tiefstkursen (Frühjahr 2003 und Frühjahr 2009) eingestiegen ist, kann sich über Kursgewinne freuen. Wer im Herbst 2007 dort Geld angelegt hat, steckt immer noch im Minus.

Fazit: Für einfache Anleger, die sich auf den Finanzmärkten und mit der Börse nicht auskennen und die sich auf Fondsmanager verlassen (wie in der Werbung versprochen), kann es ein böses Erwachen geben. Sie sollten ihr Erspartes in wirklich sichere Anlagen (z. B. Tages- oder Festgeld) investieren. Sicherheit sieht jedenfalls anders aus als von Postbank und DWS versprochen!

Nachtrag AM: Wir zitieren noch eine Mail, die einen ähnlichen Vorgang – Werbung mit Inflationsangst – beschreibt:

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion der NDS,
auf der u. a. HP finden Sie u. a. einen Artikel über (angebliche) Anzeichen einer Währungsreform (DM II). Mir fällt es schwer, zu bewerten, ob da etwas dran ist. Weil ich Ihnen vertraue in Bezug auf volkswirtschaftliche Kenntnisse, bitte ich Sie um Ihre Einschätzung: Handelt es sich um ein Worst-Case-Szenario aufgrund von Existenzängsten des Verfassers oder sehen auch Sie eine hohe Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung?

Quelle: hartgeld.com [PDF – 420 KB]

AM: Ich habe unseren Leser darauf aufmerksam gemacht, dass diese Warner Gold und andere Edelmetalle verkaufen wollen. Es ist im Grunde unglaublich, was hierzulande möglich ist.

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