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Hochachtung für „die Märkte“ – so als geschehe dort etwas Reales (Finanzkrise XXXVI)

Veröffentlicht in: Banken, Börse, Spekulation, Finanzkrise, Strategien der Meinungsmache

Die Mehrheit der Medien hat aus der Finanzkrise nichts gelernt. Es wird weiter so getan, als seien die Bewegungen auf den Finanzmärkten Zeichen objektiver realer Entwicklungen. Auszüge aus Artikeln zu der Rolle der „Märkte“ im Zusammenhang mit Griechenland finden sich in Anlage 2. Anlage 1 enthält einen Beitrag von Heiner Flassbeck zum Thema. Der Kern des Problems ist, dass die Mehrheit der öffentlichen Meinungsmacher in Publizistik, Politik und Wissenschaft immer noch davon ausgehen, dass Spekulationen auf den Finanzmärkten etwas Akzeptables oder gar etwas Sinnvolles seien. Albrecht Müller

Ich erinnere an die Einlassungen des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Tietmeyer vor der versammelten Wirtschafts- und Politik-„Elite“ in Davos vom 3. Februar 1996, wo er unter Beifall respektvoll anmerkte, die Politiker stünden unter der „Kontrolle der Finanzmärkte“. Dieser Mann hat immer noch wichtige Funktionen – wie zum Beispiel den Kuratoriumsvorsitz bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und er genießt in konservativen Kreisen offenbar immer noch Hochachtung, obwohl seine Einlassung von 1996 das gesamte Desaster unserer Wirtschafts- und Finanzordnung markiert.

Auch Griechenland steht „unter der Kontrolle der Finanzmärkte“ und es wird in öffentlichen Erklärungen wie den in der Anlage 2 zitierten nicht beachtet, dass Bewegungen auf den Finanzmärkten der hoch manipulierten Spekulation unterliegen. Die Preise auf den Finanzmärkten, die Kurse von Wertpapieren, Aktien, und Währungen können beeinflusst werden. Und dies geschieht auch.
Meinungsmache ist nicht der einzige aber ein entscheidender Faktor der Entwicklung auf den Finanzmärkten. Wir haben dies in Deutschland erlebt, wo zum Beispiel die Aktienkursentwicklung ganz wesentlich von Stimmungsmache geprägt war. Ich verweise auf meinen Beitrag vom 7. Januar 2009 und die dort wiedergegebene Kurve der DAX-Entwicklung:

Abbildung 1:

DAX 1959 bis heute

Die dort wiedergegebenen Schwankungen der Kurse um den Faktor 4 zeigen beispielhaft, wie realitätslos die Entwicklungen auf den Finanzmärkten sind.
Auch die Spekulation gegen Griechenland hat ja nicht nur objektive Gründe, sondern ist Teil eines Spiels. Die Finanzwirtschaft und ihre Akteure gewinnen am Auf und Ab und an damit verbundenen permanenten Transaktionen von Vermögenswerten. Deshalb betreiben sie dieses Spiel.
Wie sehr die Entwicklung von Meinungsmache abhängt, kann man daran erkennen, dass es eine Spekulation gegen den Dollar in der gleichen Weise wie gegen Griechenland bisher nicht gibt. Die Leistungsbilanz der USA, die Staatsverschuldung und auch die Verschuldung der USA gegenüber anderen Volkswirtschaften ist ähnlich dramatisch wie im Falle Griechenlands. Aber vermutlich ist die PR-Kraft der USA um mehrere Dimensionen größer als die Griechenlands. Einmal abgesehen von den realen Unterschieden, die es natürlich gibt.

Das Fazit aus diesen Beobachtungen: die Konsequenz aus der Finanzkrise muss die Ächtung der Spekulation sein. Die Finanzmärkte müssen auf ihre reale Funktion zurückgeführt werden.

Siehe dazu, zum Thema der Konversion der Finanzmärkte, auch den oben zitierten Beitrag vom 7. Januar 2009.

Es folgt der Beitrag von Heiner Flassbeck:

Anlage 1
Investoren oder Zocker
Von Heiner Flassbeck

WuM, Mai 2010

Ich habe vor einigen Wochen einen Vortrag in Rostock gehalten. Der Anlass war der Unternehmertag der Rostocker Unternehmer. Es war also eine Veranstaltung, die von Unternehmern aus unterschiedlichen Branchen des ostdeutschen Küstengebietes organisiert und durchgeführt wurde. Wenn ich Unternehmer sage, dann meine ich in der Tat Menschen, die sich damit beschäftigen, etwas zu unternehmen, zu investieren, etwas Neues zu wagen, und dafür ihr eigenes Geld einzusetzen. Richtige Unternehmer also, könnte man sagen.

Bei diesen Unternehmern trug ich etwa das Gleiche vor, was ich seit einigen Wochen über die Finanzkrise sage. Ich beschrieb, wie das System der Finanzmärkte funktioniert, und auf welche Weise man dort Gewinn machen kann. Interessant war es, zu sehen, wie die richtigen Unternehmer auf meiner Analyse der Finanzmarktteilnehmer, die ja von vielen auch als „Investoren“ angesehen werden, reagierten. Ich hatte den Eindruck, dass bis zu diesem Zeitpunkt, die meisten von ihnen geglaubt hatten, das Banker oder Hedgefonds Manager etwa das gleiche tun wie ein Unternehmer. Den meisten anwesenden Unternehmern war offensichtlich nicht klar, dass diese Leute an den Finanzmärkten völlig anders gestrickt sind als ein Unternehmer.

Das ist auch in der politischen Diskussion um die Finanzmarktkrise weiterhin ein vollkommen schwarzes Loch. Noch immer sind die Politiker nicht bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass an den Finanzmärkten, die von Herden solcher Manager oder Banker bevölkert werden, nichts passiert, was dem Tun eines richtigen Unternehmers ähnlich wäre. Finanzmärkte, wie ich an dieser Stelle schon oft gesagt habe, produzieren nämlich nichts, sie investieren auch nicht wirklich, sondern sie leben einzig und allein davon, dass sie auf einen fahrenden Zug aufspringen, und versuchen, rechtzeitig wieder abzuspringen.

Das kann man im Moment im Falle Griechenlands wunderbar erleben. Wer etwa einen der berühmten Credit Default Swaps (CDS) im Herbst vergangenen Jahres als „Versicherung „gegen einen Ausfall von griechischen Staatsanleihen gekauft hatte, erlebt jetzt, dass er auf wundersame Weise reich wird. Der Wert eines solchen Zockerpapiers steigt nämlich quasi stündlich, wenn nur die Hetze gegen Griechenland systematisch weiter geht. Der berühmte texanische Millionär also, der sich, ohne Europa im geringsten zu kennen, im Herbst vergangenen Jahres mit solchen CDS eindeckte, weil er sich einfach dachte, dass ein Land wie Griechenland nicht so sicher wie Deutschland sein könne, diese texanische Milliardär verdient jetzt Unsummen alleine dadurch, dass er seine damals zu einem geringen Preis gekauften CDS heute zu einem wesentlichen höheren Preis wieder verkaufen kann.

Das zeigt das Prinzip sehr schön: An diesen Märkten kann man unglaublich viel Geld verdienen, auch dann, wenn man nicht Werte schafft, sondern Werte vernichtet. Das haben die Unternehmer in Rostock sehr gut verstanden. Sie haben verstanden, dass dann, wenn sich Herden von Zockern auf ein bestimmtes Papier stürzen und dadurch den Wert dieses Papiers nach oben treiben, noch kein einziger Wert geschaffen wurde. Die reale Welt hat sich nämlich dadurch in keiner Weise geändert. Es ist somit nur die Illusion eines Wertes, der geschaffen wurde. Wenn es dann aber den professionellen Zockern gelingt, rechtzeitig von dem fahrenden Zug abzuspringen, dann haben sie natürlich unglaubliche Summen in ganz kurzer Zeit in ihre Taschen gesteckt, und die Frage, wer die Zeche hinterher bezahlt, interessiert niemanden mehr.

Ob es Zufall war oder nicht, die gesamte irrsinnige Diskussion um einen Staatsbankrott Griechenlands, hat dazu geführt, dass sich die selbst erklärten „Meister des Universums“ wieder als solche fühlen können. Es ist offensichtlich, dass dabei unsere Politiker wie Zirkusbären am Nasenring herumgeführt werden. Sie lassen sich aber offensichtlich gerne herumführen. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Europa es nicht geschafft hat, das Problem Griechenlands unter anderem südeuropäischen Länder auch nur ein einziges Mal vernünftig zu diskutieren, und zwischenzeitlich sogar einen „Plan“ in die Welt gesetzt hat, der wiederum den Meistern des Universums möglichst viel Gewinn versprochen hätte. Deutschland war es wohl, dass sich lange geweigert hatte zuzugestehen, dass Griechenland keine „Marktzinsen“ zahlen kann. Dass „Marktzinsen“ die Zinsen sind, die von den Zockern, von den Rating Agenturen und der medialen Hetze gegen Griechenland gemacht werden, will man nicht zur Kenntnis nehmen.

Marktzinsen klingt ja so objektiv, so neutral, dass natürlich jeder naive Politiker und seine Berater dazu neigen, zu sagen, hier hat sich objektiv Angebot und Nachfrage getroffen, und kein Politiker kann besser bestimmen, welches der richtige Preis ist als diese „Märkte“. Dass man an diesen Märkten den Preis durch gezielte Informationen und so genannte Studien der Zockerinstitutionen selbst manipulieren und eine bestimmte Richtung drängen kann, wollen wir nicht glauben, es würde unser Weltbild doch zu sehr stören.

Am Ende meiner Rede in Rostock gab es sehr viel Beifall. Ich glaube, dass die richtigen Unternehmer dort verstanden haben, dass sie sich nicht mit den Scheinunternehmern an den Finanzmärkten gemein machen sollten. Dem richtigen Unternehmer geht es in der Tat darum, durch seine Kreativität, durch seine Bereitschaft zum Risiko etwas Neues zu schaffen. Dabei geht es aber um das Schaffen im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht nicht um einen Scheinwert, der ein schnelles Abkassieren erlaubt, sondern es geht darum, eine neue Idee für lange Zeit tragfähig zu machen und tragfähig zu halten. Gute Politik wäre es, diesen Unterschied anzusprechen, und die richtigen Unternehmer anzusprechen, um mit ihnen zusammen und den richtigen Arbeitnehmern, zu verhindern, das aus Scheinwerten hohe Einkommen bezahlt werden, und der Steuerzahler hinterher dafür eintreten muss, wenn sich herausstellt, was sich herausstellen muss, dass die Scheinwerte nämlich nur Scheinwerte waren.

Anlage 2
Auswahl von Meldungen mit Bezug auf „die Märkte“

(Weitere Meldungen bei Google News „Märkte“ „Griechenland“)

Märkte reagieren erleichtert auf Hilfen
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 13.04.2010
Börse Die Milliardenzusage für Griechenland treibt den Euro und gibt den Kursen Athener Staatsanleihen einen Schub. Von Martin Dowideit
Quelle: Stuttgarter Zeitung

Wege aus der Schuldenfalle
Was auf Griechenland zukommt

Das Rettungspaket für Athen steht, die Märkte feiern. Dabei sind noch viele Fragen offen. FTD.de erklärt, was das hochverschuldete Land noch vor sich hat – und warum Morgan-Stanley-Orakel Stephen Roach trotz 45 Mrd. Euro skeptisch ist.
Quelle: FTD

Griechenland: Spekulanten geben noch nicht auf
Die Staatschefs der Eurogruppe und die griechische Regierung haben sich zu früh gefreut: Noch haben sie die Märkte nicht davon überzeugt, dass sie die Schuldenkrise in den Griff bekommen. Der Euro und die Börsenkurse gaben gestern ihre frühen Gewinne wieder ab, die Analysten bleiben skeptisch. Noch ist die Krise nicht gebannt.
Quelle: Handelsblatt

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