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Kampagnenjournalismus im so genannten Qualitätsblatt „Die Zeit“

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Denkfehler Wirtschaftsdebatte, Medien und Medienanalyse, Strategien der Meinungsmache

„Die Zeit“ hat nicht nur den Disput zwischen Flassbeck und Hickel auf den NachDenkSeiten ohne Quellenangabe ausgebeutet. (Siehe unser Hinweis Nummer 18 vom 31.5) In dem Artikel vom 27.5. aus der Feder des stellvertretenden Ressortleiters Wirtschaft, Thomas Fischermann, werden die Leser auch kräftig auf der Linie der herrschenden Meinung manipuliert. Albrecht Müller.

Der Zeit-Autor schreibt dort unter anderem:

Das produktive, aber bescheidene Deutschland ist zum Wirtschaftsmotor der ganzen Euro-Zone geworden. Die anderen Länder sollten sich also lieber an den Deutschen orientieren, und wir sollten uns nicht nach unten ziehen lassen, zumal die wahren Gegenspieler China oder USA heißen.

Das liegt auf der Linie dessen, was in die Köpfe zur Zeit hinein getrimmt werden soll:

Alle anderen haben wirtschaftspolitisch versagt. Nur wir sind gut. Deshalb müssen die anderen sparen wie wir. Sie müssen reformieren wie wir und vor allem Sozialleistungen abbauen.

Leider stimmt nahezu nichts an der Argumentation des Autors Fischermann. Nur wenn man das Kriterium Leistungsbilanzüberschuss zum Ausweis des Erfolgs einer Volkswirtschaft macht, hat Herr Fischermann recht. Dass er an die Bedeutung des Erfolgskriteriums Leistungsbilanzüberschuss selbst nicht glaubt, wird im letzten zitierten Halbsatz schon sichtbar: Die USA werden zum Gegenspieler Deutschlands und Europas hochstilisiert. Sie sind aber das Musterbeispiel für ein Land im Dauersumpf der Leistungsbilanzdefizite. (Zur Entwicklung seit Beginn der Neunzigerjahre siehe zum Beispiel hier im BpB Artikel: „Leistungsbilanzdefizit der USA“ )

Also kann die Leistungsbilanz kein entscheidendes Kriterium dafür sein, ob ein Land als „Wirtschaftsmotor“ gelten kann. Wenn man schon diesen Begriff verwenden will, dann muss man sich die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes und der Arbeitslosenquote anschauen. Der Blick darauf zeigt, dass der stellvertretende Ressortleiter Wirtschaft von den Fakten keine Ahnung hat, beziehungsweise über sie hinweggeht, um seine Hauptbotschaft loszuwerden. Die folgenden Tabellen zeigen die Entwicklung der Arbeitslosenquoten und des realen Bruttoinlandsproduktes von 2000 bis 2009, für Deutschland, für den Euro Raum (EWU) und für einige Länder in der EWU:

Tabelle: Arbeitslosenquoten in der EWU (16) und den fünf größten EWU-Ländern 2000 bis 2009

  2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
EWU 9,4 8,3 8,6 9,0 9,3 9,1 8,4 7,6 7,6 9,5
DEU 8,0 7,8 8,6 9,9 10,8 11,2 10,3 8,7 7,6 7,8
FRA 10,3 8,6 8,7 8,6 9,2 8,9 8,9 8,0 7,4 9,1
ITA 11,0 9,7 9,3 9,0 8,0 7,8 6,9 6,2 6,8 7,9
ESP 13,9 10,4 11,3 11,3 11,1 9,2 8,6 8,3 11,4 18,1
NL 2,7 2,1 2,6 3,6 4,7 4,8 3,9 3,2 2,7 3,4

Quelle: Eurostat.

Tabelle: Reales BIP-Wachstum in der EWU (16) und den fünf größten EWU-Ländern 2000 bis 2009

  2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
EWU 3,9 1,9 0,9 0,8 2,2 1,7 3,0 2,8 0,6 -4,1
DEU 3,2 1,2 0,0 -0,2 1,2 0,8 3,2 2,5 1,3 -4,9
FRA 3,9 1,9 1,0 1,1 2,5 1,9 2,2 2,4 0,2 -2,6
ITA 3,7 1,8 0,5 0,0 1,5 0,7 2,0 1,5 -1,3 -5,0
ESP 5,0 3,6 2,7 3,1 3,3 3,6 4,0 3,6 0,9 -3,6
NL 3,9 1,9 0,1 0,3 2,2 2,0 3,4 3,6 2,0 -4,0

Quelle: Eurostat.

Im Durchschnitt der vergangenen 10 Jahre liegt die Arbeitslosenquote im Euro-Raum bei 8,68 %, in Deutschland bei 9,07 %. Von „Wirtschaftsmotor“ keine Spur.

Im Durchschnitt der vergangenen 10 Jahre liegt das Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Euro-Raum bei 1,37 %, in Deutschland bei 0,83 %. Von „Wirtschaftsmotor“ also auch hier keine Spur! Auch wenn man nur die letzten zwei oder drei Jahren nimmt, immer liegt die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland unter dem Durchschnitt der Europäischen Währungsunion.

Von „Wirtschaftsmotor“ kann man also auf der Basis von Fakten nicht sprechen. Offensichtlich ist der stellvertretende Leiter des Wirtschaftsressorts der „Zeit“ ein Teil des üblichen Kampagnenjournalismus. Er transportiert das, was im Sinne der Bundesregierung und der herrschenden Kreise ist.

Das ist leider keine Ausnahme bei der „Zeit“. Dieses Blatt beteiligt sich auch bei anderen Themen an Kampagnen. In der Hochschulpolitik zum Beispiel ist die Begleitung privater Interessen durch die Zusammenarbeit mit dem Bertelsmann Unternehmen CHE sogar institutionalisiert.

Viele Leser der „Zeit“ haben den wahren Charakter ihres Blattes so wenig erkannt wie viele Spiegel-Leser den Charakter des Kampagnenblattes „Spiegel“.
Deshalb regen wir bei NDS-Lesern an, Zeit-Leser anhand dieses konkreten Falles darauf aufmerksam zu machen, wie sie manipuliert statt informiert werden.
Sie können dabei zugleich auf die schäbige Behandlung der NachDenkSeiten aufmerksam machen und Ihre Bekannten und Freunde auf die Quelle für Informationen und kritische Begleitung des Geschehens aufmerksam machen, auf: www.NachDenkSeiten.de.

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