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11. Dezember 2016
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Eine persönliche Erfahrung zum Mythos Fachkräftemangel

Veröffentlicht in: Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Wirtschaftspolitik und Konjunktur

Das Thema ist wichtig, es bewegt viele unserer Leser, und die Meinungsmache läuft vielen persönlichen Erfahrungen zuwider. Deshalb noch ein persönlicher Bericht eines einschlägig damit befassten Lesers. Albrecht Müller

Hier seine Mail an mich:

Vielen Dank für Ihre klare Stellungnahme zum Kampagnenjournalismus des SPIEGEL und dem Mythos „Fachkräftemangel“. Allein aus meinem persönlichen Bekanntenkreis kann ich von mehreren (langzeit)arbeitslosen Informatikern berichten sowie von einem (1995) promovierten Chemiker, der nach einer mickrig bezahlten Lehre (!!) im Marketingbereich schließlich im Verkauf von Handys gelandet ist und seinen erlernten Beruf keinen Tag lang ausgeübt hat. (Soviel zu der wilden Hypothese „es fehlen Naturwissenschaftler“ – mit arbeitslosen Biologen, arbeitslosen Chemikern und arbeitslosen Physikern kann man auch „die Straße pflastern“.)

Zum Thema „Fachkräftemangel“ Ende der 1990er Jahre bei Ingenieuren und ITlern und der „Greencard-Initiative“ möchte ich aus meiner Erfahrung als Betroffener in der damaligen Zeit Folgendes beitragen: der Fachkräftemangel – oder besser: die Fachkräfteknappheit – damals war real, im Gegensatz zu dem Geschwätz von heute. Ursache war aber eindeutig die, sagen wir mal, „antizyklische Verwertungspraxis“ der (so fürchterlich schlauen und vorausschauenden) Wirtschaft selbst. Als ich 1992 mein Diplom als Elektroingenieur machte, befand sich Deutschland seit einem Jahr in einem Abschwung; Zehntausende Ingenieure wurden (auch von Firmen wie Siemens, die sich „globalisierten“) rausgeworfen mit dem zusätzlichen Fußtritt, daß man nie mehr so viele Ingenieure in Deutschland würde brauchen können, weil die Fachkräfte in Indien, China und anderswo doch genauso gut, aber viel billiger wären.

Von diesem Karriereknick hat sich die Ingenieursfraktion nicht mehr erholt: bis 1995, teilweise 1996, also insgesamt über einen Zeitraum von 4 Jahren (von 1991 bis 1995), war es für frisch ausgebildete Elektro- und Maschinenbauingenieure fast aussichtslos, eine Stelle zu finden, und unmöglich, adäquat bezahlt zu werden (Gehälter von 2.500-3.000 DM brutto waren nicht unüblich – für die paar Glücklichen, die eine Stelle fanden). An meiner Universität reagierten die Studenten damit, daß sie Aufbaustudiengänge belegten, Aushilfsjobs suchten (eine Bezahlung von 12 DM pro Stunde, 10 Stunden pro Woche, galt schon als Lottogewinn), als Taxifahrer arbeiteten oder in die (Langzeit-)Arbeitslosigkeit abrutschten. Viele junge Diplom-Ingenieure mußten sich wieder von ihren Eltern aushalten lassen. 1993 war ganz aussichtslos für Absolventen; ältere Ingenieure wurden zu Tausenden in die Frühverrentung abgeschoben.

Die Abiturienten reagierten marktwirtschaftlich rational: an meiner Universität sank die Zahl der Erstsemester in Elektrotechnik von einem Jahr aufs Jahre auf ein Viertel (!!) der Zahl von 1990; sie stabilisierte sich später wieder etwa auf der Hälfte des Wertes von 1990. „Erstaunlicherweise“ gab es dann Ende der 1990er (so ab 1998) tatsächlich eine Fachkräfteknappheit, und dann ging das Gejammere der „Industrie“ los – über ein selbstverschuldetes Problem. Fakt ist, „die Wirtschaft“ kennt mit viel Mühe ihren eigenen Bedarf in einem halben bis einem ganzen Jahr – sämtliche Prognosen darüber hinaus sind komplett für den Mülleimer.
Mangels Berufsaussichten als Ingenieur habe ich mich dann in die Softwareentwicklung umorientiert und kann berichten, daß die Fachkräfteknappheit ab ca. 1996 mir sehr geholfen hat, vor allem in der Gehaltsentwicklung (etwa +8% pro Jahr). In der IT kamen wohl zu der selbstverschuldeten Fachkräfteknappheit der Boom der New Economy (die Branche wurde mit Venture Capital überschüttet), der Boom im Mobilfunkgeschäft, das Jahr-2000-Problem und die Euro-Einführung (1999 bzw. 2002) hinzu – der Bedarf an Fachkräften war zur Jahrtausendwende aus objektiven Gründen hoch. 1999 und 2000 gab es vielleicht wirklich eine Unterdeckung von Arbeitskräften, aber nie annähernd so enorm wie kolportiert („100.000 IT-Experten fehlen“). Die Zahl von etwa 15.000 Greencardlern gibt die vorübergehende (!!) Unterdeckung wohl präzise wieder, aber 2003 gab es schon wieder 30.000 arbeitslose IT-Experten.

Der Bedarf an IT-Fachkräften ist ja nicht von der allgemeinen Konjunktur abgekoppelt, im Gegenteil. Auf jeden Fall war die Zeit von 1998 bis Anfang 2001 die einzige in meinem ganzen Berufsleben, in der ich keine Angst davor hatte, die Stelle zu verlieren, und in der ich tatsächlich von den Arbeitgebern umworben wurde. Die heutige Situation mit Kurzarbeit, Leih- und Zeitarbeit, Zehntausenden arbeitslosen Ingenieuren und Informatikern und konstantem Druck auf die Löhne kann man nur dann bei grober Verzerrung der Wirklichkeit als „Fachkräftemangel“ bezeichnen. Bezeichnenderweise hat mein Gehalt gerade erst wieder das Niveau von 2002 erreicht. Und selbstverständlich steht die Drohung „Outsourcing“ und „Offshoring“ in Billiglohnländer in jeder Firmenmitteilung und bei jedem Gehaltsgespräch im Raum.

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